Umbruch im Blätterwald (Foto: Flickr.com / carmichaellibrary)

Von Redaktionen und Fusionen – die Sparversuche der Verleger

Umbruch im Blätterwald (Foto: Flickr.com / carmichaellibrary)

Outsourcen, fusionieren, entlassen – seit die Auflagenzahlen sinken werden diese Begriffe von den großen Verlagen immer häufiger in den Mund genommen. Sie laufen alle auf ein Ziel hinaus: weniger Personal soll für weniger Gehalt ein Maximum an Leistung bringen. Welche Konsequenzen haben diese Sparmaßnahmen für die Qualität der Blätter und sind solche Schritte tatsächlich unvermeidbar? Daniel Fiene stellt fest: Wird zu viel gespart, gerät eine ganze Branche in Gefahr. Dieser Beitrag lief am 08. März im Rahmen der Serie “Umbruch im Blätterwald” im WDR 5 Morgenecho und kann auch online nachgehört werden.

VON DANIEL FIENE

Mann: “Die WAZ ist ja die einzige Zeitung hier in Herne – die hat ja keinen Einfluß mehr.” Frau: “Wissen Sie was? Ich überfliege die immer nur. Mein Mann liest die stundenlang.” Mann: “Die berichten nicht genau. Kann man vergessen”. Mann: “Ich fühle mich genauso gut informiert, weil alles immer ordentlich geschrieben ist. Das ist auch für Leute, die nicht studiert haben, verständlich. Das ist heutzutage ja wichtig.”

Stimmen aus dem Ruhrgebiet. Eine Region in NRW die von Verleger-Sparmaßnahmen in den letzten Jahren hart getroffen wurde. 2008 entschloss sich der WAZ-Konzern zu drastischen Sparplänen. Zahlreiche Lokalredaktionen mussten schließen. Rund 300 – also ein Drittel der Redakteure – mussten gehen. Die Gewerkschaften sprachen von Untergangsstimmung. Auf der Straße scheint dies heute bei den Lesern kaum eine Rolle zu spielen. Anders bei Thomas Austermann. Er war Sport-Chef der Lokalredaktion der Münsterschen Zeitung. Die Lokalredaktion wurde 2007 über Nacht komplett vor die Tür gesetzt. Verleger Lensing-Wolff entschied sich mit einer neuen jüngeren und vor allem günstigeren Mannschaft weiterzumachen. Diese neue Münstersche Zeitung liest Austermann heute nicht mehr.

„Ich weiß, wie da im Haus gearbeitet wird. Ich weiß, welche Tarife dort bezahlt werden und ich weiß, dass ich da nicht mehr arbeiten könnte.“ Thomas Austermann.

Das Entlassen und Outsourcing der Redaktion ist für Austermann der Höhepunkt der Probleme, die sich über viele Jahre aufgestaut haben. In den 80ern hatte das Medienhaus Lensing aus Dortmund die Münstersche Zeitung übernommen.

„Der große Verlag hatte nachher den Nachteil, dass uns nachher Leute vorgesetzt waren, die mit der Materie an sich wenig zu tun hatten. Wir waren von Menschen abhängig, die gar nicht aus Münster kamen, sondern aus dem Ruhrgebiet. Die hatten von dem, was in Münster passierte herzlich wenig Ahnung“, Thomas Austermann.

Wenn Manager das Sagen übernehmen und dabei stärker auf die Finanzen achten, sind Spannungen programmiert. Natürlich ist Rentabilität wichtig, sagt Professor Armin Scholl, Kommunikationsswissenschaftler an der Uni Münster, aber nicht um jeden Preis.

“Die Frage ist: Sind solche Streichungen ökonomisch notwendig, oder sind sie mehr oder weniger eine Art Luxus für den Verleger, die damit die Rendite in einer so großen Höhe halten wollen, wie es zu den besten Zeiten mal war.” Armin Scholl.

Sparen Verleger zu stark, ist Journalismus nicht mehr möglich, so Scholl.

„Da müssen Verleger genau drüber nachdenken, wie viele Streichung überhaupt möglich ist – ob eine Streichung der Abbau einer luxuriösen Redaktionsgröße ist, oder ob man damit eine Grenze unterschreitet, die qualitativen Journalismus nicht mehr zulässt.“ Armin Scholl.

Dem stimmt auch Stefan Weigel von Gruner und Jahr zu. Im Zuge der Medienkrise wurden die eigenständigen Redaktionen der Wirtschaftszeitungen, wie der Financial Times Deutschland oder von Capital, aufgelöst und in einer Zentralredaktion untergebracht. Den Vorwurf der inhaltlichen Austauschbarkeit lässt der stellvertretende Chefredakteur der Wirtschaftsredaktion aber nicht gelten.

„Ich habe das nie verstanden, weil wir eine Redaktion mit 250 Wirtschaftsredakteuren haben. Das ist ein so großer Hühnerhaufen, da hat man schon Schwierigkeiten, wenn man die für einen Titel auf Linie bringen möchte.“ Stefan Weigel.

Der leitende Gruner und Jahr Angestellte erklärt aber, dass die Umstellung auf die Zentralredaktion und die Schließung einzelner Standorte auch für Verlage keine Freude ist.

„Sie können nicht einfach so vielen Menschen kündigen und glauben, das geht so gut und das ist keine Belastung. Das ist für die Menschen, die eine Kündigung bekommen, ein riesen Schock, das ist aber auch für alle die da bleiben und das ganze abwickeln und organisieren müssen, eine hohe menschliche Belastung.“ Stefan Weigel.

Trotzdem müssen sich Verlage die Frage stellen, wie sie in Zukunft arbeiten wollen. Und zu den Antworten gehöre einfach eine Zentralredaktion, so Weigel.

„Ein reisen Vorteil ist, dass man flexibler bei der Personalplanung ist. Ein Ressortleiter hat jetzt mehr Redakteure zur Verfügung, als er das vorher hat. Die müssen zwar auch mehr machen, aber: Er kann Lücken die durch Urlaube oder Krankheit ausgleichen, in dem ein Kollege vertritt.“ Stefan Weigel.

Wie Gruner und Jahr hat auch der Kölner Verlag DuMont-Schauberg eine Zentralredaktion für seine Zeitungen gegründet. So soll nicht jede Redaktion des Kölner Stadt-Anzeigers, der Frankfurter Rundschau oder der Berliner Zeitung separat ein Thema von überregionalem Interesse bearbeiten – hier soll die Zentralredaktion zuliefern. Das ist nicht unproblematisch, sagt Kommunikationswissenschaftler Armin Scholl:

„Wenn man sich die Bedeutung der Frankfurter Rundschau ansieht, deren Bedeutung drastisch zurück gegangen ist, dann sieht man hier schon einen Verlust, in diesem Spektrum der überregionalen Zeitungen, der kaum kompensierbar ist.“ Armin Scholl.

Zu große Redaktionen sind in Zeiten sinkender Auflagen und sinkender Werbeerlöse nicht mehr finanzierbar. Die Herausforderung besteht für die Verleger darin, nicht zu sehr an den goldenen Zeiten nach zu hängen, und die Grenze zu erkennen, an der Sparpotential aufhört und der Imageverlust beginnt.

„Eigentlich sind die Sparmaßnahmen schon längst am Ende angekommen. Viel mehr zu sparen, erdrosselt den Journalismus. Dementsprechend werden sich die Verleger fragen müssen, ob sie überhaupt noch Journalismus haben wollen, oder ob das irgendetwas anderes ist. Ich kann das gar nicht benennen, was das sein soll, aber es nicht mehr das, was Journalismus einmal ausgemacht hat.“ Armin Scholl.

Zurück nach Münster. Thomas Austermann hat mit dem Thema Tageszeitung abgeschlossen. Er betreibt heute mit einem Ex-Kollegen die lokale Sportnachrichtenwebseite Echo Münster. Er ist froh, inzwischen auf das Internet zu setzen.

„Wir sind sehr flexibel. Wir haben auch unglaublich viele junge Leserschaften. Was Leistungssport angeht haben wir unglaublich viele junge Leute – und die lesen keine Tageszeitung mehr“, Thomas Austermann.

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Dieser Beitrag lief am 08. Februar 2011 im WDR 5 Morgenecho. Hier geht es zur Sendungsseite. Das WDR 5 Morgenecho ist werktags von 06:00 – 08:55 Uhr zu hören. Links: SenderSendungsseite – FrequenzenLivestream.

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WAZ (Foto: Flickr/DOGMA_85p)

WAZ sollen wir lesen? Das Zeitungsabo-Experiment (7)

Warum lesen junge Menschen Lokalzeitung? Wir machen ein Experiment: Der Auszubildende Hendryk (23) testet für zwei Wochen die WAZ. Die Ergebnisse veröffentlicht er in seinem Blog und hier bei “Was mit Medien.” Eine Einführung gibt es hier. Die nächsten Teile seiner Serie könnt ihr in den kommenden Tagen an dieser Stelle nachlesen.

VON HENDRYK SCHÄFER

Ich sollte in der nächsten Woche – es gibt ja keine Sonntagsausgabe, über die ich hätte berichten können, und die beiden Anzeigenblätter, die es stattdessen in Herne gibt, wollte ich dann doch nicht mit einer detaillierteren Erwähnung überschätzen – nicht so sehr zum kritischen Lesen kommen. Morgens fand ich nicht mehr genug Platz und Zeit auf dem Weg zur Berufsschule, um mich mit der WAZ auszubreiten und nach der Schule stand dann genug Stoff für die Berufsschule auf dem Plan. Irgendwann muss ja auch mal für Klausuren und praktische Arbeiten getan werden, und das nahm nun doch ein wenig zu viel Zeit in Anspruch. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: In Sachen Schule habe ich ein gutes Gefühl und in Sachen WAZ fand ich dann nur noch ein paar Dinge, die ich erwähnen wollte. Bevor es also endgültig zu langweilig wird, hier nun eine Zusammenfassung der Ereignisse der Woche vom 24. Januar bis zum 29. Januar.

Montag, 24. Januar 2011

Die WAZ kämpft wie zuvor mit dem Wochenende und meinem internetbedingten Wissensvorsprung. Davon abgesehen schlägt sie sich wacker und stürzt erst mit der Beilage ab: eine Leseprobe für „die aktuelle“. Etwas, was ich nie lesen will, nie, nie, nie. Von Dingen wie „Das süßeste Gerücht: Stephanie zu Guttenberg. Ein Baby“ will ich gar nicht erst wissen, Gerüchte kann ich selbst verbreiten! Ab ins Altpapier damit. Next!

Dienstag, 25. Januar 2011

Die WAZ hat ein Problem, ein Farbproblem. Mehrere Fotos haben einen kapitalen Gelbstich, manche Personen sehen arg hepatitisch aus. Dafür gibt es eine gut erzählte Reportage über die Auflösung eines Klosters infolge des Mangels an Geistlichen im Ruhrgebiet und einen sowohl vom Umfang als auch der Berichterstattung einseitigen Bericht über Korruption in nordrhein-westfälischen Behörden, der nur aus der Wiedergabe einer Studie von Pricewaterhouse Coopers und den Zitaten des zuständigen Mitarbeiters des Unternehmens besteht. Hochjournalistisch, das. Dankeschön. Next!

Mittwoch, 26. Januar 2011

Endlich (anscheinend ist nichts allzu Außergewöhnliches passiert) gibt es den ockerfarbenen Rahmen um das Titelbild wieder zu sehen, der Historiker Ralf Piorr (Herner werden ihn kennen) schreibt eine spannende Dokumentation über Lutz Gerresheim, der ein bekannter Fußballer hätte werden können, wäre er nicht vor über dreißig Jahren gestorben, und Arne Poll liefert mal wieder kein journalistisches Glanzstück ab. Man muss dazu sagen: Arne Poll fiel mir schon einmal negativ auf, als er im Kemnader See einen Kaiman gesehen haben wollte und darüber schrieb und eine Panik verbreitete, die Wellen schlug.

Nun also ließ Arne Poll sich für eine Reportage in die neueröffnete Herner Forensik einweisen, noch bevor sie von ihren endgültigen Insassen bevölkert werden sollte – was sich leider nicht online nachlesen lässt. Dabei fing die Reportage so gut an.

„Rumms. Die Tür fällt ins Schloss. Klack. Die kleine Luke schließt sich. Knick-Knack. Die Schlüssel drehen sich, zweimal. 22 Uhr. Für die nächsten Stunden bleibt nur noch der Blick durch die vergitterten Fenster. Die Aussicht könnte besser sein. Die Rundumsicht endet an einer fünf Meter hohen grauen Mauer. Regen prasselt gegen die Scheiben.
Zeit zum Nachdenken. Ich bin weggesperrt. Zurecht, heißt es draußen. Man fordert hartes Durchgreifen, mit aller Konsequenz. Ich habe eine schwere Straftat begangen. Vielleicht Brandstiftung. Vielleicht eine Frau vergewaltigt. Vielleicht ein Kind brutal ermordet. So genau weiß man das nicht.“

Und dann dieser Satz: „Ich spiele den psychisch kranken Straftäter nur“. Das merkte ich dann allem, was folgte, an. Er nutzte die Perspektive des Straftäters, um die Einrichtung und die nächtlichen Abläufe zu beschreiben, um zu erzählen, wie unheimlich sicher diese Anstalt ist, und ich sah in keinem Satz, dass er sich wirklich in einen der dort einsitzenden Straftäter in einer Weise einzufühlen vermochte, die über Kaffeesatzleserei hinausging. Er suggerierte, die in der Forensik einsitzenden Menschen (mehrheitlich Männer) wären latent stark suizidal, er erzählte vom Tagesablauf und brachte dabei Sätze wie „Anschließend Pauken für den Schulabschluss. Nur nicht zu gut dabei benehmen. Das wäre nicht normal.“, und ich konnte nicht glauben, dass er dafür auch nur fünf Minuten recherchiert hatte, um irgendwelche Vorurteile zu be- oder widerlegen. Ich hätte am liebsten sofort einen Leserbrief geschrieben, allein: Stehend im Bus ist das nicht wirklich effektiv. Die schöne Reportage über die Pilgerreise eines Herners und seiner Frau und seiner Mutter nach Mekka konnte da auch nichts mehr retten, Herrgottnocheins! Next!

Donnerstag, 27. Januar 2011

Der Tag sollte es in sich haben. Letztlich schaffte ich es bis Sonntagabend aus Gründen nicht einmal bis zum Interview mit Stefan Mappus (CDU), dem baden-württembergischen Ministerpräsident. Aber dann!
Das Mappus-Interview oder auch: „Mensch, Mappus!“ Dabei müsste es eigentlich eher „Was erlauben, Herr Reitz?“ heißen. Fragen über Fragen und keine einzige konnte Stefan Mappus ernsthaft in Bedrängnis bringen. Oder wurde alles andere nicht autorisiert? Es schien jedenfalls wie ein Heimspiel für Herrn Mappus, eine Wohlfühlfrage nach der anderen und kritische Nachfragen gab es keine. Jesses!
Dafür warf ich dann doch mal einen Blick in den Sportteil, ging es doch immerhin darum, dass einem Minderjähriger in Absprache mit seinen Eltern die Chance auf das Abitur auf dem ersten Bildungsweg verwehrt wurde, weil ein Fußballzampano das so wollte. Ohne mir dazu eine fundierte Meinung gebildet zu haben blätterte ich weiter und fand eine Seite, die ich in der Woche zuvor übersehen hatte: eine Seite voller Leserbriefe. Sonst schaffen es ja höchstens drei Leserbriefe pro Tag in die WAZ, aber nun gab es eine ganze Seite und sie trennte rigoros zwischen zwischen den Lesern, die Briefe (und E-Mails) schrieben und den Kommentaren bei DerWesten, wobei diese nur einen Bruchteil der restlichen Leserbriefe einnahmen. Ein bisschen überholt, diese Trennung, meines Erachtens, aber ich hoffe mal, die WAZ weiß, was sie tut.

Freitag, 28. Januar 2011

„Mirco ist tot“ – und wir sollten eine von allen mit Schrecken erwartete Klausur schreiben. Ich fand wie stets die Panik überbewertet, bin da aber auch kein Maßstab (shame on me!) und anstatt die von unserem „Englisch“-„Lehrer“ (nein, ich werde hier nicht erklären, weshalb ich Anführungszeichen setze!) zum Lernen freigegebene Unterrichtszeit (Zustände sind das!) zum Lernen zu nutzen, las ich WAZ. Zeit sinnvoll nutzen und so, you know? „Mirco ist tot“ und die WAZ machte, wie ich später sehen sollte, mit dem Bild (ohne Rahmen mal wieder) auf, mit dem fast alle Zeitungen aufmachten. Nu. Sonst fand ich keine Gründe für eine ernsthaftere Auseinandersetzung mit den Inhalten – bis auf das Fernsehprogramm (is ja wieder Freitag). Das lag dann aufm Wohnzimmertisch bis zum nächsten Freitag und trotz einer seltsam grimassierenden Kim Fisher aufm Titel. Next!

Samstag, 29. Januar 2011

Da ich über das Wochenende zu meiner besseren Hälfte verreist war, sollte ich diese Ausgabe ebenfalls erst am Sonntagabend sehen. Und lesen. Mit Schimanski im ockerfarbenen Kasten und nur einer kleinen Meldung über die Unruhen in Ägypten (Platz ist halt knapp, gerade wenn es dort in Ägypten erst ab 17 Uhr abends abgeht) fing es schon nicht so gut an, wurde aber besser, da die Proteste in Ägypten Tagesthema auf der zweiten Seite wurden, bis ich – mal wieder – von der „Generation Facebook“ las.
Mag mir vielleicht mal jemand die „Generation Tagesschau“ vorstellen oder lässt sich die ähnlich schwer eingrenzen, als dass der Begriff als solcher dafür ein Fehlgriff wäre? Zu sagen „Offenbar trägt das Internet dazu bei, dass die Islamisten ihr Monopol als Regimekritiker und Alternative zur Regierung verloren haben.“, ist so ein Blödfug, anders kann ich das gar nicht nennen. Da hat jemand nichts verstanden und vorher nicht zugehört, denn diese Stimmen sind nicht neu. Wer hat ihnen denn das Monopol gegeben? Einzig: Sie waren nicht so organisiert wie „die Islamisten“ und deswegen hat ihnen niemand zugehört. Aber genug der inhaltlichen Kritik an dieser Stelle, schließlich war das Interview mit NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) inhaltlich nicht besser als das Interview mit Stefan Mappus, nur dass sie es nicht nötig hatte, gegen irgendein Feindbild zu schießen, wie es bei Herrn Mappus und den Grünen der Fall gewesen war.

Damit schloss sich dann der Kreis. Zwei Wochen Abonnement auf Probe waren vorbei und ich sollte nach ein paar Tagen noch einen Brief bekommen, in dem ich gebeten wurde, doch mal bei der WAZ anzurufen. Ich gestehe, ich habe es noch nicht getan, aber das kommt noch. Bald. Immerhin ist der Anruf kostenlos.

Nu. So weit also meine Erfahrungen als temporärer Leser der WAZ. Es gäbe so viel, was ich mir wünsche, ich hätte durchaus mehr als nur Kritik anzubieten, doch das gibt es dann erst – ihr ahnt es schon – im nächsten (und dann auch vorerst fast letzten) Post.

Die Serie WAZ sollen wir lesen erscheint ab sofort auch auf “Was mit Medien”, nachdem Hendryk die Texte bereits in seinem Blog veröffentlichte, so auch diesen Teil 7. Den nächsten Text veröffentlichen wir am Dienstagmorgen.

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WAZ (Foto: Flickr/DOGMA_85p)

WAZ sollen wir lesen? Das Zeitungsabo-Exerpiment (6)

Warum lesen junge Menschen Lokalzeitung? Wir machen ein Experiment: Der Auszubildende Hendryk (23) testet für zwei Wochen die WAZ. Die Ergebnisse veröffentlicht er in seinem Blog und hier bei “Was mit Medien.” Eine Einführung gibt es hier. Die nächsten Teile seiner Serie könnt ihr in den kommenden Tagen an dieser Stelle nachlesen.

VON HENDRYK SCHÄFER

Es ist Samstag, der 22. Januar 2011, und meine Wenigkeit schläft aus. Endlich, muss ich hinzufügen. Als ich die Augen aufschlage, ist es draußen schon hell (das gab es an den Tagen zuvor nicht) und die WAZ liegt schon im Briefkasten (auch das war morgens um Fünf noch nicht der Fall). Ich hatte alle Zeit der Welt – und dann sollte es ums Zölibat und den einhundertfünfundzwanzigsten Geburtstag des Automobils gehen. Ich hatte Hoffnung.

Es war einer dieser Tage, an denen Ulrich Reitz, Chefredakteur der WAZ, Hüter desReitzthemas und mir aus unerfindlichen Gründen nicht sympathisch, einen Kommentar auf der Titelseite schreiben sollte.

Einschub, ich kann nicht anders

„Reitzthema“ ist alles, wozu Chefredakteur Reitz eine Meinung hat und kundtut. „Reitzthema“ war auch mal eine Veranstaltungsreihe, die Herr Reitz moderierte und sich so drängenden Fragen wie „Wie halten wir unseren Nachwuchs im Land?“ (PDF) widmete. Auf derwesten.de werden die verbloggten Kommentare bei reizthema.de jedenfalls wie folgt angekündigt: „Das Reitzthema ist diie (sic!) Seite für die großen gesellschaftlichen Debatten“.
Das musste ich natürlich überprüfen. Mein Ergebnis: 23 Beiträge (davon einer von einer Gastautorin) und insgesamt 64 Kommentare, wobei allein 20 sich auf den Beitrag „Stürzt Westerwelle, weil er schwul ist?“ stürzten. Anders gesagt: rund drei Kommentare pro Beitrag, wenn das mal nicht große gesellschaftliche Debatten sind. Aber genug davon, ich soll ja auch mal lieb sein. Und: Jeder hat mal klein angefangen.

Der Titel des Kommentars von Herrn Reitz war das, was auf der nächsten Seite mit „Fazit:“ eingeleitet worden wäre: „Ein netter Appell, aber Zölibat bleibt“, nur dass die Seite 2 zwischen „der“ und „das“ (Zölibat) hätte entscheiden müssen, aber gut, wir wollen ja nicht päpstlicher als der Papst sein. Nichstdestotrotz kam es auch hier zu eine folgenschweren Flüchtigkeitsfehler: Der Zölibat sollte laut Artikelende auf Seite 2 einen Kommentar haben und das Tagesthema sein. Dort fand sich dann aber nur eine Seite über Scheidungen im Alter als Tagesthema, was ebenso auf der Titelseite angekündigt worden war. Der Zölibat fand sich dann unter ferner liefen. Ohne Kommentar. … Das alles fiel mir aber erst später auf, hatte ich doch zuvor herzlich über den Sakurai, die politische Karikatur, gelacht.
Sonst gab es keine Auffälligkeiten, weder positive noch negative, jedenfalls nicht in den vier wochentagsüblichen Bücher. Sicher, der Who-was-there-Artikel im Lokalteil über die Forensik-Eröffnung war nichts Herausragendes und die Reportage über die Helfer des Technischen Hilfwerks, die die gestrandeten Schiffer auf dem Rhein bei St. Goar versorgen, war nicht von schlechten Eltern, aber nichts davon konnte meine Erwartungen über- oder untertreffen. Das sollte mir zu denken geben.

Zum Glück gibt es in der WAZ am Wochenende noch ein vollwertiges journalistisches Buch namens (wie sollte es auch anders sein) „Wochenende“. Kurz umrissen beínhaltete dieses Buch ein wenig von allem: ein fast ganzseitiges Bild, mit dem für eine andere Seite geworben wird, eine Seite Feuilleton mit Buchrezensionen, eine Seite Feuilleton, die sich anlässlich der tausendsten Folge hauptsächlich mit dem Entstehen des wochenendlichen Comicstrips „Dr. Bubi Livingston“ befasste – nichts Außergewöhnliches, wenn man so etwas schon über einen anderen Comic gelesen hat, aber dennoch immer ganz nett, wenn es nicht gerade miserabel geschrieben ist – einer Doppelseite „Panorama“ mit einem Interview über die Zukunft des Autos (natürlich mit einem ehemaligen Automobilmanager) und unter anderem der Kolumne „netzhaut“ der von mir sehr geschätzten Chefin von Dienst am Online-Desk Katrin Scheib (@kscheib), auch wenn ich nicht ihrer Meinung war, einer Kinderseite (die nichts mit der lokalen Kinder- und Jugendseite zu tun hat, für welche ich dammals™ geschrieben hatte) und einer Wissensseite mit für mich unnützem Wissen. Zuletzt dann das „Kaleidoskop“ oder auch „Irgendwohin müssen die Farbcomics, Kreuzworträtsel und Sudokus ja hin“. Müssen sie ja auch – und seitdem der Wochenend-WAZ die Auto-Seite mit den Autotests abhanden gekommen war, wurde das meine Lieblingsseite im Wochenend-Buch, weil sie mich nie mit uninteressanten Geschichten langweilen konnte – und weil die Kombination aus „Dr. Bubi Livingston“„Frühreif!“ und„Touché“ (gerade Touché!) einfach unschlagbar ist.

Was dann noch die Zeitung so dick machen sollte, interessierte mich nicht weiter. Ob „ReiseJournal“, „Gesund & Aktiv“ oder Stellenanzeige, diese „Verlagssonderveröffentlichungen“, die bisweilen vor Werbung nur so strotzen, lese ich dann mal, wenn ich sie brauche. Jedenfalls nicht heute.

Heute, und das war in dem Fall an jenem Samstag, fehlte mir etwas, etwas Wichtiges. Ich konnte es nicht greifen, aber das sollte noch kommen, obwohl ich es schon länger gespürt hatte und mich schon oft darüber ausgelassen hatte, es sollte eigentlich auch nichts Neues sein, aber nu. Davon will ich später erzählen, und auch nicht im nächsten Post, sondern erst im übernächsten. Ich sollte in der nächsten Woche nämlich nicht mehr so sehr zum Lesen kommen, aber das erzähle ich im nächsten und vorletzten (ja, es geht zu Ende mit mir bzw. dieser Reihe) Post.

Die Serie WAZ sollen wir lesen erscheint ab sofort auch auf “Was mit Medien”, nachdem Hendryk die Texte bereits in seinem Blog veröffentlichte, so auch diesen Teil 6. Den nächsten Text veröffentlichen wir am Dienstagmorgen.

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WAZ (Foto: Flickr/DOGMA_85p)

WAZ sollen wir lesen? Das Zeitungsabo-Experiment (5)

Warum lesen junge Menschen Lokalzeitung? Wir machen ein Experiment: Der Auszubildende Hendryk (23) testet für zwei Wochen die WAZ. Die Ergebnisse veröffentlicht er in seinem Blog und hier bei “Was mit Medien.” Eine Einführung gibt es hier. Die nächsten Teile seiner Serie könnt ihr in den kommenden Tagen an dieser Stelle nachlesen.

VON HENDRYK SCHÄFER

Thank God it’s friday! Sollte dieser schöne Spruch auch für die WAZ gelten? Für einige Herner sicherlich nicht. Nach zehn anstrengenden Jahren der Diskussionen und Klagen sollte an diesem Tag die Forensik in Herne eingeweiht werden, auch sonst schien sich endlich mal wieder ein wenig mehr Weltbewegendes ereignet zu haben, und es gab mal wieder Platz für ein Bild samt Rahmen.

Auf dem Titel hieß es noch so schön „Drei Skandale erschüttern die Bundeswehr“ und dies sollte auch das Tagesthema sein, allein „Guttenberg unter Beschuss“ als Titel des Beitrag auf der zweiten Seite war dann doch sehr … humorvoll?! Hätte man dann nicht im Rahmen des mutmaßlichen Missmanagements bei der Deutschen Bahn in Sachen Verkehrsminister Ramsauer (CSU) titeln können „Ramsauer unter die Räder gekommen“? Diese gewitzte Seite an der WAZ war mir dann doch neu.

Ebenso humorvoll war es auf der nächsten Seite um einen kurzen Bericht über Oktopus Paul geschehen – Sie erinnern sich, die lebenden Calamares, denen man hellseherisches Talent in Sachen Fußball zugedichtet hatte – beziehungsweise um dessen Bestattung (ja, er ist tot, aber so ist das ja bisweilen mit Überbringern schlechter Nachrichten). Dort hieß es dann im Untertitel „Die Bestattung des Tintenfischs gerät zum Medienspektakel. Noch einmal beherrscht der Orakel-Kraken die Schlagzeilen“ und ich kannte da jemanden, der dazu beigetragen hatte. Wer das sein sollte, das spielt hier keine Rolle, aber ich denke, es reicht zu wissen, dass dies keine Agenturmeldung war.
Auf die nächste Rhein-Ruhr-Seite sollten es – welch‘ außergewöhnliche Prominenz! – gleich zwei Meldungen mit direktem Herner Bezug schaffen. Zum einen gab es einen Hauch von Gerichtsberichterstattung, weil eine Gruppe Herner Jugendlicher auf einem für Cruising sehr beliebten Rastplatz schwule Männer überfallen und ausgeraubt hatte, zum anderen schaffte es die Eröffnung der Forensik auf diese Seite, mit dem sehr passenden Titel „Herne, die Klinik und die Angst“. Man male sich dazu doch mal ein Altar-Tryptichon aus, welch‘ Gaumenfreuden kämen da wohl auf? Sehr treffend fand ich auch, dass es ein Zitat schaffte, in rot und größer hervorgehoben zu werden, welches so typisch für jede Debatte über unangenehme Notwendigkeiten ist: „Warum ausgerechnet hier bei uns, in Wanne-Eickel?„
Einmal davon abgesehen, dass es „Wanne-Eickel“ statt „Herne“ hieß, was wiederum Anlass genug böte für eine mehrbändige Anthologie über das gespaltene Verhältnis der Bewohner Hernes, welche in den Stadtteilen Wanne und Eickel leben, zu den Rest-Hernern, zeigte es doch wunderbar ein sehr übliches Verhältnis vieler Menschen zu so vielen Dingen: Ob es jetzt Atomkraftwerke, Mobilfunkmasten oder eben forensische Kliniken sind, ob sie jetzt gut- oder schlechtgefunden werden, es ist alles zweitrangig, sofern es nicht in unmittelbarer Nachbarschaft steht. Atombombenversuche – nein, danke, jedenfalls nicht in meinem Garten!

Doch abgesehen davon schaffte es dieser Mantelteil, ein paar Geschichten zu beleuchten, die mir durch’s Raster gefallen waren – weil ich manche Seite nicht abonniert hatte, weil sie anderswo nicht auftauchten, weil, weil, weil. Insofern war es bis dato, und bis zum Ende dieses Teils, die beste Ausgabe der WAZ für diese Woche. Dass sie mich nicht in allem zu interessieren vermochte, sei geschenkt, das ist nunmal die Natur der Sache, wenn noch mehr Leser angesprochen werden wollen.

Auch der Lokalteil machte seine Sache gut: Die Eröffnung der Forensik war das Tagesthema für Herne, also wurde auch sehr breit und umfangreich darüber berichtet, Chapeau, und auch die Überfälle auf Homosexuelle fanden ein umfangreicheres Echo als im Mantelteil. Kaum jedoch war der Lokalteil vorbei, war es wieder da, das Loch namens „Schludrigkeit“. Eine ganze Seite vergeudet, weil sie am Tag zuvor schon erschienen war. … Meine liebe Damen und Herren, ich kenne es ja auch, dass ich Banalitäten übersehe, wenn ich zu sehr und lange schon an einer Sache arbeite – aber fällt es da niemandem auf, wenn die ganze Seite „Hochschule“ erneut abgedruckt wird, führt da niemand Buch über die Geschichten, die schon erschienen sind? Sowas ist einfach nur ärgerlich!

Und sonst? Nix sonst. Das vierte Buch hab‘ ich dann nur noch gelangweilt durchgeblättert, war nicht so wirklich interessant für mich. Nu. Nur eines war da noch, was mich doch ein wenig positiv stimmte: Ich hatte ja die halb abgebrochenen Titel bei DerWesten.de bemerkt und daraufhin auch @DerWestenBochum, den DerWesten-Twitteraccount für Bochum, Herne, Castrop und Gedöns angeschrieben. Ich hatte nicht wirklich mit einer Reaktion gerechnet, hatte ich diesen Account doch bis dato mit einer Ausnahme nur als weiteren Publikationskanal wahrgenommen. Das änderte sich dann an diesem Tag, nahm man sich meiner Klage an und korrigierte, was es zu korrigieren gab. Merci.

Ebenso ein Dank für die Freitagsbeilage rtv, die mitfinanzierte Fernsehzeitschrift. Sicher, sie ist nichts weltbewegend Gutes, nicht schön, nicht anspruchsvoll, voller Werbung für Abführmittel, Treppenlifte und andererlei Tand, der mich nicht anspricht, nicht einmal aus Mediengestaltersicht, höchstens abstoßend, aber darum geht es ja auch nicht. Es ist eine rudimentäre Fernsehprogrammzeitschrift für eine Woche und dafür reicht es. Das Wochenende konnte nun kommen, und damit die umfangreichste Ausgabe der WAZ, die aber dann erst im nächsten Post.

Die Serie WAZ sollen wir lesen erscheint ab sofort auch auf “Was mit Medien”, nachdem Hendryk die Texte bereits in seinem Blog veröffentlichte, so auch diesen Teil 5. Den nächsten Text veröffentlichen wir am Freitagmorgen.

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WAZ (Foto: Flickr/DOGMA_85p)

WAZ sollen wir lesen? Das Zeitungsabo-Experiment (4)

Warum lesen junge Menschen Lokalzeitung? Wir machen ein Experiment: Der Auszubildende Hendryk (23) testet für zwei Wochen die WAZ. Die Ergebnisse veröffentlicht er in seinem Blog und hier bei “Was mit Medien.” Eine Einführung gibt es hier. Die nächsten Teile seiner Serie könnt ihr in den kommenden Tagen an dieser Stelle nachlesen.

VON HENDRYK SCHÄFER

Dass der Donnerstag sich vom Donnergott Thor ableiten lässt, kann ich gut verstehen. Auch ich zürnte an diesem 20. Januar – einem Donnerstag. Hatte Steve Jobs am Tage zuvor schon der nach unten offene „Muss das sein?“-Skala einen nie gekannten Tiefpunkt hinzugefügt, versuchte sich Familienministerin Kristina Schröder nun an einer Senkung des Tiefpunktes, scheiterte aber doch knapp an der weniger mangelnden Relevanz für deutsche Verhältnisse. Immerhin konnte ihr Frau Sarrazin weiterhelfen und gemeinsam schoben sie Steve Jobs auf das silberne Treppchen. Aber der Reihe nach.

Endlich war er wieder da, der ockerfarbene Rahmen um das Aufmacherbild (Frau Schröder mit leichtem Babybauch, immerhin muss ein „Mutter Ministerin, geht das?“ ja auch angemessen besymbolbildert werden), wie hatte ich ihn vermisst. Inhaltlicher Aufmacher hingegen war der dafür recht kurze Bericht über Bürgerproteste gegen Gasbohrungen im Münsterland. Da es um Gasauslösung aus Steinkohlevorkommen ging, stellte es ein wohl ideales Thema für eine „Zeitung des Ruhrgebiets“ (Eigenaussage der WAZ, blickt mich jeden Morgen an, straft mich an zu vielen Morgenden Hohn) dar, sollte aber nur noch von einem kurzen Kommentar auf der zweiten Seite begleitet werden. Schade.
Dafür gab es dann eine Seite über Frau Schröder als erste schwangere Bundesministerin (stimmt, allerdings waren schon unter anderem in Spanien und Frankreich Ministerinnen schwanger) und Abgeordnete mit Kindern. Irgendwie mir ein wenig zu unwichtig für das Tagesthema. Ähnlich wie bei Steve Jobs fragte ich mich ernsthaft, ob es sonst keine Probleme in und mit der Welt gäbe.

Andere Probleme gab es anscheinend nicht, anders hätte ich mir ein annährend ganzseitiges Porträt über Ursula Sarrazin, die nicht minder medial umstrittene Frau von Thilo Sarrazin (der Name ist mittlerweile wohl selbsterklärend, oder?) nicht erklären können. Ich kam nicht umhin nachzufragen, mit welcher Berechtigung Berlin nun ins Ruhrgebiet verlegt wurde, befand sich dieses Porträt doch mitsamt eines Berichts, der die Kritik an Frau Sarrazins Kritik am Schulsystem und allem abbildete, auf der ersten „Rhein-Ruhr“-Seite, also Seite 3. Die Antwort seitens DerWesten über den Twitter-Account war kurz und bündig (wie das Tweets so an sich haben): „@pillenknick – die Print-Kollegen argumentieren, dass das Thema regionalisiert war durch Gespräche mit Bildungs-Experten aus der Region“.

@pillenknick – die Print-Kollegen argumentieren, dass das Thema regionalisiert war durch Gespräche mit Bildungs-Experten aus der Region
21 Jan via webDerWesten
DerWesten

Ich hab‘ mir das mal angeschaut: Es hieß nichts anderes als dass der Dortmunder Bildungsforscher Wilfried Bos, sagen durfte, dass die Iglu-Studien bei den Viertklässlern gute Ergebnisse zeigten und der Vorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (NRW) anmerken durfte, dass Pauschalkritik nicht sinnvoll sei. Ach nee. 25 Zeilen Ruhrgebiet rechtfertigen eine ganze Seite über eine Lehrerin aus Berlin, die dadurch in die Schlagzeilen kam, dass sie die Frau eines Populisten und als Lehrerin nicht besonders beliebt ist.
Unter dem Gesichtspunkt „Regionalisierung“ könnte man eigentlich dann auch die Unruhen in Ägypten auf Seite 3 holen, es gibt doch garantiert an irgendeiner Ruhrgebietsuni einen Soziologen, der schon mal in Ägypten war und die hiesigen Verhältnisse für nicht vergleichbar hält. … Da hilft es auch wenig, eine sehr schöne Reportage über „Graffiti aus Wolle“ abzudrucken und auch die Seite „Politik Extra“, die ausführlich u.a. die Lebensmittelkrise in Indien beleuchtet, ist da nur ein kleiner Trost. Immerhin gab es fünf Geburtsanzeigen – und eine lokale Topstory, die man alle paar Jahre wiederholen kann: Wunschkennzeichen. Und schön die Leser nach ihrer Lieblingsgeschichte rund um Kennzeichen fragen, schön die Leser einbinden, dann fühlen die sich ernstgenommen.

So leid es mir auch für die restliche Ausgabe tut: Mit den miserablen Anfang des Mantelteils war der Morgen für mich versaut, mein Blutdruck bestimmt jenseits von Gut und Böse und der Kaffee auf. Versöhnung kam dann erst mit einem Werbeinterview für Konrad Beikirchers neues Programm. Aber den mag ich ja eh.
Auf ein Neues, mit dem nächsten Post.

Die Serie WAZ sollen wir lesen erscheint ab sofort auch auf “Was mit Medien”, nachdem Hendryk die Texte bereits in seinem Blog veröffentlichte, so auch diesen Teil 4. Den nächsten Text veröffentlichen wir am Freitagmorgen.

Tipp: Uns gibt es auch als RSS-Feed in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Hier gibt es unsere Texte aus dem Blog und hier gibt es unseren wöchentlichen Podcast.

WAZ (Foto: Flickr/DOGMA_85p)

WAZ sollen wir lesen? Das Zeitungsabo-Experiment (3)

Warum lesen junge Menschen Lokalzeitung? Wir machen ein Experiment: Der Auszubildende Hendryk (23) testet für zwei Wochen die WAZ. Die Ergebnisse veröffentlicht er in seinem Blog und hier bei “Was mit Medien.” Eine Einführung gibt es hier. Die nächsten Teile seiner Serie könnt ihr in den kommenden Tagen an dieser Stelle nachlesen.

VON HENDRYK SCHÄFER

Mittwoch ist Niemandsland. Das nachrichtenreiche Wochenende mit der kräftigen Montagsausgabe ist längst vergessen und das Wochenende ist noch viel zu weit. Es braucht etwas, um diese Zeit zu überbrücken, und was macht sich da besser als ein guter Aufmacher? Die Leuten wollen unterhalten werden, sie müssen doch durchhalten. Brot und Spiele, oder auch: Kaffee und Zeitung. Rede ich wirr? Kann sein, der 19. Januar ließ mich sehr verstört zurück, und das von Anfang an.

Ich erkannte die WAZ nicht wieder. Hätte da nicht fett zuoberst „WAZ“ in roten Lettern geprangt, es hätte jede x-beliebige Zeitung sein können. Kein gerahmtes Titelbild, stattdessen eine Nachricht über die Nichtermittlung gegen den Duisburger OB Sauerland und den Chef des Loveparade-Veranstalters Lopavent. Darunter: „Gericht stürzt Rot-Grün in Krise“ und fünf NRW-Köppe (KraftLöhrmannRöttgenBahrZimmermann; Partei-, Fraktions- und sonstwelche Chefs oder Ministerinnen der Landtagsfraktionen), eine elliptisch dramatisierende Überschrift in größter Schriftgröße, zack, wenn das nicht Leser lockt, da ist eine einheitliche Gestaltung kein Muss, gleichwohl – das kann ja auch sein – diese Beliebigkeit in der Titelgestaltung ja auch Konzept sein kann. Ich sollte da mal nachfragen.

Dabei hätte die WAZ fast entsorgt bevor ich sie gelesen gehabt hätte. Steve Jobs‘ Krankenschein sollte DAS Tagesthema sein? Obendrein hatte ich bei der dazugehörigen Schlagzeile „Der kranke Alleinherrscher“ zunächst an Fidel Castro gedacht. Ja, nee, is klar. Und sonz so?
Dass dieser Krankenschein dann wirklich die ganze zweite Seite bekam, war nicht besser. Laaangweilig, alles schon mal gehört, zuletzt erst als Steve Jobs zuvor eine Auszeit genommen hatte. Dennoch gab es Positives zu vermelden, nämlich die nachfolgende Seite, die sich völlig um die einstweilige Anordnung drehte, nach welcher die Landesregierung keine weiteren Kredite für den Nachtragshaushalt aufnehmen dürfe. Steve Jobs aber wegen eines Krankenscheins zum Tagesthema zu machen, das ist übel. Nicht jede Mücke hätte zum Elefanten werden müssen, bloß weil sie einen angebissenen Apfel tätowiert hat. Dieser Mittwoch fing einfach furchtbar an und er sollte nicht besser werden, auch wenn dann irgendwann der Einfluss der WAZ auf den Tag schwand. Gleichwohl hätte dieser Morgen besser beginnen können, zum Beispiel mit einem bisschen mehr Relevanz.

Für eines muss und will ich dann aber doch einmal Lob aussprechen – ja, auch das kann ich, auch wenn ich da von der Mentalität wohl eher (mit Grüßen an Herrn Jakubetz und sein tolles Journalismus-Ausbildungsbuch) Niederbayer bin: „Ned gschimpft is globt gnua“. DieWAZ blieb, auch wenn die Unruhe in Tunesien schon ein paar Tage alt waren, an dem Thema dran, eine ganze Seite drehte sich um Akademikermangel in der arabischen Welt und die Probleme der tunesischen Jugend, gut so! … Den Umstand, dass ich dieses Verhalten für eine gute Zeitung eigentlich für selbstverständlich halte, wollen wir mal dezent verschweigen.

Aber genug geschwiegen, im Lokalteil gab es doch noch etwas zu sagen – und es gab auch etwas zum Lokalteil zu sagen, nicht allzu viel, aber doch ein bisschen, fand ich es doch im ersten Moment symptomatisch, was sich da Diskrepanz zwischen Print und Online nannte. Dass das Interview vom Vortag mit Herrn Wissmann online länger war, ist geschenkt, online gibt es keine Platzbeschränkung. Dass es sich mit dem Herner Lokalteil umgekehrt verhalten sollte, konnte ich da noch nicht ahnen. Schon am Vortag – RSS-Feed sei Dank! – bekam ich eine kurze Meldung zugesandt: „Herne taucht“ und die Nachricht wurde dann mit den Worten „Die Stadt Herne ist jetzt mit einem eigenen Auftritt im Internet-Netzwerk Facebook vertreten.“ Irgendetwas schien dort nicht so ganz zu passen. Am Mittwoch wusste ich dann auch, woran es hakte: an vier Wörtern, „in Soziale [sic!] Netzwerke ein“. Zack, jetzt stimmte es.
Es dauerte dann aber doch bis zum Freitag, bis sich an diesem Missstand im Netz etwas auf mein Nachfragen änderte und das war – irgendwie traurig genug, dass ich es für so außergewöhnlich hielt – eine durchweg positive Überraschung. Eh schon nicht gerade bester Stimmung setzte ich folgenden Tweet ab und rechnete mit dem Schlimmsten.

@DerWestenBochum Hallo, könnt ihr bitte mal einen Blick auf die Herner Titel werfen? Die brechen teilweise mittendrin ab.

21 Jan via TweetDeck
Hendryk Schäfer //pillenknick

Es wurde mir nicht gewährt, das Schlimmste. Ich bekam eine Antwort und es wurde korrigiert und ich war begeistert. … Manchmal sind es doch die schlichten Dinge, die mit Glück erfüllen.

Wenn da nur nicht das Känguru „Erst ab 18!“ gewesen wäre. Auf der ersten Seite des Lokalteils fand sich oben rechts, und das ist eine Tradition, mit der ich groß geworden bin, die kurze Glosse „Zum Tage“. Mal lese ich sie, mal lese ich sie nicht und manchmal stelle ich fest, dass eine Glosse nun zum wiederholten Male gedruckt wurde, wie in diesem Fall. Nichts Dramatisches, nur ärgerlich für alle Beteiligten, die Leser und die Redakteure. Hätte halt nicht sein müssen. Wurde dann auch bemerkt und sollte dann am darauffolgenden Tag kommentiert werden.

Was dagegen noch an diesem Tag kommentiert wurde, war der Umstand, dass der NDR für die Ausstrahlung des Eurovision Song Contests (ESC) 500 Ehrenamtliche suchte. Einen Bericht will ich diesen Text nicht nennen, dafür ist er zu einseitig. Zwei Kritikern der NDR-Planung wurde viel Raum gegeben, um den Einsatz der Freiwilligen in aller Breite zu kritisieren und als einzige Gegenmeinung durfte der NDR-Projektleiter des ESC kurz sagen, dass es ohne die „Volunteers“ nicht ginge, und dass es nur das „einzigartige Flair“ als Bezahlung gebe. Wo waren da die Stimmen der WAZ, die den breiten Einsatz der ehrenamtlichen Helfer der Kulturhauptstadt RUHR.2010 lautstark kritisierten? Ich kann mich nicht an einen derartigen Vorgang erinnern, würde mich aber gerne über Gegenbelege freuen. Gerne auch vor dem nächsten Post.

Die Serie WAZ sollen wir lesen erscheint ab sofort auch auf “Was mit Medien”, nachdem Hendryk die Texte bereits in seinem Blog veröffentlichte, so auch diesen Teil 3.

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WAZ (Foto: Flickr/DOGMA_85p)

WAZ sollen wir lesen? Das Zeitungsabo-Experiment (2)

Warum lesen junge Menschen Lokalzeitung? Wir machen ein Experiment: Der Auszubildende Hendryk (23) testet für zwei Wochen die WAZ. Die Ergebnisse veröffentlicht er in seinem Blog und hier bei “Was mit Medien.” Eine Einführung gibt es hier. Die nächsten Teile seiner Serie könnt ihr in den kommenden Tagen an dieser Stelle nachlesen.

VON HENDRYK SCHÄFER

Niemand bekommt eine zweite Chance einen guten ersten Eindruck zu machen, es sei denn, das Gegenüber hat Alzheimer oder ist dement. Manchmal gelingt es dennoch, einem ersten Eindruck ein völlig gegensätzliches weiteres Handeln gegenüberzustellen – wenn man die Chance auf einen zweiten Eindruck bekommt, und die wollte ich der WAZ dann doch einräumen. Siebzehn gemeinsame Jahre wollte ich dann doch nicht wegen eines missglückten Neuanfangs über den Haufen werfen.

Wir schrieben Dienstag, den 18. Januar 2011. Statt wie noch am Vortag die WAZ einfach so aus dem Briefkasten fischen zu können, musste ich mir den Schlüssel holen, gab sich das Totholz doch bockig. Das Ende vom Lied: eine verpasste U-Bahn und ein anderer Weg zur Berufsschule. Dafür sah der Titel gut aus: Ein gutes Foto im wiedererkennbaren ockerfarbenen Kasten mit nebenstehender ocker hinterlegter Titelzeile und Untertitel. Nicht mein Fall, aber definitiv markant – und eine optische Analogie zur Startseite von DerWesten.de. Für WAZ-Verhältnisse sah die Seite 1 richtig gut aus, wenn man von Detailfehlern mal absieht (wie ein nicht rahmenfüllendes Titelbild, aber das sind wohl Mediengestalterleiden). Doch es musste weitergehen.

Das Tagesthema war eine Studie von NRW-Arbeitsministerium und Bundesamt für Integration, welche Alltag und Einstellungen von muslimischen Migranten untersucht hatte, die ganze zweite Seite, abgesehen von den obligatorischen Spalten für Kommentare bzw. Presseschau, Leserbriefen, Glosse und Impressum, widmete sich diesem Thema. Dabei fiel mir auf, was wohl irgendwie ein Trend zu sein scheint: Artikel, die nur aus Frage und Antwort bestehen, aber kein Interview sind. Die erste Rhein-Ruhr-Seite widmete sich dem Thema „Besser essen“. Nicht unbedingt ein originäres Ruhrpottthema, aber definitiv auch in Zeiten der Cholera des Dioxins in Eiern ein Thema für die hier lebenden Lesenden.

Ein Fall für die Kategorie „Unnötig und ärgerlich“ waren zwei Meldungen, wie sie ähnlicher kaum hätten sein können. Zunächst hieß es „Kirchenkreis bunkerte 50 Millionen“, zwei Seiten weiter stand dort „Heimliches Kirchen-Geld“, ja, „Kirchen-Geld“, mit Bindestrich. Nicht schön, aber erlaubt. Die beiden Nachrichten als solche berichteten von demselben Ereignis, nur dass eine mit knapp 20 Zeilen nur etwa halb so lang war wie die andere, aber das machte nichts: Es waren zwei Agenturmeldungen, einmal von dapd, einmal von epd. Unnötig, das, und ärgerlich. Was für eine Papierverschwendung!

Darüber hinaus gab es keine Auffälligkeiten – gut so. Wobei: Da war ja noch der Herr Wissmann. Matthias Wissmann, Präsident des Verbands der Automobilindustrie, hochdynamisch auf dem Fahrrad abgebildet, ließ mich im Interview dann doch stutzig werden lassen, und um das zu verstehen, muss ich zitieren (möge das Leistungsschutzrecht, so es kommt, mir dies nicht verwehren, immerhin will ich die Aussagen nicht aus allzu viel Zusammenhang reißen):

Der Autobranche geht’s wieder richtig gut. Ist die Industrie über den Berg?
Es gibt durchaus noch Risiken. Unsere große Sorge sind die unsicheren Rahmenbedingungen auf den Finanz- und Rohstoffmärkten. Monopolistische Strukturen bei der Eisenerzförderung treiben die Stahlpreise hoch, und China schottet den Markt für seltene Erden ab, auf die die Industrie angewiesen ist. Die EU-Kommission muss hier deutlich aktiver werden und diesen Entwicklungen entgegentreten. Nötig ist auch eine stärkere Verknüpfung von Entwicklungshilfe und Rohstoffsicherung. Wir können nicht Entwicklungshilfe zahlen und zusehen, wie sich andere Länder – etwa China in Afrika – immer stärker den Zugang zu den Rohstoffen sichern.

Und dann: nächster Absatz, nächstes Thema: – die Sabine-Christiansisierung der Interviews jetzt auch in der Zeitung (obwohl: so neu ist es auch nicht), der Themenwechsel, wenn es nachzuhaken gälte – Sind eine Million Elektroautos bis zum Ende des Jahrzehntes realistisch, ja oder nein?
Stop, stop, stop, stop, stop: Hat Matthias Wissmann gerade den Kolonialismus zur Aufgabe der Entwicklungspolitik erklärt? Entwicklungshilfe durch systematische Ausbeutung? Hallooo, jemand zuhause? Oder hab‘ ich ihn da einfach nur missverstanden?
Und noch ein symptomatisches Phänomen, festgestellt bei der Recherche zu diesem Beitrag: Es gibt auf DerWesten.de eine wesentlich längere Version des Interviews, ohne dass der Leser dies in der gedruckten WAZ erfährt. Absicht, Versehen oder einfach nur unbedacht?

Den Sportteil überging ich, wie so oft und den Lokalteil fand ich auch nicht übermäßig spannend. Nichts, was ich nicht unbedingt vermisst hätte, wenn da nicht die Seite „Aus der Region“ gewesen wäre. Seit es sie gibt, weiß ich nicht, was ich von ihr halten soll. Soll ich sie in einem Anfall von Regionalpatriotismus gutfinden, weil sie endlich mal den Blick über den Tellerrand der eigenen Stadt hinauswirft, oder ist das einfach nur Blödsinn, weil es völlig irrelevant für mein Leben in Herne ist, dass das gesamte Streusalz in Gelsenkirchen nur für zwei Tage gereicht hätte? Ich kann mich nicht entscheiden, und es wird nicht besser mit jeder weiteren dieser Seiten, die da kommt.
Nur bezüglich einer Sache merkte ich, wie sehr ich die WAZ vermisst hatte: Wie hatten mir die Familienanzeigen gefehlt, oder, um es drastischer auszudrücken: acht Traueranzeigen, eine Geburtsanzeige und eine halbe Hochzeit; durchschnittlich empfunden. Woher sonst soll ich denn erfahren, welche entfernten Bekannten schon wieder verstorben sind? Und warum gibt es da eigentlich noch keine Onlinelösung?

Nur so viel: Der Mittwoch sollte mir diese Fragen nicht beantworten, dafür aber neue aufwerfen. Doch davon mehr – in dem nächsten Post.

Die Serie WAZ sollen wir lesen erscheint ab sofort auch auf “Was mit Medien”, nachdem Hendryk die Texte bereits in seinem Blog veröffentlichte, so auch diesen Teil 2.

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WAZ (Foto: Flickr/DOGMA_85p)

WAZ sollen wir lesen? Das Zeitungsabo-Experiment (1)

Warum lesen junge Menschen Lokalzeitung? Wir machen ein Experiment: Der Auszubildende Hendryk (23) testet für zwei Wochen die WAZ. Die Ergebnisse veröffentlicht er in seinem Blog und hier bei “Was mit Medien.” Eine Einführung gibt es hier. Die nächsten Teile seiner Serie könnt ihr in den kommenden Tagen an dieser Stelle nachlesen.

VON HENDRYK SCHÄFER

Ich bin, weiß Gott, kein einfacher Zeitungsleser, im Gegenteil, ich bin wahrscheinlich sogar ziemlich anstrengend, weil ziemlich schwer zufriedenzustellen. Das will ich einfach mal vorweg schicken. Ich bin, wie bereits geschrieben, mit der WAZ aufgewachsen, entfremdete mich von ihr – und sie wohl auch von mir, aber so ist das wohl, wenn man nicht miteinander redet – und begann nun am 17. Januar den Selbstversuch „WAZ sollen wir lesen“, indem ich einen lange gehegten Gutschein über ein zweiwöchiges Probeabonnement einlöste. Dies ist mein Rückblick auf den ersten Tag dieses Experiments unter Alltagsbedingungen.

Am Montag, dem 17. Januar, gelang es mir, fast schon unerwartet, die WAZ einfach so en passant auf dem Weg zur Berufsschule aus dem Briefkasten zu ziehen – etwas, was mir am darauffolgenden Dienstag misslingen sollte, weswegen ich wegen meines Dranges nach Zeitung meine ursprünglich geplante U-Bahn verpasste – doch ich sollte noch bis in der U-Bahn warten müssen (die Dunkelheit der Nacht in den Straßen, you know?), bis ich einen detaillierteren Blick in die WAZ werfen können durfte.

„Vater Hübner ist zurück“, der optischer Aufmacher, stieß mich erst einmal ab. Gut, ich erkannte die WAZ wieder, der seltsam ockerfarbige Rahmen um das Aufmacherbild kam mir vertraut vor, doch interessierte mich – nennt mich meinetwegen herzlos – die Geschichte eines aus den Wirren Tunesiens zurückgekehrten Touristen recht wenig. Dass ebenjene Wirren dann auch Tagesthema waren und einen anderen Schwerpunkt legten, rettete das Ganze und dass meine Augen auf Seite 2 einen Sakurai sehen durften, war der erste Höhepunkt an diesem Montagmorgen. Zeit also, um in das nächste kleine Loch zu fallen: Am Ende des Kommentars „Das Wunder von Tunis“ (auch zum Sturz des dortigen Herrschers) stand in fetten Lettern, eingeleitet mit dem Wort „Fazit“ ein ebensolches, welches nur besagte, dass der Sturz des Herrschers ein Wunder war und die Diktatoren der Nachbarstaaten ähnliches fürchten. Ach!

Eine sechszeilige Kürzestzusammenfassung für die berufstätige Bevölkerung, die keine Zeit mehr für einen ganzen Kommentar hat? Das hätte nun nicht wirklich sein müssen. Will ich Redundanz, dann besorge ich mir ein zweites Exemplar! Um mal ein Klischee zu bedienen: Das wäre eher was für eine Tabloid-WAZ, sagt man Tabloid-Zeitungen doch eh ein niedrigeres Anspruchsniveau nach.

Im Großen und Ganzen hatte es die Montags-WAZ ziemlich schwer: Das meiste war schon nichts Neues mehr, musste sie doch auch Ereignisse aufbereiten, die sich am Samstag zugetragen hatten. Auf einen neueren Stand als am Sonntagabend fühlte ich, der ich täglich viel online lese, nicht versetzt. Immerhin gab es dann doch ein paar Artikel, die ich noch nicht online gelesen hatte, einen Bericht über Sexualkunde in der Grundschule, einen Bericht über und mit Volker Kauder und einen europäisierten Islam und nicht zuletzt ein Bericht von David Schraven, dem ehemaligen Ruhrbarone-Redakteur, über die Mauschelei bei den Verträgen für den Schienenpersonennahverkehr (zu deutsch: die Nahverkehrszüge) im VRR. Das waren die Neuigkeiten, auf die ich gehofft hatte.

Exkurs: RSS-Feeds und Zeitungsportale

Es gibt im Internet eine viel zu oft übersehene und ungenutzte kleine Nettigkeit: denRSS-Feed. Er ermöglicht, vereinfacht gesagt, das Abonnement der Inhalte einer Website mit einem Klick. In einem Feedreader, einer Anwendung, die dieses Dateiformat lesen kann, bekommt man dann immer, wenn ein neuer Beitrag erscheint, diesen angezeigt. Einfacher kommt man an kein Zeitungsabo. Man kann lesen oder es auch sein lassen und alles ungelesen verwerfen, und wenn es nicht mehr gefällt, wird das Abo per Klick auch wieder beendet, ohne dass es irgendwelche Kündigungsfristen gibt.
Viele Websites, gerade solche, die, wie meine, auf eine Weblog-Software setzen, bieten diesen RSS-Feed an, und so ist es letztlich möglich, einen relativ guten überblick über eine durchaus große Anzahl an Websites zu behalten, die nach Gusto zusammengestellt werden können. Es hat etwas von einer individuellen Tageszeitung, vielleicht ohne Sportteil, dafür vielleicht mit viel mehr Politik, mit vielen widerstrebenden Meinungen – mit ein wenig Aufwand am Anfang und Mut zum Ausprobieren kann man schnell eine große Bandbreite an unterschiedlichen Standpunkten zu den Ereignissen der Zeit entdecken, als läse man mehrere Zeitungen.
Neben vielen kleineren Blogs hatte ich eine zeitlang auch die Newsfeeds großer Tageszeitungen abonniert, doch schon weil der Newsfeed von DerWesten mich mit zu vielen Meldungen bombardiert hatte, war er vor geraumer Zeit mit den Feeds von taz und Spiegel aus meinem Feedreader geflogen, die keinen Deut besser waren. Sie zusammen konnten die Anzahl ungelesener Artikel binnen Stunden in unermessliche Höhen treiben, und das war dann doch ein psychischer Druck, auf den ich gut verzichten konnte. DerWesten, taz.de, SüddeutscheZeitFrankfurter Rundschautagesschau, diese und ähnliche Seiten suche ich lieber bei Gelegenheit selbst auf, wenn ich die Zeit und Muße habe, mich dort festzulesen, aber dennoch täglich.
Exkurs Ende.

Und sonst? Irgendwie gab es nicht viel, was mir sonst noch auffiel, was mich störte, reizte oder interessierte. Irgendwie schade. Es sollten noch weitere Tage folgen, doch davon mehr in dem nächsten Post.

Die Serie WAZ sollen wir lesen erscheint ab sofort auch auf “Was mit Medien”, nachdem Hendryk die Texte bereits in seinem Blog veröffentlichte, so auch diesen Teil 1.

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WAZ (Foto: Flickr.com / FROLLEIN 2007)

Warum lesen junge Menschen noch Lokalzeitung? Ein Experiment!

WAZ (Foto: Flickr.com / FROLLEIN 2007)

Hendryk ist 23. Er lebt in Herne und macht eine Ausbildung. Er macht nichts mit Journalismus, interessiert sich aber für das, was vor seiner Haustür passiert. Ist die Lokalzeitung aber für die junge Generation das geeignetste Medium, um Infos aus der Region zu erhalten? Obwohl er kein Journalist ist, interessiert sich Hendryk für die Antwort auf diese Frage. Er testet für zwei Wochen die WAZ. Die Ergebnisse veröffentlicht er in seinem Blog und hier bei “Was mit Medien.” Die nächsten Teile seiner Serie könnt ihr in den kommenden Tagen an dieser Stelle nachlesen.

VON HENDRYK SCHÄFER

Noch bevor ich lesen konnte, habe ich in der Zeitung geblättert. Als ich dann endlich die ersten Buchstaben entziffern konnte, habe ich mich mühsam durch den Wust an Typen gekämpft und schließlich fing ich irgendwann sehr bald an, die Artikel, die ich auf diesem gedruckte Papier fand, zu lesen und irgendwann auch zu verstehen.
Ich bin in einem Zeitungsleserhaushalt aufgewachsen. Zum Frühstück gab es neben Brot, Kaffee für meine Eltern und Kakao für mich und meine Schwester und Wurst und Käse und alles, was man sonst so als Belag behandeln konnte, jeden Morgen die Zeitung. Von Montag bis Samstag gab es die Westdeutsche Allgemeine Zeitung und WAZ anderes kam uns nicht ins Haus – es gab ja auch nicht anderes mit einem Lokalteil für Herne (und das ist bis heute nicht anders). Ich habe es geliebt, morgens in der Zeitung zu blättern, mich durch die aktuellen Themen zu wühlen und war froh, nach der Zeitungslektüre nicht ganz so unwissend wie zuvor in die Schule gehen zu müssen. Die Schule hingegen war ein Thema für sich, aber das wollen wir jetzt nicht dramatisieren.

Jahrelang habe ich also Zeitung gelesen, morgens vor der Schule, mittags nach der Schule (wenn morgens die Zeit nicht gereicht hatte oder ich noch etwas nachlesen wollte), am Frühstückstisch, in Bus und Bahn (was aufgrund des Formats bisweilen durchaus unhandlich sein konnte), ich konnte miterleben, wie die WAZ bunt wurde, wie altgediente Redakteure in den Ruhestand gingen, habe Redaktionsbesuche erlebt und war im Arbeitskreis „WAZ Kinder- und Jugendseite“ des Herner Kinder- und Jugendparlamentes mitverantwortlich für diese einmal monatlich erscheinende Seite und habe selbst Artikel für die WAZ geschrieben. Ich durfte miterleben, wie die Redaktionen kleiner und die Aufgaben größer wurden, wie die WAZ Mediengruppe DerWesten an den Start schickte und weiter am Personal sparte, sah Layouts kommen und gehen und dann zog ich von Zuhause aus.

Von einem Tag auf den nächsten hatte ich zum Frühstück keine Tageszeitung mehr und ich vermisste nichts, fast nichts. Bis heute versuche ich noch immer, so es meine Müdigkeit zulässt, früh genug aufzustehen, um meinen Tagesbedarf an frühstücksfrischen Neuigkeiten und Einschätzungen abzudecken, nur dass dies seit Jahren von meinem Feedreader gedeckt wird, beinahe jedenfalls.

Irgendwann kam auch das Internet zu uns, zunächst mit Einwählverbindungen über das 56k-Modem – was waren das noch für Zeiten und Geräusche! – dann irgendwann auch mit 6000er-DSL oder dem, was unser Provider dafür hielt; faktisch war es 2000er-DSL am Ende einer langen, maroden Leitung. Wie zuvor, als Offline das einzige Leben war, suchte ich auch hier nach Nachrichten und Einschätzungen, fand Tageszeitungen und Magazine ebenso wie Blogs und musste feststellen, dass ich mit der Zeit ziemlich unzufrieden wurde mit der WAZ, die ich bis dato kritisch, aber zufrieden gelesen hatte. Mir stießen offensichtliche Fehler auf, ich störte mich an unreflektierten Kommentaren und zuletzt fand ich die WAZ auch optisch nicht mehr attraktiv.

In dieser Zeit, da das Internet zu mir kam, begann ich Probeabonnements anderer Zeitungen abzuschließen, las zwei Wochen lang die Süddeutsche Zeitung, testete die Frankfurter Rundschau und abonnierte für eine Zeitlang die taz. Ich erlebte mit Bedauern, wie die taz ihren eh nur vierseitigen, aber guten NRW-Teil einstellte und vermisste immer mehr eine Alternative zur WAZ mit einem NRW-Teil oder noch lieber einem Lokalteil für Herne, denn mein Hang zu Utopien war ungebrochen. Was hätte ich für eine vielschichtige, aktuelle Zeitung gegeben mit Hang zu fundierten Meinungen, einem klaren, schönen Layout – und einem Lokalteil für Herne.

Ich gebe es zu: Ich habe die WAZ verflucht für ihren Bratwurstjournalismus, ich konnte und kann mich noch immer gut darüber aufregen, dass der Kommentarbereich von DerWesten (wie der Kommentarbereich anderer Zeitungen und Nachrichtenportale auch) eine Brutstätte für Trolle und Nörgler ist, ein Hort für Diffamierungen, Resignation und Hass, aber dennoch habe ich, als ich mit dem Umzug die Chance auf ein zweiwöchiges Gratisabo der WAZ bekam, diese nach einiger Bedenkzeit genutzt und bekam nun seit dem 17. Januar die WAZ mit dem Herner Lokalteil. Wie es mir damit erging, erfahrt ihr in dem nächsten Post.

PS: Wenn es nur bei einem Beitrag geblieben wäre. Zwei Wochen Zeitung ist nichts für knappe 1000 Wörter, wenn es mehr als nur ein knappes Fazit sein will. Bleibt mir gewogen, auch wenn es etwas länger wird.

Die Serie WAZ sollen wir lesen erscheint ab sofort auch auf “Was mit Medien”, nachdem Hendryk die Texte bereits in seinem Blog veröffentlichte, so auch diesen Prolog. Der nächste Text ist schon online: Hier geht es zu Teil 1.

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spiegel_2011_02

Feindbild: Internet!

Manchmal bin ich wirklich überrascht, wie sehr der deutsche Journalismus in die Stilmittel “Angst” und “Panik” verliebt ist. Ein Lehrstück liefert uns die neue Spiegel-Ausgabe. Ich wette: Dieses Abhandlung über die Internet-Datenkraken wird sich sehr gut verkaufen!Das Internet wird zum Feindbild stilisert, ohne dass dabei die wirklichen Probleme benannt werden. Lösungsansätz? Fehlanzeige! Die Titelgeschichte ist unkonstruktiv bis zum geht nicht mehr. Und am Ende jammern die Verleger, warum die Netzgemeinde ihr Geld bei der neuen Konkurrenz im Netz (Spiegel-Deutsch: Datenkraken) lässt. Sie verstehen nicht, warum die Nutzer mehr Euros bei Apple ausgeben oder Google und Facebook freiwillig mit ihren Daten füttern. Dabei ist die Erklärung simpel: Diese neuen Player bereichern das Leben der Nutzer konstruktiv. Das scheint der hiesige Journalismus an vielen Stellen verlernt zu haben. Stattdessen steigt der Spiegel lieber mit der Angst ins Bett. Heraus kommt ein neues Feindbild: Das Internet!

Dabei beginnt der Artikel  gar nicht mal so schlecht. Zu Beginn wird eine Szene geschildert, bei der die US-Behörden bei Facebook vorbeischauen und offensichtlich Interesse an dem einen oder anderen Datensatz haben. Es wird schnell klar: Wo viele Daten sind, können diese neu zusammengestellt und missbraucht werden. Die Gefahr geht aber tatsächlich kaum von den Anbietern selbst aus, sondern wenn sich Dritte ungefragt oder gar Staaten Zugang verschaffen.Aber dazu später mehr.

Doch hiervon erfährt der Leser der Spiegelgeschichte zunächst nichts (nur später am Rande), sondern wird auf den Pfad der gefährlichen Cookies gelockt. In epischer Breite wird erklärt, dass wir uns vor personalisierter Werbung im Web fürchten müssen.

Mir fällt viel zu dieser Titelgeschichte ein. Dass der Spiegel nicht zum ersten Mal das Feindbild Internet aufbaut, dass er doch selbst viele Cookies auf seinen Webseiten anbietet, dass die Verlagsbranche auch sehr viel über die eigenen Leser wissen will und dass die Abobranche viele Daten hortet. Darüber brauche ich aber nichts schreiben. Das hat der Kollege Richard Gutjahr in einem spannenden Blogbeitrag geschrieben. Gutjahrs treffender Titel: Eure Doppelmoral kotzt mich an!

Die “böse” personalisierte Werbung

Ich kenne in meinem Umfeld niemanden, der an personalisierter Werbung gestorben ist. Okay, das ist hoffnungslos übertrieben. Was ich aber sagen will: Was ist schlimm an personalisierter Werbung? Der Spiegel versucht dies so zu erklären: Die Technik dahinter ist das Problem. Technik, die so genaue Nutzerprofile erstellen kann, könnte irgendwann zum Missbrauch eingesetzt werden.

Willkommen im Hätte-Wenn-Und-Aber-Journalismus. Mit diesem Argumentation ließe sich auch eine Hass-Titelgeschichte rund um Feuerzeuge rechtfertigen. Schließlich kann ich damit nicht nur meine Ikea-Teelichter, sondern auch Bomben anzünden.

Das “böse” Gedächtnis

Ach ja. Das Internet vergisst nichts und nie. Überhaupt stehen nur die schlechten Dinge im Internet. Eine Studie soll den Beweis liefern – das Ergebnis: “Das Gerücht, jemand habe einen Preis errungen, verflüchtigt sich schnell. Wird dagegen gemunkelt, er sei betrunken am Steuer erwischt worden, bleibt das hartnäckig in Umlauf.”

Entschuldigung. Aber was hat das mit dem Internet zu tun‽ In jeder Kollegschaft, Klasse oder in jedem Freundeskreis ist dieses Verhalten zu beobachten. Diese sozialen Phänomene gibt es, seit es Menschen gibt – und nicht seit dem es das Internet gibt.

Internetnutzer = Selbstentäußert und blöd!

Wem ist eigentlich als Leser noch der Gedanke gekommen, dass der Spiegel sogar alle seine Leser beleidigt? Spätestens bei diesem Satz war es bei mir so weit: “Weitaus stärker noch treibt sozialer Druck das Publikum in die Selbstentäußerung – auch der Nachbar ist neugierig. Wer sich nicht in einem sozialen Netzwerk präsentiert, ist fast schon der Eigenbrötelei verdächtig.”

Die wahren Probleme werden nicht benannt

Mit diesem Kommentar zur Spiegel-Titelgeschichte fordere ich nicht die bedingungslose Vergötterung des Internets. Das Internet ist keine heile Welt. Das Internet ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Der Spiegel hat mit seiner Geschichte das gleiche Problem, wie die RTL-2-Sendung “Tatort: Internet” – das Internet wird als Ursache des Schlechten hingestellt, die gesellschaftlichen Ursachen werden vernachlässigt.

Ich hätte mir bei der Titelstory einen Schwerpunkt auf ganz andere Probleme gewünscht. Deswegen noch mal zurück zu der Bedrohung, dass Staaten Interesse an Unternehmensdaten haben. So habe ich im Sommer mit Deutschlands obersten Datenschützer Peter Schaar gesprochen. Ich wollte mir das mit der personalisierten Werbung und dem möglichen Missbrauch genauer erklären lassen. Er meinte, dass Google & Co. alles dafür tun, dass mit meinen Daten kein Missbrauch betrieben wird. Das ganze Geschäftsmodell steht und fällt mit dem Vertrauen der Nutzer! Was aber, wenn sich Dritte Zugang verschaffen oder staatliche Behörden die Unternehmen zur Herausgabe der Daten zwingen? Wie real dieses Szenario ist, sehen wir am Beispiel von Twitter. Die US-Behörden verlangten in dieser Woche die Nutzerdaten von Wikileaks-Unterstützern.

Auch bei den Handy-Adressbüchern sehe ich ein Problem. Als Journalist darf ich sensible Telefonnummern nicht mehr in meinem Smartphone speichern. Gewähre ich irgendeiner App Zugriff auf mein Telefonbuch, dann hat die Firma hinter dieser App eine Verbindung gespeichert. Unter Umständen kann eine dritte Person, die in meinem Adressbuch gespeichert wurde, eine böse Überraschung erleben, wenn diese sich für einen Dienst anmeldet, und dieser Dienst dann schon viel weiß.

Gleiches gilt für das ungefragte Taggen von Personen auf Bildern. Hier hat der Spiegel wenigstens darauf hingewiesen, dass es sich herumspricht, dass sich so etwas nicht gehört.

Diese Probleme sind aber zu bewältigen. Allerdings muss dies den Internetnutzern ordentlich erklärt werden. Hier sehe ich auch die Aufgabe des Journalismus: Aufklären, Transparenz schaffen und Zusammenhänge erklären. Das hat der Spiegel bei seiner aktuellen Titelgeschichte in beeindruckender Weise nicht geschafft.

Und in einem bin ich mir auch sicher: Es ist nicht die Aufgabe von Journalisten Angst zu schüren!

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