WAZ (Foto: Flickr/DOGMA_85p)

WAZ sollen wir lesen? Das Zeitungsabo-Exerpiment (6)

Warum lesen junge Menschen Lokalzeitung? Wir machen ein Experiment: Der Auszubildende Hendryk (23) testet für zwei Wochen die WAZ. Die Ergebnisse veröffentlicht er in seinem Blog und hier bei “Was mit Medien.” Eine Einführung gibt es hier. Die nächsten Teile seiner Serie könnt ihr in den kommenden Tagen an dieser Stelle nachlesen.

VON HENDRYK SCHÄFER

Es ist Samstag, der 22. Januar 2011, und meine Wenigkeit schläft aus. Endlich, muss ich hinzufügen. Als ich die Augen aufschlage, ist es draußen schon hell (das gab es an den Tagen zuvor nicht) und die WAZ liegt schon im Briefkasten (auch das war morgens um Fünf noch nicht der Fall). Ich hatte alle Zeit der Welt – und dann sollte es ums Zölibat und den einhundertfünfundzwanzigsten Geburtstag des Automobils gehen. Ich hatte Hoffnung.

Es war einer dieser Tage, an denen Ulrich Reitz, Chefredakteur der WAZ, Hüter desReitzthemas und mir aus unerfindlichen Gründen nicht sympathisch, einen Kommentar auf der Titelseite schreiben sollte.

Einschub, ich kann nicht anders

„Reitzthema“ ist alles, wozu Chefredakteur Reitz eine Meinung hat und kundtut. „Reitzthema“ war auch mal eine Veranstaltungsreihe, die Herr Reitz moderierte und sich so drängenden Fragen wie „Wie halten wir unseren Nachwuchs im Land?“ (PDF) widmete. Auf derwesten.de werden die verbloggten Kommentare bei reizthema.de jedenfalls wie folgt angekündigt: „Das Reitzthema ist diie (sic!) Seite für die großen gesellschaftlichen Debatten“.
Das musste ich natürlich überprüfen. Mein Ergebnis: 23 Beiträge (davon einer von einer Gastautorin) und insgesamt 64 Kommentare, wobei allein 20 sich auf den Beitrag „Stürzt Westerwelle, weil er schwul ist?“ stürzten. Anders gesagt: rund drei Kommentare pro Beitrag, wenn das mal nicht große gesellschaftliche Debatten sind. Aber genug davon, ich soll ja auch mal lieb sein. Und: Jeder hat mal klein angefangen.

Der Titel des Kommentars von Herrn Reitz war das, was auf der nächsten Seite mit „Fazit:“ eingeleitet worden wäre: „Ein netter Appell, aber Zölibat bleibt“, nur dass die Seite 2 zwischen „der“ und „das“ (Zölibat) hätte entscheiden müssen, aber gut, wir wollen ja nicht päpstlicher als der Papst sein. Nichstdestotrotz kam es auch hier zu eine folgenschweren Flüchtigkeitsfehler: Der Zölibat sollte laut Artikelende auf Seite 2 einen Kommentar haben und das Tagesthema sein. Dort fand sich dann aber nur eine Seite über Scheidungen im Alter als Tagesthema, was ebenso auf der Titelseite angekündigt worden war. Der Zölibat fand sich dann unter ferner liefen. Ohne Kommentar. … Das alles fiel mir aber erst später auf, hatte ich doch zuvor herzlich über den Sakurai, die politische Karikatur, gelacht.
Sonst gab es keine Auffälligkeiten, weder positive noch negative, jedenfalls nicht in den vier wochentagsüblichen Bücher. Sicher, der Who-was-there-Artikel im Lokalteil über die Forensik-Eröffnung war nichts Herausragendes und die Reportage über die Helfer des Technischen Hilfwerks, die die gestrandeten Schiffer auf dem Rhein bei St. Goar versorgen, war nicht von schlechten Eltern, aber nichts davon konnte meine Erwartungen über- oder untertreffen. Das sollte mir zu denken geben.

Zum Glück gibt es in der WAZ am Wochenende noch ein vollwertiges journalistisches Buch namens (wie sollte es auch anders sein) „Wochenende“. Kurz umrissen beínhaltete dieses Buch ein wenig von allem: ein fast ganzseitiges Bild, mit dem für eine andere Seite geworben wird, eine Seite Feuilleton mit Buchrezensionen, eine Seite Feuilleton, die sich anlässlich der tausendsten Folge hauptsächlich mit dem Entstehen des wochenendlichen Comicstrips „Dr. Bubi Livingston“ befasste – nichts Außergewöhnliches, wenn man so etwas schon über einen anderen Comic gelesen hat, aber dennoch immer ganz nett, wenn es nicht gerade miserabel geschrieben ist – einer Doppelseite „Panorama“ mit einem Interview über die Zukunft des Autos (natürlich mit einem ehemaligen Automobilmanager) und unter anderem der Kolumne „netzhaut“ der von mir sehr geschätzten Chefin von Dienst am Online-Desk Katrin Scheib (@kscheib), auch wenn ich nicht ihrer Meinung war, einer Kinderseite (die nichts mit der lokalen Kinder- und Jugendseite zu tun hat, für welche ich dammals™ geschrieben hatte) und einer Wissensseite mit für mich unnützem Wissen. Zuletzt dann das „Kaleidoskop“ oder auch „Irgendwohin müssen die Farbcomics, Kreuzworträtsel und Sudokus ja hin“. Müssen sie ja auch – und seitdem der Wochenend-WAZ die Auto-Seite mit den Autotests abhanden gekommen war, wurde das meine Lieblingsseite im Wochenend-Buch, weil sie mich nie mit uninteressanten Geschichten langweilen konnte – und weil die Kombination aus „Dr. Bubi Livingston“„Frühreif!“ und„Touché“ (gerade Touché!) einfach unschlagbar ist.

Was dann noch die Zeitung so dick machen sollte, interessierte mich nicht weiter. Ob „ReiseJournal“, „Gesund & Aktiv“ oder Stellenanzeige, diese „Verlagssonderveröffentlichungen“, die bisweilen vor Werbung nur so strotzen, lese ich dann mal, wenn ich sie brauche. Jedenfalls nicht heute.

Heute, und das war in dem Fall an jenem Samstag, fehlte mir etwas, etwas Wichtiges. Ich konnte es nicht greifen, aber das sollte noch kommen, obwohl ich es schon länger gespürt hatte und mich schon oft darüber ausgelassen hatte, es sollte eigentlich auch nichts Neues sein, aber nu. Davon will ich später erzählen, und auch nicht im nächsten Post, sondern erst im übernächsten. Ich sollte in der nächsten Woche nämlich nicht mehr so sehr zum Lesen kommen, aber das erzähle ich im nächsten und vorletzten (ja, es geht zu Ende mit mir bzw. dieser Reihe) Post.

Die Serie WAZ sollen wir lesen erscheint ab sofort auch auf “Was mit Medien”, nachdem Hendryk die Texte bereits in seinem Blog veröffentlichte, so auch diesen Teil 6. Den nächsten Text veröffentlichen wir am Dienstagmorgen.

Tipp: Uns gibt es auch als RSS-Feed in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Hier gibt es unsere Texte aus dem Blog und hier gibt es unseren wöchentlichen Podcast.

WAZ (Foto: Flickr/DOGMA_85p)

WAZ sollen wir lesen? Das Zeitungsabo-Experiment (5)

Warum lesen junge Menschen Lokalzeitung? Wir machen ein Experiment: Der Auszubildende Hendryk (23) testet für zwei Wochen die WAZ. Die Ergebnisse veröffentlicht er in seinem Blog und hier bei “Was mit Medien.” Eine Einführung gibt es hier. Die nächsten Teile seiner Serie könnt ihr in den kommenden Tagen an dieser Stelle nachlesen.

VON HENDRYK SCHÄFER

Thank God it’s friday! Sollte dieser schöne Spruch auch für die WAZ gelten? Für einige Herner sicherlich nicht. Nach zehn anstrengenden Jahren der Diskussionen und Klagen sollte an diesem Tag die Forensik in Herne eingeweiht werden, auch sonst schien sich endlich mal wieder ein wenig mehr Weltbewegendes ereignet zu haben, und es gab mal wieder Platz für ein Bild samt Rahmen.

Auf dem Titel hieß es noch so schön „Drei Skandale erschüttern die Bundeswehr“ und dies sollte auch das Tagesthema sein, allein „Guttenberg unter Beschuss“ als Titel des Beitrag auf der zweiten Seite war dann doch sehr … humorvoll?! Hätte man dann nicht im Rahmen des mutmaßlichen Missmanagements bei der Deutschen Bahn in Sachen Verkehrsminister Ramsauer (CSU) titeln können „Ramsauer unter die Räder gekommen“? Diese gewitzte Seite an der WAZ war mir dann doch neu.

Ebenso humorvoll war es auf der nächsten Seite um einen kurzen Bericht über Oktopus Paul geschehen – Sie erinnern sich, die lebenden Calamares, denen man hellseherisches Talent in Sachen Fußball zugedichtet hatte – beziehungsweise um dessen Bestattung (ja, er ist tot, aber so ist das ja bisweilen mit Überbringern schlechter Nachrichten). Dort hieß es dann im Untertitel „Die Bestattung des Tintenfischs gerät zum Medienspektakel. Noch einmal beherrscht der Orakel-Kraken die Schlagzeilen“ und ich kannte da jemanden, der dazu beigetragen hatte. Wer das sein sollte, das spielt hier keine Rolle, aber ich denke, es reicht zu wissen, dass dies keine Agenturmeldung war.
Auf die nächste Rhein-Ruhr-Seite sollten es – welch‘ außergewöhnliche Prominenz! – gleich zwei Meldungen mit direktem Herner Bezug schaffen. Zum einen gab es einen Hauch von Gerichtsberichterstattung, weil eine Gruppe Herner Jugendlicher auf einem für Cruising sehr beliebten Rastplatz schwule Männer überfallen und ausgeraubt hatte, zum anderen schaffte es die Eröffnung der Forensik auf diese Seite, mit dem sehr passenden Titel „Herne, die Klinik und die Angst“. Man male sich dazu doch mal ein Altar-Tryptichon aus, welch‘ Gaumenfreuden kämen da wohl auf? Sehr treffend fand ich auch, dass es ein Zitat schaffte, in rot und größer hervorgehoben zu werden, welches so typisch für jede Debatte über unangenehme Notwendigkeiten ist: „Warum ausgerechnet hier bei uns, in Wanne-Eickel?„
Einmal davon abgesehen, dass es „Wanne-Eickel“ statt „Herne“ hieß, was wiederum Anlass genug böte für eine mehrbändige Anthologie über das gespaltene Verhältnis der Bewohner Hernes, welche in den Stadtteilen Wanne und Eickel leben, zu den Rest-Hernern, zeigte es doch wunderbar ein sehr übliches Verhältnis vieler Menschen zu so vielen Dingen: Ob es jetzt Atomkraftwerke, Mobilfunkmasten oder eben forensische Kliniken sind, ob sie jetzt gut- oder schlechtgefunden werden, es ist alles zweitrangig, sofern es nicht in unmittelbarer Nachbarschaft steht. Atombombenversuche – nein, danke, jedenfalls nicht in meinem Garten!

Doch abgesehen davon schaffte es dieser Mantelteil, ein paar Geschichten zu beleuchten, die mir durch’s Raster gefallen waren – weil ich manche Seite nicht abonniert hatte, weil sie anderswo nicht auftauchten, weil, weil, weil. Insofern war es bis dato, und bis zum Ende dieses Teils, die beste Ausgabe der WAZ für diese Woche. Dass sie mich nicht in allem zu interessieren vermochte, sei geschenkt, das ist nunmal die Natur der Sache, wenn noch mehr Leser angesprochen werden wollen.

Auch der Lokalteil machte seine Sache gut: Die Eröffnung der Forensik war das Tagesthema für Herne, also wurde auch sehr breit und umfangreich darüber berichtet, Chapeau, und auch die Überfälle auf Homosexuelle fanden ein umfangreicheres Echo als im Mantelteil. Kaum jedoch war der Lokalteil vorbei, war es wieder da, das Loch namens „Schludrigkeit“. Eine ganze Seite vergeudet, weil sie am Tag zuvor schon erschienen war. … Meine liebe Damen und Herren, ich kenne es ja auch, dass ich Banalitäten übersehe, wenn ich zu sehr und lange schon an einer Sache arbeite – aber fällt es da niemandem auf, wenn die ganze Seite „Hochschule“ erneut abgedruckt wird, führt da niemand Buch über die Geschichten, die schon erschienen sind? Sowas ist einfach nur ärgerlich!

Und sonst? Nix sonst. Das vierte Buch hab‘ ich dann nur noch gelangweilt durchgeblättert, war nicht so wirklich interessant für mich. Nu. Nur eines war da noch, was mich doch ein wenig positiv stimmte: Ich hatte ja die halb abgebrochenen Titel bei DerWesten.de bemerkt und daraufhin auch @DerWestenBochum, den DerWesten-Twitteraccount für Bochum, Herne, Castrop und Gedöns angeschrieben. Ich hatte nicht wirklich mit einer Reaktion gerechnet, hatte ich diesen Account doch bis dato mit einer Ausnahme nur als weiteren Publikationskanal wahrgenommen. Das änderte sich dann an diesem Tag, nahm man sich meiner Klage an und korrigierte, was es zu korrigieren gab. Merci.

Ebenso ein Dank für die Freitagsbeilage rtv, die mitfinanzierte Fernsehzeitschrift. Sicher, sie ist nichts weltbewegend Gutes, nicht schön, nicht anspruchsvoll, voller Werbung für Abführmittel, Treppenlifte und andererlei Tand, der mich nicht anspricht, nicht einmal aus Mediengestaltersicht, höchstens abstoßend, aber darum geht es ja auch nicht. Es ist eine rudimentäre Fernsehprogrammzeitschrift für eine Woche und dafür reicht es. Das Wochenende konnte nun kommen, und damit die umfangreichste Ausgabe der WAZ, die aber dann erst im nächsten Post.

Die Serie WAZ sollen wir lesen erscheint ab sofort auch auf “Was mit Medien”, nachdem Hendryk die Texte bereits in seinem Blog veröffentlichte, so auch diesen Teil 5. Den nächsten Text veröffentlichen wir am Freitagmorgen.

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WAZ (Foto: Flickr/DOGMA_85p)

WAZ sollen wir lesen? Das Zeitungsabo-Experiment (4)

Warum lesen junge Menschen Lokalzeitung? Wir machen ein Experiment: Der Auszubildende Hendryk (23) testet für zwei Wochen die WAZ. Die Ergebnisse veröffentlicht er in seinem Blog und hier bei “Was mit Medien.” Eine Einführung gibt es hier. Die nächsten Teile seiner Serie könnt ihr in den kommenden Tagen an dieser Stelle nachlesen.

VON HENDRYK SCHÄFER

Dass der Donnerstag sich vom Donnergott Thor ableiten lässt, kann ich gut verstehen. Auch ich zürnte an diesem 20. Januar – einem Donnerstag. Hatte Steve Jobs am Tage zuvor schon der nach unten offene „Muss das sein?“-Skala einen nie gekannten Tiefpunkt hinzugefügt, versuchte sich Familienministerin Kristina Schröder nun an einer Senkung des Tiefpunktes, scheiterte aber doch knapp an der weniger mangelnden Relevanz für deutsche Verhältnisse. Immerhin konnte ihr Frau Sarrazin weiterhelfen und gemeinsam schoben sie Steve Jobs auf das silberne Treppchen. Aber der Reihe nach.

Endlich war er wieder da, der ockerfarbene Rahmen um das Aufmacherbild (Frau Schröder mit leichtem Babybauch, immerhin muss ein „Mutter Ministerin, geht das?“ ja auch angemessen besymbolbildert werden), wie hatte ich ihn vermisst. Inhaltlicher Aufmacher hingegen war der dafür recht kurze Bericht über Bürgerproteste gegen Gasbohrungen im Münsterland. Da es um Gasauslösung aus Steinkohlevorkommen ging, stellte es ein wohl ideales Thema für eine „Zeitung des Ruhrgebiets“ (Eigenaussage der WAZ, blickt mich jeden Morgen an, straft mich an zu vielen Morgenden Hohn) dar, sollte aber nur noch von einem kurzen Kommentar auf der zweiten Seite begleitet werden. Schade.
Dafür gab es dann eine Seite über Frau Schröder als erste schwangere Bundesministerin (stimmt, allerdings waren schon unter anderem in Spanien und Frankreich Ministerinnen schwanger) und Abgeordnete mit Kindern. Irgendwie mir ein wenig zu unwichtig für das Tagesthema. Ähnlich wie bei Steve Jobs fragte ich mich ernsthaft, ob es sonst keine Probleme in und mit der Welt gäbe.

Andere Probleme gab es anscheinend nicht, anders hätte ich mir ein annährend ganzseitiges Porträt über Ursula Sarrazin, die nicht minder medial umstrittene Frau von Thilo Sarrazin (der Name ist mittlerweile wohl selbsterklärend, oder?) nicht erklären können. Ich kam nicht umhin nachzufragen, mit welcher Berechtigung Berlin nun ins Ruhrgebiet verlegt wurde, befand sich dieses Porträt doch mitsamt eines Berichts, der die Kritik an Frau Sarrazins Kritik am Schulsystem und allem abbildete, auf der ersten „Rhein-Ruhr“-Seite, also Seite 3. Die Antwort seitens DerWesten über den Twitter-Account war kurz und bündig (wie das Tweets so an sich haben): „@pillenknick – die Print-Kollegen argumentieren, dass das Thema regionalisiert war durch Gespräche mit Bildungs-Experten aus der Region“.

@pillenknick – die Print-Kollegen argumentieren, dass das Thema regionalisiert war durch Gespräche mit Bildungs-Experten aus der Region
21 Jan via webDerWesten
DerWesten

Ich hab‘ mir das mal angeschaut: Es hieß nichts anderes als dass der Dortmunder Bildungsforscher Wilfried Bos, sagen durfte, dass die Iglu-Studien bei den Viertklässlern gute Ergebnisse zeigten und der Vorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (NRW) anmerken durfte, dass Pauschalkritik nicht sinnvoll sei. Ach nee. 25 Zeilen Ruhrgebiet rechtfertigen eine ganze Seite über eine Lehrerin aus Berlin, die dadurch in die Schlagzeilen kam, dass sie die Frau eines Populisten und als Lehrerin nicht besonders beliebt ist.
Unter dem Gesichtspunkt „Regionalisierung“ könnte man eigentlich dann auch die Unruhen in Ägypten auf Seite 3 holen, es gibt doch garantiert an irgendeiner Ruhrgebietsuni einen Soziologen, der schon mal in Ägypten war und die hiesigen Verhältnisse für nicht vergleichbar hält. … Da hilft es auch wenig, eine sehr schöne Reportage über „Graffiti aus Wolle“ abzudrucken und auch die Seite „Politik Extra“, die ausführlich u.a. die Lebensmittelkrise in Indien beleuchtet, ist da nur ein kleiner Trost. Immerhin gab es fünf Geburtsanzeigen – und eine lokale Topstory, die man alle paar Jahre wiederholen kann: Wunschkennzeichen. Und schön die Leser nach ihrer Lieblingsgeschichte rund um Kennzeichen fragen, schön die Leser einbinden, dann fühlen die sich ernstgenommen.

So leid es mir auch für die restliche Ausgabe tut: Mit den miserablen Anfang des Mantelteils war der Morgen für mich versaut, mein Blutdruck bestimmt jenseits von Gut und Böse und der Kaffee auf. Versöhnung kam dann erst mit einem Werbeinterview für Konrad Beikirchers neues Programm. Aber den mag ich ja eh.
Auf ein Neues, mit dem nächsten Post.

Die Serie WAZ sollen wir lesen erscheint ab sofort auch auf “Was mit Medien”, nachdem Hendryk die Texte bereits in seinem Blog veröffentlichte, so auch diesen Teil 4. Den nächsten Text veröffentlichen wir am Freitagmorgen.

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WAZ (Foto: Flickr/DOGMA_85p)

WAZ sollen wir lesen? Das Zeitungsabo-Experiment (3)

Warum lesen junge Menschen Lokalzeitung? Wir machen ein Experiment: Der Auszubildende Hendryk (23) testet für zwei Wochen die WAZ. Die Ergebnisse veröffentlicht er in seinem Blog und hier bei “Was mit Medien.” Eine Einführung gibt es hier. Die nächsten Teile seiner Serie könnt ihr in den kommenden Tagen an dieser Stelle nachlesen.

VON HENDRYK SCHÄFER

Mittwoch ist Niemandsland. Das nachrichtenreiche Wochenende mit der kräftigen Montagsausgabe ist längst vergessen und das Wochenende ist noch viel zu weit. Es braucht etwas, um diese Zeit zu überbrücken, und was macht sich da besser als ein guter Aufmacher? Die Leuten wollen unterhalten werden, sie müssen doch durchhalten. Brot und Spiele, oder auch: Kaffee und Zeitung. Rede ich wirr? Kann sein, der 19. Januar ließ mich sehr verstört zurück, und das von Anfang an.

Ich erkannte die WAZ nicht wieder. Hätte da nicht fett zuoberst „WAZ“ in roten Lettern geprangt, es hätte jede x-beliebige Zeitung sein können. Kein gerahmtes Titelbild, stattdessen eine Nachricht über die Nichtermittlung gegen den Duisburger OB Sauerland und den Chef des Loveparade-Veranstalters Lopavent. Darunter: „Gericht stürzt Rot-Grün in Krise“ und fünf NRW-Köppe (KraftLöhrmannRöttgenBahrZimmermann; Partei-, Fraktions- und sonstwelche Chefs oder Ministerinnen der Landtagsfraktionen), eine elliptisch dramatisierende Überschrift in größter Schriftgröße, zack, wenn das nicht Leser lockt, da ist eine einheitliche Gestaltung kein Muss, gleichwohl – das kann ja auch sein – diese Beliebigkeit in der Titelgestaltung ja auch Konzept sein kann. Ich sollte da mal nachfragen.

Dabei hätte die WAZ fast entsorgt bevor ich sie gelesen gehabt hätte. Steve Jobs‘ Krankenschein sollte DAS Tagesthema sein? Obendrein hatte ich bei der dazugehörigen Schlagzeile „Der kranke Alleinherrscher“ zunächst an Fidel Castro gedacht. Ja, nee, is klar. Und sonz so?
Dass dieser Krankenschein dann wirklich die ganze zweite Seite bekam, war nicht besser. Laaangweilig, alles schon mal gehört, zuletzt erst als Steve Jobs zuvor eine Auszeit genommen hatte. Dennoch gab es Positives zu vermelden, nämlich die nachfolgende Seite, die sich völlig um die einstweilige Anordnung drehte, nach welcher die Landesregierung keine weiteren Kredite für den Nachtragshaushalt aufnehmen dürfe. Steve Jobs aber wegen eines Krankenscheins zum Tagesthema zu machen, das ist übel. Nicht jede Mücke hätte zum Elefanten werden müssen, bloß weil sie einen angebissenen Apfel tätowiert hat. Dieser Mittwoch fing einfach furchtbar an und er sollte nicht besser werden, auch wenn dann irgendwann der Einfluss der WAZ auf den Tag schwand. Gleichwohl hätte dieser Morgen besser beginnen können, zum Beispiel mit einem bisschen mehr Relevanz.

Für eines muss und will ich dann aber doch einmal Lob aussprechen – ja, auch das kann ich, auch wenn ich da von der Mentalität wohl eher (mit Grüßen an Herrn Jakubetz und sein tolles Journalismus-Ausbildungsbuch) Niederbayer bin: „Ned gschimpft is globt gnua“. DieWAZ blieb, auch wenn die Unruhe in Tunesien schon ein paar Tage alt waren, an dem Thema dran, eine ganze Seite drehte sich um Akademikermangel in der arabischen Welt und die Probleme der tunesischen Jugend, gut so! … Den Umstand, dass ich dieses Verhalten für eine gute Zeitung eigentlich für selbstverständlich halte, wollen wir mal dezent verschweigen.

Aber genug geschwiegen, im Lokalteil gab es doch noch etwas zu sagen – und es gab auch etwas zum Lokalteil zu sagen, nicht allzu viel, aber doch ein bisschen, fand ich es doch im ersten Moment symptomatisch, was sich da Diskrepanz zwischen Print und Online nannte. Dass das Interview vom Vortag mit Herrn Wissmann online länger war, ist geschenkt, online gibt es keine Platzbeschränkung. Dass es sich mit dem Herner Lokalteil umgekehrt verhalten sollte, konnte ich da noch nicht ahnen. Schon am Vortag – RSS-Feed sei Dank! – bekam ich eine kurze Meldung zugesandt: „Herne taucht“ und die Nachricht wurde dann mit den Worten „Die Stadt Herne ist jetzt mit einem eigenen Auftritt im Internet-Netzwerk Facebook vertreten.“ Irgendetwas schien dort nicht so ganz zu passen. Am Mittwoch wusste ich dann auch, woran es hakte: an vier Wörtern, „in Soziale [sic!] Netzwerke ein“. Zack, jetzt stimmte es.
Es dauerte dann aber doch bis zum Freitag, bis sich an diesem Missstand im Netz etwas auf mein Nachfragen änderte und das war – irgendwie traurig genug, dass ich es für so außergewöhnlich hielt – eine durchweg positive Überraschung. Eh schon nicht gerade bester Stimmung setzte ich folgenden Tweet ab und rechnete mit dem Schlimmsten.

@DerWestenBochum Hallo, könnt ihr bitte mal einen Blick auf die Herner Titel werfen? Die brechen teilweise mittendrin ab.

21 Jan via TweetDeck
Hendryk Schäfer //pillenknick

Es wurde mir nicht gewährt, das Schlimmste. Ich bekam eine Antwort und es wurde korrigiert und ich war begeistert. … Manchmal sind es doch die schlichten Dinge, die mit Glück erfüllen.

Wenn da nur nicht das Känguru „Erst ab 18!“ gewesen wäre. Auf der ersten Seite des Lokalteils fand sich oben rechts, und das ist eine Tradition, mit der ich groß geworden bin, die kurze Glosse „Zum Tage“. Mal lese ich sie, mal lese ich sie nicht und manchmal stelle ich fest, dass eine Glosse nun zum wiederholten Male gedruckt wurde, wie in diesem Fall. Nichts Dramatisches, nur ärgerlich für alle Beteiligten, die Leser und die Redakteure. Hätte halt nicht sein müssen. Wurde dann auch bemerkt und sollte dann am darauffolgenden Tag kommentiert werden.

Was dagegen noch an diesem Tag kommentiert wurde, war der Umstand, dass der NDR für die Ausstrahlung des Eurovision Song Contests (ESC) 500 Ehrenamtliche suchte. Einen Bericht will ich diesen Text nicht nennen, dafür ist er zu einseitig. Zwei Kritikern der NDR-Planung wurde viel Raum gegeben, um den Einsatz der Freiwilligen in aller Breite zu kritisieren und als einzige Gegenmeinung durfte der NDR-Projektleiter des ESC kurz sagen, dass es ohne die „Volunteers“ nicht ginge, und dass es nur das „einzigartige Flair“ als Bezahlung gebe. Wo waren da die Stimmen der WAZ, die den breiten Einsatz der ehrenamtlichen Helfer der Kulturhauptstadt RUHR.2010 lautstark kritisierten? Ich kann mich nicht an einen derartigen Vorgang erinnern, würde mich aber gerne über Gegenbelege freuen. Gerne auch vor dem nächsten Post.

Die Serie WAZ sollen wir lesen erscheint ab sofort auch auf “Was mit Medien”, nachdem Hendryk die Texte bereits in seinem Blog veröffentlichte, so auch diesen Teil 3.

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WAZ (Foto: Flickr/DOGMA_85p)

WAZ sollen wir lesen? Das Zeitungsabo-Experiment (2)

Warum lesen junge Menschen Lokalzeitung? Wir machen ein Experiment: Der Auszubildende Hendryk (23) testet für zwei Wochen die WAZ. Die Ergebnisse veröffentlicht er in seinem Blog und hier bei “Was mit Medien.” Eine Einführung gibt es hier. Die nächsten Teile seiner Serie könnt ihr in den kommenden Tagen an dieser Stelle nachlesen.

VON HENDRYK SCHÄFER

Niemand bekommt eine zweite Chance einen guten ersten Eindruck zu machen, es sei denn, das Gegenüber hat Alzheimer oder ist dement. Manchmal gelingt es dennoch, einem ersten Eindruck ein völlig gegensätzliches weiteres Handeln gegenüberzustellen – wenn man die Chance auf einen zweiten Eindruck bekommt, und die wollte ich der WAZ dann doch einräumen. Siebzehn gemeinsame Jahre wollte ich dann doch nicht wegen eines missglückten Neuanfangs über den Haufen werfen.

Wir schrieben Dienstag, den 18. Januar 2011. Statt wie noch am Vortag die WAZ einfach so aus dem Briefkasten fischen zu können, musste ich mir den Schlüssel holen, gab sich das Totholz doch bockig. Das Ende vom Lied: eine verpasste U-Bahn und ein anderer Weg zur Berufsschule. Dafür sah der Titel gut aus: Ein gutes Foto im wiedererkennbaren ockerfarbenen Kasten mit nebenstehender ocker hinterlegter Titelzeile und Untertitel. Nicht mein Fall, aber definitiv markant – und eine optische Analogie zur Startseite von DerWesten.de. Für WAZ-Verhältnisse sah die Seite 1 richtig gut aus, wenn man von Detailfehlern mal absieht (wie ein nicht rahmenfüllendes Titelbild, aber das sind wohl Mediengestalterleiden). Doch es musste weitergehen.

Das Tagesthema war eine Studie von NRW-Arbeitsministerium und Bundesamt für Integration, welche Alltag und Einstellungen von muslimischen Migranten untersucht hatte, die ganze zweite Seite, abgesehen von den obligatorischen Spalten für Kommentare bzw. Presseschau, Leserbriefen, Glosse und Impressum, widmete sich diesem Thema. Dabei fiel mir auf, was wohl irgendwie ein Trend zu sein scheint: Artikel, die nur aus Frage und Antwort bestehen, aber kein Interview sind. Die erste Rhein-Ruhr-Seite widmete sich dem Thema „Besser essen“. Nicht unbedingt ein originäres Ruhrpottthema, aber definitiv auch in Zeiten der Cholera des Dioxins in Eiern ein Thema für die hier lebenden Lesenden.

Ein Fall für die Kategorie „Unnötig und ärgerlich“ waren zwei Meldungen, wie sie ähnlicher kaum hätten sein können. Zunächst hieß es „Kirchenkreis bunkerte 50 Millionen“, zwei Seiten weiter stand dort „Heimliches Kirchen-Geld“, ja, „Kirchen-Geld“, mit Bindestrich. Nicht schön, aber erlaubt. Die beiden Nachrichten als solche berichteten von demselben Ereignis, nur dass eine mit knapp 20 Zeilen nur etwa halb so lang war wie die andere, aber das machte nichts: Es waren zwei Agenturmeldungen, einmal von dapd, einmal von epd. Unnötig, das, und ärgerlich. Was für eine Papierverschwendung!

Darüber hinaus gab es keine Auffälligkeiten – gut so. Wobei: Da war ja noch der Herr Wissmann. Matthias Wissmann, Präsident des Verbands der Automobilindustrie, hochdynamisch auf dem Fahrrad abgebildet, ließ mich im Interview dann doch stutzig werden lassen, und um das zu verstehen, muss ich zitieren (möge das Leistungsschutzrecht, so es kommt, mir dies nicht verwehren, immerhin will ich die Aussagen nicht aus allzu viel Zusammenhang reißen):

Der Autobranche geht’s wieder richtig gut. Ist die Industrie über den Berg?
Es gibt durchaus noch Risiken. Unsere große Sorge sind die unsicheren Rahmenbedingungen auf den Finanz- und Rohstoffmärkten. Monopolistische Strukturen bei der Eisenerzförderung treiben die Stahlpreise hoch, und China schottet den Markt für seltene Erden ab, auf die die Industrie angewiesen ist. Die EU-Kommission muss hier deutlich aktiver werden und diesen Entwicklungen entgegentreten. Nötig ist auch eine stärkere Verknüpfung von Entwicklungshilfe und Rohstoffsicherung. Wir können nicht Entwicklungshilfe zahlen und zusehen, wie sich andere Länder – etwa China in Afrika – immer stärker den Zugang zu den Rohstoffen sichern.

Und dann: nächster Absatz, nächstes Thema: – die Sabine-Christiansisierung der Interviews jetzt auch in der Zeitung (obwohl: so neu ist es auch nicht), der Themenwechsel, wenn es nachzuhaken gälte – Sind eine Million Elektroautos bis zum Ende des Jahrzehntes realistisch, ja oder nein?
Stop, stop, stop, stop, stop: Hat Matthias Wissmann gerade den Kolonialismus zur Aufgabe der Entwicklungspolitik erklärt? Entwicklungshilfe durch systematische Ausbeutung? Hallooo, jemand zuhause? Oder hab‘ ich ihn da einfach nur missverstanden?
Und noch ein symptomatisches Phänomen, festgestellt bei der Recherche zu diesem Beitrag: Es gibt auf DerWesten.de eine wesentlich längere Version des Interviews, ohne dass der Leser dies in der gedruckten WAZ erfährt. Absicht, Versehen oder einfach nur unbedacht?

Den Sportteil überging ich, wie so oft und den Lokalteil fand ich auch nicht übermäßig spannend. Nichts, was ich nicht unbedingt vermisst hätte, wenn da nicht die Seite „Aus der Region“ gewesen wäre. Seit es sie gibt, weiß ich nicht, was ich von ihr halten soll. Soll ich sie in einem Anfall von Regionalpatriotismus gutfinden, weil sie endlich mal den Blick über den Tellerrand der eigenen Stadt hinauswirft, oder ist das einfach nur Blödsinn, weil es völlig irrelevant für mein Leben in Herne ist, dass das gesamte Streusalz in Gelsenkirchen nur für zwei Tage gereicht hätte? Ich kann mich nicht entscheiden, und es wird nicht besser mit jeder weiteren dieser Seiten, die da kommt.
Nur bezüglich einer Sache merkte ich, wie sehr ich die WAZ vermisst hatte: Wie hatten mir die Familienanzeigen gefehlt, oder, um es drastischer auszudrücken: acht Traueranzeigen, eine Geburtsanzeige und eine halbe Hochzeit; durchschnittlich empfunden. Woher sonst soll ich denn erfahren, welche entfernten Bekannten schon wieder verstorben sind? Und warum gibt es da eigentlich noch keine Onlinelösung?

Nur so viel: Der Mittwoch sollte mir diese Fragen nicht beantworten, dafür aber neue aufwerfen. Doch davon mehr – in dem nächsten Post.

Die Serie WAZ sollen wir lesen erscheint ab sofort auch auf “Was mit Medien”, nachdem Hendryk die Texte bereits in seinem Blog veröffentlichte, so auch diesen Teil 2.

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WAZ (Foto: Flickr/DOGMA_85p)

WAZ sollen wir lesen? Das Zeitungsabo-Experiment (1)

Warum lesen junge Menschen Lokalzeitung? Wir machen ein Experiment: Der Auszubildende Hendryk (23) testet für zwei Wochen die WAZ. Die Ergebnisse veröffentlicht er in seinem Blog und hier bei “Was mit Medien.” Eine Einführung gibt es hier. Die nächsten Teile seiner Serie könnt ihr in den kommenden Tagen an dieser Stelle nachlesen.

VON HENDRYK SCHÄFER

Ich bin, weiß Gott, kein einfacher Zeitungsleser, im Gegenteil, ich bin wahrscheinlich sogar ziemlich anstrengend, weil ziemlich schwer zufriedenzustellen. Das will ich einfach mal vorweg schicken. Ich bin, wie bereits geschrieben, mit der WAZ aufgewachsen, entfremdete mich von ihr – und sie wohl auch von mir, aber so ist das wohl, wenn man nicht miteinander redet – und begann nun am 17. Januar den Selbstversuch „WAZ sollen wir lesen“, indem ich einen lange gehegten Gutschein über ein zweiwöchiges Probeabonnement einlöste. Dies ist mein Rückblick auf den ersten Tag dieses Experiments unter Alltagsbedingungen.

Am Montag, dem 17. Januar, gelang es mir, fast schon unerwartet, die WAZ einfach so en passant auf dem Weg zur Berufsschule aus dem Briefkasten zu ziehen – etwas, was mir am darauffolgenden Dienstag misslingen sollte, weswegen ich wegen meines Dranges nach Zeitung meine ursprünglich geplante U-Bahn verpasste – doch ich sollte noch bis in der U-Bahn warten müssen (die Dunkelheit der Nacht in den Straßen, you know?), bis ich einen detaillierteren Blick in die WAZ werfen können durfte.

„Vater Hübner ist zurück“, der optischer Aufmacher, stieß mich erst einmal ab. Gut, ich erkannte die WAZ wieder, der seltsam ockerfarbige Rahmen um das Aufmacherbild kam mir vertraut vor, doch interessierte mich – nennt mich meinetwegen herzlos – die Geschichte eines aus den Wirren Tunesiens zurückgekehrten Touristen recht wenig. Dass ebenjene Wirren dann auch Tagesthema waren und einen anderen Schwerpunkt legten, rettete das Ganze und dass meine Augen auf Seite 2 einen Sakurai sehen durften, war der erste Höhepunkt an diesem Montagmorgen. Zeit also, um in das nächste kleine Loch zu fallen: Am Ende des Kommentars „Das Wunder von Tunis“ (auch zum Sturz des dortigen Herrschers) stand in fetten Lettern, eingeleitet mit dem Wort „Fazit“ ein ebensolches, welches nur besagte, dass der Sturz des Herrschers ein Wunder war und die Diktatoren der Nachbarstaaten ähnliches fürchten. Ach!

Eine sechszeilige Kürzestzusammenfassung für die berufstätige Bevölkerung, die keine Zeit mehr für einen ganzen Kommentar hat? Das hätte nun nicht wirklich sein müssen. Will ich Redundanz, dann besorge ich mir ein zweites Exemplar! Um mal ein Klischee zu bedienen: Das wäre eher was für eine Tabloid-WAZ, sagt man Tabloid-Zeitungen doch eh ein niedrigeres Anspruchsniveau nach.

Im Großen und Ganzen hatte es die Montags-WAZ ziemlich schwer: Das meiste war schon nichts Neues mehr, musste sie doch auch Ereignisse aufbereiten, die sich am Samstag zugetragen hatten. Auf einen neueren Stand als am Sonntagabend fühlte ich, der ich täglich viel online lese, nicht versetzt. Immerhin gab es dann doch ein paar Artikel, die ich noch nicht online gelesen hatte, einen Bericht über Sexualkunde in der Grundschule, einen Bericht über und mit Volker Kauder und einen europäisierten Islam und nicht zuletzt ein Bericht von David Schraven, dem ehemaligen Ruhrbarone-Redakteur, über die Mauschelei bei den Verträgen für den Schienenpersonennahverkehr (zu deutsch: die Nahverkehrszüge) im VRR. Das waren die Neuigkeiten, auf die ich gehofft hatte.

Exkurs: RSS-Feeds und Zeitungsportale

Es gibt im Internet eine viel zu oft übersehene und ungenutzte kleine Nettigkeit: denRSS-Feed. Er ermöglicht, vereinfacht gesagt, das Abonnement der Inhalte einer Website mit einem Klick. In einem Feedreader, einer Anwendung, die dieses Dateiformat lesen kann, bekommt man dann immer, wenn ein neuer Beitrag erscheint, diesen angezeigt. Einfacher kommt man an kein Zeitungsabo. Man kann lesen oder es auch sein lassen und alles ungelesen verwerfen, und wenn es nicht mehr gefällt, wird das Abo per Klick auch wieder beendet, ohne dass es irgendwelche Kündigungsfristen gibt.
Viele Websites, gerade solche, die, wie meine, auf eine Weblog-Software setzen, bieten diesen RSS-Feed an, und so ist es letztlich möglich, einen relativ guten überblick über eine durchaus große Anzahl an Websites zu behalten, die nach Gusto zusammengestellt werden können. Es hat etwas von einer individuellen Tageszeitung, vielleicht ohne Sportteil, dafür vielleicht mit viel mehr Politik, mit vielen widerstrebenden Meinungen – mit ein wenig Aufwand am Anfang und Mut zum Ausprobieren kann man schnell eine große Bandbreite an unterschiedlichen Standpunkten zu den Ereignissen der Zeit entdecken, als läse man mehrere Zeitungen.
Neben vielen kleineren Blogs hatte ich eine zeitlang auch die Newsfeeds großer Tageszeitungen abonniert, doch schon weil der Newsfeed von DerWesten mich mit zu vielen Meldungen bombardiert hatte, war er vor geraumer Zeit mit den Feeds von taz und Spiegel aus meinem Feedreader geflogen, die keinen Deut besser waren. Sie zusammen konnten die Anzahl ungelesener Artikel binnen Stunden in unermessliche Höhen treiben, und das war dann doch ein psychischer Druck, auf den ich gut verzichten konnte. DerWesten, taz.de, SüddeutscheZeitFrankfurter Rundschautagesschau, diese und ähnliche Seiten suche ich lieber bei Gelegenheit selbst auf, wenn ich die Zeit und Muße habe, mich dort festzulesen, aber dennoch täglich.
Exkurs Ende.

Und sonst? Irgendwie gab es nicht viel, was mir sonst noch auffiel, was mich störte, reizte oder interessierte. Irgendwie schade. Es sollten noch weitere Tage folgen, doch davon mehr in dem nächsten Post.

Die Serie WAZ sollen wir lesen erscheint ab sofort auch auf “Was mit Medien”, nachdem Hendryk die Texte bereits in seinem Blog veröffentlichte, so auch diesen Teil 1.

Tipp: Uns gibt es auch als RSS-Feed in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Hier gibt es unsere Texte aus dem Blog und hier gibt es unseren wöchentlichen Podcast.

WAZ (Foto: Flickr.com / FROLLEIN 2007)

Warum lesen junge Menschen noch Lokalzeitung? Ein Experiment!

WAZ (Foto: Flickr.com / FROLLEIN 2007)

Hendryk ist 23. Er lebt in Herne und macht eine Ausbildung. Er macht nichts mit Journalismus, interessiert sich aber für das, was vor seiner Haustür passiert. Ist die Lokalzeitung aber für die junge Generation das geeignetste Medium, um Infos aus der Region zu erhalten? Obwohl er kein Journalist ist, interessiert sich Hendryk für die Antwort auf diese Frage. Er testet für zwei Wochen die WAZ. Die Ergebnisse veröffentlicht er in seinem Blog und hier bei “Was mit Medien.” Die nächsten Teile seiner Serie könnt ihr in den kommenden Tagen an dieser Stelle nachlesen.

VON HENDRYK SCHÄFER

Noch bevor ich lesen konnte, habe ich in der Zeitung geblättert. Als ich dann endlich die ersten Buchstaben entziffern konnte, habe ich mich mühsam durch den Wust an Typen gekämpft und schließlich fing ich irgendwann sehr bald an, die Artikel, die ich auf diesem gedruckte Papier fand, zu lesen und irgendwann auch zu verstehen.
Ich bin in einem Zeitungsleserhaushalt aufgewachsen. Zum Frühstück gab es neben Brot, Kaffee für meine Eltern und Kakao für mich und meine Schwester und Wurst und Käse und alles, was man sonst so als Belag behandeln konnte, jeden Morgen die Zeitung. Von Montag bis Samstag gab es die Westdeutsche Allgemeine Zeitung und WAZ anderes kam uns nicht ins Haus – es gab ja auch nicht anderes mit einem Lokalteil für Herne (und das ist bis heute nicht anders). Ich habe es geliebt, morgens in der Zeitung zu blättern, mich durch die aktuellen Themen zu wühlen und war froh, nach der Zeitungslektüre nicht ganz so unwissend wie zuvor in die Schule gehen zu müssen. Die Schule hingegen war ein Thema für sich, aber das wollen wir jetzt nicht dramatisieren.

Jahrelang habe ich also Zeitung gelesen, morgens vor der Schule, mittags nach der Schule (wenn morgens die Zeit nicht gereicht hatte oder ich noch etwas nachlesen wollte), am Frühstückstisch, in Bus und Bahn (was aufgrund des Formats bisweilen durchaus unhandlich sein konnte), ich konnte miterleben, wie die WAZ bunt wurde, wie altgediente Redakteure in den Ruhestand gingen, habe Redaktionsbesuche erlebt und war im Arbeitskreis „WAZ Kinder- und Jugendseite“ des Herner Kinder- und Jugendparlamentes mitverantwortlich für diese einmal monatlich erscheinende Seite und habe selbst Artikel für die WAZ geschrieben. Ich durfte miterleben, wie die Redaktionen kleiner und die Aufgaben größer wurden, wie die WAZ Mediengruppe DerWesten an den Start schickte und weiter am Personal sparte, sah Layouts kommen und gehen und dann zog ich von Zuhause aus.

Von einem Tag auf den nächsten hatte ich zum Frühstück keine Tageszeitung mehr und ich vermisste nichts, fast nichts. Bis heute versuche ich noch immer, so es meine Müdigkeit zulässt, früh genug aufzustehen, um meinen Tagesbedarf an frühstücksfrischen Neuigkeiten und Einschätzungen abzudecken, nur dass dies seit Jahren von meinem Feedreader gedeckt wird, beinahe jedenfalls.

Irgendwann kam auch das Internet zu uns, zunächst mit Einwählverbindungen über das 56k-Modem – was waren das noch für Zeiten und Geräusche! – dann irgendwann auch mit 6000er-DSL oder dem, was unser Provider dafür hielt; faktisch war es 2000er-DSL am Ende einer langen, maroden Leitung. Wie zuvor, als Offline das einzige Leben war, suchte ich auch hier nach Nachrichten und Einschätzungen, fand Tageszeitungen und Magazine ebenso wie Blogs und musste feststellen, dass ich mit der Zeit ziemlich unzufrieden wurde mit der WAZ, die ich bis dato kritisch, aber zufrieden gelesen hatte. Mir stießen offensichtliche Fehler auf, ich störte mich an unreflektierten Kommentaren und zuletzt fand ich die WAZ auch optisch nicht mehr attraktiv.

In dieser Zeit, da das Internet zu mir kam, begann ich Probeabonnements anderer Zeitungen abzuschließen, las zwei Wochen lang die Süddeutsche Zeitung, testete die Frankfurter Rundschau und abonnierte für eine Zeitlang die taz. Ich erlebte mit Bedauern, wie die taz ihren eh nur vierseitigen, aber guten NRW-Teil einstellte und vermisste immer mehr eine Alternative zur WAZ mit einem NRW-Teil oder noch lieber einem Lokalteil für Herne, denn mein Hang zu Utopien war ungebrochen. Was hätte ich für eine vielschichtige, aktuelle Zeitung gegeben mit Hang zu fundierten Meinungen, einem klaren, schönen Layout – und einem Lokalteil für Herne.

Ich gebe es zu: Ich habe die WAZ verflucht für ihren Bratwurstjournalismus, ich konnte und kann mich noch immer gut darüber aufregen, dass der Kommentarbereich von DerWesten (wie der Kommentarbereich anderer Zeitungen und Nachrichtenportale auch) eine Brutstätte für Trolle und Nörgler ist, ein Hort für Diffamierungen, Resignation und Hass, aber dennoch habe ich, als ich mit dem Umzug die Chance auf ein zweiwöchiges Gratisabo der WAZ bekam, diese nach einiger Bedenkzeit genutzt und bekam nun seit dem 17. Januar die WAZ mit dem Herner Lokalteil. Wie es mir damit erging, erfahrt ihr in dem nächsten Post.

PS: Wenn es nur bei einem Beitrag geblieben wäre. Zwei Wochen Zeitung ist nichts für knappe 1000 Wörter, wenn es mehr als nur ein knappes Fazit sein will. Bleibt mir gewogen, auch wenn es etwas länger wird.

Die Serie WAZ sollen wir lesen erscheint ab sofort auch auf “Was mit Medien”, nachdem Hendryk die Texte bereits in seinem Blog veröffentlichte, so auch diesen Prolog. Der nächste Text ist schon online: Hier geht es zu Teil 1.

Tipp: Uns gibt es auch als RSS-Feed in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Hier gibt es unsere Texte aus dem Blog und hier gibt es unseren wöchentlichen Podcast.


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Feindbild: Internet!

Manchmal bin ich wirklich überrascht, wie sehr der deutsche Journalismus in die Stilmittel “Angst” und “Panik” verliebt ist. Ein Lehrstück liefert uns die neue Spiegel-Ausgabe. Ich wette: Dieses Abhandlung über die Internet-Datenkraken wird sich sehr gut verkaufen!Das Internet wird zum Feindbild stilisert, ohne dass dabei die wirklichen Probleme benannt werden. Lösungsansätz? Fehlanzeige! Die Titelgeschichte ist unkonstruktiv bis zum geht nicht mehr. Und am Ende jammern die Verleger, warum die Netzgemeinde ihr Geld bei der neuen Konkurrenz im Netz (Spiegel-Deutsch: Datenkraken) lässt. Sie verstehen nicht, warum die Nutzer mehr Euros bei Apple ausgeben oder Google und Facebook freiwillig mit ihren Daten füttern. Dabei ist die Erklärung simpel: Diese neuen Player bereichern das Leben der Nutzer konstruktiv. Das scheint der hiesige Journalismus an vielen Stellen verlernt zu haben. Stattdessen steigt der Spiegel lieber mit der Angst ins Bett. Heraus kommt ein neues Feindbild: Das Internet!

Dabei beginnt der Artikel  gar nicht mal so schlecht. Zu Beginn wird eine Szene geschildert, bei der die US-Behörden bei Facebook vorbeischauen und offensichtlich Interesse an dem einen oder anderen Datensatz haben. Es wird schnell klar: Wo viele Daten sind, können diese neu zusammengestellt und missbraucht werden. Die Gefahr geht aber tatsächlich kaum von den Anbietern selbst aus, sondern wenn sich Dritte ungefragt oder gar Staaten Zugang verschaffen.Aber dazu später mehr.

Doch hiervon erfährt der Leser der Spiegelgeschichte zunächst nichts (nur später am Rande), sondern wird auf den Pfad der gefährlichen Cookies gelockt. In epischer Breite wird erklärt, dass wir uns vor personalisierter Werbung im Web fürchten müssen.

Mir fällt viel zu dieser Titelgeschichte ein. Dass der Spiegel nicht zum ersten Mal das Feindbild Internet aufbaut, dass er doch selbst viele Cookies auf seinen Webseiten anbietet, dass die Verlagsbranche auch sehr viel über die eigenen Leser wissen will und dass die Abobranche viele Daten hortet. Darüber brauche ich aber nichts schreiben. Das hat der Kollege Richard Gutjahr in einem spannenden Blogbeitrag geschrieben. Gutjahrs treffender Titel: Eure Doppelmoral kotzt mich an!

Die “böse” personalisierte Werbung

Ich kenne in meinem Umfeld niemanden, der an personalisierter Werbung gestorben ist. Okay, das ist hoffnungslos übertrieben. Was ich aber sagen will: Was ist schlimm an personalisierter Werbung? Der Spiegel versucht dies so zu erklären: Die Technik dahinter ist das Problem. Technik, die so genaue Nutzerprofile erstellen kann, könnte irgendwann zum Missbrauch eingesetzt werden.

Willkommen im Hätte-Wenn-Und-Aber-Journalismus. Mit diesem Argumentation ließe sich auch eine Hass-Titelgeschichte rund um Feuerzeuge rechtfertigen. Schließlich kann ich damit nicht nur meine Ikea-Teelichter, sondern auch Bomben anzünden.

Das “böse” Gedächtnis

Ach ja. Das Internet vergisst nichts und nie. Überhaupt stehen nur die schlechten Dinge im Internet. Eine Studie soll den Beweis liefern – das Ergebnis: “Das Gerücht, jemand habe einen Preis errungen, verflüchtigt sich schnell. Wird dagegen gemunkelt, er sei betrunken am Steuer erwischt worden, bleibt das hartnäckig in Umlauf.”

Entschuldigung. Aber was hat das mit dem Internet zu tun‽ In jeder Kollegschaft, Klasse oder in jedem Freundeskreis ist dieses Verhalten zu beobachten. Diese sozialen Phänomene gibt es, seit es Menschen gibt – und nicht seit dem es das Internet gibt.

Internetnutzer = Selbstentäußert und blöd!

Wem ist eigentlich als Leser noch der Gedanke gekommen, dass der Spiegel sogar alle seine Leser beleidigt? Spätestens bei diesem Satz war es bei mir so weit: “Weitaus stärker noch treibt sozialer Druck das Publikum in die Selbstentäußerung – auch der Nachbar ist neugierig. Wer sich nicht in einem sozialen Netzwerk präsentiert, ist fast schon der Eigenbrötelei verdächtig.”

Die wahren Probleme werden nicht benannt

Mit diesem Kommentar zur Spiegel-Titelgeschichte fordere ich nicht die bedingungslose Vergötterung des Internets. Das Internet ist keine heile Welt. Das Internet ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Der Spiegel hat mit seiner Geschichte das gleiche Problem, wie die RTL-2-Sendung “Tatort: Internet” – das Internet wird als Ursache des Schlechten hingestellt, die gesellschaftlichen Ursachen werden vernachlässigt.

Ich hätte mir bei der Titelstory einen Schwerpunkt auf ganz andere Probleme gewünscht. Deswegen noch mal zurück zu der Bedrohung, dass Staaten Interesse an Unternehmensdaten haben. So habe ich im Sommer mit Deutschlands obersten Datenschützer Peter Schaar gesprochen. Ich wollte mir das mit der personalisierten Werbung und dem möglichen Missbrauch genauer erklären lassen. Er meinte, dass Google & Co. alles dafür tun, dass mit meinen Daten kein Missbrauch betrieben wird. Das ganze Geschäftsmodell steht und fällt mit dem Vertrauen der Nutzer! Was aber, wenn sich Dritte Zugang verschaffen oder staatliche Behörden die Unternehmen zur Herausgabe der Daten zwingen? Wie real dieses Szenario ist, sehen wir am Beispiel von Twitter. Die US-Behörden verlangten in dieser Woche die Nutzerdaten von Wikileaks-Unterstützern.

Auch bei den Handy-Adressbüchern sehe ich ein Problem. Als Journalist darf ich sensible Telefonnummern nicht mehr in meinem Smartphone speichern. Gewähre ich irgendeiner App Zugriff auf mein Telefonbuch, dann hat die Firma hinter dieser App eine Verbindung gespeichert. Unter Umständen kann eine dritte Person, die in meinem Adressbuch gespeichert wurde, eine böse Überraschung erleben, wenn diese sich für einen Dienst anmeldet, und dieser Dienst dann schon viel weiß.

Gleiches gilt für das ungefragte Taggen von Personen auf Bildern. Hier hat der Spiegel wenigstens darauf hingewiesen, dass es sich herumspricht, dass sich so etwas nicht gehört.

Diese Probleme sind aber zu bewältigen. Allerdings muss dies den Internetnutzern ordentlich erklärt werden. Hier sehe ich auch die Aufgabe des Journalismus: Aufklären, Transparenz schaffen und Zusammenhänge erklären. Das hat der Spiegel bei seiner aktuellen Titelgeschichte in beeindruckender Weise nicht geschafft.

Und in einem bin ich mir auch sicher: Es ist nicht die Aufgabe von Journalisten Angst zu schüren!

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Pähler

Herr Pähler kommentiert: Warum BILD zu Guttenberg verteidigen darf.

Karl Theodor zu Guttenberg reiste in dieser Woche nach Afghanistan. Das ist für einen Verteidigungsminister nichts ungewöhnliches. Ungewöhnlich hingegen ist, dass er nicht nur seine Frau mitgenommen hat, sondern auch Johannes B. Kerner. Dieser hat vor Ort eine Ausgabe seiner Sat.1-Show produziert.  Da hat nicht nur die Opposition geäzt, sondern auch die Presse. Die ganze Presse? Nein, die BILD-Zeitung sagt zu den Guttenberg-Nörglern: Haltet die Klappe! – darf die BILD-Zeitung einen Maulkorb an zu-Guttenberg-Kritiker verteilen? Es kommentiert Herr Pähler!

Die einen nennen es eine von langer Hand eingefädelte Show eines Polit-Popstars mit Ambitionen. Für die anderen ist es eine öffentliche Liebeserklärung an unsere Soldaten.

Der Frontverlauf auf dem medialen Schlachtfeld ist dabei klar erkennbar. Auf der einen Seite gibt es die alliierten Truppen der Gut-Medien wie die Süddeutsche, die taz oder Spiegel online, die im Geiste der political correctness an die Moral zu Guttenbergs appellieren, den Politiker an seine Verantwortung erinnern und ihn zur Zurückhaltung ermahnen. Auf der anderen Seite die rebellischen Truppen aus dem Hause Springer wie die Welt und allen voran die Bild. Hier von Kritik keine Spur.

Die Bild blies am Mittwoch dieser Woche dann sogar zum Großangriff gegen die anderen Medien und titelte: „Wir finden die GUTT!” Nörgler, Neider und Niederschreiber sollten einfach mal die Klappe halten! Dies wiederum führte zu heftiger Kritik – vor allem auch im Netz bei Twitter.

Aber sind wir doch mal ehrlich. Lohnt sich die Aufregung hier überhaupt? Ist es nicht etwas ganz normales was wir hier beobachten.

Erstens: Spätestens seit dem zweiten Krieg am Golf beobachten wir, dass Kriege längst nicht mehr nur mit Bomben, sondern vor allem auch mit Bildern geführt und gewonnen werden. Dass politische Führer sich in Kriegen und Krisen in Szene setzen, ist eigentlich ein alter Hut. Die Mediatisierung der politischen Klasse ist beim besten Willen keine neue Entwicklung mehr. Neu ist allenfalls die Rafinesse, mit der sich zu Guttenberg in Szene setzt.

Zweitens: Auch das, was wir gerade in den deutschen Medien erleben, ist irgendwie nichts Neues. Springer gegen die liberale Presse. Die Bild haut drauf und kritisiert ihre Medienkollegen scharf. Die anderen rümpfen die Nase und regen sich auf. Darf die BILD einen Maulkorb verteilen? Ich kann dazu nur sagen: Klar darf sie das, zumindest versuchen. Denn die Meinungsfreiheit ist eines unserer höchsten Güter. Nur sollte man, alles, was man darf, auch tun? Schließlich ist nicht nur die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, sondern auch die Unabhängigkeit und Überparteilichkeit der Presse.

Apropos: Wie unabhängig sind unsere Medien eigentlich? Warum stellt eigentlich niemand auch mal die Frage nach der Verantwortung von Johannes B. Kerner und Sat. 1? Was ist eigentlich schlimmer? Dass ein Minister eine mediale Plattform nutzt, die ihm geboten wird? Oder dass ein großer, eigentlich unabhängiger Fernsehsender ihm eine solche Plattform bietet? Für mich ist die Antwort eindeutig: unabhängige Medien dürfen keinem politischen Lager die Möglichkeiten zu einem solch ungestörten und unreflektierten Schaulaufen geben.

Eines ist doch klar: Die Demokratie gerät nicht durch einen adligen Feldherrn aus Bayern ins Wanken, der sich in Designerboots als volksnaher Möchtegernkanzler im Kreise seiner Truppen inszeniert. Die Demokratie gerät ins Wanken, wenn Medien wie die BILD oder Sat. 1 ihre Distanz zum politischen System verlieren und sich für singuläre politische Interessen instrumentalisieren lassen. Das ist das eigentliche Problem am jüngsten Auftritt des Freiherrn zu Guttenberg.

Dieser Kommentar stammt aus unserem Podcast 237. Tipp: Uns gibt es auch als RSS-Feed in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Hier gibt es unsere Texte aus dem Blog und hier gibt es unseren wöchentlichen Podcast.

Ken Doctor

Ken Doctor Interview: Warum Tageszeitungen eine Zukunft haben und Journalisten bescheidener werden

Ken Doctor

Online verdrängt Print und soziale Medien verdrängen Journalismus. Diese These beunruhigen eine ganze Branche. Verleger fürchten um das eigene Geschäft und der Nachwuchs hat Zweifel. Lauscht man den Thesen vom US-Medienanalyisten Ken Doctor, zeigt sich ein anderes Bild: Tageszeitungen und Journalismus brauchen keine Untergangsszenarien zu fürchten, solange sie ein Technikgen in ihrer DNA aktivieren. Was er damit meint, klären wir in diesem Interview, welches wir heute (25.11.2010) am Rande der neuen Konferenz The World After Advertising in Düsseldorf geführt haben. Dieses Interview wird im Original im Podcast 234 zu hören sein.

Was mit Medien: Ich habe ein kleines Geschenk für Sie. Ich war am Kiosk und habe Ihnen eine typische deutsche Lokalzeitung gekauft.

Ken Doctor: Ah, die Westdeutsche Zeitung?

Was mit Medien: Ja, wenn Sie sich die anschauen, dann sehen Sie, dass der erste Teil voll mit nationalen und internationalen Meldungen ist. Die stammen hauptsächlich von Nachrichtenagenturen. Dann kommt der Sportbereich. Und dann sind wir beim Lokalteil. Obwohl es eine Lokalzeitung ist, ist der Lokalteil nur ein kleiner Teil der Zeitung. Wie muß sich eine typische Tageszeitung in den nächsten fünf Jahren verändern?

Ken Doctor: Ist das eine typische Donnerstags-Ausgabe? War die Zeitung vor fünf Jahren noch dicker? Sie fühlt sich sehr dünn an.

Was mit Medien: Das kann schon sein. Wir haben hier in Düsseldorf fünf Tageszeitungen.

Ken Doctor: Tageszeitungen wird es fünf Jahren noch geben. Sie waren ein Massenmedium, und das schon vor Hundert Jahren. Die Verleger konnten viel Geld machen, da sie mit ihren Zeitungen die Mehrheit der Menschen in Städten erreichten. Sie haben 50 bis 60 Prozent der Haushalte erreicht. Wir sehen gerade besonders in den USA, dass dieser Prozentsatz stark zurückgeht. Die Leute lesen immer mehr digital. Deswegen wird in den nächsten fünf Jahren einiges bei den Tageszeitungen passieren. Sie werden nicht mehr jeden Tag erscheinen können. Das wird Zeitungen in Städten jeglicher Größe treffen. Wir werden Konsolidierungen sehen. Einige Tageszeitungen werden auch sogar untergehen.

Das Tablet ist das Phänomen des Jahres

Wir werden bestimmt das Phänomen beobachten, dass einige Zeitungen nicht mehr sieben Tage in der Woche veröffentlichen, sondern nur noch drei Tage. Das sehen wir jetzt schon in Detroit. Die wirtschaftliche Lage ist dort schon seit Jahrzehnten sehr schlecht. Es gibt zwei sehr gute Zeitungen, die Free Press und die News, die im letzten Jahr gesagt haben, nicht mehr an jedem Tag eine Zeitung herausbringen zu können. Die Zeitungen erscheinen jetzt drei Mal in der Woche, konnten aber dabei bis zu 85 Prozent der Werbung behalten. Wir werden aber auch beobachten, dass die Nachrichten stärker ausgewählt werden und stärker auf die Nachrichtenlage im Web verwiesen wird. Zu guter Letzt will ich noch das Tablet erwähnen. Das iPad ist das Phänomen des Jahres. Es wird viele iPads oder andere Tablets unter den Weihnachtsbäumen geben. Wir werden sehen, dass die Leserschaften aller Altersgruppen von Print zu den Tablets wechseln werden. Weil es viel effizienter und ökologischer ist.

Was mit Medien:  Wie wird denn die Nachricht in Zukunft zum Leser kommen? Wird das nur noch über Twitter oder Facebook geschehen, oder wird irgendwann nur noch das iPad hier eine Rolle spielen?

Ken Doctor: Ich glaube die Antwort ist einfach: Die Nachrichten kommen überall her! Ich glaube, das ist mit der wichtigste Punkt. Ich nenne es das Konzept “Nachrichten überall”. Wir kommen aus einer Welt, in der es Print und Broadcast gab. Wir kennen Zeitungen, Fernsehen, Radio und Zeitschriften. In den letzten zehn Jahren sind Onlinemedien hinzugekommen. Das haben wir auch verstanden. Die Verlage haben gesagt, dass sie ein Online- und ein Print-Produkt haben. Jetzt verändert sich alles sehr schnell. Nun gibt es das Tablet – oder genauer: Es gibt sehr viele Modelle von sehr vielen Unternehmen. Die Smartphones von Apple, Nokia, Microsoft und all die Android-Modelle, die durch Google unterstützt werden, machen in den USA nur 20 Prozent aus. Hier wird es noch einen großen Wachstum geben. Immer mehr Menschen werden ihre Nachrichten auf den Smartphones lesen. Wir bewegen uns von der Print- und Broadcast-Welt weg und kommen zum Modell “Nachrichten überall”. Wir stehen drauf, dass wir die Nachrichten dort empfangen, wo wir sie gerne lesen möchten. Wir sind es gewohnt, dass wir die Radionachrichten im Auto hören können. Zu Beginn des Autoradios fanden das die Leute sehr cool. Jetzt gibt es die Nachrichten auch auf dem Handy. Jetzt zeigt dir Forschung, dass die Leute auch hier fasziniert sind. Das ist ja auch praktisch. Sie stehen in einer Schlange und können etwas lesen. Es heißt, dass die Leute jetzt im Schnitt 13 Minuten am Tag mehr lesen. Das ist ein großer Anstieg.

Wie Verleger nicht verrückt werden

Was mit Medien: Wenn ich ein Verleger wäre, dann hätte ich seit Jahrzehnten ein solides Geschäftsmodell, einen guten Vertrag mit meinem Papierlieferanten und wenn ich jetzt das Konzept “Nachrichten überall” höre, dann würde ich verrückt werden. Dann würde ich gar nicht wissen, wie ich das alles managen soll. Was müssen Verleger machen, um in dieser Situation nicht verrückt zu werden?

Ken Doctor: Die Verleger müssen sich Geschäftsmodelle anschauen, die schon funktionieren. Sie gehören natürlich zu einem sehr konservativen Geschäftsbereich. Das liegt natürlich daran, dass sie bisher mit einem Modell gearbeitet haben, das sehr erfolgreich war. Sie sollten sich Unterhaltungsmodelle anschauen. Wenn wir analysieren, was das Fernsehnetzwerk HBO als Filmfirma macht, dann sehen wir, dass die HBO-Abonnenten die Inhalte nicht nur auf dem Fernseher, sondern auch auf dem Handy, dem Laptop oder dem Tablet anschauen können. Sie bezahlen aber nur einmal eine Gebühr. Der HBO-Chef braucht keine schlaflosen Nächte, um herauszufinden, wie er seine Programme vom Fernsehen auf das Smartphone bringen kann. Aber es gibt die Experten, die wissen, wie das geht. Die Verbindungen können viel einfacherer geschaffen werden.

Verleger brauchen eine neue Bindung zum Leser

Verleger müssen sich jetzt für Strategien entscheiden. Sie müssen die Einstellung “wir haben Leser, die uns mögen” oder “die mögen unsere Marke”. Das ist eine gute Gelegenheit. Sie sollen die Gelegenheit haben uns, also unsere Zeitung, unseren Radiosender oder eben unsere Filme dorthin mit zu nehmen, wohin sie es möchten. Der Vertrag zwischen Verleger und Leser ist dann: Ihr bezahlt mich einmal und ich gebe euch die Inhalte dort, wo ihr sie verlangt. Ich kann auch sagen, dass ich die jetzt nicht bis zum 1. Januar 2011 überall anbieten werde, aber innerhalb der nächsten zwölf Monate werden die Inhalte überall dort verfügbar sein, wo ihr sie haben möchtet und hierfür müsst ihr diesen bestimmten Preis bezahlen. Dann kann ich auch etwas mehr Geld verlangen. Wie wäre es mit einem Aufschlag von 20 Prozent um den vollständigen Zugriff zu gewähren. Dahin wird meiner Meinung nach die Reise gehen. Das wird ein ganz neues Verhältnis zwischen dem Kunden und den Anbieter  etablieren.

Leser achten stärker auf Marken

Was mit Medien: Ich kann mir aber die Sorge der Verleger vorstellen, dass ihre Nachrichten auf dem Handy nicht ihrer Marke zugeordnet werden. Wenn die Leute auf ihrem Handy durch viele Quellen und Feeds scrollen, um Nachrichten zu konsumieren, bleibt da die Verbindung zur Marke auf der Strecke?

Ken Doctor: Einige Leute verbinden den Inhalt mit der Marke. Erinnern wir uns einmal an Yahoo News 1998. Die Leute haben sich über die großen Nachrichtenseite bei Yahoo gewundert. Sie fanden es toll, Nachrichten aus Deutschland, von der BBC oder auch aus Indien zu lesen. Die Nachrichten waren einfach da, aber die Leser wussten nicht, woher sie stammten. 1998 waren die Leute irritiert und dachten, dass Yahoo die Nachrichten geschrieben hat. Oder stellt Yahoo die Nachrichten nur zusammen? Die meisten Leute haben sich aber einfach gesagt: Das ist super, dass ich hier die Nachrichten bekomme. Wenn wir uns nun zwölf Jahre in die Zukunft begeben, dann verstehen die Leute schon besser, dass die Nachrichten im Internet verteilt werden. 2010 kümmern sich die Menschen mehr um die Marke, als noch 1998. Sie verstehen, ob es sich um eine lokale, nationale oder internationale Marke handelt, oder ob es eine Zeitung ist, oder eine Presseagentur. Wir haben hier also keine Wild-West-Mentalität mehr. Die Marken werden immer wichtiger, wenn sie das richtige machen. Print- und Verlegermarken müssen jetzt etwas mehr Geld für ihre Zeitung verlangen, um dann den Zugang zu den Inhalten auf all den weiteren Wegen zu gewähren. Wer das macht, wird Erfolg haben. Wem das aber zu kompliziert ist, der wird weggespült.

Hyperlokale Inhalte sind die Zukunft von Tageszeitungen

Was mit Medien: In Ihrem Buch sagen Sie, dass hyperlokaler Journalismus extrem wichtig ist. Was ist der Unterschied zwischen “hyper lokaler” und “lokaler” Journalismus?

Ken Doctor: Es gibt eine halbe Million Unterschiede! Die Leute verstehen Lokaljournalismus. Es geht um die Nachrichten aus der Stadt und der Region. Der Begriff “Hyperlokal” ist aber kompliziert, da es mehr als nur eine Bedeutung gibt. Im Kern geht es aber um Nachbarschaft und Gemeinschaft. Ein Soziologe würden fragen, was eine Gemeinschaft ist. Geographisch gesehen betreffen diese Gemeinschaften aber bis zu 30.000 Leute. Diese Leute kaufen an den gleichen Orten ein, die Kinder gehen zur gleiche Schule und es gibt immer gemeinsame Bekannte. Wenn man New Yorker fragt, wo sie wohnen, dann sagen Sie zum Beispiel Flatbush. Das ist ein Teil von Brooklyn. Die Leute wollen natürlich auch weiter Lokalnachrichten, Unterhaltung- und Sportnachrichten.

Aber: Sie wollen vor allem auch Nachrichten aus ihrer Nachbarschaft – weil sie dort leben. Sie wollen hyperlokale Nachrichten nicht ausschließlich, aber das ist ein wichtiger Bestandteil. Zu einem großen Teil bringen Lokalzeitungen die ganze Welt auf den Tisch.Im ersten Teil gibt es die nationalen Nachrichten, dann kommt Lokales, Wirtschaft und Lifestyle. Aber die ganzen Nachrichten aus dem ersten Teil gibt es schon online. Du brauchst keinen Redakteur einer Tageszeitung, und ich war einst einer dieser Redakteure, der dir sagt, welches heute die sechs wichtigsten Geschichten aus Deutschland sind.

Heute kannst du auf jede große Nachrichtenseite gehen und du kannst dir selbst die Nachrichten aussuchen, die du lesen möchtest. Die Filterfunktion von Weltnachrichten durch eine Lokalzeitung ist nicht mehr wichtig. Hyperlokaler Journalismus ist der klügste Weg, diese Funktion zu ersetzen. Die Leute nutzen doch eh nationale Nachrichtenmedien. Was die Tageszeitungen besser können, sind lokale und hyperlokale Geschichten.

Die Welt verstehen: Journalisten dürfen auf Twitter und Facebook nicht verzichten

Was mit Medien: Was heißt das aber aus der Sicht der Journalisten? Wenn ich mit dem Nachwuchs arbeite, dann fragen die mich immer, warum sie einen Twitter-Account starten sollen, oder warum die sich mit Facebook auskennen sollen. Die Antwort ist nicht einfach, aber was würden Sie sagen?

Ken Doctor: Sie müssen sich natürlich damit auskennen, da viele Millionen Nutzer diese Dienste nutzen. Wenn du ein Journalist sein möchtest, mußt du wissen, wie die Welt funktioniert und wie sie sich verändert. Das ist der wichtigste Grund. Dann gibt es noch verschieden Nutzungsmöglichkeiten. Twitter ist eine großartige Quelle. Eine Quelle von Quellen. Ich nutze Twitter als Autor und Analyst. Ich kann eine Frage stellen. “Hey – kennt ihr eine Firma, die sich modern mit Autokleinanzeigen auseinandersetzt?” Dann bekomme ich auf Twitter Antworten. Das ist oft überwältigend. Twitter verbindet dich mit anderen Quellen, sagt dir, was gerade geschieht und ist ein wichtiges Werkzeug, um auf deine Geschichten aufmerksam zu machen.

Bisher haben Journalisten oft für eine Publikation gearbeitet. Sie haben eine Veröffentlichung für die Publikation geschrieben. Die Publikation hat die Veröffentlichung gedruckt und die Journalisten konnten nach Hause gehen. Heute haben all die Möglichkeiten, um Geschichten zu promoten, dann sieht man, dass Twitter ein Distributionswerkzeug ist. Ich kann sagen, dass ich gerade eine Geschichte über Eier geschrieben habe, und dass es euch interessieren könnte. Einige Geschichten explodieren regelrecht. Wenn du dich um deine Geschichten kümmerst, bessere Quellen haben möchtest, und beobachten willst, wie sich die Leser dann verhalten – dann siehst du, welche Möglichkeiten es einfach alle gibt. Einige Paralleln gibt es auch bei Facebook.

Journalisten müssen bescheidener werden

Was mit Medien: Ich sehe aber auch noch ein weiteres Problem in den Diskussionen, die vor allem ältere Journalisten führen. Sie fürchten einen Verlust ihrer Deutungshoheit durch Twitter, Facebook und vielleicht auch Wikileaks. Wie sollte aber die perfekte Einstellung eines Journalisten aussehen?

Ken Doctor: Journalisten müssen bescheidener werden. Das ist hart, denn Journalisten haben große Egos. Wir teilen nur die Macht, die wir mal für uns alleine hatten. Als ich in den 90ern leitender Redakteur von einer Tageszeitung in St. Paul, Minnesota, war, erinnere ich mich noch an meine Aufgabe, die fünf Geschichten für die Seite 1 auszusuchen. Ich konnte entscheiden, welche Geschichte es in die Zeitung schaffte, und welche nicht. Ich dachte, dass ist eine großartige Macht. Wir hatten eine halbe Million Leser. Das war eine Gatekeeper-Funktion. Wir lebten noch in der Welt, als die Dinge gedruckt oder ausgestrahlt werden mußten.

Alle sind Gatekeeper

Heute sind wir alle Gatekeeper. Journalisten teilen sich diese Macht jetzt mit anderen. Jeder entscheidet jetzt, was er liest und nicht mehr weil, ein Redakteur entschieden hat, dies zu drucken oder auszustrahlen. Die Geschichten werden jetzt getwittert, gefacebookt und per Mail verschickt und jemand sagt, dass wir das lesen sollten. Diese diversifizierte Welt erschrickt natürlich, kann aber auch Mut machen, wenn ich verstehe, wie diese Welt funktioniert.

Was wir als Journalisten machen, ist auch weiter wichtig. In den Ländern der freien Presse gibt es die schöne Tradition, dass Leute dafür bezahlt werden, herauszufinden, was gerade passiert, ohne dabei wirtschaftlich oder politisch beeinflusst zu werden. Die meisten Leser verstehen das aber nicht. Das betrifft die Leser in Deutschland, aber auch die in den USA, in Großbritannien oder  Tokio. Journalisten müssen ständig geltend machen, was sie einzigartiges tun. Unser Job ist es, zu sagen was passiert, wir können Analysen anbieten und genau das ist, was wir machen. Wenn dein Freund dir sagt, dass er gehört hat, dass etwas in der Nachbarstraße passiert, dann ist das kein Journalismus.

Journalisten müssen sich im Chaos behaupten

Wir müssen geltend machen, dass die Funktion des Journalismus für jedes Viertel, für jede Gemeinschaft und für jede Demokratie wichtig ist. Journalisten dürfen sich jetzt nicht davon schleichen und sagen, dass sie nicht wissen, was ihr Job in dem ganzen Chaos noch soll. Sie müssen sich immer wieder behaupten und mit der richtigen Einstellung sagen, dass Twitter toll ist, dass Facebook toll ist und erklären, was sie machen und warum auch das toll ist.

Was mit Medien: Braucht der moderne Journalist noch seinen Verleger oder seinen Sender?

Ken Doctor: Ja, die werden noch benötigt! Lassen Sie uns das mal aus der Sicht der Leser anschauen. Leser oder Zuhörer können alles von allen Schreibern erhalten – durch eine App oder durch einen Podcast oder durch einen Blog. Keiner hat von uns die Zeit, all das zu finden, was wir eigentlich gerne lesen wollen. Die neue Rolle von Verlegern oder Sendern ist es, Talente zusammen zu bringen. Egal, ob es um Düsseldorf, um Technik oder um eine Fußballmannschaft geht. Verlage müssen den Lesern und genauso den Journalisten einen Mehrwert bieten. Das ist für Journalisten die Verteilungsmacht und eine gute Bezahlung. Dazu brauchen wir aber Verleger und Sendermanager, welche die moderne Welt verstehen, den Wert von einer guten journalisten Arbeit erkennen und wissen, wie Inhalte heute verbreitet werden. Das Verhältnis zwischen Verleger und Journalisten ist also weiter genauso wichtig, aber es ist inzwischen ein anderes Verhältnis.

Ken Doctor ist Medienanalyst und Autor des Buches “Newsonomics: Twelve New Trends That Will Shape the News You Get” und betreibt die Webseite Newsonomics.com. Er war Redakteur bei der Pioneer Press in St. Paul, Minnesota, und Manager bei Knight Ridder Digital. Er beobachtet den Wandel von Nachrichtenanbietern und glaubt, dass wir das Jahrzehnt der digitalen Nachrichten erreicht haben. Hierzu hat er 12 Nachrichten-Gesetzt formuliert, die auf seiner Seite nachzulesen sind.

Ulrike Langer hat für ihr Blog medialdigital.de ebenfalls ein sehr lesenswertes Interview mit Ken Doctor geführt, welches dieses Gespräch wunderbar ergänzt.

Tipp: Uns gibt es auch als RSS-Feed in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Hier gibt es unsere Texte aus dem Blog und hier gibt es unseren wöchentlichen Podcast.

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