Medien unterschätzen ihre Attraktivität für Hacker — Interview mit dem Internetsoziologen Dr. Stephan Humer nach dem Angriff auf TV5 Monde

Mittwochabend, 22 Uhr. Der internationale französische Sender TV5 Monde erlebt einen gigantischen Hackerangriff. Für etliche Stunden fällt das TV-Programm aus. Auch die Webangebote werden gehackt und mit Propaganda der Terromilliz “Islamischer Staat” bespielt. Es bekennen sich Mitglieder der Terrorgruppe Cyber-Kalifat. Der Schaden ist noch nicht komplett behoben, die französische Regierung zeigt sich erschüttert und will mit den Medien ein Sicherheitskonzept gegen solche Hackerangriffe erarbeiten.

Es ist nicht der erste Hackerangriff auf Medien. Für Schlagzeilen sorgte vor wenigen Monaten der große Angriff auf Sony. Hacker aus Nordkorea gingen vermutlich gegen die kritische Komödie “The Interview” vor. Warum werden Medien gehackt? Über die Symbolik von Hacker-Angriffen auf Medien haben wir mit Dr. Stephan Humer, Internetsoziologe und Herausgeber des Buches “Terrorismus A/D”, gesprochen. Das Gespräch war in “Was mit Medien” bei DRadioWissen in der Ausgabe vom 09. April 2015 zu hören. Die Sendung könnt ihr auch im Soundcloud-Player auf dieser Seite nachlesen. Es folgt eine Abschrift des Gesprächs.

Wenn Hacker Unternehmen oder Regierungseinrichtungen hacken geht es oft um Schaden und um das Entwenden von Informationen. Worum geht Hacker, wenn sie Medien hacken?

Humer: Die Symbolik ist hier der wichtigste Aspekt. Wir leben in einer Gesellschaft, die ohne Medien Informationen nicht mehr transportieren kann. Es ist unabdingbar sich zu informieren. Wenn man sich diesen Kanal zu Nutze macht, hat das Vorteile. In kurzer Zeit kann man enorm viel Erfolg haben.

Letzte Nacht um 22 Uhr ging dieser Hackerangriff los – noch sind nicht alle Details bekannt – aber was hat Sie am Meisten bei diesem Angriff überrascht?

Wie leicht die technische Umsetzung in dieser Breite tatsächlich gewesen sein muss. Nachdem was man bisher gelesen hat, gab es keine mehreren Ebenen von Schutzmechanismen. Mit relativ wenig Aufwand konnten Personen gleich mehrere Ebenen angreifen. Das Fernsehprogramm, Facebook und Twitter – einmal das Komplettpaket. Das ist erstaunlich, denn eigentlich gehört es zum 1×1, sich in unterschiedlichen Bereichen individuell abzusichern und dafür zu sorgen, dass nicht einer mit einem Generalschlüssel alles machen kann. Das war auf dem ersten Blick erstaunlich. Da bin ich gespannt, wie es intern gelaufen ist. Diese Prozesse sind dann doch schon sehr fragwürdig.

Warum hat es Ihrer Meinung nach TV5 Monde erwischt? Ist es die politische Bedeutung des Ziels, oder war es ein einfaches?

Aus meiner Erfahrung dreht es sich um die Frage: Geht es, oder geht es nicht. Da schien es, wie es derzeit aussieht, relativ einfach gewesen zu sein. Dann wählt man halt diesen Sender aus. In der Regel werden wir nie erfahren, was im Hintergrund noch gelaufen ist, wo man es noch versucht hat und dann an Grenzen gestossen ist. Der IS hat die Angewohnheit, gerne plakativ und deutlich zu sagen “Großer Erfolg von uns” und “seht an, was wir hier können”. Natürlich kommen noch Gründe wie politische Bedeutung und Reichweite hinzu, aber es steht und fällt alles mit der Frage, ob ich den Angriff durchführen kann — oder nicht.

Und schon ist der IS wieder in den Schlagzeilen …

Definitiv, denn das ist ja das, was sie wollen. Sie haben auch die Angewohnheit, auf Ereignisse aufzuspringen, bei denen man gar nicht davon ausgeht, dass es ein glänzender Erfolg des IS war. Propagandamöglichkeiten werden genutzt, wo sie anfallen. Nach außen sieht es immer dann so aus, als ob nie etwas anderes das Ziel gewesen wäre. Als ob man einen riesigen Erfolg zu verbuchen hat. Aber das ist im Hintergrund dann meistens nicht ganz so einfach.

Welche Symbolik hat solch ein Hackerangriff auf ein Medium?

Ganz allgemein geht es immer darum, dass Terroristen die Köpfe, die Gedanken erobern und einigermaßen durcheinander bringen wollen. Sie wollen in der Regel keinen Raum erobern. Man möchte Schrecken verbreiten. Ein Hackerangriff mit terroristischem Hintergrund zeigt, dass man eben angreifbar ist und dass man sich nicht sicher fühlen kann. Hier ist es auch ein wichtiges Ziel, dass die Propaganda verbreitet wird. Um den IS ist es in den vergangenen Monaten etwas ruhiger geworden, was die Verbreitung angeht. Man kann damit die Menschen in den europäischen Ländern aufrütteln und ihnen vermitteln, dass sie sich zu dieser Ideologie hingezogen fühlen. Mit wenig Aufwand wird auf sehr vielen Ebenen sehr viel erreicht.

Das klingt fast so, als ob wir künftig noch häufiger mit Hackerangriffen auf Medien rechnen müssen…

Absolut! Erstens, wegen der Idee dahinter. Es bleibt verführerisch und das wird sich so schnell nicht ändern. Zweitens, weil es geht. Es gibt in vielen europäischen Ländern und auch in Deutschland einen Nachholbedarf. Viele Dinge werden nicht wirklich geregelt. Man hofft immer, dass alles gut geht. Solange alles gut geht, ist alles schön und so rettet man sich über die Zeit. Drittens sind Medien-Hacks durch so ein Ereignis wieder in den Vordergrund gespült worden. Andere springen jetzt auf den Zug auf. Dann kommt in der Regel auch die andere Seite, die sagt: Jetzt müssen wir uns besonders absichern.

Wie müssen Medienkonzerne ihre IT-Sicherheitspolitik überdenken?

Ich befürchte, nachdem was ich bei verschiedenen Firmen gesehen habe, dass die eigene Rolle zu klein eingeschätzt wird. Man weiß zwar, dass man wichtige Dinge macht und man sieht sich auch gerne als wichtigen Teil der Gesellschaft, aber so wird oft aus IT-Sicht nicht gearbeitet. Es wird gesagt “Wir sind ja keine Bank, was brauchen wir jetzt für rigorose Sicherheitsmaßnahmen – das stört nur unseren Arbeitsablauf.” Medienschaffende müssen jetzt auch sehen, dass ihre Verantwortung relativ groß ist. Medienanbieter sind bedeutender, sensibler und angreifbarer als viele andere Firmen. Das sollte man sich jetzt noch mal vor Augen führen.

Müssen sich auch einzelne Journalisten Sorgen machen?

Die stehen nicht ganz so im Vordergrund, wie die Medienhäuser selber. Ich würde natürlich dafür plädieren, dass man individuell das beste an Sicherheitsvorkehrungen für sich selbst herausholt. Unabhängig ob man Journalist ist oder nicht – in der digitalen Welt ist man immer angreifbar. Das sollte man sich entsprechend Gedanken machen.

Dr. Stephan Humer twittert unter @netsociology.

 

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Arianna Huffington im Gespräch mit Was mit Medien: “Seid optimistisch!”

Da ist sie, die Huffington Post Deutschland! Der Blick auf die Seiten am ersten Abend des viel diskutierten Projekts (auch bei uns) vermittelt ein Gefühl: Als wäre die Huffington Post Deutschland schon immer da gewesen, schließlich ist sie ein exaktes Abbild vom US-Original. Da aber im Vorfeld von der Medienbranche so emotional diskutiert wurde, sind viele jetzt über die eigenen Erwartungen gestolpert. “Deutsche Huffington Post enttäuscht”, titelt Turi2. Eine Spot- und Skepsis-Sammlung gibt es bei BasicThinking. Was uns nicht überrascht, aber enttäuscht: Die deutsche Diskussion und die ersten Reaktionen um die Huffington Post verlief erwartbar. Muss sich Medien-Deutschland an die eigene Nase fassen, wenn Arianna Huffington im Gespräch mit “Was mit Medien” zu mehr Optimismus aufruft?

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Daniel Fiene: Ich habe mich während der Pressekonferenz gewundert, dass Sie extra die “Good”-Rubrik auf der Deutschen Huffington Post erwähnt haben, in der es nur gute Nachrichten geben soll. Außerdem haben Sie mehrmals Anti-Stress-Tipps gegeben. Haben Sie da besonders an die Journalisten im Publikum gedacht?

Arianna Huffington (lacht): Diese Themen sind meine große Leidenschaft. Ich glaube, dass wir Medien eine Verantwortung haben, uns auf gute Geschichten zu konzentrieren. Damit meine ich, dass wir uns auf Lösungen konzentrieren und auf Dinge, die funktionieren. Es darf nicht immer nur um das gehen, was nicht funktioniert. Die Rubrik “Good” konzentriert sich auf positive Themen. Da kann es um ein Startup gehen, welches neue Jobs schafft, aber auch um jemanden, der ein Portmonee findet und es zurück gibt. Wir wollen jeden Aspekt der guten Seite der Menschheit sammeln. Es ist gut, sich mehrmals am Tag damit zu beschäftigen und optimistisch in Bezug auf die Menschheit zu sein.

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Ich erinnere mich an eine Diskussion zwischen Ihnen und Mathias Döpfner vom Axel-Springer-Verlag. Sie sagten ihm, dass er seine Medienvision sehr überzeugend darlege, aber trotzdem unglaublich falsch liege. Was vergessen deutsche Medien in ihren Strategien für die Zukunft?

Sie unterschätzen die Macht von Plattformen. Ich beobachte das fassungslos. Jedes Jahr gibt es mehr Beweise, die die Macht von Plattformen beweisen. Seit dem ich mit Döpfner die Unterhaltung gehabt habe, ist die Zahl der Belege dramatisch gestiegen. Nehmen wir das Beispiel von Instagram. Das ist eine Plattform. Die Leute werden für das Hochladen ihrer Fotos nicht bezahlt. Instagram ist für eine Milliarde US-Dollar verkauft worden. Das ist ein Unternehmen, das Profit macht, basierend auf Arbeit, die sie nicht bezahlen. Aber die Leute nutzen die Plattform, weil sie diese nutzen möchten. Sie sehen für sich einen persönlichen Wert. Das sehen wir auch bei Facebook und Wikipedia. Tumblr erlaubt es den Leuten ihr eigenes Blog anzulegen. Tumblr-Nutzer wollen die eigene Meinung äußern und Geschichten erzählen.

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Unter unseren Zuhörern haben wir viele junge Journalisten, die auch in Zukunft für ihren Job bezahlt werden müssen. Wird das auch in Zukunft für sie funktionieren?

Erst einmal können sie sich um einen Job bewerben. Wir werden weiterhin Journalisten einstellen. Wenn sie schon ein Blog haben, können Sie ihre Texte auch bei der Huffington Post ohne Extra-Arbeit zusätzlich veröffentlichen.

Vielen Dank – Das Gespräch hatte Premiere in unserer Radiosendung auf DRadioWissen (10.10.2013).

In Deutschland wird die Huffington Post zusammen mit der Tomorrow Focus AG betrieben. In den ersten beiden Jahren werden drei Millionen Euro investiert. Zunächst arbeiten 15 Redakteure für die Webseite. Mittelfristig soll die Zahl auf 30 bis 40 Redakteure ausgebaut werden. Im dritten Jahr soll das Projekt den Breakeven geschafft haben und zu den Top 5 Nachrichtenwebseiten in Deutschland gehören.

Noch mal zurück zur erwartbar deutschen Debatte um die Huffington Post Deutschland: Ich empfehle euch den Blick auf meine Facebook-Wand, auf der wir eine sehr inspirierende Diskussion geführt haben. Was mich optimistisch stimmt: Verlass war wieder auf Stefan Niggemeier, der in seinem Blog die Dinge aussprach, über die wir diskutieren sollten. Und den besten Beitrag des Tages lieferte ohne Zweifel der Postillon. Verzeihung der Huffinton Postillon.

 

Münchener Merkur

Wir fordern: Jede Redaktion braucht einen Nerd vom Dienst!

Jeder Redaktion braucht einen Nerd vom Dienst (NvD) – das zeigt eindrucksvoll ein Zeitungartikel des Münchener Merkurs. Von der Netzgemeinde gibt es viel Häme für einen Faux-pas, den sich die Zeitung geleistet hat. Dahinter steckt aber ein wirkliches Problem. Wir haben da einen Lösungsvorschlag.
Von Daniel Fiene.

Der Reihe nach. Heute Vormittag (21.05.) macht dieser Zeitungsausschnitt (siehe Foto) die Runde durch die sozialen Netzwerke (wie zum Beispiel hier). Der Münchener Merkur schreibt doch tatsächlich in seinem Artikel über den Tumblr-Kauf durch Yahoo folgenden Satz:

Yahoo betreibt bereits unter anderem Google und Facebook.

Als Grundlage diente eine DPA-Meldung. Die Netzgemeinde fragt sich: Wer hat hier geschlafen? Wer schreibt so einen Unfug?

Aus “Yahoo betreibt neben Google und Facebook eines der größten Anzeigensystem im Internet” ist also “Yahoo betreibt bereits unter anderem Google und Facebook” geworden. Sprachlich macht die Kürzung vielleicht Sinn. Inhaltlich natürlich nicht. Das zeigt: Hier ist beim Umschreiben leider kaum Hirn benutzt worden. Kann ja mal passieren.

Hätte der Münchener Merkur aber einen Nerd vom Dienst, wäre das nicht passiert. Wir wünschen uns für jede Radio-, Fernseh-, Print- und sogar Online-Redaktion einen Nerd vom Dienst. Der kann dann nicht nur Netzthemen noch einmal gegenlesen und durch kleine Veränderungen bei Formulierungen die Netzgemeinde zum Dahinschmelzen bringen (wer “das Blog” schreibt bekommt gutes Karma), sie oder er kann auch die Redaktion bei der Themenauswahl beraten.

Lassen wir mal die Freude über den Kürzungs-Fehler bei Seite: Die meisten Redaktionen tun sich mit ihrer Netz-Berichterstattung schwer: Womit beschäftigen sich gerade die Menschen im Netz? Was ist gerade wichtig? Was wird von den Medien völlig übertrieben in den Fokus der Berichterstattung gerückt?

Ein NvD kann helfen. Er kann Redakteure und Reporter bei der Themenauswahl beraten und Einschätzungen aus dem Netz weitergeben. Er kann helfen, ein Gefühl für das Netz zu vermitteln.

Vielleicht ist der Nerd vom Dienst auch ein Geschäftsmodell? In Zeiten knapper Redaktionsetats ist so eine NvD-Schicht wahrscheinlich ein kühner Traum. Nicht jede Redaktion hat eine Kollegin oder einen Kollegen, der sich nebenbei den Ruf eines NvD erarbeitet hat. Vielleicht wäre dies aber ein Geschäftsmodell für einen freien Journalisten, der seine Nerd-Berater-Dienste einzelnen Redaktionen anbieten kann. Wenn dann das nächste Mal eine Unsicherheit in einer Redaktion besteht, braucht man nur zum Telefon greifen. Oder zum Instant Messenger. Es geht ja ums Internet.

Was meint ihr? Sollte jede Redaktion einen beratenden Nerd vom Dienst haben? Würde dies die Netz-Berichterstattung in Deutschland besser machen?

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Nach der AP-Spitzelaffäre: Obamas Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel

Keine gute Woche für Barack Obama: Diverse Krisen bestimmen die Agenda des US-Präsidenten. Darunter eine Krise, die durch seinen Justizminister ausgelöst wurde. Die Nachrichtenagentur AP ist darüber informiert worden, dass Telefonleitungen einiger AP-Journalisten überwacht wurden. Die US-Regierung soll so Informationen über Quellen der Journalisten bekommen haben. War das nur die Spitze des Eisbergs? In unserer Sendung vom 16.05.2013 haben wir darüber mit dem US-Korrespondenten Michael Remke gesprochen.

“Die Aufregung ist sehr groß. Alle Journalisten in diesem Land sind überrascht, dass so etwas überhaupt unter der Obama-Regierung passieren konnte”, so Remke. Immerhin habe Obama zu seiner zweiten Amtszeit eine neue und transparente Politik versprochen.

In diesem Fall ist AP selbst darauf aufmerksam geworden, dass einige Telefonleitungen knackten und etwas nicht damit zu stimmen schien. Darüber hinaus ist die AP von den Behörden informiert worden.  Es gibt in den USA ein Gesetz aus dem Jahr 1972, welches der Regierung erlaubt, im Falle einer Bedrohung für die Nationale Sicherheit, gegen die Presse vorgehen zu können. Der Rahmen ist aber eng gesteckt und die Presse muss informiert werden. Eine Kontrollinstanz gibt es für dieses Vorgehen nicht.

“Wenn man zwei Monate zwanzig Telefonleitungen anzapft, die von Hundert Journalisten benutzt werden, dann weiß man eine ganze Reihe mehr, als eigentlich erlaubt ist”, schätz der US-Korrespondent ein.

Was steckt hinter dieser Bespitzelungsaktion? Obama führt einen Kampf gegen alle Whistleblower, die Interna aus seiner Regierung ohne seine Genehmigung an Journalisten weitergeben. Obwohl sich Obama selbst gerne dieser Methode bedient, wenn diese ihm nützt. Remke: “Wenn er selbst eine gute Geschichte für sich herausgeben möchte, zum Beispiel bei der Tötung von Osama bin Laden, dann lässt er das an die Presse lancieren. Er will die Presse mehr kontrollieren, so hat man den Eindruck. Er benutzt sie auch.”

Sicher ist auch: Bei dieser Affäre ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. US-Justizminister Eric Holder hat in einem NPR-Interview angegeben nicht zu wissen, wie oft er Durchsuchungen von Journalisten in den vier Jahren seiner Amtszeit gebilligt habe. Das klingt nach einer Spitze des Eisbergs. “Das empfinde ich als riesen Skandal, das er das nicht weiß”, sagt Michael Remke. “Er sagt ja auch, dass er einige Anträge abgelehnt habe. Ich hätte aber gerne gewusst, wie viele er genehmigt hat. Obama behauptet auch, er habe nichts gewusst. Auch das mag man zumindest anzweifeln. Die ganze Glaubwürdigkeit von Obama und seiner Regierung steht hier gerade auf dem Spiel.”

Presseschau zu diesem Thema:

  • “War es nicht Obama, der immer wieder betont hat: “The bucket stops with me.” Daran sollte er sich wieder erinnern. Was immer in dieser US-Regierung passiert – Obama ist dafür verantwortlich.” — Michael Remke in seinem Blog.
  • “Jay Carney, the White House spokesman, insisted that Obama remained a strong believer in the first amendment that protects journalists’ rights, and supported reporters in their unfettered freedom to mount investigations.” — The Guardian
  • AP-Präsident Gary Pruitt (…) „Es kann keine mögliche Rechtfertigung für eine solche überbordende Sammlung von Telefondaten der AP und ihrer Reporter geben.“ — Handelsblatt
  • Das Schreiben von Pruitt an den US-Justizminister ist auch als PDF veröffentlicht worden.
  • US-Justizminister Erick Holder: Die durchgesickerten Informationen hätten eine Gefahr für die US-Bevölkerung bedeutet. — Tagesspiegel
  • Darrell Issa (Republikanerin) glaubt „dass Mitarbeiter der Regierung unter Präsident Barack Obama glauben, über dem Gesetz zu stehen und niemandem Rechenschaft schuldig zu sein“. — FAZ.net
  • DJV-Sprecher Hendrik Zörner: “Eine Aktion, wie sie in den USA stattgefunden hat, wäre ganz genau so nach der deutschen Gesetzeslage auch bei uns möglich gewesen, sofern ein Richter dieser Aktion im Vorfeld zugestimmt hätte. Aber die Praxis zeigt, dass es in der Regel für Ermittlungsbehörden und Nachrichtendienste einfach ist, einen Richter von solchen Maßnahmen zu überzeugen.” — ZDF Heute

Foto von Barack Obama (oben): vipflash / Shutterstock.com

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Das tagesaktuelle eBook — ein Experiment auf der re:publica von ePubli und der Deutschen Journalistenschule

15 Studenten der Deutschen Journalisten Schule, 99 Artikel, 3 eBooks, 10.000 Downloads in den ersten Stunden nach der Veröffentlichung. Hinter diesen Zahlen steckt ein spannendes Experiment, welches wir auf der re:publica beobachtet haben. Studenten der Deutschen Journalistenschule haben zusammen mit dem Self-Publishing-Dienstleister ePubli ein Experiment durchgeführt: Sie haben an jedem Tag eine Zusammenfassung vieler Veranstaltungen in ein tagesaktuelles eBook veröffentlicht. Dies ist direkt am nächsten Morgen erschienen. Wie hat das Experiment geklappt? Christina Metallinos von der Deutschen Journalistenschule hat uns ihre Sicht geschildert.

Das Motto klingt ehrgeizig. Sie wollten das schnellste eBook der Welt veröffentlichen. Ob dieser Rekordanspruch tatsächlich erfüllt wurde, konnten wir nicht überprüfen; auf jeden Fall stand jeweils am nächsten Morgen pünktlich das nächste Buch zum Download zur Verfügung. Bis 12 Uhr gab es jeweils das frische eBook gratis. Seit dem können die für 2,99 Euro in den gängigen eBook-Shops gekauft werden.

“Es müssen nicht immer Storifys sein”, erklärt Christina Mettalinos, warum diese Darstellungsform für eine aktuelle Konferenz-Berichterstattung ausgewählt worden ist. “Allerdings haben wir uns im Laufe der Konferenz eher in ein eMag verwandelt”, so die junge Journalistin. “Die Leser waren nach dem ersten Tag erstaunt, dass wir tatsächlich nur Texte in unserem Reader hatten.” Das Team überlegte, wie sie auf die Kritik reagieren konnten. “Wir hatten keinen Fotoredakteur mit vor Ort. Wir haben dann einfach unsere Smartphones genommen und beim Besuch der Veranstaltung Fotos geschossen. So wurden wir schon ab dem zweiten Tag magaziniger.”

Das Experiment zeigt spannende Möglichkeiten

Sonst produzieren Mettalinos und ihre Kollegen im Schulbetrieb nur für sich selbst. Während der re:publica ging es an die große Öffentlichkeit und es hieß: Arbeiten unter echten Bedingungen. Endlich gab es eine Leserschaft. Trotzdem war es für die Journalistenschüler kein Problem, dass die Inhalte nach wenigen Stunden hinter der Bezahlschranke verschwanden:  “Wir haben natürlich versucht nicht nur Content für ein Gratis-eBook zu produzieren. Die Inhalte sollen den Lesern auch etwas wert sein. Das ist unser unternehmerische Gedanke dahinter.”

Die Gedanken hinter diesem Experiment finden wir spannend: Das aktuelle eBook als Begleitung von einer Veranstaltung oder einem Ereignis ist sehr attraktiv, wie dieses Experiment zeigt. Hier können freie Journalisten, Medienhäuser oder Unternehmen im Corporate-Publishing-Bereich neue Tätigkeitsfelder entdecken. Sowohl für Besucher oder interessierter Beobachter einer Veranstaltung ist so eine Publikation sehr wertvoll. Schon auf dem Weg nach Hause, ergänzt das eBook die eigenen Notizen. Wer es nicht zur Veranstaltung geschafft hat, bekommt dennoch die wichtigsten Inhalte wenigstens zum Nachlesen.

Ein weiterer Pluspunkt: Das eBook ist eine der wenigen journalistisch nutzbaren digitalen Darstellungsformen ist, für die es eine Zahlungsbereitschaft gibt. Das eBook könnte so zu einem Medium werden, in dem die Grundidee der Tageszeitung im Netz weiterlebt.

Eindrücke rund um das Experiment findet ihr auf Twitter unter dem Hashtag #rp13rdr.

Wir verlosen die eBooks

Wollt ihr mitreden? Möchtet ihr euch selbst ein Bild von den eBooks machen? Was haltet ihr von dem Experiment? Sagt es uns gerne in den Kommentaren. Damit ihr euch ein Bild machen könnt, haben wir für euch die Gelegenheit die eBook-Sets zu gewinnen. Die eBooks sind freundlicherweise von ePubli zu Verfügung gestellt worden.

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Das Gespräch mit Christina haben wir in unserer Radiosendung vom 16.05. bei DRadioWissen geführt (gibt es auch als Podcast). Das Foto stammt vom Twitter-Account von ePubli.

Foto: WDR Presse

“Die EU haut Geld für die Manipulation von Menschen raus” — Journalist des Jahres Rolf-Dieter Krause über seinen Job als ARD-Studioleiter in Brüssel

Foto: WDR Presse

Rolf-Dieter Krause, ARD-Studioleiter in Brüssel — Foto: WDR Presse

An diesem Donnerstag (31.01.2013) zeichnet das Print-Medienmagazin “medium magazin” in Berlin die Journalisten des Jahres aus. In der Hauptkategorie wird der Leiter des Brüsseler ARD-Studios Rolf-Dieter Krause (WDR) die Auszeichnung erhalten. “Wenn er im Fernsehen Europa erklärt, dann versteht man wenigstens, um was es geht”, so das Fazit vieler Jurymitglieder*. Nachdem in den letzten Monaten so viele Hiobsbotschaften aus Brüssel kamen, ist dieses Urteil umso wertvoller. Wir haben vorab mit ihm über seinen Job bei der EU gesprochen. Das Gespräch hört ihr in unserer Sendung bei DRadio Wissen (donnerstags, 18:00 – 19:30 Uhr), die kurz vor der Preisverleihung läuft. Kraus spricht darin über die nicht immer einfache Arbeitssituation eines Journalisten in der Europäischen Union. Wir haben das Interview bereits transkribiert.

Daniel Fiene: Ich möchte Sie gerne mit einem Urteil konfrontieren, passend zur Ihrer Auszeichnung zum Journalist des Jahres: “Wenn er im Fernsehen Europa erklärt, dann versteht man wenigstens, um was es geht.” Verstehen Sie sich als Erklärer Europas?

Rolf-Dieter Krause: Naja. Gut, dass man nicht sieht, dass ich dann immer leicht erröte. Aber ich finde schon: Journalismus hat ja so ein paar Grundregeln und die Erste ist: Was wir sagen, muss stimmen. Zweitens: Es muss verständlich sein. Eleganz oder Schönheit der Sprache kommt eigentlich dann erst danach. Wir sind ja dafür da, Menschen, so weit möglich, eine Teilhabe an politischen Prozessen zur ermöglichen, damit sie sich ein Urteil bilden können. Dafür ist Verständlichkeit schon ein hohes Ziel. Ich war ja eine Zeit lang auch Lokalredakteur, bei der WAZ im Ruhrgebiet und das war eine gute Schule. Da lernt man, verständlich zu sein und für normale Leute zu schreiben. Ich tue auch ein bisschen was dafür, dass ich den Kontakt zu “normalen” Leuten behalte. Verständlichkeit ist ein Kompliment, dass ich gerne entgegennehme. Es entspricht meinem Streben.

Daniel Fiene: Das klingt jetzt ein bisschen so, als ob Sie in Ihrem normalen Tagesablauf rund um die EU mit weniger normalen Menschen zu tun haben?

Rolf-Dieter Krause: Naja, im Politikbetrieb gibt es eigene Sprachen, da gibt es Codes und gerade hier in Brüssel gibt es das Euro-Sprech. Wie in Berlin natürlich auch. Da wirft man sich Kürzel zu, da spricht man untereinander sehr oft eine Sprache, die halt eine Fachsprache ist. Ich meine, diese kennt jeder Klempner, jeder Friseur. Journalisten haben die, Politiker haben die, Beamte haben die. Und natürlich kommuniziert man auf der Seite unseres Geschäfts auch damit. Aber wir müssen es ja übersetzen für normale Bürger, die interessiert sind. Die Uninteressierten kann man eh nur schwer erreichen. Aber die Interessierten, die nicht immer Fachleute sind und sich damit auskennen. Ich finde Europa ist gar nicht so viel anders, als die Bundesrepublik. Wir sind auch ein relativ kompliziertes Gebilde. Ich glaube nur, dass viele Bürger eine Scheu haben davor. Das liegt natürlich auch an den Sprachen und den Akteuren hier, die man nicht in der eigenen Sprache reden hört. Und da ist natürlich auch ein bisschen mehr Erklärung angemessen. Erklärung soll aber bitte nicht heißen: Werbung. Ich habe es als Journalist abgelehnt, für eine Sache zu werben. Aber dass die Leute die Prozesse verstehen, verstehen, warum die Dinge nicht so laufen, wie sie sie gerne hätten…das muss ein Journalist schon leisten, finde ich.

Daniel Fiene: Wenn Sie das aber auch genauso rüberbringen, dann müssen Sie ja alles verstanden haben. Gibt es einen Punkt, wie zum Beispiel bei den vielen Finanzthemen der letzten Jahre, an dem Sie gesagt haben: “Oh das wird mir jetzt selbst zu hoch?”

Rolf-Dieter Krause: Diese Situation gibt es immer wieder. Deswegen erschreckt einen eine solche Ehrung auch ein bisschen.Der “Journalist des Jahres” klingt ja so verdammt absolut. Es gibt hier in Brüssel hervorragende Kollegen. Auch bei Zeitungen oder bei anderen Sendern, Radio, den Agenturen. Was das Glück hier in Brüssel ist, dass es zwischen den Journalisten, jedenfalls sehr weitgehend, doch ein ausgezeichnetes Klima der Kollegialität besteht. Sie stehen oft mit den Kollegen beieinander und reden gemeinsam darüber: “Was heißt das eigentlich, was bedeutet das, welche Folgen hat das?”. Und das sind nicht nur deutsche Kollegen. Wenn man in Brüssel arbeitet, muss man auch mit Kollegen aus anderen Ländern reden und das ist das Schöne hier. Journalisten sind dann irgendwie doch eine spezielle Brut. Die verstehen einander, die wissen auch, was die brauchen. Ich kann natürlich mit italienischen Diplomaten reden oder Spanischen, das ist dann alles sehr mühsam. Der italienische Kollege von mir oder der spanische Kollege weiß sehr viel genauer, was ich brauche. Und wenn es dann wirklich tief geht, habe ich schon auch Quellen in der Regierung oder bei den Diplomaten, aber für eine schnelle Information geht das. Und vor allem diese Kulturunterschiede mit denen wir immer wieder konfrontiert sind in Europa…zum Beispiel das Verhältnis zur Preisstabilität oder wie finden Tarifverhandlungen statt, wie finden Gesellschaften Löhne, was halten sie von Wettbewerbsfähigkeit, welche Begriffe sind überhaupt wichtig? Das kann man alles auch mit Kollegen, Gott sei Dank, hier sehr schön erörtern und  alles was aus meinem Kopf rauskommt, ist eigentlich ein Gemeinschaftswerk vieler Journalisten. Ich bin hier ganz glücklich in Brüssel. Man hat hier wirklich mehr Kollegialität, als anderswo, wo ich vorher gearbeitet habe.

Daniel Fiene: Das finde ich ganz spannend. Ich habe mir nämlich auch überlegt, dass das Thema “Austausch” ganz wichtig für Ihren Job ist. Gibt es vielleicht auch andere Bereiche mit denen man sich austauscht. Vielleicht  gibt es ja irgendwelche Beamten auf EU-Seite, die in irgendwelchen versteckten Fluren sitzen und die das System aber so gut erklären können, dass es einem weiterhilft. Oder gibt es irgendwelche Internetforen, die intern sind, in denen man sich austauscht? Gibt es da so etwas, neben dem Austausch mit Journalistenkollegen?

Rolf-Dieter Krause: Die sitzen nicht in dunklen Fluren und es ist bei mir nicht das Internet, aber in der Tat gibt es hier auch Beamte, die Dinge gut erkären können. Ich bin ja schon recht lange hier in Brüssel. Der Vorteil meiner langen Verweildauer ist, dass ich auch Kontakte zu Menschen anderer Nationalität habe. Das ist das, was hier ein bisschen schwerer ist. Die sehen ja nicht das deutschen Fernsehen. Die können sich kein Bild von dem machen, was ich mache. Und das wollen eigentlich Auskunftsgeber in Behörden, in der Politik. Die wollen immer wissen, mit was für einer Art Journalist sie es zu tun haben. Das ist auch eine berechtigte Frage. Ich will ja auch wissen, mit was für einer Art Politiker oder Beamten habe ich es tun. Diese Vertrauensbildung, nicht Kumpanei, aber Vertrauensbildung, die ist hier schwerer, weil es mit verschiedenen Nationaltäten, verschiedenen Sprachen, verschiedenen politischen Kulturen zu tun habe. Aber über die ergeben sich auch da Kontakte. Ich kann sagen, meine wichtigsten Gesprächspartner inzwischen in Brüssel, haben nicht den deutschen Pass, sondern andere Pässe. Und gerade die andere Sicht hilft einem oft ungemein andere Dinge zu verstehen. Ich bin zum Beispiel für ausländische Politiker nicht so wichtig für deren Wiederwahl. Die ARD ist für deren Image bei der Bevölkerung völlig gleichgültig. Das heißt, sie neigen nicht zu sehr dazu, mich mit einem gewissen Spin zu informieren, sondern es ist dann ein bisschen mehr an den Fakten, an der Realität, als bei manchem deutschen Auskunftsgeber. Und das hilft.

Daniel Fiene: Beim Stichwort “Spin”: Da kommt man ja zum Thema “EU-eigen-PR”. Ist das ein großes Problem in Ihrem Alltag? Werden Sie damit konfrontiert, von offiziellen EU-Sprechern?

Rolf-Dieter Krause: Ich bin seit Jahren ein Kritiker von dieser Propaganda-Arbeit der EU-Institutionen, weil sie Geld raushauen für die Manipulation von Menschen. Sie haben nicht genug, um Menschen zu informieren. Sie nennen es “Information”, aber in Wahrheit wollen Sie sich nur ständig auf die Schulter klopfen. Ich finds nicht in Ordnung, dass die EU einen Fernsehsender wie EuroNews zum großen Teil finanziert. Mit mehreren Millionen Euro pro Jahr. Dass sie Filme in Auftrag geben, die den Sendern zur kostenlosen Ausstrahlung angeboten werden, wo nie erkennbar wird, dass diese eigentlich von der Komission bezahlt worden sind. Ich halte das für Unanständig, das ist wahr. Für uns ist das nicht so sehr ein Problem. Wir bei der ARD haben, auch dank der Rundfunkgebühr übrigens, die Freiheit das nicht mitzumachen. Das Selbe gilt fürs ZDF, die machen es auch nicht mit, und die Radiosender machen es auch nicht mit. Man kann sich dem entziehen.

Wo wir Probleme hatten, die Zuschauer wissen es vielleicht nicht, oder die Zuhörer: Die EU hat ja auch einen eigenen Videodienst. Zwei Kanäle, wo sie Rohmaterialien hinliefern. Und das hat oft dazu geführt, dass sie oft versucht haben, unsere Kameras bei Events draußen zu halten. Und da allerdings haben wir dann wirklich ein wenig kämpfen müssen. Oft, Gott sei Dank, mit der Unterstützung der Bundesregierung, egal wer es war, ob Schröder oder Merkel, dass wir unsere Kameras bitte selbst reinkriegen. In unserem Verständnis, in unserem deutschen Verständnis von Pressefreiheit, gehört auch, dass wir unsere Bilder selbst machen. Und das machen unsere Kameraleute, dass wir nicht vorgegebenes Bildmaterial verwenden müssen. Wenn Sie sich das auf dem Markt der Fotografen angucken: Die Komission bietet von fast jedem Event, kostenlos, Bilder zum Download an. Das hat dazu geführt, dass die freien Fotografen hier in Brüssel praktisch verschwunden sind, weil die besonderen Fotos, die von denen kommen, reichen nicht, um davon zu leben. Die brauchen auch das Schwarzbrot der ganz normalen Fotos, wo zwei Politiker sich die Hände schütteln.

Daniel Fiene: Hat sich das denn die letzten Jahre denn groß verändert? Oder ist das ein Prozeß, der schon länger andauert? Oder hat sich das im Zuge der Medienwandlung einfach verschärft? Dass die EU den Druck in den privatwirtschaftlichen Redaktionen ein wenig ausnutzen möchte?

Rolf-Dieter Krause: Das hat sich mit der Krise der Medien verschärft. Die Zeitungen haben hier, zuteil jedenfalls, Korrespodentenstellen abgebaut. Das weckt dann natürlich Begehrlichkeiten. Ich habe erst kürzlich erfahren, dass das Parlament für jede Sitzungswoche in Straßburg 20 Journalisten einlädt, um die Reise zu finanzieren und dann an einem Seminar zu bestimmten Themen teilzunehmen. Kollegen aus anderen Ländern nehmen das auch in Anspruch, weil sie sie sich den Weg nach Straßburg sonst nicht leisten können. Ich will da nicht hochmütig drüber reden, aber ich halte das für eine gefährliche Entwicklung.

Daniel Fiene: Wenn das die einzige Wahl ist, ist es dann verwerflich so eine Reise anzunehmen und mitzumachen, nur damit man berichten kann? 

Rolf-Dieter Krause: Ich will nicht den Kollegen angreifen, der das macht. Ich hab das Glück in einem Unternehmen zu arbeiten, welches gut finanziert ist und das zwar auch sparen muss, dass aber stolz darauf ist, sich seine Arbeit nicht von Anderen bezahlen zu lassen. Ich würde den einzelnen Kollegen nicht angreifen. Andere arbeiten unter anderen Bedingungen, aber ich halte es insgesamt für eine schädliche Entwicklung. Ich glaube, dass wir damit Probleme auch kaschieren, die sonst vielleicht aufbrechen würden und ich glaube, dass der Unabhängigkeit von Journalisten so nicht gut getan wird. Ob es schaden muss, weiß ich nicht. Aber es tut jedenfalls nicht gut.

Daniel Fiene: Sie machen den Job ja mit kurzer Unterbrechung seit 1990 und seit 2001 sind Sie auch Studioleiter. Wie halten Sie denn für sich persönlich das Thema “Europa” spannend? Ich sag mal spitz: Jede Woche von einem Gipfel zu berichten ist ja auf Jahrzehnte gesehen auch langweilig.

Rolf-Dieter Krause: Nee, das ist das Komische. Mir ist jeder Job in meinem Leben langweilig geworden und hier warte ich noch darauf. Europa hat sich immer wieder verändert. Einmal finde ich es ein wirklich faszinierendes Projekt, wenn 27, bald 28, Länder versuchen, auf friedliche, freiwillige Weise miteinander zusammen zu arbeiten und ihren Platz in der Welt zu behaupten. Das ist immer noch historisch einzigartig. Kein Mensch weiß, ob das auf Dauer wirklich klappt. Das ist für sich genommen eine spannende Geschichte. Und dann ist es aber so, dass hier dauern neue Themen sind. Und wir haben auch immer mit neuen Typen zu tun. Wenn mir vor zehn Jahren jemand gesagt hätte, dass jemand so wie Sarkozy Präsident in Frankreich werden würde, hätte ich gesagt: Du spinnst! Aber dann war der aber da. Leute, wie die polnischen Kazcynskis, dann wieder so ein ganz seriöser wie Tusk. Sie haben dauernd mit neuen Menschen zu tun und es hört nicht auf interessant zu sein. Ich bin gerne hier und ich habe auch gedacht, es muss doch mal langsam langweilig werden. Ich war ja auch mal ein Bonner Korrespodent, sogar zweimal, wie hier in Brüssel. Und die deutsche Innenpolitik, wenn Sie die Jahrzehnte oder die fünfzehnte Koalitionskrise erleben, dann wissen Sie genau, wie die ausgeht, auch wenn sie noch nicht angefangen hat. Hier ist vieles offen. In den letzten drei Jahren, als wir über die Eurokrise berichtet haben, sind Sachen passiert von denen ich mir nicht hätte träumen lassen, dass sie passieren. Insofern gibt es hier immer noch Überraschungsmomente. Europa ist immer noch schwer vorhersagbar für mich und ich bin manchmal wirklich froh, wenn ich hinterher erklären kann, worum eine Entscheidung so ausgefallen ist, wie sie ausgefallen ist. Ich habe sie manchmal nicht vorher sehen können.

Daniel Fiene: Wenn Europa so schwer vorhersehbar ist, dann lassen Sie uns doch eine Momentaufnahme machen. Bei den ganzen Krisenmeldungen rund um die Währung oder vielleicht auch um Großbritannien: Wie geht es Europa jetzt, im Jahr 2013?

Rolf-Dieter Krause: Nicht gut. Das finde ich auch sehr bedauerlich. Ich glaube, wenn man sich mit unserem Kontinent befasst, dann glaube ich, wenn man halbwegs bei Trost ist, nicht zu einem anderen Schluss kommen, als dass wir schon zusammenhalten müssen, wenn wir unsere Art zu leben in Europa, und es gibt es eine europäische Art zu leben, verteidigen wollen. Die ist natürlich im globalen Wettbewerb unter Druck, weil die ja nicht ganz billig ist. Europa hat sich nicht bescheiden können. Es hat sich nicht auf die großen Aufgaben konzentriert. Das führt dazu, dass die Zustimmung der Bürger, ohne die es in unseren Demokratien ja Gott sei Dank nicht geht, sehr geschwunden ist. Cameron redet so, weil die Briten so denken. Manches in seiner Analyse finde ich absolut richtig. Europa verliert an Wettbewerbsfähigkeit. Europa kümmert sich um zu viel Kleinkram. Das sind Sachen, die muss man ändern. Das Subsidaritätsprinzip, das ja mal vereinbart worden ist, wird hier mit Füßen getreten, dass es nur so rumst. Das ist die eine Seite. Das Andere, das Spektakuläre. Ich glaube, wenn die Briten halbwegs bei Trost sind, dann werden sie nie austreten. Das wäre das Ende von Großbritannien. Die Schotten würden aus dem Vereinten Königreich austreten, weil die unbedingt in Europa bleiben wollen. Die Briten legen ja wert auf den Binnenmarkt, den brauchen sie auch. Wenn sie austreten, haben sie den Binnenmarkt, auf den sie Europa so gerne reduzieren wollen, auch nicht mehr. Die werden also auch schon irgendwann anfangen zu rechnen.

Daniel Fiene: Wenn dieses Gespräch hier ausgestrahlt wird, dann sind Sie höchstwahrscheinlich auf dem Weg zur Verleihung der Journalisten des Jahres. Sie werden dann bestimmt auch ein paar Worte sprechen. Was werden Sie denn den Anwesenden der Veranstaltung sagen?

Rolf-Dieter Krause: Das weiß ich noch nicht ganz. Ich werde ihnen auch sagen, dass sie mich ein wenig in Verlegenheit gestürzt haben. Ich werde vielleicht auch sagen, dass ich in gewisser Weise ein Krisengewinner geworden bin, weil ohne die Eurokrise wäre ich vielleicht auch nicht so auf mich aufmerksam geworden. Und ich werde auch sagen, dass ich es eigentlich sehr bedauere, dass unter der Eurokrise eine andere Krise kaum beachtet wird. Und zwar die Krise der europäischen Werte. Ich finde es immer noch skandalös, wie zum Beispiel in Ungarn die Pressefreiheit von Staatswegen immer weiter eingeschränkt wird. Das da ein durchgeknallter Regierungschef ist, der dummerweise mit einer 2/3-Mehrheit ausgestattet ist. Aber dass seine europäischen Parteifreunde zugucken und dass die in Sonntagsreden von Wertegemeinschaft reden, aber nicht unsere Werte verteidigen. Nicht für Medienpluralismus eintreten. Nicht Herrn Orban sagen: “Wenn du das machst, bekommst du keine finanzielle Hilfe von uns. Du bist wirtschaftlich nicht wirklich souverän, dann kannst du nicht deine Souveränität reklamieren in Bereichen, die uns wichtig sind. Demokratie und Freiheit und Pluralismus sind für uns Grundwerte ohne die es nicht geht.” Das finde ich einfach skandalös, dass sie das alles einfach hinnehmen.

Das Interview läuft am 31.01.2013 zwischen 18:00 Uhr – 19:30 Uhr in unserer Sendung bei DRadio Wissen.

* Die Jury besteht in diesem Jahr aus 69 Journalisten, die ihr Votum für die “Journalisten des Jahres” an die Redaktion des medium magazins abgegeben haben. Zum zweiten Mal war auch Daniel Teil der Jury. Leider hat er keine Punkte an Rolf-Dieter Krause vergeben.

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Taiwan-Reporter Klaus Bardenhagen im Interview

Taipei 101, Taiwan, 20100607
Klaus Bardenhagen ist freier Journalist in Taiwan.

In der Ausgabe vom 04.01. haben Daniel Fiene und Herr Pähler über den Tellerrand namens Deutschland geblickt. Neben Journalisten in China und Afrika, haben sie auch mit dem vielleicht einzigen deutschen Taiwan-Reporter gesprochen. Hier könnt ihr die lange und komplette Version des Interviews mit Klaus Bardenhagen nachhören. 

Als freier deutscher Journalist in Taiwan bedeckt Bardenhagen eine besondere Nische. Um zu publizieren, nutzt er sämtliche Social-Media-Kanäle, die ihm zur Verfügung stehen. Außerdem betreibt er noch sein eigenes Taiwan-Blog.

Daniels Frage zum Einstieg in das Gespräch: “Wie viel Zeit kostet Social-Media dich?”

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DAPD

dapd soll Vollagentur bleiben — Der neue Investor Ulrich Ende im Gespräch

dapd soll Vollagentur bleiben — Der neue Investor Ulrich Ende im Gespräch; Foto: Vera Linß

Von Vera Linß

Wie geht es mit der Nachrichtenagentur dapd nach der Insolvenz weiter? Am 03. Januar 2013 hat Vera Linß mit Investor Ulrich Ende (Foto: rechts) und Chefredakteurin Melanie Ahlemeier (Foto: links) über Fehler der Vergangenheit, Dumpingpreise und die Zukunft der Agentur gesprochen. Auf dem Foto (Mitte) ist auch Mit-Chefredakteur Dirk von Borstel zu sehen.

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Hörtipp: Bereits Ende November sprach Vera Linß mit Timon Saatmann, der bis dorthin stellvertretender Chefredakteur der dapd war. Das Interview ist hier abrufbar.

 

Flickr.com / Medhi

Das Medien-Jahr 2012: Unser Jahresrückblick

Flickr.com / Medhi

Das Jahr 2012 ist fast geschafft. Im Fernsehen sind bereits die großen Jahresrückblicke von Markus Lanz oder Günther Jauch über den Bildschirm geflimmert. Wir von Was mit Medien haben aber etwas vermisst in diesen Sendungen: Die Medien! Deshalb haben wir uns selbst mal an die Arbeit gemacht und chronologisch die großen Themen unserer Branche im Jahre 2012 aufgelistet. Was schrieben die Medienportale im Jahr 2012?

Natürlich werden auch die Medienportale Meedia, Turi2, Kress, DWDL, WuV & Co. in den kommenden Tagen ihre Jahresrückblicke veröffentlichen. Wahrscheinlich werden sie dabei nur die eigenen Texte verlinken. Wir haben uns die Mühe gemacht, noch mal alle Mediendienste zu lesen, und die wichtigsten Themen für euch zu bündeln und die unterschiedlichen Quellen zu verlinken.

Sendehinweis: Daniel und Herr Pähler haben den Publizisten Hajo Schumacher eingeladen, am Donnerstag (20.12.2012) zwischen 18:00 Uhr und 19:30 Uhr in unserer Sendung bei DRadio Wissen Lob & Tadel rund um die wichtigsten Themen des Jahres zu verteilen.

Unser Jahr in Medien

Januar

Der erste Monat des neuen Jahres geht da weiter, wo 2011 aufgehört hat: mit der Affäre um den Noch-Präsidenten Christian Wulff. In der Bevölkerung und in den Medien ist der Aufschrei groß, insbesondere als herauskommt, dass Wulff bei Bild-Chefredakteur Kai Dieckmann auf die Mailbox gesprochen hat. Die Frage ist: Muss ausgerechnet der Bundespräsident über die Pressefreiheit aufgeklärt werden? Am 4. Januar äußert Wulff sich das erste Mal zu den Vorwürfen – in einem Gemeinschaftsinterview von ARD und ZDF. Es ist wohl das meist gesehene Interview im Jahr 2012 in Deutschland. Bis zu seinem Rücktritt im Februar bleibt Wulff das bestimmende Thema in den Medien.

Neben dem Staatsoberhaupt ist die ARD-Sendung “Gottschalk live” eines der meist diskutiertesten oder belächelten Themen. Entertainer Thomas Gottschalk probiert sich in der “Todeszone” des deutschen Fernsehens, dem Vorabend. Zumindest die erste Sendung lockt noch viele Zuschauer an.

Was war sonst noch los?

Am 1. Januar feiert der Deutschlandfunk den 50. Jahrestag seines Programmstarts.

Am 10. Januar geht Wall Street Journal Deutschland online.

Am 25. Januar gehtdas Autorenportal Carta wieder online, nachdem es im Vorjahr eingestellt worden war.

 

Februar

Am 17. Februar ist es schließlich soweit: Christian Wullf tritt von seinem Amt als Bundespräsident zurück. Die Sondersendungen bannen die Zuschauer vor den Fernseher.

Anfang Februar gibt es vor allem ein Thema in der Welt der Wirtschaftsmedien: Mark Zuckerberg beantragt den Börsengang für Facebook.

Die Aktion Pro Quote setzt sich für mehr Frauen in Spitzenpositionen bei den Verlagen ein. In fünf Jahren sollen 30% dieser Führungsjobs von Frauen besetzt sein.

Erfreulich für Radiomacher: Bei den 10-bis 29-Jährigen ist die Radionutzung konstant gestiegen. Auch die Hördauer legte zu.

 

März

Das Kapitel Wulff mit dem vorerst letzten Akt: Am 8. März bekommt Christian Wulff seinen Großen Zapfenstreich.

Die Bild trennt sich von einer Institution: Am Weltfrauentag entscheiden die Männer in der Redaktion, die Seite-1-Girls abzuschaffen.

Im Digitalen sorgt das Bildernetzwerk Pinterest für Furore. Es hat zwischenzeitlich mehr Traffic als Twitter.

Am 11. März bestätigt das ZDF, dass Markus Lanz ab sofort neuer Moderator des Flagschiffs Wetten, dass..? wird. Am 6. Oktober wird die erste Show in Düsseldorf stattfinden.

Am 13. März geht der Musik-Streaming Dienst Spotify in Deutschland online.

 

April

Der Versuch, Thomas Gottschalk im Vorabend des Ersten zu etablieren, ist endgültig gescheitert. Am 18. April steht fest: Die letzte Sendung von Gottschalk Live wird am 7. Juni gesendet.

Im BR probiert sich Richard Gutjahr an der Rundshow, die vier Wochen auf einem Late Night-Sendeplatz läuft. Auch Was-mit-Medien-Macher Daniel Fiene ist als Co-Moderator an Bord. Das Experiment bekommt reichlich Echo und Feedback in der Medienlandschaft.

Die Tagesschau App sorgt weiter für Diskussionen. Da eine außergerichtliche Einigung zwischen der ARD und den Verlagen ausgeschlossen wird, muss das Gericht urteilen.

Ab dem Sommer wird das ZDF ihr Live-Fußball-Angebot mit der Champions League erweitern. Oliver Welke und Jochen Breyer stehen als Moderatoren fest, Oliver Kahn wird Experte.

 

Mai

Am 26. Mai findet der ESC in Baku, Aserbaidschan, statt, bei der die Schwedin Loreen gewinnt. Aserbaidschan ist aufgrund der Menschenrechtslage in der Kritik.

Der Henri-Nannen-Preis wird verliehen und es kommt zu einem Eklat: Die Süddeutsche Zeitung lehnt den Preis für ihre Wulff-Berichterstattung ab, da auch die Boulevardzeitung Bild ausgezeichnet wird.

Anfang Mai steht fest, dass Harald Schmidt mit seiner Harald Schmidt Show keine Zukunft mehr bei SAT.1 hat. Die Quoten seien zu schlecht. Nur einen Tag später kommt heraus, dass Schmidt zum Pay-TV-Sender Sky wechselt.

 

Juni

Die Sommerpause steht an. Am 6. Juni hat Thomas Gottschalk schließlich seine letzte Sendung im Vorabend. Bei Spiegel Online darf er noch einen Abend zusätzlich ran.

Journalistinnen gründen den Verein ProQuote Medien. Es sollen mehr Spitzenpositionen im Journalismus von Frauen besetzt werden.

Bei der Fußball-Europameisterschaft sorgt eine Fernsehausschnitt von Joachim Löw und einem Balljungen für Empörung. Die Szene, wie Löw dem Balljungen gut gelaunt den Ball wegnimmt, wurde während der Live-Übertragung des Spiel gezeigt, obwohl sie vor dem Anpfiff stattfand.

Am 23. Juni gibt es die Frei-Bild für alle. Anlässlich des 60. Geburtstags der Bild verteilt der Axel-Springer-Verlag gratis Ausgaben an alle Haushalte.

Nach zwei Jahren schreibt die dpa wieder schwarze Zahlen.

 

Juli

Nachdem es einen großen Aufschrei im Netz und in den Medien gab, und es in mehreren Ländern zur Demonstrationen gekommen ist, lehnt die EU das umstrittene Acta-Gesetz ab.

Die Süddeutsche Zeitung erscheint in neuer Optik. Das Layout der auflagenstärksten überregionalen Zeitung ist nun moderner und aufgeräumter.

Nachdem das Satire-Magazin Titanic den Papst auf dem Cover per pikanter Fotomontage abdruckt, bewirkt dieser eine einstweilige Verfügung. Die Titanic darf die Titelseite nicht mehr drucken. Über 160 Beschwerden bezüglich des Covers gehen beim Presserat ein.

 

August

Am 1. August wird bekannt gegeben, dass sich TV-Historiker Guido Knopp vom ZDF verabschiedet und in Rente geht.

Am 12. August gehen die Olympischen Sommerspiele in London zu Ende. ARD und ZDF freuen sich über gute Einschaltquoten. Das digitale Angebot ist bei den Olympischen Spielen größer als nie zuvor und wird reichlich genutzt.

Der Papst zieht die einstweilige Verfügung gegen die Titanic zurück, die Redaktion ist aber noch nicht ganz aus dem Schneider.

Am 15. August stirbt Bravos “Dr. Sommer”. Er beantwortete die Fragen vieler junger Leser zum Thema Sexualität und Liebe.

 

September

Am 5. September findet in Hamburg der “Deutsche Radiopreis 2012” statt. Was mit Medien macht dazu eine Sonderausgabe.

Betina Wulff, Frau des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wullfs, reicht Klage gegen TV-Moderator Günther Jauch und den Konzern Google ein. Jauch habe in seinem Talk Bezug auf einen Artikel aus der “Berliner Zeitung” genommen und damit die dort enthaltenden Gerüchte verbreitet. Google sei durch die automatische Suchfunktion ebenfalls schuldig.

Am 5. September wird mitgeteilt, dass Julia Jäkel, 40, in den Vorstand des Verlags Gruner + Jahr aufrückt. Sie folgt damit Bernd Buchholz.

Am 27. September erklärt das Landgericht Köln die Tagesschau-App für illegal – allerdings nur in der Form vom 15. Juni 2011. ARD-Intendantin Monika Piel moniert das Verhalten der klagenden Verlage.

 

Oktober

Am 1. Oktober stirbt Dirk Bach. Der Comedian wurde nur 51 Jahre alt.

Die dapd macht im Herbst den Anfang mit den deprimierenden Medienmeldungen. Die Nachrichtenagentur kündigt am 2. Oktober ihre Insolvenz an. Dapd-Investor Martin Vorderwülbecke beschuldigt das ZDF, Mitschuld an der dapd-Insolvenz zu tragen. Das Zweite Deutsche Fernsehen weist diese Anschuldigungen aber zurück.

Am 6. Oktober erlebt Markus Lanz ein erfolgreiches Debüt mit “Wetten, dass..?”. Der Show in Düsseldorf gucken über 13 Millionen Menschen zu.

Das Magazin Yps wird neu aufgelegt – diesmal als Männermagazin. In ganz Deutschland ist das Heft schnell vergriffen, der Verlag lässt nachdrucken.

Am 11. Oktober scheitert die Online-Petition zum umstrittenen Thema Leistungsschutzrecht. Erforderlich wären 50.000 Stimmen gewesen, es wurden nur knapp über 21.000.

Am 12. Oktober verstirbt Sportjournalist Harry Valérien. Valérien hatte früher das Sportstudio im ZDF moderiert und galt als Urgestein des Sportjournalismus.

16. Oktober: Wolfgang Blau, Chefredakteur von Zeit Online, verkündet seinen Wechsel zum Guardian, der im Frühjahr 2013 stattfinden wird. Seit 2008 leitete er den Online-Auftritt der Zeit.

Am 25. Oktober tritt der bisherige Sprecher der CSU Michael Strepp zurück. Er war in die Kritik geraten, weil er das ZDF aufgefordert haben soll, keinen Bericht über den SPD-Parteitag zu zeigen. Die CSU wird von den Medienverbänden scharf kritisiert, weil es nicht der erste Eingriff in die Pressefreiheit gewesen sein soll.

 

November

Ein stürmischer Medienherbst nimmt Fahrt auf. Der Bonner General Anzeiger erklärt am 12. November, dass er sein Berliner Büro aus Spargründen schließen wird.

Am 13. November erklärt die traditionsreiche Frankfurter Rundschau die Insolvenz. Experten gehen davon aus, dass das viel zitierte Zeitungssterben nun endgültig in Deutschland angekommen ist. Die Belegschaft der FR gibt sich aber kämpferisch.

Am gleichen Tag erklärt auch der Jahreszeiten-Verlag, dass er künftig auf Gedrucktes verzichtet. Sein Titel, das Stadtmagazin Prinz, wird es ab sofort nur noch in digitaler Version geben.

Nur wenige Tage später werden Gerüchte laut, dass die Financial Times Deutschland eingestellt werden soll. Am 23. November ist es so weit. G + J verkündet das Aus für die Wirtschaftszeitung. Die letzte Ausgabe soll bereits am 7. Dezember in den Handel gehen.

Google ruft zu einem großen Kampf gegen das Leistungsschutzrecht auf. Im Vorfeld der Beratung des Bundestags zum LSR fährt der Konzern eine Kampagne unter dem Titel “Verteidige dein Netz”.

Infolge der dapd-Insolvenz wird am 28. November 98 Mitarbeitern gekündigt.

 

Dezember

Am 2. Dezember teilt die Bundesagentur für Arbeit mit, dass man derzeit die größte Entlassungswelle in der Zeitungsbranche seit 1949 erlebt. Bisher sei es nie in der jetzigen Größenordnung vorgekommen, dass Redaktionen wegfallen.

Auch das ZDF muss sparen. Nach dem aktuellen Sparkonzept müssen 400 Stellen wegfallen. Dagegen laufen die Redaktionen aber Sturm.

Am 7. Dezember erscheint das letzte Mal die Financial Times Deutschland. Die letzte Ausgabe mit dem Titel “Final Times” ist überall in Deutschland ausverkauft. Sie wird sogar extra nachgedruckt. Die Tage zuvor hatte die FTD viel Solidarität auf ihrer Homepage oder über Facebook erhalten.

Am 12. Dezember hat der Online-Auftritt der Welt eine Bezahlschranke eingeführt. 20 Artikel pro Monat darf man kostenlos lesen, danach muss bezahlt werden.

 

Stefan Plöchinger (Foto: Flickr.com / asvensson)

Auf einen Tee mit süddeutsche.de-Chefredakteur Stefan Plöchinger: Paywalls, Leserclubs und die Redaktion der Zukunft

Mitten in diesem stürmischen Medienherbst, haben wir uns vorgenommen, jede Woche den Journalismus aus einem anderen konstruktiven Blickwinkel zu betrachten. In einem Blogeintrag schrieb kürzlich süddeutsche.de-Chefredakteuer Stefan Plöchinger: “Gerade junge Leser haben ja keineswegs die Lust auf guten Journalismus verloren, nur weil sie lieber digital lesen.” — seine Formel: Statt Paywalls hochzuziehen, muss Journalismus so etwas wie Leserclubs schaffen. Was heißt das konkret? In der 282. Folge von unserem Medienmagazin war Stefan Plöchinger zu Gast und im Gespräch mit Herr Pähler. Wir haben das Gespräch transkribiert.

Herr Pähler: Herzlich wilkommen, Herr Plöchinger! Es ist schon Donnerstag, die Woche ist schon fast rum. Wenn Sie auf Ihre Woche oder die Woche von süddeutsche.de zurückgucken: Was ist Ihnen besonders hängen geblieben? 

Plöchinger: Es war wahnsinng viel Arbeit. Wir haben am Wochenende mit der Nannenschule in Hamburg ein interessantes Experiement zum Live-Journalismus gemacht. Wir haben den Piratenparteitag mal anders gecovert, als man den normalerweise covern würde. Mit einer kompletten Schulklasse, die versucht hat, netzaffine digitale Formen des Berichtens auszuprobieren, was extrem gut funktioniert hat. Das war etwas overdone. Man würde zu den Piraten nie so viele Leute schicken. Das war echt spannend. Das war mein Wochenende. Am Montagabend haben wir unsere Seite ein wenig aufgefrischt, schöne Schriftarten drüber gezogen und die Artikel deutlich entschlackt. Jetzt bin ich ein bisschen geschafft, weil so etwas ist immer sehr riskant. Beide Aktionen waren sehr riskant. Es hätte auch ein bisschen was daneben gehen können. Aber beides funktioniert sehr gut.

Was waren die Gründe für die Auffrischung? Einfach, weil man das ab und zu so macht oder gibt es da noch andere Beweggründe?

Ich glaube, dass das Internet heute nicht mehr dasselbe ist, wie vor fünf Jahren. Man muss sich einfach an die Lesegewohnheiten der Leute und der neuen Geräte anpassen. Ich merke, dass wir über viel mehr Plattformen kommen müssen, mit dem was wir machen. Wenn wir heute in der U-Bahn die Leute morgens beobachten, dann lesen sie nicht mehr auf die Bild, sondern schauen auf Bildschirme. Das bedeutet, wir müssen viel viel besser layouten. Wir müssen viel flexibler layouten. Wir müssen im Backoffice unserer Redaktionssysteme total viel machen. Die Leute, die uns lesen, haben größere Ansprüche. Das darf nicht schrabbelig aussehen und klicki-bunti überall sein, sondern muss einfach nett und gefällig aussehen. Deswegen haben wir die letzten 1,5 Jahre immer wieder aufgeräumt und der dickste Brocken, der uns jetzt noch bevorstand, war das eigentliche Text-Layout. Jetzt haben wir es gut, state-of-the-art hinbekommen und es ist auch technisch relativ innovativ, weil wir das erste Mal als große Nachrichtenseite auch Webfonts benutzen. Das hat mich am unruhigsten Schlafen lassen, weil wir die Zeitungsschrift auf die Nachrichtenseite gepackt haben. Weil wir die Zeitungsschrift sehr schön finden. Das hat vorher noch niemand gemacht, weil man nicht weiß, ob das wirklich in allen Browsern funktioniert. So weit wir sehen, funktioniert es in allen Browsern.

Wie ist das Feedback bisher?

Die Kurven sind normal, das ist das beste. Das eigentliche Feedback auf das Feedback ist überwältigend positiv. Aber Leute, die XP-Chrome nutzen, sollten “Clear Type Kantenglättung” aktivieren. Sonst sehen die Schriften nicht so schön aus.

Gilt das auch für Mac OS X Leopard? Das nutzte ich mit Chrome und bekam lauter Anzeigen, nichts funktionierte mehr… jetzt habe ich mich auch so ein bisschen aufgefrischt und jetzt geht wieder alles, für Leute wie mich, die quasi noch in der digitalen Steinzeit leben?

So sehen Sie gar nicht aus! Man muss manchmal so etwas einfach versuchen und schauen was passiert. Apple hat irgendwann begonnen, keinen DVD-Laufwerke mehr in seine Rechner zu bauen. Sie sagten, eigentlich ist eine andere Technik besser für das, was man damit tut. Man streamt eigentlich. Jetzt ist das nicht 100%ig zu vergleichen und wir sind nicht Apple und können sicherlich nicht Marktstandards setzen. Aber man muss sicherlich so etwas mal ausprobieren. Wir hätten natürlich eine Fallback-Option gehabt, die fragt “Funktioniert bei Ihnen die Schrift nicht? Dann installieren Sie sich doch bitte folgende Schrift” – das war nur nicht nötig. Es haben viel mehr Menschen das gemacht, was Sie gemacht haben.

Das ist doch gut. Dann war ich doch gar nicht auf der falschen Spur. Lass uns mal ein bisschen von sueddeutsche.de weggehen, sondern uns allgemeiner über die Zukunft des Journalismus sprechen. In einem ihrer Blogeinträge haben Sie gesagt, dass sich Jüngere auf die Krise als Dauerzustand einrichten dürfen. Daniel und ich haben uns vorgenommen, in den nächsten Wochen (bei Was mit Medien) konstruktiver an das Thema heranzugehen. Das ist ja doch eher wieder eine negative, destruktive Feststellung.

Ja, ich meine das eigentlich auch nicht so und mein Text geht ja auch anders weiter. Ich glaube, man darf sich aber nicht der Illusion hingeben, dass es jetzt ein, zwei schwierige Jahre sind und dann alles wieder wie früher wird. “Es wird wieder wie früher” werden wir wohl sowieso nicht mehr erleben. Die Frage ist: Was mache ich daraus? Auf der einen Seite erleben wir Zeiten, die von vielen als “destruktiv” wahrgenommen werden, andererseits führt Destruktion immer zu Neuem. Wir erleben deshalb auch sehr kreative Zeiten. Dir Frage, die sich uns stellt, wir als Branche dürfen nicht die ganze Zeit klagen und Angst haben, sondern hingehen und gucken, was man jetzt machen kann. Ich glaube, nur so werden wir es überhaupt schaffen, nach vorne zu kommen.

Wenn wir auf die aktuelle Diskussionen schauen. Wir haben den Eindruck, dass sehr viele Allgemeinerungen und Grundannahmen im Spiel sind, wie zum Beispiel: Google ist gleich Internet und Verleger stehen für Qualitätsjournalsmus. Was ist aus Ihrer Sicht die falscheste Grundannahme, die zurzeit immer wieder angeführt wird?

Diese platten Thesen stören mich so gut wie nie. Google ist nicht böse, Google ist nicht gut. Google ist irgendwas in der Mitte, auch für uns Verlage. Zum Leistungsschutzrecht habe ich auch immer eine sehr differenzierte Meinung eingenommen. Ich glaube kein Verlage würde freiwillig auf den Traffic verzichten, den Google bringt. Der liegt bei bis zu 60 Prozent. Wir führen noch zu holzschnittartige Debatten in der Öffentlichkeit. In Wahrheit geht es ganz selten um das Gestalten, sondern sehr stark um Kämpfe, die uns nicht wahnsinng weiterbringen.

Dann schauen wir jetzt nochmal ein bisschen stärker auf das Konstruktive, was so einer Krise inne wohnt. Sie haben gerade gesagt, es ginge viel um Kreativität. Was heißt das genau, auch auf das Internet bezogen? Was müssen wir über das Internet verstehen, damit Journalismus dort funktionieren kann?

Die wesentliche Frage ist die, nach den Geschäftsmodellen. Was funktioniert, was finanziert den Journalismus langfristig? Vor zehn Jahren haben die damaligen Online-Chefredakteure sehr viel versucht, um Online-Werbung richtig hinzubekommen, die dann angefangen Online-Redaktionen zu finanzieren. Heute haben wir das gleiche Problem, dass Mobil-Anzeigen nicht funktionieren, wie sie sollten. Wir haben wahnsinng viele Leute, die uns auf mobilen Geräten lesen, aber man verdient quasi kein Geld mit diesem ernormen Traffic. Da ist die gleiche Kreativität gefordert. Wir merken auch, dass die Menschen nicht mehr Lust darauf haben, dass es ein paar Online-Portale von den verschiedenen Zeitungen gibt. Wir wissen eigentlich alle, dass wir als die digitalen Vertreter unserer Medienmarken wahrgenommen werden. Ich mache nicht etwa das Portal Names sueddeutsche.de, sondern ich mache die Live-Inkarnation der Süddeutschen Zeitung. Die Leute haben vermutlich das Gefühl, sie haben die Süddeutsche Zeitung gelesen, wenn sie auf unserer Seite waren. Wenn dem so ist, muss ich mich fragen: Was ist mein Beitrag zur Zukunft des gesamten Hauses? Was kann meine Redaktion beitragen, um diesen vielen hundert Kollegen die Zukunft zu sichern, die bei der, wie ich finde, besten Tageszeitung in Deutschland arbeiten? Da ist es meine kreative Aufgabe eindeutig sich zu überlegen und zu fragen, wie man die Leser an der Finanzierung beteiligt? Wir haben seit einem Jahr eine iPad-App der SZ und diese App schafft es, den Print-Rückgang komplett auszugleichen. Das muss man registrieren, das sind sehr interessante Sachen, die gerade auf dem Markt passieren. Der Spiegel macht ähnliche Erfahrungen mit seiner digitalen Ausgabe. Wir sehen Paid-Content ist ok, was wir früher lange für geht-nicht gehalten haben, weil irgendjemand immer Gratisnachrichten anbieten werde. Aber eigentlich sind die Marken stark genug sein, um Paid-Content anzubieten. Wir tun es schon. Wir haben eine Paywall. Ich kann die SZ als bezahltes Produkt lesen und dann bekomme ich sie komplett. Dann habe ich sueddeutsche.de und dort ist nicht alles drin. Wir haben heute schon einen Freemium-Ansatz. Das weiterzudenken, in eine Welt, in der wir mehr Geld verdienen, Leser an unserem Produkt stärker partizipieren lassen, und auf der anderen Seite zu fragen: Was schulden wir dem Leser? Wir können ihm nicht mehr die Trash-Nachrichtenportale  anbieten. Diese Frage gut zu beantworten, wird eine der wichtigsten Aufgaben der jetzigen Generation von “Online-Entscheider” sein.

Zum Thema Paywall. Was genau meinen Sie, als Sie in Ihrem Blogeintrag von einem Leserclub geredet haben?

Wir Journalisten sollten nicht denken, dass wir die Leser für uns gewinnen, wenn wir irgendwelche Mauern errichten. Wir sind in einer Situation in der unsere Geschäftsmodelle eher denen von NPR in den USA annähern sollten. Wir müssen um die Leute werben, damit diese bereit sind unseren Journalismus zu unterstützen. Dafür müssen wir Journalismus machen, den sie auch unterstützenswert finden. Für mich steht fest: Mit “Alle machen die gleichen Nachrichten” und “Überall stehen die gleichen News” kommen wir überhaupt nicht weiter. Wir müssen tatsächlich Premiuminhalte machen und keine Premiumbereiche auf unseren Seiten. Das was wir anbieten, muss premium sein, denn dann wird sich dem Leser schnell erschließen, warum das guter Journalismus ist und warum er einen Beitrag zahlen soll, wenn er wirklich Fan einer Marke ist. Das ist ein sehr anderer Ansatz. Viele Print-Kollegen denken: “Ach, wir machen so gutes Zeug, jetzt lass die Leute dafür Geld bezahlen.” So funktioniert das genau nicht. Wir müssen in ein neues, eher kollaboratives Verhältnis mit unseren Lesern treten und wirklich auf ihn eingehen, auf ihn zugehen, auf ihn hören, mit ihm reden. Das ist, was Menschen im Netz schon sehr, sehr lange von Journalisten fordern. Das ist eine wesentliche Grundbedingung. Das findet dann in einem Begriff wie Leserclub zusammen. Ich glaube, dass gute Zeitungen immer so etwas waren wie Leserclubs waren, die die Welt des Leser bereichert haben. Deswegen haben die Leser bezahlt. Nicht nur wegen des Journalismus, sondern auch weil dort alle Todesanzeigen der Gemeinde drin waren oder eine gute Aldi-Reklame gab, die jeden Dienstag, Mittwoch oder Donnerstag drin war. Das Gesamtpaket Zeitung war sehr, sehr wesentlich für die Leute und sie waren über die Zeitung Teil einer Gemeinschaft. Dies nun im virtuellen Raum herzustellen ist sehr wichtig und hat dann sehr wenig mit Paid-Content und sehr wenig mit einer Paywall zu tun, die man hochzieht, sondern das hat etwas damit zu tun, dass man das Gemeinschaftsgefühl mit seinen Lesern erzeugen muss.

Wie lange dauert es denn noch, bis dieses Verständnis bei der Mehrheit der deutschen Zeitungsmacher angekommen ist? Ich habe das selbst erlebt. Ich wohne im Münsterland. Einer der dort ansässigen regionalen Zeitungshäuser hat vor einigen Wochen groß mit dem frisch eingeführten E-Paper geworben. Das ist letztlich aber nur ein blätterbares PDF. Da ist nichts anders im Vergleich zur Papierzeitung. Das kostet für mich als Abonnenten aber trotzdem 4 Euro mehr, wenn ich das haben will. Ist das der richtige Ansatz? Ich habe das Gefühl gehabt, dass die es nicht verstanden haben.

Ich glaube, dass Sie einen Verleger haben könnten, der das sehr wohl alles versteht, der aber trotzdem ein riesiges Problem hat, weil die technischen Aufwände, wirklich schöne digitale Auftritte zu machen, gerade für kleinere Häuser sehr schwierig darzustellen sind. Ein Haus wie die Süddeutsche kann das machen. Ich rede viel mit Regionalverlagen, weil mich das sehr interessiert. Wir haben in dieser Zeit als Journalisten eine extreme Definitionsaufgabe, den Journalismus in der Fläche Deutschlands zu erhalten. Wir müssen uns Konzepte überlegen, wie das funktionieren kann. Alle diese Regionalverlage haben dieses Problem. Im Grunde bräuchten sie zehn Programmierer oder gute standardisierte Lösungen, die ein sehr sexy Produkt entstehen lassen. Leider ist es aber auch oft so, dass es viele Journalisten in der Fläche noch nicht verstanden haben, dass sich das Verhältnis zum Leser wandelt. Man darf nicht mehr von oben herab dozieren, wie die Welt ist. Ein Leser möchte bei Regionalzeitungen sehr viel exklusiv erfahren über die regionale Welt. Überregionaler exklusiver Journalismus sollte dann eine Art tägliches Magazin oder tägliche Literatur sein; mit Stücken, die ich nirgendwo sonst bekomme. Diese Exklusivität herzustellen, das haben leider sehr viele Journalistenkollegen auch noch nicht verstanden. Deshalb haben wir ein doppeltes Problem: Selbst wenn es Verleger kapieren, es ist alles ein Ressourcenthema und es ist ein journalistisches Strategiethema.

 Zum Thema Geschäftsmodell hat uns eine Frage eines Hörers über Facebook erreicht. Ihn würde interessieren, wie die ganzen Kombiangebote der SZ beim Kunden ankommen? Kann es für die Verlage eine Chance sein, mit der Kombination eines Abos und eines Endgeräts punkten zu können.

Ja, das macht die Hälfte bei uns. Man lernt hier viel über das Kaufverhalten der Leser und was er will. Der Leser will bei uns sehr gerne das iPad bekommen und dann zahlt er auch ein wenig mehr für das Zeitungsabo. Diese Kombination aus Gerät und Abo läuft wie warme Semmeln.

Das macht der kleine Verlag aus dem Münsterland auch. Da habe ich auch überlegt, ob ich zuschlagen soll. Ich habe es dann aber nicht getan. Vielleicht können wir auch ein bisschen über die Redaktionen der Zukunft reden. Wird diese weiterhin in großen Verlagshäusern angesiedelt sein und in verschiedene Ressorts eingeteilt sein? Oder wird es kleinere spezialisierte Redaktionsteams geben? 

Für Journalismus braucht man heute tatsächlich keinen Verlag mehr. Das sieht man sehr vielen guten Blogs. Der Punkt ist, dass sich dort der Journalismus nicht besonders gut finanziert. Wenn ich viele Lokalblogs anschaue, dann finanziert es einen Mensch mehr oder weniger. Dann kommen noch zwei oder drei Freie hinzu, die man mehr oder weniger finanzieren kann. Das sind wertvolle journalistische Beiträge, aber noch keine abgeschlossenen Finanzierungsmodelle. Für Journalismus an sich brauche ich also keine große Organisationen. Aber was ist der Sinn einer großen Redaktion, wie bei der Süddeutschen Zeitung? Zum einem gibt es eine große Gemeinschaft von Lesern, die diesen Journalismus gut finden und sich dafür interessieren. Dadurch ermöglicht man es dem Journalisten, freier zu arbeiten. Auch wenn ein Anzeigenkunde plötzlich abspringt. Das bedeutet aber, dass diese Journalisten eine klare journalistische Strategie verfolgen müssen. Das klingt sehr blümerant. Was ich meine ist: Wenn Sie sich angucken, wie die Zeitungen am Tag nach der US-Wahl aussehen; die besseren Zeitungen haben das gemacht, was früher die Wochenzeitungen gemacht haben. Das ist eine ganz klare journalistische Strategie. Schaue dass du ganz stark in die Analyse, in den Hintergrund, in die Kommentierung gehst. Sei originell und nicht nur solide. Wenn man eine große Redaktion darauf einschwört, dann kann eine solche Organisationsform mehr leisten, als andere.

Aber originell zu sein, ist schwieriger, als nur solide zu sein.

Richtig. Deshalb müssen wir uns sowohl von den Geschäftsmodellen, als auch von der Redaktionsorganisation gut aufstellen. Wir müssen begründen können, warum wir große Redaktionen brauchen, sowohl den Verlegern gegenüber, als auch den Lesern gegenüber.

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Foto: Flickr.com / asvensson

Funfact: In Wirklichkeit gab es keinen Tee, sondern eine Spezi Zero. Aber das wäre ja langweilig.

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