Welt am Sonntag vs. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung?

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Wir haben die Sonntagsfrage gestellt. Wie schon 2009. Welt am Sonntag oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung?

Während es 2009 bei diesem Test eine Überraschung gab, haben sich die Ansprüche der Leser in der Zwischenzeit eindeutig gesteigert. In den letzten fünf Jahren haben sich beide Zeitungen in ihrer Ansprache nicht groß verändert — von daher kommt es beim Ergebnis zu einer kleinen Überraschung.

Den Test findet ihr im Blog von Daniel.

Stefan Plöchinger (Foto: Flickr.com / asvensson)

Auf einen Tee mit süddeutsche.de-Chefredakteur Stefan Plöchinger: Paywalls, Leserclubs und die Redaktion der Zukunft

Mitten in diesem stürmischen Medienherbst, haben wir uns vorgenommen, jede Woche den Journalismus aus einem anderen konstruktiven Blickwinkel zu betrachten. In einem Blogeintrag schrieb kürzlich süddeutsche.de-Chefredakteuer Stefan Plöchinger: “Gerade junge Leser haben ja keineswegs die Lust auf guten Journalismus verloren, nur weil sie lieber digital lesen.” — seine Formel: Statt Paywalls hochzuziehen, muss Journalismus so etwas wie Leserclubs schaffen. Was heißt das konkret? In der 282. Folge von unserem Medienmagazin war Stefan Plöchinger zu Gast und im Gespräch mit Herr Pähler. Wir haben das Gespräch transkribiert.

Herr Pähler: Herzlich wilkommen, Herr Plöchinger! Es ist schon Donnerstag, die Woche ist schon fast rum. Wenn Sie auf Ihre Woche oder die Woche von süddeutsche.de zurückgucken: Was ist Ihnen besonders hängen geblieben? 

Plöchinger: Es war wahnsinng viel Arbeit. Wir haben am Wochenende mit der Nannenschule in Hamburg ein interessantes Experiement zum Live-Journalismus gemacht. Wir haben den Piratenparteitag mal anders gecovert, als man den normalerweise covern würde. Mit einer kompletten Schulklasse, die versucht hat, netzaffine digitale Formen des Berichtens auszuprobieren, was extrem gut funktioniert hat. Das war etwas overdone. Man würde zu den Piraten nie so viele Leute schicken. Das war echt spannend. Das war mein Wochenende. Am Montagabend haben wir unsere Seite ein wenig aufgefrischt, schöne Schriftarten drüber gezogen und die Artikel deutlich entschlackt. Jetzt bin ich ein bisschen geschafft, weil so etwas ist immer sehr riskant. Beide Aktionen waren sehr riskant. Es hätte auch ein bisschen was daneben gehen können. Aber beides funktioniert sehr gut.

Was waren die Gründe für die Auffrischung? Einfach, weil man das ab und zu so macht oder gibt es da noch andere Beweggründe?

Ich glaube, dass das Internet heute nicht mehr dasselbe ist, wie vor fünf Jahren. Man muss sich einfach an die Lesegewohnheiten der Leute und der neuen Geräte anpassen. Ich merke, dass wir über viel mehr Plattformen kommen müssen, mit dem was wir machen. Wenn wir heute in der U-Bahn die Leute morgens beobachten, dann lesen sie nicht mehr auf die Bild, sondern schauen auf Bildschirme. Das bedeutet, wir müssen viel viel besser layouten. Wir müssen viel flexibler layouten. Wir müssen im Backoffice unserer Redaktionssysteme total viel machen. Die Leute, die uns lesen, haben größere Ansprüche. Das darf nicht schrabbelig aussehen und klicki-bunti überall sein, sondern muss einfach nett und gefällig aussehen. Deswegen haben wir die letzten 1,5 Jahre immer wieder aufgeräumt und der dickste Brocken, der uns jetzt noch bevorstand, war das eigentliche Text-Layout. Jetzt haben wir es gut, state-of-the-art hinbekommen und es ist auch technisch relativ innovativ, weil wir das erste Mal als große Nachrichtenseite auch Webfonts benutzen. Das hat mich am unruhigsten Schlafen lassen, weil wir die Zeitungsschrift auf die Nachrichtenseite gepackt haben. Weil wir die Zeitungsschrift sehr schön finden. Das hat vorher noch niemand gemacht, weil man nicht weiß, ob das wirklich in allen Browsern funktioniert. So weit wir sehen, funktioniert es in allen Browsern.

Wie ist das Feedback bisher?

Die Kurven sind normal, das ist das beste. Das eigentliche Feedback auf das Feedback ist überwältigend positiv. Aber Leute, die XP-Chrome nutzen, sollten “Clear Type Kantenglättung” aktivieren. Sonst sehen die Schriften nicht so schön aus.

Gilt das auch für Mac OS X Leopard? Das nutzte ich mit Chrome und bekam lauter Anzeigen, nichts funktionierte mehr… jetzt habe ich mich auch so ein bisschen aufgefrischt und jetzt geht wieder alles, für Leute wie mich, die quasi noch in der digitalen Steinzeit leben?

So sehen Sie gar nicht aus! Man muss manchmal so etwas einfach versuchen und schauen was passiert. Apple hat irgendwann begonnen, keinen DVD-Laufwerke mehr in seine Rechner zu bauen. Sie sagten, eigentlich ist eine andere Technik besser für das, was man damit tut. Man streamt eigentlich. Jetzt ist das nicht 100%ig zu vergleichen und wir sind nicht Apple und können sicherlich nicht Marktstandards setzen. Aber man muss sicherlich so etwas mal ausprobieren. Wir hätten natürlich eine Fallback-Option gehabt, die fragt “Funktioniert bei Ihnen die Schrift nicht? Dann installieren Sie sich doch bitte folgende Schrift” – das war nur nicht nötig. Es haben viel mehr Menschen das gemacht, was Sie gemacht haben.

Das ist doch gut. Dann war ich doch gar nicht auf der falschen Spur. Lass uns mal ein bisschen von sueddeutsche.de weggehen, sondern uns allgemeiner über die Zukunft des Journalismus sprechen. In einem ihrer Blogeinträge haben Sie gesagt, dass sich Jüngere auf die Krise als Dauerzustand einrichten dürfen. Daniel und ich haben uns vorgenommen, in den nächsten Wochen (bei Was mit Medien) konstruktiver an das Thema heranzugehen. Das ist ja doch eher wieder eine negative, destruktive Feststellung.

Ja, ich meine das eigentlich auch nicht so und mein Text geht ja auch anders weiter. Ich glaube, man darf sich aber nicht der Illusion hingeben, dass es jetzt ein, zwei schwierige Jahre sind und dann alles wieder wie früher wird. “Es wird wieder wie früher” werden wir wohl sowieso nicht mehr erleben. Die Frage ist: Was mache ich daraus? Auf der einen Seite erleben wir Zeiten, die von vielen als “destruktiv” wahrgenommen werden, andererseits führt Destruktion immer zu Neuem. Wir erleben deshalb auch sehr kreative Zeiten. Dir Frage, die sich uns stellt, wir als Branche dürfen nicht die ganze Zeit klagen und Angst haben, sondern hingehen und gucken, was man jetzt machen kann. Ich glaube, nur so werden wir es überhaupt schaffen, nach vorne zu kommen.

Wenn wir auf die aktuelle Diskussionen schauen. Wir haben den Eindruck, dass sehr viele Allgemeinerungen und Grundannahmen im Spiel sind, wie zum Beispiel: Google ist gleich Internet und Verleger stehen für Qualitätsjournalsmus. Was ist aus Ihrer Sicht die falscheste Grundannahme, die zurzeit immer wieder angeführt wird?

Diese platten Thesen stören mich so gut wie nie. Google ist nicht böse, Google ist nicht gut. Google ist irgendwas in der Mitte, auch für uns Verlage. Zum Leistungsschutzrecht habe ich auch immer eine sehr differenzierte Meinung eingenommen. Ich glaube kein Verlage würde freiwillig auf den Traffic verzichten, den Google bringt. Der liegt bei bis zu 60 Prozent. Wir führen noch zu holzschnittartige Debatten in der Öffentlichkeit. In Wahrheit geht es ganz selten um das Gestalten, sondern sehr stark um Kämpfe, die uns nicht wahnsinng weiterbringen.

Dann schauen wir jetzt nochmal ein bisschen stärker auf das Konstruktive, was so einer Krise inne wohnt. Sie haben gerade gesagt, es ginge viel um Kreativität. Was heißt das genau, auch auf das Internet bezogen? Was müssen wir über das Internet verstehen, damit Journalismus dort funktionieren kann?

Die wesentliche Frage ist die, nach den Geschäftsmodellen. Was funktioniert, was finanziert den Journalismus langfristig? Vor zehn Jahren haben die damaligen Online-Chefredakteure sehr viel versucht, um Online-Werbung richtig hinzubekommen, die dann angefangen Online-Redaktionen zu finanzieren. Heute haben wir das gleiche Problem, dass Mobil-Anzeigen nicht funktionieren, wie sie sollten. Wir haben wahnsinng viele Leute, die uns auf mobilen Geräten lesen, aber man verdient quasi kein Geld mit diesem ernormen Traffic. Da ist die gleiche Kreativität gefordert. Wir merken auch, dass die Menschen nicht mehr Lust darauf haben, dass es ein paar Online-Portale von den verschiedenen Zeitungen gibt. Wir wissen eigentlich alle, dass wir als die digitalen Vertreter unserer Medienmarken wahrgenommen werden. Ich mache nicht etwa das Portal Names sueddeutsche.de, sondern ich mache die Live-Inkarnation der Süddeutschen Zeitung. Die Leute haben vermutlich das Gefühl, sie haben die Süddeutsche Zeitung gelesen, wenn sie auf unserer Seite waren. Wenn dem so ist, muss ich mich fragen: Was ist mein Beitrag zur Zukunft des gesamten Hauses? Was kann meine Redaktion beitragen, um diesen vielen hundert Kollegen die Zukunft zu sichern, die bei der, wie ich finde, besten Tageszeitung in Deutschland arbeiten? Da ist es meine kreative Aufgabe eindeutig sich zu überlegen und zu fragen, wie man die Leser an der Finanzierung beteiligt? Wir haben seit einem Jahr eine iPad-App der SZ und diese App schafft es, den Print-Rückgang komplett auszugleichen. Das muss man registrieren, das sind sehr interessante Sachen, die gerade auf dem Markt passieren. Der Spiegel macht ähnliche Erfahrungen mit seiner digitalen Ausgabe. Wir sehen Paid-Content ist ok, was wir früher lange für geht-nicht gehalten haben, weil irgendjemand immer Gratisnachrichten anbieten werde. Aber eigentlich sind die Marken stark genug sein, um Paid-Content anzubieten. Wir tun es schon. Wir haben eine Paywall. Ich kann die SZ als bezahltes Produkt lesen und dann bekomme ich sie komplett. Dann habe ich sueddeutsche.de und dort ist nicht alles drin. Wir haben heute schon einen Freemium-Ansatz. Das weiterzudenken, in eine Welt, in der wir mehr Geld verdienen, Leser an unserem Produkt stärker partizipieren lassen, und auf der anderen Seite zu fragen: Was schulden wir dem Leser? Wir können ihm nicht mehr die Trash-Nachrichtenportale  anbieten. Diese Frage gut zu beantworten, wird eine der wichtigsten Aufgaben der jetzigen Generation von “Online-Entscheider” sein.

Zum Thema Paywall. Was genau meinen Sie, als Sie in Ihrem Blogeintrag von einem Leserclub geredet haben?

Wir Journalisten sollten nicht denken, dass wir die Leser für uns gewinnen, wenn wir irgendwelche Mauern errichten. Wir sind in einer Situation in der unsere Geschäftsmodelle eher denen von NPR in den USA annähern sollten. Wir müssen um die Leute werben, damit diese bereit sind unseren Journalismus zu unterstützen. Dafür müssen wir Journalismus machen, den sie auch unterstützenswert finden. Für mich steht fest: Mit “Alle machen die gleichen Nachrichten” und “Überall stehen die gleichen News” kommen wir überhaupt nicht weiter. Wir müssen tatsächlich Premiuminhalte machen und keine Premiumbereiche auf unseren Seiten. Das was wir anbieten, muss premium sein, denn dann wird sich dem Leser schnell erschließen, warum das guter Journalismus ist und warum er einen Beitrag zahlen soll, wenn er wirklich Fan einer Marke ist. Das ist ein sehr anderer Ansatz. Viele Print-Kollegen denken: “Ach, wir machen so gutes Zeug, jetzt lass die Leute dafür Geld bezahlen.” So funktioniert das genau nicht. Wir müssen in ein neues, eher kollaboratives Verhältnis mit unseren Lesern treten und wirklich auf ihn eingehen, auf ihn zugehen, auf ihn hören, mit ihm reden. Das ist, was Menschen im Netz schon sehr, sehr lange von Journalisten fordern. Das ist eine wesentliche Grundbedingung. Das findet dann in einem Begriff wie Leserclub zusammen. Ich glaube, dass gute Zeitungen immer so etwas waren wie Leserclubs waren, die die Welt des Leser bereichert haben. Deswegen haben die Leser bezahlt. Nicht nur wegen des Journalismus, sondern auch weil dort alle Todesanzeigen der Gemeinde drin waren oder eine gute Aldi-Reklame gab, die jeden Dienstag, Mittwoch oder Donnerstag drin war. Das Gesamtpaket Zeitung war sehr, sehr wesentlich für die Leute und sie waren über die Zeitung Teil einer Gemeinschaft. Dies nun im virtuellen Raum herzustellen ist sehr wichtig und hat dann sehr wenig mit Paid-Content und sehr wenig mit einer Paywall zu tun, die man hochzieht, sondern das hat etwas damit zu tun, dass man das Gemeinschaftsgefühl mit seinen Lesern erzeugen muss.

Wie lange dauert es denn noch, bis dieses Verständnis bei der Mehrheit der deutschen Zeitungsmacher angekommen ist? Ich habe das selbst erlebt. Ich wohne im Münsterland. Einer der dort ansässigen regionalen Zeitungshäuser hat vor einigen Wochen groß mit dem frisch eingeführten E-Paper geworben. Das ist letztlich aber nur ein blätterbares PDF. Da ist nichts anders im Vergleich zur Papierzeitung. Das kostet für mich als Abonnenten aber trotzdem 4 Euro mehr, wenn ich das haben will. Ist das der richtige Ansatz? Ich habe das Gefühl gehabt, dass die es nicht verstanden haben.

Ich glaube, dass Sie einen Verleger haben könnten, der das sehr wohl alles versteht, der aber trotzdem ein riesiges Problem hat, weil die technischen Aufwände, wirklich schöne digitale Auftritte zu machen, gerade für kleinere Häuser sehr schwierig darzustellen sind. Ein Haus wie die Süddeutsche kann das machen. Ich rede viel mit Regionalverlagen, weil mich das sehr interessiert. Wir haben in dieser Zeit als Journalisten eine extreme Definitionsaufgabe, den Journalismus in der Fläche Deutschlands zu erhalten. Wir müssen uns Konzepte überlegen, wie das funktionieren kann. Alle diese Regionalverlage haben dieses Problem. Im Grunde bräuchten sie zehn Programmierer oder gute standardisierte Lösungen, die ein sehr sexy Produkt entstehen lassen. Leider ist es aber auch oft so, dass es viele Journalisten in der Fläche noch nicht verstanden haben, dass sich das Verhältnis zum Leser wandelt. Man darf nicht mehr von oben herab dozieren, wie die Welt ist. Ein Leser möchte bei Regionalzeitungen sehr viel exklusiv erfahren über die regionale Welt. Überregionaler exklusiver Journalismus sollte dann eine Art tägliches Magazin oder tägliche Literatur sein; mit Stücken, die ich nirgendwo sonst bekomme. Diese Exklusivität herzustellen, das haben leider sehr viele Journalistenkollegen auch noch nicht verstanden. Deshalb haben wir ein doppeltes Problem: Selbst wenn es Verleger kapieren, es ist alles ein Ressourcenthema und es ist ein journalistisches Strategiethema.

 Zum Thema Geschäftsmodell hat uns eine Frage eines Hörers über Facebook erreicht. Ihn würde interessieren, wie die ganzen Kombiangebote der SZ beim Kunden ankommen? Kann es für die Verlage eine Chance sein, mit der Kombination eines Abos und eines Endgeräts punkten zu können.

Ja, das macht die Hälfte bei uns. Man lernt hier viel über das Kaufverhalten der Leser und was er will. Der Leser will bei uns sehr gerne das iPad bekommen und dann zahlt er auch ein wenig mehr für das Zeitungsabo. Diese Kombination aus Gerät und Abo läuft wie warme Semmeln.

Das macht der kleine Verlag aus dem Münsterland auch. Da habe ich auch überlegt, ob ich zuschlagen soll. Ich habe es dann aber nicht getan. Vielleicht können wir auch ein bisschen über die Redaktionen der Zukunft reden. Wird diese weiterhin in großen Verlagshäusern angesiedelt sein und in verschiedene Ressorts eingeteilt sein? Oder wird es kleinere spezialisierte Redaktionsteams geben? 

Für Journalismus braucht man heute tatsächlich keinen Verlag mehr. Das sieht man sehr vielen guten Blogs. Der Punkt ist, dass sich dort der Journalismus nicht besonders gut finanziert. Wenn ich viele Lokalblogs anschaue, dann finanziert es einen Mensch mehr oder weniger. Dann kommen noch zwei oder drei Freie hinzu, die man mehr oder weniger finanzieren kann. Das sind wertvolle journalistische Beiträge, aber noch keine abgeschlossenen Finanzierungsmodelle. Für Journalismus an sich brauche ich also keine große Organisationen. Aber was ist der Sinn einer großen Redaktion, wie bei der Süddeutschen Zeitung? Zum einem gibt es eine große Gemeinschaft von Lesern, die diesen Journalismus gut finden und sich dafür interessieren. Dadurch ermöglicht man es dem Journalisten, freier zu arbeiten. Auch wenn ein Anzeigenkunde plötzlich abspringt. Das bedeutet aber, dass diese Journalisten eine klare journalistische Strategie verfolgen müssen. Das klingt sehr blümerant. Was ich meine ist: Wenn Sie sich angucken, wie die Zeitungen am Tag nach der US-Wahl aussehen; die besseren Zeitungen haben das gemacht, was früher die Wochenzeitungen gemacht haben. Das ist eine ganz klare journalistische Strategie. Schaue dass du ganz stark in die Analyse, in den Hintergrund, in die Kommentierung gehst. Sei originell und nicht nur solide. Wenn man eine große Redaktion darauf einschwört, dann kann eine solche Organisationsform mehr leisten, als andere.

Aber originell zu sein, ist schwieriger, als nur solide zu sein.

Richtig. Deshalb müssen wir uns sowohl von den Geschäftsmodellen, als auch von der Redaktionsorganisation gut aufstellen. Wir müssen begründen können, warum wir große Redaktionen brauchen, sowohl den Verlegern gegenüber, als auch den Lesern gegenüber.

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Foto: Flickr.com / asvensson

Funfact: In Wirklichkeit gab es keinen Tee, sondern eine Spezi Zero. Aber das wäre ja langweilig.

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Blattkritik: Die 2. deutsche WIRED is more tired than admired

Wäre die deutsche WIRED eine Serie, machte sie ihren Job phantastisch. Nach einem tonsetzenden Piloten folgt eine ordentliche zweite Episode, die für sich genommen etwas langweilig ist. So verhält es sich auch mit der zweiten Ausgabe, die ab Dienstag (10. April 2012) überall zu kaufen ist.

Eine Blattkritik von Daniel Fiene

Die Titelseite: Das ist der mit beste WIRED-Titel, den ich seit Monaten gesehen habe. Regelmässig lese ich auch die US- und überfliege die UK-Ausgabe. “Das Web steht vor dem BLACK OUT — wie es trotzdem weitergeht” ist ein düsterer aber sehr starker Titel. Dazu Smartphones mit Monster-Displays, Tumblr — ein Mann stolpert über 800 Millionen und der seltsame Fall des KIM DOT COM. Wer da nicht zugreift, hat selber Schuld.

Was vom ersten Durchblättern hängen blieb: Die Optik der ersten Ausgabe wurde fortgesetzt. Wie schon bei der ersten Ausgabe gefällt mir die deutsche Ausgabe besser, als das aktuelle Layout der US-Variante. Das ist zu simpel. Art Director Markus Rindermann hat wieder einen phantastischen Job gemacht. Beim Durchblättern stoße ich auf viele kleine, interessante Geschichten. Auf der letzten Seite angekommen, kann ich mich allerdings nur an einen der auf der Titelseite angekündigten Artikel erinnern. Den über TUMBLR-Gründer David Karp, der im Artikel aber überhaupt nichts stolperte, wie angekündigt. Aber auch nur, weil er in der aktuellen Business Punk die gleichen Klamotten trägt (sic!). Die KIM DOT COM Geschichte war ein Comic, wie ich beim Zurückblättern feststellte, welches schön anzusehen aber kaum Inhalt rüberbrachte. Die Smartphones mit dem Monster-Display habe ich übrigens immer noch nicht gefunden (ich schaue noch mal nach). Und die Titelstory? Auf die bin ich dann erst bei der ausführlichen Lektüre gestoßen, so unauffällig war die gestaltet. Vielleicht war das auch nur subtiler Humor der Redaktion, oder ein Easteregg: Das Wort BLACK OUT steht auf der Titelseite, aber nicht im Titel  des Artikels. Für alle, die schon genug Eier oder Schlüssel am Wochenende gesucht haben: “Warum das Netz am Abgrund steht” findet ihr auf Seite 60.

Die Lektüre

WIRED: Das heimliche Herzstück dieser Ausgabe ist die Titelgeschichte. Im ersten Moment war ich total enttäuscht, denn der Titel Black Out suggerierte mehr ein technologisches als ein gesellschaftliches Untergangsszenario. Tatsächlich ging es um den guten alten Kontrollverlust, in dessen Saga in den letzten Monaten ein neues Kapitel aufgeschlagen wurde. Einige bezeichnen es als Kampf um das Urheberrecht. Wunderbar wird in der Titelstory der Kampf umschrieben:

“Die Frontlinien sind scheinbar klar gezogen: Hier die Masse der Internetnutzer als Kämpfer für ein freies Netz, dort die Content-Lobby, die die Kontrolle über ihre Inhalte zurückgewinnen will.”

Liebe klugen Leute der PR-Abteilung des Condé Nast Verlags, schickt doch jedem der 160 Handelsblatt-Kommentatoren aus der Kreativwirtschaft, die bei der Osterausgabe “Mein Kopf gehört mir” gegen die Piraten und gegen die sogenannte “Abschaffung des Urheberrechts” gewettert haben ein Exemplar der neuen WIRED. Ich hoffe, die verstehen dann worüber sie überhaupt geschrieben haben.

TIRED: Die Grundstimmung ist eine andere. Während die erste Deutsche WIRED optimistisch daher kam, sind jetzt Schatten  über das digitale Deutschland aufgezogen. Typisch Deutsch! Das mag aber auch einfach nur am Titel liegen. Nach der ersten Ausgabe haben einige gemeckert, wie kurz doch die Artikel waren. Auch in dieser Ausgabe hatte ich das Gefühl, dass wenn es richtig interessant wurde, schon wieder Schluss war. Die Tendenz zu längeren Artikeln wurde zwar deutlich, aber inhaltlich mehr gebracht hat es auch nicht.

EXPIRED: “Ich wusste gar nicht, was mich alles interessiert”, hat Manfred Habl auf wired.de kommentiert und es so in die Leserbriefecke der neuen WIRED geschafft. Darüber habe ich lange nachgedacht. Lösen Magazine solche Reaktionen aus, demonstrieren sie ihre wahre Stärke. Ich liebe es, wenn mich Print überrascht. Hier trage ich eine gewisse Erwartungshaltung vor mir her. Ich lasse mich durch interessante Themenzugänge, oppulente Gestaltung oder provozierende Fragestellungen überraschen. Diesen Luxus können sich Magazine leisten, bleibet er im tagtäglichen Journalismus doch auf der Strecke. Aber genau dieser Luxus kommt bei bei dieser WIRED zu kurz. Die Themenauswahl ist ordentlich und gut. Aber um sowohl Geeks als auch Otto-Normal-Surfer anzusprechen, darf es etwas mehr sein. Kaum ein Thema hat mich überrascht. Die Doppelseite vom neuen Flughafen Berlin wirkte wie mal eben schnell aus einem CAD-Programm rausgerendert und nicht so detailverliebt wie die Oktoberfest-Doppelseite der ersten Ausgabe. Irgendwie fehlte bei der Lektüre Provokation und Inspiration.

Woran lag das? Zu wenig Zeit? Der Verlag spielte ein US-TV-Network und gab erst sehr spät das Go für die Fortsetzung. Erst Ende Januar kam die Pressemitteilung mit der Ankündigung dieser Ausgabe, obwohl die Premiere Anfang September erschien! Dass eine Fortsetzung folgt, erfahren wir dieses Mal schon im Editorial. Im zweiten Halbjahr 2012 soll es soweit sein. Vielleicht ist es die Zeit, die der WIRED gut tut.

Wäre die Deutsche WIRED eine Serie, machte sie alles richtig. Denn bei der Deutschen WIRED ist es wie bei einer guter Fernsehserie: Bei den besten Serien möchte man nach den ersten drei bis fünf Episoden abschalten, bevor man dann bei der siebten merkt, wie süchtig man eigentlich danach ist.

Abspann: Auf ein Unboxing-Video musste ich verzichten, da es nichts auszupacken gab. Da hat wohl keiner an die Geeks sondern an die Umwelt gedacht (Ironie!). Meine WIRED habe ich übrigens an einem Bahnhofskiosk in Frankfurt gekauft. Am Ostersonntag. Da hat eine Aushilfe wohl nicht so genau auf den Verkaufsstart am Dienstag geachtet. Mit Freude habe ich im Zug die WIRED gelesen. Zu Hause angekommen lag ein Umschlag in meinem Briefkasten vom Condé Nast Verlag, inklusive WIRED (vielen Dank!) und Vermerk auf die Sperrfrist am Dienstag (das ist so 1992!). Aber im Zug hatte ich meine Artikel längst vorformuliert …

So eine WIRED-Lektüre ist ganz schön anstrengend. (Fotos: Ronny Hendrichs)

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Kommentare: Was sagt ihr zur neuen WIRED?

 

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Süddeutsche Zeitung twittert jetzt richtig!

Was haben Frank Elstner, Rupert Murdoch und die SZ gemeinsam? Keinen schlechten Witz, in dem sie gemeinsam auftreten, sondern einen Twitter-Account!

@Frank_Elstner führt seit einigen Tagen auf Anraten seines Sohnes ein sympathisches Twitter-Experiment durch (“Welche Krawatte soll ich heute Abend in der Sendung tragen”), über das wir bereits in der letzten “Was mit Medien”-Ausgabe 264 berichteten.

Zwischen den Feiertagen ist zudem noch der Account @RupertMurdoch herumgereicht worden. Laut einem der Twitter-Chefs, befüllt der Medienmogul seinen Kanal tatsächlich persönlich. Hier wäre ein schlechter Witz hingegen angebracht: Nicht, dass Murdoch Twitter so gut gefällt und er direkt Twitter aufkauft. Stichwort: MySpace!

Die wirklich wichtige Twitter-Nachricht des Tages kommt aber aus München: Die Süddeutsche Zeitung hat heute (Montag, 02.01.2012) ihren richtigen Twitter-Account gestartet. Unter @SZ könnt ihr künftig kuratierte Tweets aus den Redaktionsräumen erhalten. Hierzu hat die Zeitung den Account extra von einem Vornutzer übernehmen können. Versprochen wird ein Dialog mit der Redaktion und Abofragen sind ausdrücklich erwünscht.

In den letzten Monaten ist mir bereits positiv aufgefallen, wie viele SZ-Journalisten sich auf Twitter bewegen. Immer mal wieder habe ich sie unter meinen Followern bei meinem Twitter-Account entdeckt. Eine Einführung und eine Liste des Twitterteams gibt es auch.

Wer einen Follow-Rundumschlag machen möchte – die Zeitung bietet neben @SZ auch noch weitere Twitter-Accounts an.

Was haltet ihr vom Twitter-Engagement der SZ?

grün

Was aus dem gekündigten SZ-Abo wurde!

Vor genau einem Monat kündigte Kollege Dennis Horn sein langjähriges Abo der Süddeutschen Abo. Sein Grund: Er war mit der SZ-Hauspolitik nicht einverstanden, an der Klage gegen die Tagesschau-App teilzunehmen. Sein Kündigungsschreiben haben wir veröffentlicht – aber wie reagiert die SZ? Sie offenbart die Abgründe in der deutschen Abo-Kultur!

KOMMENTIERT VON DANIEL FIENE

Seiner Kündigung hat der SZ-Abo-Service umgehend entsprochen und bestätigt. Allerdings gab es als Antwort nur ein Standardschreiben. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Horns Kritik fand nicht statt. Das vermag viele nicht überraschen, der eigentliche Hohn erreicht Dennis heute Nacht per E-Mail. Wir zitieren:

Sehr geehrter Herr Horn,
im Juli 2011 haben wir Ihr Abonnement wunschgemäß beendet.
Um Ihnen noch einmal die vielen Vorzüge der Süddeutschen Zeitung aufzuzeigen, liefern wir
Ihnen im August völlig unverbindlich die Zeitung für einen weiteren Monat. Für Sie entstehen
keine Kosten und keine Verpflichtungen.
Wir würden uns freuen, wenn Sie Ihre Entscheidung noch einmal überdenken würden.
Sollten Sie Fragen oder Änderungswünsche haben schreiben Sie uns bitte eine E-Mail an
lesefreude@sueddeutsche.de oder informieren unsere Servicehotline unter der oben genannten
Rufnummer.
Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Freude bei der Lektüre der Süddeutschen Zeitung.
Mit freundlichen Grüßen
Leitung Abonnentenservice
i.V.Anton Stöckl

Auf die Idee muß man erstmal kommen. Dennis Horn kann sich jetzt schon auf viele weitere Kontaktaufnahmen der Süddeutschen Zeitung einstellen, wenn er nicht widerspricht. Ob ein Widerspruch überhaupt hilft, mögen einige anzweifeln. Aber Verlage fallen ja immer mal wieder mit Ungenauigkeiten im Umgang mit Leser-Adressdaten auf. Stoße ich auf entsprechende Berichte, verlieren die Verlage bei mir persönlich an Glaubwürdigkeit. Wie soll ich da die nächsten “Google und Facebook sind Datenkraken”-Artikel noch ernst nehmen?

Aber zurück zum Antwortschreiben der SZ. Um eine beliebte Formulierung von Konstantin Neven DuMont zu benutzen: Was ist davon zu halten?

Ich bin mir nicht sicher. Zwar bewundere ich die Kreativität der Abo-Abteilung, versuche mir gerade aber vorzustellen, wenn ich das Prinzip als Radiomensch übrnehmen würde. Ab und zu rufen Hörer im Sender an und erzählen uns, dass sie uns nicht mehr hören, weil früher alles besser war. Beim nächsten Mal mache ich beim Hörer ein Überraschungsbesuch zu Hause und gehe in seine Küche und stelle sein Küchenradio zurück auf die Frequenz meines Senders. Natürlich erkläre ich mich hinterher dem Hörer: “Um Ihnen noch einmal die vielen Vorzüge des Senders aufzuzeigen, stellen wir Ihnen im August völlig unverbindlich das Radio für einen weiteren Monat auf unsere Frequenz ein. Für Sie entstehen keine Verpflichtungen. Wir würden uns freuen, wenn Sie Ihre Entscheidung noch einmal überdenken würden.”

Auf eine inhaltliche Debatte rund um den Kündigungsgrund warte ich derweil weiter.

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jensschröder

Print wird nicht sterben — Medienanalyst Jens Schröder im Gespräch

Print wird sterben und die Zukunft von Print. Zwei Lieblingsthemen der Medienbranche. Kaum ein Branchentreff kam in den letzten Jahren ohne diese Themen aus. Ist das nur eine Phantomdiskussion, oder geht es der Branche wirklich so schlecht? Wir möchten das ein für alle mal klären und haben deswegen in Was mit Medien 228 mit dem Medienjournalisten und Meedia.de-Analysten Jens Schröder über den Zustand des Printmarktes gesprochen. Hier ist die Abschrift des Gesprächs.

Uns nerven ehrlich gesagt die ewigen Print-wird-sterben- und Hat-die-Zeitung-eine-Zukunft-Diskussionen. Ist es denn rein auflagentechnisch angebracht, dass wir diese Debatten überhaupt führen?

Jens Schröder: Teils, teils. Auf der einen Seite ist es natürlich schon so, dass die Auflagen sinken. Das ist auch nicht wegzudiskutieren. Wenn man sich das längerfristig anguckt, dann wurden vor zehn Jahren noch 28 Millionen Tageszeitungen pro Tag verkauft, jetzt sind es noch ungefähr 22 Millione. 6 Millionen sind  verloren gegangen. Das heißt jetzt nicht, dass die Zeitungen alle sterben. Es sind immerhin noch 22 Millionen Zeitungen, die jeden Tag verkauft werden. Ein sterbendes Medium sieht anders aus. Es gibt auch genügend Gegenbeispiele für Entwicklungen einzelner Zeitungen, wo es nicht so schlimm aussieht. Auf der anderen Seite gibt es auch Entwicklungen, wo es besonders schlimm aussieht.

Daniel Fiene: Kann man das bei den Tageszeitungen ausmachen? Hat es die Zeitungen vor Ort schwerer? Oder eher die regionalen Zeitungen? Oder sind die Probleme gleichermaßen verteilt?

Jens Schröder: Es ist auffällig, dass es Boulevard-Zeitungen sehr, sehr schwer haben. Ich glaube, dass das auch gerade sehr mit dem Internet zusammen hängt. Wenn ich mir die Bild-Zeitung zum Beispiel angucke: Von diesen 6 Millionen Zeitungen, die in den letzten zehn Jahren weniger verkauft wurden, entfallen alleine auf die Bild-Zeitung 1,4 Millionen. Die Bild-Zeitung hat ein Drittel ihrer Auflage in nur zehn Jahren verloren. Auch bei der BZ in Berlin sieht es dramatisch aus. Auch beim Express in Köln und Düsseldorf. Gerade bei den Boulevard-Zeitungen rauscht es extrem nach unten. Es gibt bei den normalen Regionalzeitungen, bei den Abozeitungen,  Entwicklungen, die nicht so dramatisch aussehen. Interessanterweise sieht es bei vielen Blättern in Bayern und Baden-Württemberg extrem gut aus. Da sind in zehn Jahren teilweise fünf bis zehn Prozent verloren gegangen. Das ist im Vergleich eine relativ gute Bilanz.

Herr Pähler: Daniel und ich haben uns in unserem Umfeld umgeschaut und haben das Gefühl, dass es einen klaren Trend zur Wochenzeitung gibt. Ist das ein falscher Zeitung, den wir haben, oder spiegelt sich das tatächlich in den Auflagen wieder?

Jens Schröder: Das stimmt schon, der Eindruck ist nicht falsch. Das ist ein Ausdruck dafür, dass Print nicht stirbt. Es werden sicherlich einzelne Titel verschwinden werden, aber Print wird nicht sterben. Wenn ich mir bei den Wochenzeitungen die Zeit anschaue, die feiert Auflagenrekorde. Bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, wenn man die jetzt als Wochenzeitung zählen will, sieht es auch so aus. Da steigt die Auflage von Quartal zu Quartal. Es ist nicht so, dass Print stirbt, sondern es gibt genügend Beispiele dafür, dass die Leute noch zu Papier greifen.

Daniel Fiene: Greifen sie auch zu Zeitschriften?

Jens Schröder: Da ist es auch sehr unterschiedlich. Auf der einen Seite gibt es eine Flut von billigen Frauenzeitschriften, die weniger als einen Euro kosten und von denen monatlich neue Titel auf den Markt kommen und von denen alle sich irgendwie nicht schlecht verkaufen. Auf der anderen Seite gibt es auch Segmente, bei denen es schlecht aussieht. Bei den Jugendzeitungen ist in den Jahren eine deutliche Tendenz nach unten zu verzeichnen – wie beispielsweise bei der Bravo. Selbst auch bei den großen Wochenmagazinen habe ich das in der letzten Woche untersucht: Spiegel, Stern und Focus haben innerhalb von 15 Jahren alleine beim Kiosk eine Million Kioskverkäuer pro Woche verloren. Das ist natürlich schon eine dramatische Entwicklung.

Herr Pähler: Das hat möglicherweise auch Auswirkungen für die Vermarktung auf dem Werbemarkt. Wenn wir einmal eine These von Jeff Jarvis aufgreifen, der sagt am Beispiel des US-Marktes, dass einige Zeitungen eine Auflage nicht mehr haben werden, dass die kritische Masse nicht mehr erreicht wird, um für die wichtigen Werbebeilagen relevant zu sein. Das ist ja eine Abwärtsspirale. Es geht immer weiter nach unten. Ist das etwas, was man auch für den deutschen Markt konstatieren kann?

Jens Schröder: Es gibt zumindest ein paar interessante Tendenzen, die schon darauf hindeuten. Wichtig für die kleinen oder großen Regionalzeitungen, also für die Zeitungen vor Ort, waren immer die großen Discounter wie Lidl oder Aldi. Die waren Anzeigenkunden, auf die man sich verlassen konnte. Die haben jede Woche eine oder sogar zwei Seiten geschaltet oder gar eine Beilage mit den Angeboten beigelegt. Mittlerweile gibt es die Tendenz, dass in immer mehr Regionen Lidl und Aldi ausprobieren, ob es nicht auch ohne die Tageszeitungen geht. Ob es nicht günstiger ist, wenn man sein Angebotszettel einfach von irgendwelchen Schülern direkt in die Haushalte verteilen läßt. Das ist eine Entwicklung, die für die Tageszeitung noch anstrengender werden kann, als Auflagenverluste. Da geht es dann um sehr, sehr viel Geld.

Daniel Fiene: Was wir aus diesem Gespräch bisher sehr schön mitnehmen konnten ist, dass es eine Art Wandel gibt. Also dass sich der Schwerpunkt in den Auflagen verlagert, auch wenn die insgesamt leicht zurückgehen. Wie sieht denn die Zukunft von Print aus? Wir haben überlegt: Es könnte ja so eine Art Lifestyle-Produkt werden. Mit der Zeit unter dem Arm im Park spazierengehen und die dann raushängen lassen …

Jens Schröder: Das kann bei einzelnen Segmenten durchaus sein. Bei Titeln wie der Zeit oder FAS schmücken sich, glaube ich, manche Leute am Sonntag oder am Wochenende schon, wenn sie auf der Wiese liegen. Ob jetzt unbedingt eine Regional- oder Lokalzeitung so ein Lifestyle-Produkt wird, das glaube ich eher nicht. Ich bezweifel nicht, dass es in 20 Jahren noch diese Zeitungen gibt, aber wenn dann damit noch richtig gutes Geld verdient werden soll, dann ist es da wichtig, dass noch stärker auf regionale Inhalte gesetzt wird. Wird die Vor-Ort-Berichterstattung, die es in dieser Form noch nicht im Internet gibt, ausgebaut, dann wird es die Regionalzeitung auch noch lange geben.

Tipp: Uns gibt es auch als RSS-Feed in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Hier gibt es unsere Texte aus dem Blog und hier gibt es unseren wöchentlichen Podcast.

WAZ (Foto: Flickr/DOGMA_85p)

WAZ sollen wir lesen? Das Zeitungsabo-Experiment (10)

Warum lesen junge Menschen Lokalzeitung? Wir machen ein Experiment: Der Auszubildende Hendryk (23) testet für zwei Wochen die WAZ. Die Ergebnisse veröffentlicht er in seinem Blog und hier bei “Was mit Medien.” Eine Einführung gibt es hier. Die nächsten Teile seiner Serie könnt ihr in den kommenden Tagen an dieser Stelle nachlesen.

VON HENDRYK SCHÄFER

Nun ist es schon einige Tage her, dass mein WAZ-Probeabo auslief und irgendwie gelang es mir auch, das aufzuschreiben, was ich dabei erlebte und empfand. Allerdings waren diese Beiträge nicht unbedingt das, was ich persönlich als wirklich konstruktiv empfinden würde. Sicherlich, einige Anmerkungen gab es schon, die durchaus jemandem etwas bringen könnten, aber im Großen und Ganzen war es eher ein „Tu‘ das nicht! Hör‘ damit auf! Lass‘ das sein!“. In diesem, vorerst letzten Beitrag wird das alles anders, hier kommt meine geballte Wut konstruktive, positive Kritik, hier kommen meine Wünsche an eine Tageszeitung, die ich gerne lesen möchte!
Teil eins fokussierte sich dabei auf die Ausgangssituation, die Anforderungen und das faktische Angebot der WAZ und wird endete mit den Schwächen. Im zweiten Teil ging es um die Stärken der WAZ und um mich und meine Anforderungen. Daran anknüpfend stellte ich meine Wunschzeitung vor, konfrontierte sie mit der Realität und versuchte zu einer Lösung zu kommen.
Zu einem wirklichen Fazit, einem Rückblick und einem Ausblick möchte ich jetzt kommen.

Rückblick

Nach nunmehr fast genau einem Monat, nachdem ich die praktische Phase meines WAZ-Zeitungsabo-Experiments abgeschlossen habe, muss ich doch einmal ein paar Sachen feststellen.
Ich bin für die WAZ nicht eher aufgestanden als sonst. Dass ich Berufsschule en bloc hatte, war sicherlich nicht unbedingt vorteilhaft, weil es zu unschönen Aufstehzeiten führte, war aber kein Nachteil, weil ich schon bisher Zeit für ein ausgiebiges Frühstück und die Morgenlektüre eingeplant hatte, welche aber bis dato ausschließlich online erledigt wurde. Was hingegen nachteilig war, war der Umstand, dass die WAZ so früh am Morgen (halb Sechs) noch nicht im Briefkasten lag, so dass mir die ganze Zeit nichts nützte, außer dass sie durch die bisherige Blogschau am Morgen ausgefüllt werden konnte. Die WAZ gab ich mir dann jedenfalls erst mit dem Verlassen des Hauses als Wegzehrung mit.
In der U-Bahn morgens um halb Sieben Zeitung zu lesen ist machbar. Die U-Bahn ist nicht zu voll, es gibt Sitzplätze und die Beleuchtung ist ausgezeichnet. Das kann man im Bus leider nicht behaupten. Im besten Fall gibt es enge Sitzplätze und die neben mir sitzende Person mag die Zeitung nicht im Gesicht haben. Das schränkt den Radius zum Blättern extrem ein. Wenn dann noch (vor Morgendämmerung) die Beleuchtung im Schlafwagenmodus ist, kann man das Lesen vergessen, es sei denn, man hat eine Taschenlampe dabei. Aber wer nimmt schon zur Arbeit eine Taschenlampe mit? Wenn man dann noch mit Arbeitskollegen (oder in dem Fall Klassenkameraden) im Bus sitzt, ist es zudem trotz der uhrzeitbedingten Wachheit nicht sonderlich kommunikativ sich hinter der Zeitung zu verbergen, wenn sonst niemand mitliest oder mitlesen will, zumal es relativ schwierig wird den Gesprächen komplett zu folgen und dabei auf die Feinheiten der Berichterstattung zu achten – und gezz kommt mir nicht mit Multitasking.

Ich muss es leider so konstatieren: Ich habe mich wesentlich öfter über die WAZ geärgert als gefreut. Im besten Fall fand ich in der Regel, dass die Texte solide waren, nicht herausragend oder gut, sondern schlicht in Ordnung bis „geht so“. Wirklich gut, weil packend erzählt oder besonders gut recherchiert, fand ich zu wenig und gestalterisch gefällt mir die WAZ schlicht nicht. Ich habe leider nur wenig mehr Neues erfahren als ich bis zur Zeitungslektüre schon wusste und ich fand nur wenig mehr in der Zeitung als ich online schon gesehen hatte und noch weniger fand ich online, was in der Zeitung gestanden hatte – ich hätte gerne durchaus noch einige Artikel mehr verlinkt, aber ich fand sie einfach nicht, es gab sie einfach nicht.
Als die WAZ dann wieder weg war, hab‘ ich dann auch nicht so sonderlich viel vermisst. Vielleicht die Karikaturen, und dass ich sie auch gut und halbwegs bequem im Stehen lesen konnte, nachdem ich mein Umfeld mit Zeitungsorigami ins Koma geschlagen hatte. Aber sonst? Ja, gut, mein Netbook raschelt nicht so schön – aber wenn das raschelte, machte ich mir auch Gedanken – und es riecht auch nicht so gut nach Papier und Farbe, aber ich bekomme auch keine schwarzen Finger von der Druckerschwärze. Außerdem kann ich mich problemlos und ohne Wechsel des Mediums nach anderen Quellen und Standpunkten erkundigen und nicht zuletzt kann ich – twitter und facebook sei Dank! – ziemlich schnell und einfach anderen empfehlen, was ich gerade gelesen habe, auch wenn das zugegebenermaßen eher selten vorkommt, da ich viel mehr über Google Reader bzw. den Umweg tumblr „share“, also weiterempfehle.
Was ich in den zwei Wochen erleben durfte, hat mich nicht davon überzeugt, die WAZ als Tageszeitung zu abonnieren. Es hat mich auch nicht davon überzeugt, die Tageszeitung als solche zu verdammen oder schon jetzt auf’s Abstellgleis zu schieben, auch wenn ich die Tageszeitung als solche in nicht allzu ferner Zukunft – spätestens, wenn fast die gesamte Bevölkerung online ist und mit „online“ die tägliche Nutzung des Internets gemeint ist – dort vermute, weil sie in Sachen Schnelligkeit und Aktualität nicht mit dem Internet als Schriftmedium konkurrieren kann. Ihre Stärke sind die tendenziell eher zeitlosen Reportagen und Hintergrundberichte, die nicht auf ein fixes Datum angewiesen sind um aktuell zu sein. Das kann auch von einer mehrmals wöchentlich erscheinenden Zeitung geleistet werden. Aber lassen wir mal meine Thesen zur Zukunft der Tageszeitung außen vor.
Auch wenn die WAZ für viele Menschen ihre Tageszeitung ist und sie mit ihr so zufrieden sind, dass sie sie weiterhin lesen wollen, so ist sie das für mich nicht. Sie erfüllt meine Ansprüche an eine Tageszeitung nicht, sie bietet mir zu wenig originär neue Meldungen und zu wenig vertiefende Hintergrundberichterstattung zu schon bekannten Ereignissen. Sie hat als Monopolistin in Herne einen Lokalteil, der mir zu wenig aus dem städtischen Leben vermittelt, gerade aus dem städtischen politischen Leben, die zu selten an meiner statt die örtlichen politischen Gremien unter die Lupe nimmt und mir von ihnen berichtet (eigentlich nur, wenn es Kontroversen gibt), und der sonst von Menschen mit ungewöhnlichen Hobbies berichtet oder Schüler_innen für die Bebilderung der Meldung, dass diese für ein Jahr ins Ausland gehen, mit einem Lokalpolitiker posieren lässt, der von den immer gleichen Kleingartenvereinsfesten berichtet und eben anderweitig Bratwurstjournalismus abliefert. Sie bietet mir zu wenig Politik, Wirtschaft und Lokales, zu wenig menschliche Selbstreflektion (wie sie zum Beispiel die kombinierte Wirtschafts- und Umwelt-Seite der taz bietet) und zu viel Menschelndes und Obrigkeitsheischendes. Ich will nichts von Promihochzeiten oder verfilmte Psychotherapiesitzungen von seelischen Exhibitionisten wissen. Ich kann nachvollziehen, dass viele Menschen aus welchen Gründen auch immer solche Dinge lesen wollen, aber mich stößt es nur ab.

Ausblick

Ich will von meiner Tageszeitung informiert werden, ich will von ihr darin unterstützt werden, mein Leben in den heutigen Verhältnissen gut zu meistern, ich will mich anhand ihrer Berichterstattung selbst befähigen, mich aus meiner selbst verschuldeten Unmündigkeit und Ahnungslosigkeit von den gesellschaftlichen Zuständen zu befreien und die Gesellschaft, in der ich lebe, aktiv mitgestalten zu können. Ablenken von und ausklinken aus dieser Welt kann ich mich sehr gut selbst, da helfen mir andere Industrien mit ihren Zeitschriften, Büchern, Songs, Filmen, Theaterstücken, Konzerten, Parties, Kirchweihfesten (oder hat jemand einen schönen Plural von „Kirmes“ für mich im Angebot?), Trödelmärkten und anderen legalen Drogen.

Wenn ich also nun kein Abonnement mit der WAZ abschließen werde, dann nur weil ich es nicht kann. Ich kann nicht zweimal über dasselbe Ereignis informiert werden und bei beiden Malen behaupten, es wäre mir neu. Ich kann mich nicht damit arrangieren, regelmäßig Fehler zu reklamieren weil sie nicht abgestellt werden; irgendwann wird das Produkt gewandelt und die Marke hat ihren Vertrauensvorsprung eingebüßt und ich gehe zur Konkurrenz. Wenn ich nun keine Konkurrenz, keine Alternative habe, muss ich mich entscheiden: Finde ich mich mit den Mängeln ab, weil ich das Produkt so sehr benötige, oder kann ich auch gut ohne leben?
In Bezug auf das Produkt WAZ sieht es leider so aus: Die WAZ in Herne ist Monopolistin und deshalb kann sie machen, was sie will. Ich muss die Sachen mit erwerben, die ich gar nicht haben will und bekomme zudem zu wenig von dem, was ich brauche. Da mache ich nicht mehr mit. Ich kann gut ohne die WAZ leben – ohne DerWesten.de allerdings nicht.

Le fin.

Die Serie WAZ sollen wir lesen erscheint ab sofort auch auf “Was mit Medien”, nachdem Hendryk die Texte bereits in seinem Blog veröffentlichte, so auch diesen Teil 10.

Tipp: Uns gibt es auch als RSS-Feed in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Hier gibt es unsere Texte aus dem Blog und hier gibt es unseren wöchentlichen Podcast.

WAZ (Foto: Flickr/DOGMA_85p)

WAZ sollen wir lesen? Das Zeitungsabo-Experiment (9)

Warum lesen junge Menschen Lokalzeitung? Wir machen ein Experiment: Der Auszubildende Hendryk (23) testet für zwei Wochen die WAZ. Die Ergebnisse veröffentlicht er in seinem Blog und hier bei “Was mit Medien.” Eine Einführung gibt es hier. Die nächsten Teile seiner Serie könnt ihr in den kommenden Tagen an dieser Stelle nachlesen.

VON HENDRYK SCHÄFER

Nun ist es schon einige Tage her, dass mein WAZ-Probeabo auslief und irgendwie gelang es mir auch, das aufzuschreiben, was ich dabei erlebte und empfand. Allerdings waren diese Beiträge nicht unbedingt das, was ich persönlich als wirklich konstruktiv empfinden würde. Sicherlich, einige Anmerkungen gab es schon, die durchaus jemandem etwas bringen könnten, aber im Großen und Ganzen war es eher ein „Tu‘ das nicht! Hör‘ damit auf! Lass‘ das sein!“. In diesem, vorerst letzten Beitrag wird das alles anders, hier kommt meine geballte Wut konstruktive, positive Kritik, hier kommen meine Wünsche an eine Tageszeitung, die ich gerne lesen möchte!
Teil eins fokussierte sich dabei auf die Ausgangssituation, die Anforderungen und das faktische Angebot der WAZ und wird endete mit den Schwächen. In diesem Teil geht es dann um die Stärken der WAZ und um mich und meine Anforderungen. Daran anknüpfend stelle ich meine Wunschzeitung vor, konfrontiere sie mit der Realität und versuche zu einer Lösung zu kommen.
Ein eigentliches Fazit, einen Rückblick und eine abschließende Einschätzung gibt es dann – im dritten Teil.

Die Stärken der WAZ

Es ist immer leicht, an anderen herum zu nörgeln. Gutes zu benennen, fällt oft schwerer, vielleicht auch, weil es so selten wirklich auffällt, oder, um es in den Worten Gerrit van Aakens auszudrücken: „Ich entdecke jetzt, was schlechte Lesetypografie anstellt: Man bemerkt sie“.
Also habe ich gesucht und gesucht, aber über solides Mittelmaß kam ich dann doch leider selten hinaus, und ich will die WAZ auch nicht degradieren, indem ich ihre Mittelmäßigkeit als Stärke herausstelle.
Die wirklichen Stärken der WAZ sind leider selten eigene Leistungen – klingt hart, ist aber so und lassen sich mit Orpheus, Arachne und Zeus benennen. Man verzeihe mir bitte diesen, zugegebenermaßen weit gespannten Bogen und sei auf meine Ausführungen gespannt.

Orpheus: Man muss sie nur reden lassen …

Wenn man sich meine Tiraden so anhört bzw. durchliest, dann mag man es kaum glauben. Jaaa, auch die WAZ kann erzählen, sie kann richtig gute Geschichten erzählen, gründlich recherchiert, gut geschrieben, stimmig bebildert, und das über mehr als zwanzig Zeilen hinweg. Das klingt jetzt sehr spöttisch, ist aber eher ein Ausdruck meiner Enttäuschung, denn da spielt auch hinein, dass die WAZ so selten so gute Artikel veröffentlicht sondern viel öfter durch kleinere und größere Fehler auffällt oder zumindest länger im Gedächtnis bleibt.
Nichtsdestotrotz: Die Reportage über die Auflösung eines Klosters ist mir noch jetzt ziemlich präsent, und das will schon was heißen.

Arachne: Im Netz kennt sie sich aus

Man mag derwesten.de nicht für das schönste Tageszeitungsportal halten, nicht für das schnellste, innovativste oder größte, aber es hat Hand und Fuß und einen unwiderstehlichen Charme – wenn man auf den breiten Spagat zwischen toll twitternder Chefin vom Dienst und pöbelndem, aber immerhin registrierten Mob steht.
Eines muss man derwesten.de nämlich wirklich lassen: Das Schaufenster mit den fünf Topmeldungen fällt auf, auch wenn mein Netbook (und wohl nicht nur meins) schon vor der ersten „richtigen“ Meldung zu Ende ist. Die Trennung der Meldungen in regional und überregional trägt zwar dazu bei, dass ich die Seite als nicht sonderlich luftig empfinde, ist aber doch ein gutes Alleinstellungsmerkmal und zeigt doch deutlich, dass die WAZ (mit der NRZ und der WR und der WP und dem IKZ) eine regionale Tageszeitung ist. An dieser Stelle ist derwesten.de nicht verwechselbar, wie es viele andere Websites von Tageszeitungen sind, weil sie alle mit den großen bundespolitischen Ereignissen aufmachen. Das können die überregionalen Tageszeitungen taz, Frankfurter Rundschau, FAZ, Süddeutsche und das Klopapier mit den vier Buchstaben zumeist besser.
Dass DerWesten fleißig Facebook nutzt und twittert als hätten sie Ahnung davon und Humor (Hey, das war ein Kompliment!), ist absolut lobenswert und toll; in Sachen Facebook wüsste ich nur Antenne Düsseldorf mit einer ähnlichen Kompetenz und bei twitter ist nur die Rhein-Zeitung aus Koblenz vergleichbar gut.
Schade nur, dass die Community leise ablebte und dass die Blogs von DerWesten über keinen RSS-Feed verfügen. Sicher, so ist jeder Aufruf ein gezählter Klick (ich sage nur „Auflage“ und möchte die IVW grüßen), aber eher suche ich nach einer Lösung, doch noch das wirklich gute Rechercheblog zu abonnieren als dass ich immer und immer wieder dieselbe Seite aufriefe um nach Neuigkeiten Ausschau zu halten. Schlimm, diese Geeks und Nerds.
Wenn man mal die Qualität der Beiträge außen vor lässt, ist DerWesten gar nicht mal so schlimm, wenn nicht, aber auch.

Zeus: Statt einmal täglich nach Cupertino zu beten

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie die WAZ das Projekt „ZEUS Zeitung und Schule“ ins Leben rief und ich war drauf und dran, meinen damaligen Deutschlehrer darauf einmal anzusprechen – wenn mich dann nicht so viele Artikel in Folge verärgert hätten, dass ich daraufhin arge Zweifel bekam, ob denn die WAZ die richtige Partnerin dafür wäre, jungen Menschen Lese- und Schreibkompetenz und Einblick in journalistische Handlungsweisen beizubringen. Dass die WAZ in späteren Jahren Lesepatenschaften vermittelte (Unternehmer spenden Klassensätze der Tageszeitung, damit mit der Zeitung im Unterricht gearbeitet werden kann) fand ich im Prinzip genauso gut, nur wieder war es die WAZ als Objekt der Patenschaft, die mich störte, zumal stets von dadurch gewonnenen Partnern das Hohelied der Zeitung gesungen wurde, welche in ebendiesem Fall die WAZ war, deren Schwächen mich tagtäglich ansprangen.
Aber gut, zurück zu ZEUS: Medienkompetenz ist wichtig, und dass die WAZ sich darum bemüht, indem sie ihr Können (ja, das hat sie durchaus) in Sachen journalistischer Praxis weitergibt, dann tut sie wirklich etwas Gutes. Ich sag’s mal so: Ich mag Menschen, die fähig sind, Quellen einzuschätzen, mehrere Standpunkte einzuordnen und Argumente abzuwägen, die in der Lage sind, sich aus mehr als nur einer Meldung eine Meinung zu bilden, ich mag Menschen, die Ansichten hinterfragen können und sich nicht mit einem Furz von einem Statement abspeisen lassen – und wenn die WAZ mit ZEUS diese Fähigkeiten weckt und fördert, dann kann ich das nur gutheißen.

Das war die WAZ, jetzt komme ich

Ich habe es ganz zu Beginn einmal erwähnt: Ich bin kein einfacher Zeitungsleser, ich bin nur deshalb kein unbequemer Zeitungsleser, weil ich mich zu selten daran setze, meiner Zeitung einen geharnischten Leserbrief zu schreiben und ihr ihre Verfehlungen vorzuhalten und zu loben, was es zu loben gibt – und weil das aktuelle Angebot an Zeitungen nicht das Geld wert ist, was ich dafür ausgeben soll. Dabei bin ich durchaus bereit Geld zu geben für eine gut gemachte Zeitung, und nicht wenig; ich hätte gut und gerne als Schüler die taz zum ermäßigten Preis beziehen können, aber als sie den NRW-Teil noch hatte, war sie mir den normalen Preis von 30 Euro im Monat durchaus wert – aber dafür will ich auch etwas geboten bekommen, was über einen ungesund erhöhten Blutdruck hinausgeht.

Ich gestehe, „meine“ Zeitung wäre eine andere als die WAZ wie sie derzeit ist, eine sehr andere, schon weil mir die Gestaltung der WAZ absolut nicht zusagt. Aber davon einmal abgesehen habe ich Ansprüche, die ich von der WAZ nicht ausreichend erfüllt sehe.
Ich möchte sehr gut informiert werden, durchaus, vor allem politisch und lokal. Ich möchte auch sehr gerne längere Artikel lesen, gut recherchiert und gut geschrieben. Ich möchte Geschichten lesen, die spannend und wichtig sind, die ich anderswo nicht zu lesen bekomme. Ich möchte solides, gut gemachtes Handwerk serviert bekommen, stimmig-stimmungsvolle Bilder dazu. Ich möchte eine Zeitung, die zu meinen Lebensumständen passt!

Meine Wunschzeitung

Meine Wunschzeitung weiß, dass ich morgens im Zweifel nicht die Zeit habe, sie ganz durchzulesen und sie deshalb mit auf den Weg zur Arbeit nehme, ich kann sie im Tabloidformat halbwegs bequem in Bus und Bahn lesen.
Meine Wunschzeitung kennt sich bestens in meiner Stadt aus und weiß ihr neben der Einordnung des politischen Geschehens tagtäglich spannende Geschichten zu entlocken und nicht nur einen Blaulichtreport nach dem anderen. Sie verbindet die gedanklich so weit entfernten Nachbarorte mit dem, was hier passiert und wird so zum lebenden Beispiel der Metropole Ruhrgebiet, das nicht an der Stadtgrenze aufhört. Sie kann und will nicht auf die Familienanzeigen verzichten, weil sie die Quelle dafür ist, auf die sich noch die meisten Menschen einigen können.
Meine Wunschzeitung sieht das Ruhrgebiet nicht als Nebeneinander der Städte, die außerhalb städteübergreifender Kooperationen nichts miteinander zu tun haben, sie sieht das Ruhrgebiet als einen Raum, in dem alles, was irgendwo geschieht, eine Aktion oder Reaktion auf Zustände im gesamten Ruhrgebiet sein kann.
Meine Wunschzeitung hat den Mut, regionale Themen zum Titelthema zu machen und bietet dennoch einen guten politischen Teil, sie weiß regionale Themen zu finden, die die ganze Region interessieren; sie bricht nicht nur die großen Zusammenhänge auf’s Kleine herunter sondern rückt auch die kleinen Dinge in den großen Zusammenhang.
Meine Wunschzeitung nutzt die Meldungen der Nachrichtenagenturen, um ihre Leute darauf anzusetzen, was den Agenturen entgeht. Sie nimmt sich die Zeit zu warten bis die Geschichten stimmig sind, bis die Fakten recherchiert sind, selbst wenn sie dann nicht die erste mit einer Meldung ist. Sie muss nicht alles selbst machen, wenn andere ihr dabei helfen können.
Meine Wunschzeitung muss keine Videos produzieren können. Sie muss nur wissen, wer es kann und wann es sinnvoll ist.
Meine Wunschzeitung kennt keine Trennung zwischen „online“ und „offline“, sie ignoriert die Unterschiedlichkeit der Kommunikationswege, wenn es ihr darum geht Rückmeldung zu erhalten und nutzt die Unterschiedlichkeit für dem Medium angemessene Kommunikationsformen. Sie veröffentlicht Leserbriefe auch online und bringt Kommentare unter einem online publizierten Artikel in die Zeitung. Sie nutzt Social Networks wie Facebook und twitter zur Verbreitung ihrer Beiträge und zur Diskussion genauso wie zur Recherche, sie steht technischem Fortschritt positiv, aber kritisch gegenüber und brennt darauf neue Medien für sich zu entdecken und zu nutzen. Sie will ihren Leser_innen nicht ihre Weisheiten verkünden sondern stets aufs Neue ihr Wissen verbreiten und darüber in einen Diskurs treten.
Meine Wunschzeitung will gekauft werden, ob am Kiosk oder online. Sie bietet offline wie online attraktive, kurz laufenden Abonnements mit geringer Kündigungsfrist genauso wie lange laufende Verträge und offeriert online niedrigschwellige Bezahlmethoden, die das Kaufen von Artikeln im Internet genauso einfach werden lassen wie den Erwerb von Musik. Sie hat den Mut, all ihre Artikel online zu stellen. Sie lässt sich dort gerne bezahlen, für den Mehrwert, den ihr der unbeschränkte Platz bietet, für gute, journalistische Arbeit, aber sie zwingt niemanden dies zu tun.
Meine Wunschzeitung ist fundamental sachlich, meinungsstark und seriös.
Und nicht zuletzt sieht meine Wunschzeitung dabei auch noch verdammt gut aus und wird aus pflanzlich basierten Farben auf Umweltpapier von ökostrombetriebenen Druckmaschinen in einer solarzellengedeckten Produktionshalle gedruckt!

Der Zwang der Notwendigkeiten

So schön meine Wunschzeitung auch wäre, ich wüsste nicht, wie sie rentabel arbeiten könnte. Ich sehe ein, dass die WAZ Geld verdienen will und muss und dass das vorwiegend über eine hohe Auflage, den daraus resultierenden Umsatz und geringe Produktionskosten funktioniert. Ich sehe ein, dass die WAZ dazu möglichst viele Menschen erreichen muss und ich kann auch nachvollziehen, dass dazu die Produktion günstig sein muss. Ich will jetzt nicht über die Sparmaßnahmen der WAZ Mediengruppe lamentieren, das tat ich bereits vor geraumer Zeit, aber Klatsch und Tratsch gehen mir, mit Verlaub, am Arsch vorbei. Der Adel ist abgeschafft und die Schwangerschaft einer Kollegin interessiert mich mehr als die potenziell mögliche Schwangerschaft einer angeheirateten Frau eines Nachkommens eines Nachkommens eines Nachkommens eines Adeligen, die seinen Namen und möglichen Nachkommen trägt. Basta!

WAZ sollen wir schreiben? Ein Zeitungsproduktions-Experiment

Der WAZ geht es nicht sonderlich gut. Konnte sie in Herne vor im vierten Quartal 2000 noch 33.508 Abonements verkaufen, waren es im selben Zeitraum 2010 nur noch 22.331 Abonnements. Selbst wenn man davon ausgeht, dass jede Herner WAZ von mehr als einer Person gelesen wird, sind ein Abonnementverlust von rund 33 Prozent eine Hausnummer. Im gesamten DerWesten-Gebiet, welches auch noch die Westfälische Rundschau, die Westfalenpost, die Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung und die Iserlohner Kreisanzeiger umfasst, sieht es mit 739.650 zu 1.012.202 Abonnements und fast minus 27 Prozent nicht viel besser aus (Quelle dieser Zahlen: ivw.eu)
Mit DerWesten.de hat die WAZ schon einmal etwas riskiert, warum sollte sie das nicht wieder tun? Wie die Lage derzeit so schlecht ist? Die WAZ hat schon Sonderbeilagen im Tabloidformat gedruckt, warum sollte sie das nicht öfter tun? Erst jüngst hat sie damit begonnen, ein Wirtschaftsmagazin (PDF) als Beilage zur Zeitung zu vertreiben.
Auch wenn das Tabloidformat nicht den besten Ruf hat, und auch wenn die WAZ nicht als Speerspitze des Journalismus gilt, könnte man doch diese Ausgangssituation doch für etwas fast schon Neues nutzen.

Anstatt direkt die WAZ über den Haufen zu schmeißen und komplett zu verdammen (auch wenn es mir bisweilen leichtfiele), ließe sich doch gerade die Wochenendausgabe bzw. das Wochenend-Buch, welches mir schon länger als das schlechteste aller Bücher im Gedächtnis blieb mal komplett neu denken. Erklären wir das Wochenend-Buch kurzerhand mal, weil es so schön prägnant ist, zur Wochenend-WAZ und verbinden sie mit den folgenden Attributen.
Die Wochenend-WAZ ist klein im Format, erzählt aber die großen, gut recherchierten Geschichten. Die Wochenend-WAZ langweilt nicht mit umgeschriebenen Agenturmeldungen, weil sie sich aus dem Geschehen der Tageszeitung ausklinkt, sondern bietet durchaus ganz- und doppelseitige Reportagen. Die Wochenend-WAZ braucht keine immer gleichen Restaurantkritiken, CD- und Buchrezensionen, wenn die Werktags-WAZ das schon bietet. Die Wochenend-WAZ bietet Platz für große Debatten. Die Wochenend-WAZ bietet, weil es sonst zu kurz kommt, einen tiefen Einblick in die Diskussionen der Social Networks und Blogs.
Kurz: Die Wochenend-WAZ ist das Angebot für die gebildeten, anspruchsvollen Leser_innen, die sich selbst als Digital Natives oder Digital Residents sehen können und von der Alltags-WAZ nicht zufriedengestellt werden können. Die Wochenend-WAZ bietet dieser Gruppe die langen Texte, die sich am Bildschirm oft so schlecht lesen lassen. Die Wochenend-WAZ ist eine Zeitung in der Zeitung, sie ist eine Tabloid-Wochenzeitung ohne tagesaktuellen Zwang als Beilage zur Tageszeitung.
Wenn das nicht mal was wäre.

Einen allerletzten Rückblick auf das zwei Wochen dauernde Probeabo und eine Antwort auf die Frage, ob ich nun die WAZ weiterlesen werden und wenn ja, warum nicht, erfahrt ihr dann im nächsten Post.

Die Serie WAZ sollen wir lesen erscheint ab sofort auch auf “Was mit Medien”, nachdem Hendryk die Texte bereits in seinem Blog veröffentlichte, so auch diesen Teil 9.

Tipp: Uns gibt es auch als RSS-Feed in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Hier gibt es unsere Texte aus dem Blog und hier gibt es unseren wöchentlichen Podcast.

WAZ (Foto: Flickr/DOGMA_85p)

WAZ sollen wir lesen? Das Zeitungsabo-Experiment (8)

Warum lesen junge Menschen Lokalzeitung? Wir machen ein Experiment: Der Auszubildende Hendryk (23) testet für zwei Wochen die WAZ. Die Ergebnisse veröffentlicht er in seinem Blog und hier bei “Was mit Medien.” Eine Einführung gibt es hier. Die nächsten Teile seiner Serie könnt ihr in den kommenden Tagen an dieser Stelle nachlesen.

VON HENDRYK SCHÄFER

Nun ist es schon einige Tage her, dass mein WAZ-Probeabo auslief und irgendwie gelang es mir auch, das aufzuschreiben, was ich dabei erlebte und empfand. Allerdings waren diese Beiträge nicht unbedingt das, was ich persönlich als wirklich konstruktiv empfinden würde. Sicherlich, einige Anmerkungen gab es schon, die durchaus jemandem etwas bringen könnten, aber im Großen und Ganzen war es eher ein „Tu‘ das nicht! Hör‘ damit auf! Lass‘ das sein!“. In diesem, vorerst letzten Beitrag wird das alles anders, hier kommt meine geballte Wut konstruktive, positive Kritik, hier kommen meine Wünsche an eine Tageszeitung, die ich gerne lesen möchte!
Teil eins wird sich dabei auf die Ausgangssituation fokussieren, die Anforderungen und das faktische Angebot der WAZ und wird mit den Schwächen enden. Erst im zweiten Teil geht es dann um die Stärken der WAZ und um mich und meine Anforderungen. Daran anknüpfend stelle ich meine Wunschzeitung vor, konfrontiere sie mit der Realität und versuche zu einer Lösung zu kommen.
Ein eigentliches Fazit, einen Rückblick und eine abschließende Einschätzung gibt es dann – im dritten Teil.

Die Ausgangssituation

Es gibt nur die WAZ in Herne! Bis Mitte der 70er-Jahre hatte es mit „Herner Zeitung“ und den Lokalausgaben der Westfälischen Rundschau und der Ruhr Nachrichten noch Konkurrenz gegeben, doch seitdem ist Herne fest und ausschließlich in WAZ-Hand. Das mittwochs und sonntags erscheinende Anzeigenblatt „Wochenblatt“ gehört, vereinfacht gesagt, der WVW-Westdeutsche Verlags- und Werbegesellschaft mbH & Co. KG, welche wiederum einhundertprozentige Tochtergesellschaft der WAZ Mediengruppe ist, und ist somit ebenso wie das Lokalradio 90.8 Radio Herne (dieses über die Westfunk Gmbh & Co. KG) ein Geschöpf der WAZ Mediengruppe. Die Sonntagsnachrichten, die direkte Konkurrenz des Wochenblatts gehören hingegen dem „Verlag Lokalpresse GmbH“.

Gordische Tochtergesellschaften

Macht euch nicht die Mühe, nach den Zusammenhängen zwischen den verschiedenen GmbH & Co. KGs zu googlen, es bringt euch nicht mehr als ein unzähliges Erscheinen des Namens Rolf-Michael Kühne und einiger grauer Haare – und www.verlag-lokalpresse.de ist auch keine große Hilfe, falls ihr die Geflechte rund um die Herner Lokalzeitungen entwirren wollt. Da hilft wohl nur ein scharfes Schwert!

Halten wir vereinfachend fest: In Sachen Lokaljournalismus ist die WAZ gedruckter- und gehörterweise Monopolistin. Online ist es zum Glück ein wenig besser um die Medienvielfalt bestellt, gibt es doch mit Hallo Herne mittlerweile ein von einem ehemaligen freien Mitarbeiter der WAZ redaktionell geleitetes Onlineangebot, welches in manchen Dingen durchaus schneller als die WAZ reagiert, definitiv mehr veröffentlicht (zumindest online) und auch sonst einfach eine Alternative darstellt.
Rundherum ist die Lage also nicht gerade rosig, wenn man in Herne nach Kandidaten für einen Wettbewerb um das beste (ich will nicht sagen „um ein halbwegs passables“) journalistische Angebot sucht.

Daraus abgeleitete Anforderungen

Für eine Zeitung, die für viele – und gerade für die Zeitung selbst, aber das ist selbstverständlich – DAS Medium zur Information schlechthin ist, ergibt sich aus dieser Situation ein besonderer Anspruch. Aus Sicht der Leser sollte sie einen allgemeinen Informationsauftrag wie die öffentlich-rechtlichen Medien haben, aus Unternehmersicht muss sie aber auch irgendwie rentabel sein oder zumindest (wir sind ja ein im ganzen Ruhrgebiet erscheinender Verlag) nicht allzu rote Zahlen schreiben.
Anders gesagt: Man erwartet einen gut informierenden und einordnenden Poltik- und Wirtschaftsteil, einen soliden Sportteil mit viel Fußball (immerhin sind wir im Ruhrgebiet), einen soliden Lokalteil (immerhin will man, Globalisierung hin oder her, doch noch mitbekommen, was in der Stadt passiert) und ein bisschen Klatsch und Tratsch sollte auch dazu gehören, will man ja dafür in der Regel nicht noch extra eine zweite Zeitung kaufen. Mit dieser bunten Mischung sollen dann so viele Menschen wie möglich erreicht werden und das am besten so, dass es sich rechnet.
Klar, das ist jetzt eine sehr pauschale Einschätzung, aber es deckt sich ungefähr mit den Beobachtungen, wie die WAZ in Herne aufgestellt ist.

Das Angebot der WAZ

Die WAZ erscheint zum werktäglichen Straßenverkaufspreis von 1,20 € in einem Umfang von vier Büchern à acht Seiten im WAZ-Format (34 cm x 48 cm). Dazu gibt es dienstags die Beilage „Mein Dienstag“ im WAZ-Halbformat und freitags die Fernsehzeitschrift „rtv“. Das kann man gutfinden, muss man aber nicht, zumal gerade „Mein Dienstag“ mit einer wöchentlich wechselnden Themenabfolge nicht unbedingt ein Garant für konstantes Interesse ist.
Am Samstag erscheint die WAZ für 1,40 € in einem wesentlich größeren Umfang, gibt es doch zusätzlich ein fünftes Buch „Wochenende“ und dazu von „Verlagssonderveröffentlichungen“ gesäumte Unmengen an Klein, Reise-, Auto- und Stellenanzeigen. Für den Batzen, der da an Farbe und Papier dazugetan wird, sind die 20 Cent Aufpreis sicherlich gerechtfertigt, über den Inhalt möchte ich lieber schweigen.
Zu ganz besonderen Anlässen (wie zum Beispiel der Tod Michael Jacksons (PDF)) gibt es darüber hinaus sogar eine im WAZ-Halbformat beigefügte Sonderbeilage, aber dieser Tabloid-WAZ-Versuch scheint wohl ein eher rar durchgeführtes Experiment zu sein. Nu.

Die Schwächen der WAZ

Wenn ich die WAZ so lese, lassen sich ihre größten inhaltlichen Schäwchen (auf die Konzeption will ich hier bewusst nicht eingehen, dazu später mehr) auf drei Wörter reduzieren: Unaufmerksamkeit, Unaufmerksamkeit, Unaufmerksamkeit.

Unaufmerksamkeit 1: Das doppelte Lottchen

Irgendwann machte das Aufzählen keinen Spaß mehr, aber die WAZ hat es augenscheinlich nicht so mit dem Nachhalten, welche Artikel schon erschienen sind und welche nicht. Mehr als einmal fand ich Meldungen an anderer Stelle umgeschrieben oder im Wortlaut oder – der Extremfall – eine ganze Seite wurde an einem anderen Tag einfach noch einmal abgedruckt. Bei so selten erscheinenden Seite wie „Hochschule“ fällt das ja auch kaum auf, oder? Solche Fehler sind einfach ärgerlich und wenn sie sich häufen, bleibt der Eindruck nicht aus, dass da schlampig gearbeitet wird. Gibt es da keine Instanz, die nachhält, welche Artikel schon veröffentlicht wurden?

Unaufmerksamkeit 2: Kein Felher im System

Auch diese Unaufmerksamkeit als solche kann mal vorkommen. Auch ich bin bei weitem nicht perfekt, was die Rechtschreibung angeht, aber an eine Tageszeitung sollte ich als Leser doch höhere Ansprüche stellen dürfen. Wenn ich Wörter wie „Kirchen-Geld“ sehe, frage ich mich aber unwillkürlich „Darf die dat?“ und der Duden muss mir erst sagen „Die darf dat.“ und ich dann denke mir nur „Datt die dat darf …“. Wann darf ich denn dann „Dach-Decker“ schreiben oder „Chef-Redakteur“ oder „Medien-Schaffender“? Warum werden so schöne wie überlieferte und gültige Formen wie „Kirchengeld“ so mit Füßen getreten? Aber ach, ich will nicht weiter klagen, ist die Tageszeitung doch weder Deutschlehrer noch Deutsch-Lehrer.
Doch das ist ja nicht der Mangel, den ich hier zuvörderst beklage, denn der sind bisweilen unzählige Flüchtigkeitsfehler, die selbst die Word-Rechtschreibkorrektur sicher ausgemerzt hätte. Für abgebrochene oder anderweitig zusammenhanglose Sätze wäre dann doch ein Lektorat nötig gewesen. Oder gab es das? Umso schlimmer.

Unaufmerksamkeit 3: Ja, was weiß ich denn?

Es wäre fast schon ein Fall für einen eigenen Beitrag, aber es passt so gut, darum soll es als besonders krasses Beispiel hier bestehen. Abgesehen davon, dass ich (Disclaimer Anfang) Mitglied der Grünen bin (Disclaimer Ende), war es handwerklich doch ein dicker Hund, dass das DerWesten-Rechercheblog (leider ohne RSS-Feed, könnte sich daran bitte etwas ändern?) am 18.02.2011 einen Beitrag über den Zweitwohnsitz der grünen Bürgermeisterin Hernes, Tina Jelveh, in Bochum veröffentliche und Fakten dazu vorbrachte, während, ebenfalls am 18.02.2011, Michael Muscheid für den Herner Teil nur Gerüchte vorzubringen hatte. Weiß die eine Hand nicht, was die andere schrieb?
Außerdem war da noch Arne Poll. Ja, mal wieder. Er hatte sich – höchst überrascht, möchte man ironisch ausrufen – darüber empört, dass der Herner SPD-Landtagsabgeordnete Alexander Vogt sich zu einem Thema mithilfe von Textbausteinen einer Musterpressemeldung der Landtagsfraktion geäußert hatte, als wäre das eine „PR-Panne“, obgleich es eigentlich bekannt, weil rein logisch anzunehmen sein sollte, dass ein Abgeordneter nicht alles zu jedem Thema wissen kann. Aber in dem Fall war es natürlich (kleiner geht es ja kaum) ein Skandal. Wie eigentlich alles, was heutzutage noch passiert, wenn es nicht gerade eine gute Nachricht ist.
So wie es in den Fraktionen Berichterstattende zu einzelnen Themen gibt, die sich damit auskennen (und es sind nicht wenige Themen), die damit dafür sorgen, die anderen Abgeordneten über die Fakten und Standpunkte (und demzufolge auch die Parteilinie) in Kenntnis zu setzen, gibt es logischerweise auch darauf basierende Pressemitteilungen, damit Abgeordnete sich auch zu Ereignissen äußern können, bei denen sie nicht als Experten gelten.
Sicher ist es diskussionswürdig, ob es in Ordnung ist, die Expertise und den Standpunkt anderer unter eigenem Namen zu verkaufen (ich will nicht sagen „Guttenberg“; oh, zu spät), andererseits ist die Annahme, jeder Abgeordnete wäre Experte in allem oder hätte zu jedem Thema die Zeit sich so weit einzulesen, dass er eine fundierte Meinung in eigene, veröffentlichungsfähige (!) Worte gießen könnte, doch arg utopisch. Mit welcher Begründung sollte die Herner WAZ auch eine Pressemitteilung eines Dürener Landtagsabgeordneten abdrucken? Weil das Thema im Landtags diskutiert wurde? Dafür gibt es den regionalen Politikteil. Weil der Herner Landtagsabgeordneter die Pressemitteilung weitergeleitet hat? Ach, küsst mich doch anne Füße! Wo ist denn da der Lokalbezug?
Aber genug vom armen Arne Poll, auf dem mit Sicherheit (und auch von mir) ordentlich herumgehackt wird, wenn auch nicht ohne Grund. Diese beiden Beispiele sind nur exemplarisch, aber sie zeigen deutlich: Ein bisschen mehr Ahnung von der Materie – und damit ein bisschen weniger (unnötige) Empörung – hätten nicht geschadet.

Wenn die WAZ allein über ihre Unaufmerksamkeit hinweg käme, wäre ihr schon viel geholfen. Dass sie die Ansprüche ihrer Leser (in dem Fall: ich) nicht immer unbedingt erfüllt, ist ein anderes Problem, aber das hat eigentlich jede Tageszeitung.
Weiter mit den Stärken geht es nun im nächsten Post.

Die Serie WAZ sollen wir lesen erscheint ab sofort auch auf “Was mit Medien”, nachdem Hendryk die Texte bereits in seinem Blog veröffentlichte, so auch diesen Teil 7.

Tipp: Uns gibt es auch als RSS-Feed in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Hier gibt es unsere Texte aus dem Blog und hier gibt es unseren wöchentlichen Podcast.

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