Nach der Aufregung um Newtopia — Hugo Egon Balder: Das Fernsehen ist heute ein einziger Beschiss

“Newtopia” gaukelt Authentizität vor, Tele 5 provoziert mit einer Talkshow, in der Alkohol konsumiert wird. Was sagt das über unsere Gesellschaft aus? Antworten gibt es in den Gesprächen mit Hugo Egon Balder, Tele-5-Chef Kai Blasberg und der TV-Kritikerin Klaudia Wick, die ihr in der aktuellen Ausgabe “Eine Stunde Was mit Medien” bei DRadioWissen nachhören könnt.

Das Gespräch mit Hugo Egon Balder, dem Schöpfer von “Der Klügere kippt nach”, haben wir an dieser Stelle noch einmal transkribiert.

Herr Balder, wie kam es zu “Der Klügere kippt nach”?  War das eine ich Schnapsidee für ein Fernsehformat, oder wollten sie eine Sendung starten, die bewusst etwas anders macht, als der ich TV-Einheitsbrei?

Hugo Egon Balder: Das eine hat das andere ergeben. Das war am Anfang eine Schnappsidee von Herrn Drechsler und mir. Mein alter Partner Drechsler hat ein Buch geschrieben, das “der Klügere kippt nach” heißt. An einer Hotelbar hatten wir dann die Idee: so etwas müsste man auch mal für das Fernsehen machen. Mittlerweile hat sich das Fernsehen so entwickelt, dass Fernsehen wirklich so entwickelt, dass dieses Format wirklich ein Gegenpol geworden ist. Das war nur als Gag gedacht, wir hätten nicht gedacht, dass wir das Format mal machen.

Wie viel Überzeugungsarbeit mussten Sie für das Format leisten?

Also ich muss gestehen, dass wir das Format nie angeboten haben. Wir waren bei keinem einzigen Sender. Wir haben es nur rum erzählt. Wenn wir in einer Runde zusammensaßen, haben wir von der Idee erzählt. Wir haben gelacht – die Jungs und Mädels vom Sender haben gelacht und gesagt: Tolle Idee, aber können wir leider nicht machen. Irgendwann kam der Kontakt mit Tele 5 zustande und Kai Blasberg sagte: Ich mache es sofort. Dann haben wir gesagt: Na gut, dann machen wir es.

In den 90ern haben Sie mit Brüsten provoziert. Jetzt erregt es schon, wenn in der Öffentlichkeit Alkohol getrunken wird – was sagt uns das über unsere Fernseh- Gesellschaft?

Das sagt uns nicht nur etwas über unsere Fernsehgesellschaft. Das sagt uns auch etwas über die Gesellschaft im Allgemeinen. Ich bin ein altes 60er-Jahre Kind. Bin 50 geboren und in den 60er-Jahren groß geworden. Damals hatte ich mehr Freiheiten, als meine Kinder heute haben. Wir leben im Zeitalter der Verbote. Früher gab es Sex & Drugs und Rock’n Roll. Heute gibt es Frauenquote, Rauchverbot und Laktoseintoleranz. Damit beschäftigen wir uns. Natürlich ist es vielleicht sehr wichtig, wenn man auf die Gefahren des Alkohols hinweist. Das ist auch nicht verkehrt. Aber letzten Endes ist doch jeder Mensch selber dafür verantwortlich. Genauso ist es mit dem Rauchen. Ich bin auch dafür, dass man in Restaurants wo Leute essen, nicht rauchen darf. Aber was wir momentan haben, ist übertrieben. Die Bundesregierung schafft die Zigaretten auch nicht ab, weil sie sonst viel weniger Geld in die Kassen kriegen.

Ich fand es auch beim Ansehen der Sendung spannend. Da dachte ich: Meine Güte, wie spießig sind wir doch geworden.

Wir sind spießig geworden. Wir sind nicht nur spießig, wir sind langweilig geworden. Aber in allen Bereichen sind wir langweilig geworden. Außer jetzt vielleicht beim Fußball, weil wir gerade Weltmeister geworden sind. Ansonsten ist alles große Langeweile. Auch in der Politik ist große Langeweile. Ich kenne keinen Politiker mehr, dem ich ansehe, dass er das wirklich meint, was er sagt.

Wenn Sie Gäste einladen, sagen die sofort zu – oder sind die unsicher, dass sie im Grunde gar nicht wissen, was in der Stunde passieren wird?!

Die Gäste die wir jetzt hatten und die wir haben werden, haben sofort zugesagt. Wir haben noch den einen oder anderen, der sagt: Ich warte noch, ich gucke mir das noch ein bisschen an. Das ist auch verständlich. Aber da gibt es entweder nur ein Ja oder ein Nein. Es besäuft sich ja auch keiner bis zur Besinnungslosigkeit. Außer Frau von Sinnen in der ersten Folge. Es geht ja auch darum, dass man sich in der Sendung volllaufen lässt. Es geht darum, dass man wie früher dort sitzt, ein Gläschen Wein und ein Bierchen trinkt —vielleicht ein Schnäpschen— und redet. Mehr ist nicht.

In dieser Woche gab es eine große Aufregung um das SAT-1-Format Newtopia. Die Kandidaten waren doch nicht so allein gelassen, wie es versprochen wurde. Kann Fernsehen überhaupt echt sein?

Da muss ich Ihnen ganz ehrlich sagen: Ja! Ich habe mich in meiner ganzen Fernsehzeit immer bemüht, bis auf ganz wenige Ausnahmen als ich noch ziemlich jung war und dachte ich mache einfach mal ein bisschen Fernsehen, da habe ich mich drängen lassen, irgendwas zu machen, was ich im Prinzip gar nicht wollte. Ansonsten habe ich mich immer bemüht, echt zu sein. Als es bei “Alles nichts oder” mit der kleinen Anarchie im Fernsehen losging, war nichts abgesprochen. Frau von Sinnen und ich waren so, wie wir waren. Wir haben uns in keinster Weise verstellt. Als wir “RTL Samstag Nacht” gemacht haben, haben wir einfach Sachen gemacht, die dem Drechsler und mir gefallen haben. Bei “Genial daneben” war alles improvisiert. Ich hasse es, mich zu verstellen. Ich bin so wie ich bin. Wenn man mich mag. ist gut. Wenn man mich nicht mag, ist auch gut. Was ich heute im Unterhaltungs-Fernsehen sehe, ist ein einziger Beschiss. Es gibt nur ganz wenige Ausnahmen. Es wird getrickst, es wird gelogen – das ist unsere Fernsehwelt. Das Problem ist, dass die Fernsehmacher den Zuschauer für dämlich halten. Da muss ich leider widersprechen. So dämlich ist er nicht.

Kann ein echtes Format denn massentauglich sein?

Wahrscheinlich nicht. Die Menschen sind daran gewöhnt, sich bescheissen zu lassen. Sie wollen ja auch gar nicht darüber nachdenken. Ich habe so oft erlebt, dass eine der zahlreichen Partnerinnen, mit der ich in meinem Leben zusammen war, vor dem Fernseher saß und weinte. Sie hatte eine Sendung bei RTL gesehen, bei der Menschen Menschen gesucht haben, die sich Jahrzehnte lang nicht mehr gesehen haben. Dann weinte sie und ich habe zu ihr gesagt: Warum weinst du denn? — Es ist alles so traurig — Ich sage: Pass auf, Kind. Das ist alles von vorne bis hinten inszeniert. Man hat es mir nicht geglaubt, aber es ist leider so. Solange die Menschen davor sitzen und weinen, funktioniert es anscheinend.

Sind Sie deswegen vom Fernsehen desillusioniert?

Was heißt desillusioniert? Ich gucke mir die Sachen an, die ich mag. Es hat sich ja alles geändert. Es geht nicht mehr um Inhalte, sondern um Geld. Die Sender, die etwas machen könnten, nämlich die Öffentlich-Rechtlichen, weil sie genug Geld haben, die tun es nicht. Entweder, weil sie es nicht schaffen. Weil zu viele Menschen mitreden. Bei der ARD müssen zum Beispiel immer 70.000 Menschen mitreden. Das ZDF hat dann so eine wunderbare Idee wie ZDF Neo, was ich ganz großartig finde. Anstatt Leute wie Joko & Klaas in das ZDF-Hauptprogramm zu holen, lassen sie die abwandern. Es gibt in ZDF Neo eine wunderbare Musiksendung, die im Brauhaus stattfindet. Die ist großartig, versauert aber dort. Das ist alles traurig. Wenn ich schon so etwas mache, sollte ich auch mal den Mut haben, es auch mal in das andere Programm zu nehmen. Das tun sie nicht.

Das finde ich auch spannend: Ich habe den Eindruck, dass die öffentlich-rechtlichen Sender sich eher am Privatfunk zu orientieren und versuchen, deren Mechanismen noch zu perfektionieren…

Die Privaten sind ja mittlerweile fast öffentlich-rechtlicher als die Öffentlich-Rechtlichen. Da kann man sich nicht mehr orientieren. Das früher noch ganz anders. Es fehlt an Menschen, die Mut haben, etwas Neues zu machen. Ich habe früher bei RTL von Dr. Thomas und Marc Konrad den berühmten Satz gehört: Ein Flop ist die Regel! So! Und das ist es: Man muss halt damit leben, wenn man etwas macht, was man vorher nicht kalkulieren kann, dass es auch mal in die Hose geht. Das ist ja nicht schlimm. Dann hat man es probiert, und weiß, dass es nicht funktioniert. Dann macht man halt etwas Neues. Solange man nicht etwas Neues macht, wird man nie erfahren, ob es geht. Wir kaufen immer alles aus dem Ausland ein, weil die Jungs und Mädels etwas cleverer sind und Neues erfinden. Vieles lässt sich aber nicht auf Deutschland übertragen.

Sagt Hugo Egon Balder – der Schöpfer von “Der Klügere kippt nach” – montags, 22:15 Uhr bei Tele 5. Oder nachschauen auf tele5.de.

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Warum die tagesWEBschau eingestellt wird

Kurz bevor wir gestern ins Studio für unsere 302. Ausgabe gingen, erreichte uns noch folgende Meldung: Die tagesWEBschau wird eingestellt. Seit Juni 2012 läuft werktäglich die tagesWEBschau im Netz und auch im digitalen TV. Das Videoformat soll in knapp drei bis vier Minuten Nachrichten aus der Sicht der Netzgeneration präsentieren.

Obwohl es das Format schon seit mehr als einem Jahr gibt, ist das Projekt noch im Beta-Status. Jetzt wissen wir: Einen Regelbetrieb möchte die ARD nicht. Ende Mai wird das Projekt eingestellt. Warum? Das konnten wir noch in unserer Sendung Marcello Bonventre, Redaktionsleiter der Digitale Garage bei Radio Bremen klären. Hier könnt ihr das Gespräch nachhören.

Das Gespräch lief in unserer Sendung bei DRadio Wissen am 25. April. Den Podcast der ganzen Sendung findet ihr hier.

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Gottschalk live — die beste Radiosendung im deutschen Fernsehen

Ein Kommentar von Moritz Scheidl

“Mogelpackung”, “Quotenloch” und “Gehagel in der Todeszone” – die Kritik-Schlagzeilen von Gottschalk Live wurden in der letzten Zeit drastischer. Die Quote der ARD-Vorabendsendung verschlechterte sich, seit dem Sendestart am 23. Januar, Woche für Woche. Ein Ende dieser Talfahrt ist in Anbetracht näher rückender warmer Sommerabende, an denen Gottschalk weitere Zuschauer an die Badeseen und Grillplätze der Republik verlieren wird, nicht abzusehen. In den letzten drei Monaten entwickelte sich jedoch die Kritik am Format und am Moderator der Sendung hin zu einem monotonen Gottschalk-Bashing. Es ist chic sich über die Show-Legende lustig zu machen. Worüber sich indes noch niemand Gedanken gemacht hat: Vielleicht ist Gottschalk einfach zur falschen Zeit am falschen Ort?

Im Jahr 1971 heuerte ein damals 21-jähriger Radio-Freak beim Bayrischen Rundfunk an. Der junge Mann hatte sich in einem Casting durchgesetzt und bekam die einmalige Chance sich und sein Talent im neugegründeten Programm Bayern3 unter Beweis zu stellen. Nach ersten Erfolgen und ersten Konflikten im erz-konservativen Rundfunkhaus zog es ihn Anfang der 80er-Jahre nach Luxemburg zu RTL Radio. Hier moderierten die Radiopioniere Camillo Felgen und Frank Elstner. Es war nicht (nur) das Geld, welches ihn in die Villa Luvigny, in welcher die Studios von RTL beheimatet waren, lockte, sagte Thomas Gottschalk vor ein paar Jahren in einem Interview. Er hatte die Möglichkeit bei dem Sender zu arbeiten, den er als Jugendlicher unter der Bettdecke gehört hatte – Seite an Seite mit seinen Idolen. “Ich war ein absoluter Radio-Freak”, sagt Gottschalk heute über sich. 1983 ging er zurück zum BR um dort Programmchef zu werden. Zudem moderierte er fortan, gemeinsam mit Günther Jauch die B3-Radioshow. Seine Moderationen und seine Übergaben mit Jauch erreichten schnell Kult-Status. Gottschalk fesselte eine Generation ans Radio und das Radio fesselte ihn. Er drückte Bayern3 derart seinen Stempel auf, dass man dort heute noch vom Gottschalk-Glamour der damaligen Zeit zehrt. In einem Video-Interview mit Spiesser.de bringt Gottschalk seine damalige Radio-Zeit auf den Punkt: “Ohne das Fernsehen hätte ich leben können. Ohne das Radio nicht. Ich bin eine Radiofigur.  Beim Radio hatte ich in meiner gesamten Karriere den größten Spaß.”

 Der Radio-Freak bei der Arbeit. Thomas Gottschalk Ende der 70er im Bayern3-Studio (Quelle: ARD)

Parallel zum Radio startete Gottschalk seine Fernseh-Karriere. Was 1973 mit der Moderation der Abendschau im Bayrischen Fernsehen begann, fand am 26. September 1987 seinen Höhepunkt mit der Übernahme von “Wetten dass…?”. Die Radio-Legende wurde zur Fernseh-Legende. Er erreichte Marktanteile, die heute nur noch WM- oder EM-Endspiele erreichen und sicherte sich so einen Erste-Reihe-Platz in der deutschen Fernsehgeschichte.

Nach Samuel Kochs Unfall im Jahr 2010 war für Gottschalk schnell klar, dass dies das Ende seiner Zeit auf Deutschlands größtem Sofa sein sollte. Aber mit 61-Jahren in Rente gehen? Das schmeckte ihm nicht wirklich. Unmittelbar, nachdem er im Februar 2011 sein “Wetten dass…?”-Ende bekannt gegeben hatte, müssen die Angebote auf ihn nur so eingeprasselt sein. Unter anderem werden ihm vielleicht seine Freunde beim Bayrischen Rundfunk eine Rückkehr zur alten Wirkungsstätte Bayern3 angeboten haben. Dieses Projekt wird aber an der heutigen, modernen Technik gescheitert sein. Während Gottschalk in seiner Radio-Zeit zwei Plattenspieler, ein Mikrofon und ein analoges 5-Kanal-Mischpult zu bedienen hatte, wäre die Rückkehr in ein heutiges digitales Selbstfahrer-Studio undenkbar für ihn gewesen. Darüber hatte er sich unter andrem vor ein paar Jahren in der Bayern3-Sendung “Star&Hits” geäußert. Ihm sei die Technik heute zu kompliziert und zu aufgeblasen. Nun könnte man den Einwand bringen, dass Gottschalk sich einen Techniker nehmen könnte, der ihm die Sendung “fährt”, aber auch das wäre nicht Gottschalks Stil. Während in den 70er-Jahren alle Moderatoren mit einem Techniker ihre Sendung produzierten, schickte Gottschalk diese damals schon zum Kaffee trinken, um das Schiff alleine zu lenken – dies traut er sich heute anscheinend nicht mehr zu.

Dann mach ich meine Radioshow halt im Fernsehen

Im Juli 2011 wurde folgendes bekannt: Gottschalk geht zur ARD. Er macht dort vier Mal die Woche eine Live Sendung. Das ganze wird vor der Tagesschau ausgestrahlt. Facebook und Twitter werden in die Sendung integriert. C’est ça. Mehr wurde nicht bekannt gegeben. Und es scheint so, als wussten selbst die Verantwortlichen der ARD, wie auch Gottschalk, damals nicht mehr. In einer seiner letzten Wetten dass…?-Sendungen äußerte sich die Showlegende zur bevorstehenden Aufgabe in der ARD sinngemäß: “Das ist eine ordentliche Aufgabe die ich mir da vorgenommen habe – vier Mal die Woche eine halbe Stunde zu füllen.”

Es scheint nicht nur so zu sein, dass sich Gottschalk der bevorstehenden Aufgabe  mit der Lockerheit eines Radiomachers näherte – er setzte sie auch so um. Auf der letzten Wetten dass…?-PK  sagte er noch: “Ich habe meinen Beruf nie ernst genommen, weil ich ihn nicht ernst nehmen musste.”  Doch diese Weisheit sollte ihm noch Probleme einbringen.

Nach dem Motto “Wird schon laufen” stellte man das konzeptlose “Gottschalk Live”-Konzept im Dezember auf einer Pressekonferenz vor und setzte dies einen Monat später in die Tat um. Gottschalk plauderte drauf los und wurde schnell von der fehlenden Disziplin, welche im Fernsehen noch wichtiger als im Radio ist, eingeholt. Die Premiere war ein Desaster, was Gottschalk unmittelbar vor seinem Kniefall wohl auch aufgefallen sein muss. Die folgenden Sendungen waren minimal besser, hatten dafür aber einen maximalen Quotenfall erlebt.

Schnell gab es Einwände, dass die Show so schlecht sei, da dem Showmaster das Publikum im Studio fehlen. Daraufhin baute man das Studio um. Etwa 100 Zuschauer finden seit dem im dritten Stock des Berliner Humboldt Careé Platz – geändert hat das an der Darbietung nicht viel. Gottschalk wendet sich seit dem entweder seinem Gast oder dem Publikum zu – die Kamera vergisst er oft. Dem Mann, der Hallen gefüllt hat, um von dort aus die größte Fernsehshow Europas zu moderieren, ist in diesem kleinem Studio das Fernseh-Machen-Gefühl abhanden gekommen. Der einstige Radio-Freak fühlt sich wie in einem Radiostudio mit Zuschauern. Und er macht Radio. Gottschalk ist nicht schlecht geworden. Er beherrscht sein Handwerk nach wie vor, wie wenige andere es können. Seine Übergänge und Sinnbilder, die er mit seinen Moderationen schafft, sind nach wie vor erste Liga. Aber seine Talks und seine Gesten sind zu sehr Radio. Hätte er ein Angebot seiner alten Freunde von Bayern3 angenommen – das Produkt wäre legendär. Nun tut sich Gottschalk schwer.

Er versucht seine Radio-Liebe im Fernsehen aufblühen zu lassen. Er ist zur falschen Zeit am falschen Ort.

Moritz Scheidl ist Moderator bei 95.5 Charivari in München.

Tipp: Uns gibt es auch als RSS-Feed in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Hier gibt es unsere Texte aus dem Blog und hier gibt es unseren wöchentlichen Podcast.

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Wie macht man einen Fernsehbeitrag? [Video]

Wie sieht der perfekte Fernsehbeitrag aus? Mit einem Augenzwinkern erklärt euch dieses Video den Aufbau eines typischen gebauten Beitrags, wie wir ihn Abend für Abend zigfach auf der Mattscheibe bewundern können. Doch was steckt dahinter? Wir haben einmal nachgefragt.

Das Video stammt von Martin Giesler, der gerade sein Fernsehvolontariat beim ZDF beendet hat. In seinem Blog stellt er das Projekt vor. Das Video ist eine Abschlussarbeit, die auch auf der Abschlussfeier gezeigt wurde. Martin hat uns sein Video geschickt und das hat uns köstlich amüsiert; weswegen wir euch das Video unbedingt empfehlen möchten. Wir haben Martin gefragt, wie das Video zustande kam.

“Wir sollten eine persönliche Volo-Bilanz ziehen. Da ich nunmal ein Kind der Chefredaktion, sprich der Nachrichten und Informationen bin, habe ich mich daran erinnert, dass ich gern mal eine deutsche Version von Charlie Brookers “How to make the News” machen würde.

Den Film hatten wir im Volo-Seminar gesehen und ich dachte mir damals schon, das müsste man auch mal fürs deutsche “Nachrichten-Machen schrauben” – also habe ich mir angeguckt, was ich im Dramaturgie-Seminar gelernt habe, wie man so in der Regel deutsche Magazinbeiträge baut und mit einem VJ-Kumpel und zwei Freunden das Ding gedreht. Ging alles ziemlich fix.

Ich selbst bin großer Nachrichten-Fan und liebe es Beiträge zu schrubben. Aber nur wer seinen Job selbstkritisch betrachtet, kann auch besser werden.”

Es gibt bereits eine deutsche Adaption von Brookers Video, die beim SWR veröffentlicht wurde. Allerdings geht Giesler besser auf die deutschen Fernsehgewohnheiten ein. Das scheint anzukommen – innerhalb von 4 Tagen ist das Video 27.000 Mal abgerufen worden. Martin freut sich “wie Bolle und kann es gar nicht fassen, dass der Beitrag so hohe Wellen geschlagen hat.” Was noch wichtiger ist: Nach seinem Volo konnte er beim ZDF bleiben. Was mit Medien sagt herzlichen Glückwunsch!

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Der erste Eindruck: Gottschalk Live!

Um es vorweg zu sagen: Was die anderen sagen, habe ich noch nicht mitbekommen. Ich habe lediglich ein Facebook-Status-Update und die Überschrift eines Blogartikels gelesen.

Um auch das gleich vorweg zu sagen: Ein besseres Format hätte Gottschalk nicht passieren können, eine bessere Sendung hätte dem Fernsehen auch nicht passieren können — und irgendwann werden wir auch merken, dass es das Beste ist, was dem Netz im deutschen Fernsehen bisher passiert ist.

Für die, die es nicht gesehen haben: Gottschalk lädt zu sich in sein Büro-Wohnzimmer, berichtete zunächst über all das was es vor allem nicht zu sehen gibt (Wulff & Euro-Rettungsschirm) um dann zu erklären wen er nicht einlädt (Hollywoodstars die übersetzt werden müssen und die eh’ nur ihren neuen Film bewerben wollen), um dann Michael Bully Herbig anzukündigen, der nur seinen neuen Film beworben hat. Zwischen Empfang und Gast, schwenkte Gottschalk auch in sein Büro, in dem junge Redakteure für seine Sendung arbeiten. Darunter Caro, die Social-Media-Beauftragte, oder Johannes, der Aufnahmeleiter oder Personal-Assistant. Dazwischen plauderte Gottschalk aus seinem Leben: Warum die Ehe zwischen Heidi und Seal nur scheitern konnte, wie er Heidi früher entdeckte und warum die Geschichte in einem Klatsch-Blatt nicht stimmt, dass er einen verarmten Onkel in Polen hat. Letzteres macht deutlich, worum es geht: Um Gottschalk. Das wollen die Leute sehen. Da wir in den letzten Jahrzehnten gesehen haben, mit wem Gottschalk per Du ist, hat er zu vielen Themen einen persönlichen Zugang; das ist natürlich spannend.

Was braucht eine gute Fernsehsendung? Sie braucht eine Persönlichkeit, ein Ziel, Platz für Anarchie, Rituale und Kommunikation auf Augenhöhe. Alles ist vorhanden, aber natürlich nach den ersten 30 Minuten noch bei weitem nicht ausgeschöpft.

Die Stärke der Sendung könnten die vielen Sendetermine sein. “Blondes Gift” mit Barbara Schöneberger war großartig, als sie mehrmals die Woche große Sendestrecken füllen müsste, gleiches galt für Harald Schmidt in seiner ersten SAT.1-Epoche. Beide versagten völlig, als die Formate ein- oder zweimal pro Woche im öffentlichen-rechtlichen TV zu sehen waren.

Für Gottschalk: Hoffentlich weiß Gottschalk das Geschenk der fast täglichen Sendung zu nutzen. Das ist Late Night 2.0 und so wie es Deutschland verdient.

Für das Fernsehen: Ich kann nicht abschätzen, wie das Format langfristig bei den Zuschauern ankommen wird. Aber ich sehe die Chance, dass es eine treue Zuschauergemeinschaft geben wird; und das nicht nur bei einer älteren oder nur einer jungen Zielgruppe. Ich glaube, das Format wird von mehreren Generationen akzeptiert. Das Format kann es auch leisten, dass einige, die höchstens Live-Fernsehen zum Tatort schauen, wieder ein bisschen an das Live-Fernsehen zurückgeführt werden.

Für das Netz: “Wir haben mehr Klicks als Zuschauer”, scherzte Gottschalk. Was mir besonders positiv aufgefallen ist: Gottschalks Sendung hatte keine “Wir schauen jetzt einmal ins Netz”-Attitüde, die ich ja an anderer Stelle im deutschen TV bemängelte. Hier merke ich einen gewissen Bildungsauftrag: Das Online- und Offline-Deutschland zusammenbringen. Gottschalk drohte schon, den Begriff Hashtag in einigen Tagen zu erklären. Großartig! Wenn die Sendung den Umgang mit dem Netz natürlich vorlebt, ist das eine gute Sache. Einige Dinge werden vom Gottschalk-Team zwar anders gemacht, als es das einige Geeks & Nerds vorleben. Aber das muss wohl auch so sein, um Schritt für Schritt Online- und Offline-Deutschland zusammenzubringen.

Es wäre unglaubwürdig, wenn Gottschalk so tut, als ob er jetzt selbst bei Facebook und Twitter aktiv sei. In der Vergangenheit hat er sich dafür überhaupt nicht interessiert. Ich finde deswegen die Lösung hervorragend, dass er künftig eine halbe Stunde nach seiner Show eine “Social-Media-Stunde” einlegt, in der er sich dann mit den Zuschauern beschäftigt.

Am Ende werden die Leute Gottschalk Live! aber nicht wegen der (bisher zaghaften) Zuschauerinteraktion oder Social-Media-Einbindung gucken. Sie gucken wegen Gottschalk. Sie nehmen die Chance wahr, in das Büro-Wohnzimmer eines Promis zu gucken.

Und wenn sich jetzt die Leute nur darüber aufregen, dass es zu viele Werbeunterbrechungen gab, dann hat Gottschalk etwas richtig gemacht.
Sendetermin: Gottschalk Live! Montags – donnerstags, um 19:20 Uhr im Ersten.
Links:
Update: 
Der geschätzte Kollege Jörg Wagner war gestern rund um die Premierensendung beim Pressetermin dabei und hat mit seiner Kamera ein paar Backstagemomente eingefangen.

 

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Klaudia Wick über The Voice of Germany & Co.: Es geht nicht um den Gesang, sondern um die Tellerwäscherkarrieren

Auch wenn das neue Jahr uns Wiederholung der ewig gleichen Castingformate mit “Unser Star für Baku” oder “Deutschland sucht den Superstar” bescherte,  hat das deutsche Fernsehen weiter ein noch neues Lieblingskind: The Voice of Germany! Es wird geschwärmt: Zwar sei dies noch eine Castingshow – aber eine andere. Mit Qualität. Es soll um die Stimme gehen. Optik spielt erst mal keine Rolle. Die Kandidaten werden der Jury zunächst nicht gezeigt.  Ansonsten ist es schick zu behaupten, dass Castinggenre hat sich überholt. Aber: The Voice of Germany ist weder die Rettung des Casting-Genres, noch hat selbiges überlebt. Das sagte uns TV-Kritikerin Klaudia Wick in Was mit Medien 263. Es folgt eine Abschrift des Audio-Interviews.

Herr Pähler: Sie sagen, dass Sie The Voice of Germany mit tele-Vergnügen schauen. Warum das?
Klaudia Wick: Ich gucke gerne Fernsehen. Das ist mein Beruf, aber auch meine Neigung. Das ist nicht die erste Castingshow die wir uns angucken. Wir sind vielleicht auch ein bisschen DSDS-müde. Es ist immer schön, etwas Neues zu sehen. Mit hat dieser kleine Dreh ganz gut gefallen, dass die Kandidaten in der ersten Runde für die Coaches unsichtbar sind.

Daniel Fiene: Die Jubel-Meldungen in der Presse überschlagen sich. “Voice of Germany weiter ungeschlagen” ist zu lesen oder “The Voice of Germany hat das Casting-Genre neu belebt” – welche Mechanismen sind denn das, die diese Sendung bedient und die sie erfolgreich machen?

Klaudia Wick: Als Havy-User des Fernsehens freut man sich natürlich, dass etwas Neues kommt. Dann ist es so, dass die Show für Profis offen ist. Da treten keine Unbekannten auf. Das sind Background-Sänger, Menschen die sich in Metropolen durchschlagen, indem sie dort Musik machen. Das ist ein Wohltun für die Ohren. Von Anfang an kommen gute Songs raus. Die erste Phase des Castings —in der RTL häufig gute Quoten macht und in der Leute quietschen und man sich fragt, warum der jetzt zu Dieter Bohlen geht — das alles fällt weg. Ich glaube, dass die Presse froh ist, dass sie jetzt auch mal was vom ProSieben-Sat.1-Sender gut finden kann und dass das Fernsehen da noch einmal eine Belebung erfährt.  Sonst machen sich immer alle Sorgen, dass der Sender mit den Quoten in einem Dauertief ist.

Herr Pähler: Aber mal ehrlich: Am Ende singt dort eine —ich sag mal— adipöse Frau und je mehr die Show den Eindruck vermitteln will “Schaut her, wir achten nicht auf euer Aussehen”, desto häufiger sagen einige — am Ende des Tages bedient sich The Voice of Germany den gleichen Tricks wie doch jede andere Castingshow. …
Klaudia Wick: Sie müssen natürlich immer im Hinterkopf behalten, dass das alles ein Scheingefecht ist. Ich glaube, dass das die Zuschauer das auch tun, auch wenn sie es vielleicht nicht so verbalisieren können. Das Fernsehen ist eine andere Wirklichkeit, die sich von unserer sozialen Wirklichkeit und unserem Ehrlichkeitsbegriff unterscheidet. Es hat ja auch einen kleinen Miniskandal gegeben, dass ein Kandidat in der Show gesagt hat, er hätte keine Bühnenerfahrung. Hinterher hat sich herausgestellt, dass er in der gleichen Sendergruppe bei Popstars schon einmal mitgemacht hat. Da gibt es immer kleine Irritationen, was eigentlich die Wahrheit im Fernsehen ist. Die adipöse Frau ist natürlich auch daraufhin gecastet. Wenn ich eine Show mache, in der es nur um The Voice und nicht um The Optik geht, dann caste ich natürlich nur Leute, die in diese Phantasie reinpassen. Das gehört zu diesem Scheingefecht des Fernsehens dazu. Das war schon immer so. “Was bin ich?” hatte besondere Berufe gecastet, damit man hinterher sagt ‘ach guck’ mal an, so einen Beruf hat es auch schon mal gegeben’…
Daniel Fiene: Sie rauben uns gerade jegliche Illusion. 
Klaudia Wick: … Unterhaltung funktioniert zirzensisch. Das können Sie weit in der Geschichte nachvollziehen. Auch in den anderen Künsten geht es immer um Schein und Sein. Das Fernsehen hat nichts neu erfunden. Es gibt eine Debatte über Reality, die sich eher in den Dokumentarformaten abspielt. Dabei geht es um die Frage, wie weit man darin gehen darf, eine andere Wirklichkeit zu erzählen. In der Unterhaltung, in der es um eine große Bühnenshow geht, ist das anderes: Jeder der nicht ganz im Klammerbeutel gepudert ist, kann doch wissen, dass das eine Inszenierung ist. Dazu gehört die dicke Frau dann eben auch dazu.

Daniel Fiene: Was ich komisch finde; bislang hat die BILD-Zeitung nicht extrem viel zu VoG gemacht, langsam springt die Zeitung auf den Zug auf – es häufen sich sowieso die typischen Kandidaten Meldungen – mit pseudo-investigativem Inhalt – wie kommt diese Verspätete Beachtung?
Klaudia Wick: Es gibt ja eine traditionelle Zusammenarbeit zwischen Dieter Bohlen und der Bild-Zeitung.  Es gibt eine enge Verbindung zu RTL. Alles was RTL macht, wird stark gefeatured; was nicht heißt, dass man nicht auch mal auf die Skandaltrommel haut. Stefan Raab wird hingegen von der Bild-Zeitung geschnitten. Er sagt, er habe keine Lust mit der Bild-Zeitung zu kooperieren.  Deswegen gibt es da eine andere Tradition. Deswegen wundert es mich jetzt überhaupt nicht, dass die Springerpresse, die Sendung nicht zu einer Patenschaft erhoben hat. Dann kommt aber die zweite Runde und man kriegt mit, dass das keine Eintagsfliege gewesen ist, wir alle gucken interessiert drauf, die Quoten sind stabil, dann muss auch die berichtende Presse aufspringen.  Da gehört dann Klappern zum Handwerk.

Herr Pähler: Die Gattungsfrage, Frau Wick: Haben sich Casting-Shows nicht überlebt?
Ich glaube nicht, dass sich Castingshows überlebt haben und sie sich auch nicht so schnell überleben werden, da sie etwas ganz wesentliches bedienen, was auch Wetten dass..? immer scho bedient hat: Es gibt eine große Hallenshow, es gibt Musik, das ist jugendaffin, das interessiert die Leute. Nicht umsonst fängt jede Castingshow mit bekannten Liedern an, damit die Kids nicht ihre eigenen Lieder singen müssen, sondern wir die alle im Ohr haben. Und es gibt diese Tellerwäscher-Karrieren. Das sind die Dinge, die eine Rolle spielen. In meiner Jugend mußte man in den großen Preis gehen, um diese Tellerwäscherkarriere zu machen. Man mußte alles über Marilyn Monroe wissen und dann hat man eine für damals spektakuläre hohe Summe gewonnen und das Leben war anders. Heute singt man halt. Wir werden sicher noch eine paar neue Varianten dieser immer gleichen Geschichte hören. Das Genre ist aber nicht davon geprägt, dass jemand singen muß, sondern diese Tellerwäschekarriere macht. Das ist genuine Unterhaltung.

Daniel Fiene: Glauben Sie, dass Voice of Germany vielleicht auch Einfluss auf andere TV-Formate haben wird? Ein Zeichen, dass wir keine Lust mehr auf Trash mehr haben – aber auf gutes Fernsehen — oder ist das nur eine stille Hoffnung?
Das ist nur eine stille Hoffnung von einem bildungsbürgerlichem Ansatz. Das ist ja ein Tauschgeschäft im Fernsehen: Ich habe etwas freie Zeit und will vielleicht nicht ins Kino gehen, und möchte, dass mir diese freie Zeit möglichst leichtfüssig weggenommen wird. Das kann genauso gut Trash sein, dass ich mich darüber kaputt lache und dass jemand ausversehen vor dem Laternenpfahl rast. In diesem Moment wird auf Arte Louis de Funes mit Phantomas wiederholt. Wenn Sie sich im fiktionalen Bereich die ganzen Klassiker angucken, gab es schon immer trashige Formate, die ein großes Publikum hatten. Es gibt keine kupernikanische Wende durch The Voice of Germany. Das ist ein ganz typisches Format der zweiten oder dritten Runde. Man muß schon viel von Castingshows verstanden haben, damit man Vergnügen daran hat. Sie können in Tuvalu nicht mit The Voice of Germany anfangen. Das ist ein klassisches zweites Format. Darin ist es sehr gut. Nicht mehr und nicht weniger.

Was haltet ihr von The Voice of Germany?
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Wie der Thüringer Verfassungsschutz Journalisten missbraucht

Deutschland scheint überrascht zu sein: Rechtsextremer Terror? Und keiner hat es mitbekommen? Selbst die Ermittlungsbehörden nicht? Der Bundestag hat in dieser Woche eine fraktionsübergreifende Resolution verabschiedet sowie sich gegen Rechtsextremismus gestellt und auch bei den Familienangehörigen der Mordopfer entschuldigt. Es ist jetzt aber eine Methode im Kampf gegen den Rechtsextremismus bekanntgeworden, die stutzig macht, und vor allem auch vom Journalistenverband DJU scharf kritisiert wird: Der Thüringer Verfassungsschutz soll freie Fernsehteams beauftragt haben, um im rechten Milieu Beiträge zu drehen. Die Beiträge wurden nicht ausgestrahlt, sondern für die Ermittlungen benutzt.

Über den Thüringer Verfassungsschutz sprachen wir in Was mit Medien 261 mit Cornelia Haß, der Geschäftsführerin der Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union in ver.di. Hier findet ihr ein leicht geglättetes Transkript des Gesprächs.

Was mit Medien: Was sind das für Methode des Thüringer Verfassungsschutzes, auf die Sie jetzt aufmerksam machen?

Cornelia Haß: Der Thüringer Ex-Verfassungsschutz Chef Helmut Roewer brüstet sich selber in der Süddeutschen Zeitung dessen, dass er Aufträge an TV-Journalistinnen und Journalisten vergeben habe, über eine Tarnfirma. Die ist unter einem Tarnnamen vom Verfassungsschutz gegründet worden ist, um besseres Bildmaterial von der Neonazi-Szene zu beschaffen. Er lobt die Qualität, die die Medienschaffenden ihm auf diese Art und Weise geliefert hätten. Er beklagt auf der anderen Seite, wie teuer das ganze gewesen sei. Er gibt freimütig selber zu, wie er Journalistinnen und Journalisten dort instrumentalisiert hat.

Sie bezeichnen das Vorgehen als Skandalös. Warum?

Journalistinnen und Journalisten werden ohne ihr eigenes Wissen, ohne ihr Zutun, ohne eine freie Entscheidung zu indirekten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Verfassungsschutzes gemacht. Das finde ich ein ganz schön starkes stück. Ich finde, hier ist der Begriff “skandalös” nicht zu hoch gehängt. Zum einen muss es in der Entscheidung eines jeden Menschen liegen, ob er oder sie für den Verfassungsschutz tätig sein möchte; zum anderen gibt es in vielen politischen Beschreibungen von Journalisten eine klare Abgrenzung zwischen der Arbeit des Verfassungsschutzes und der Arbeit der Medienschaffenden. Zum Dritten bringen sich Journalistinnen und Journalisten in Gefahr. Sie bringen sich in Gefahr durch Recherche im Neonazi-Milieu. Das machen sie freiwillig. Das ist ein Risiko, welches sie für die Ausübung ihres Berufes eingehen. Sie bringen sich aber noch einmal in eine ganze andere Gefahr, wenn sie für den Verfassungsschutz arbeiten. Bevor Menschen sich in Gefahr bringen, müssen sie über die Gefahren, die ihre Arbeit birgt, informiert sein. Das finde ich skandalös.

Welches Ausmaß haben solche Methoden denn? Einzefälle oder Praxis?

Das ist eine Frage, die ich Ihnen leider nicht beantworten kann, die ich aber sehr gerne beantwortet hätte. Ich kann daher auch nur sagen: Alle Verfassungsschutzorgane, die sich einer solchen Praxis bedienen, müssen diese Praxis sofort beenden. Das ist keine Art und Weise mit Journalistinnen und Journalisten umzugehen und deren Arbeit zu missbrauchen. Mir liegen allerdings keine Erkenntnisse vor. Der Verfassungsschutz ruft nicht bei mir an, und fragt, wie ich die Praxis finde. Erfahrungsgemäß machen die einfach und da bleibt vieles im Dunkeln. Da erhoffe ich mir über die Medienberichterstattung über den Fall in Thüringen ein bisschen mehr Aufklärung, ob es möglicherweise andere Fälle mit dieser Praxis gibt.

Der Thüringer Ex-Verfassungsschutz-Chef Helmut Roewer lobte ZITAT „die Fernsehleute hätten Bilder geliefert, die Beamte normalerweise nie bekommen hätten“ – müssen nicht vielleicht auch ungewohnte Wege im Kampf gegen Rechtsradikale gegangen werden?

Also, wir haben dazu eine klare Position als DJU, dass Journalistinnen und Journalisten einen anderen Auftrag haben. Auch sie sind durch Artikel 5 (Anmerkung der Redaktion: Im Grundgesetz) mit einem Auftrag versehen. Es ist Aufgabe des Verfassungsschutzes, die Aufgabe des Journalismus in der Bundesrepublik zu schützen und nicht zu missbrauchen. Journalistinnen und Journalisten tragen ihren Teil dazu bei, die Neonazi-Szene aufzudecken. Sie machen das medial und durch Berichterstattung in Politikmagazinen. Sie machen das mit ihrer Arbeit. Ich würde dringend davon abraten, zu sagen, wir haben jetzt eine Situation, die es erforderlich macht, Journalistinnen und Journalisten für den Verfassungsschutz arbeiten zu lassen. So eine Situation kann ich mir nicht vorstellen, weil es ein anderes Selbstverständnis des Journalismus in diesem Land gibt.

Wie kann ich mich als freier Journalist schützen und sichergehen, dass meine Auftraggeber nicht vielleicht eine Ermittlungsbehörde sind?

Auch das ist eine schwierige Frage, an deren Beantwortung wir noch arbeiten müssen. Ich bin im Moment dabei, mit meinen Thüringer Kolleginnen und Kollegen mehr Informationen über diese Firma, die der Thüringer Verfassungsschutz gegründet hat, zu sammeln. Wir kennen ja nicht einmal den Namen dieser Firma. Wir können Kolleginnen und Kollegen nicht warnen. Ich kann nur dazu raten, genau hinzugucken für wen ich arbeite, und sich im Vorfeld sagen zu lassen, wo das Produkt, dass ich schaffe, publiziert werden soll: Gibt es einen Sendeplatz? Für welche Sendung produziere ich? Dies sollte man sich auch schriftlich geben lassen. Wenn Zweifel bestehen, lieber zwei Mal nachfragen, anstatt auch mit Blick auf ein üppiges Honorar ganz schnell zu allem Ja und Amen zu sagen.

Tipp: Uns gibt es auch als RSS-Feed in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Hier gibt es unsere Texte aus dem Blog und hier gibt es unseren wöchentlichen Podcast. Updates von uns gibt es auch auf Facebook und Twitter.

Was haltet ihr von der Methode des Thüringer Verfassungsschutzes? Schreibt es in unseren Kommentaren!

Foto: Flickr / tetedelacourse

T homas Rath

Germany’s Next Top Model Juror Thomas Rath über die neue Staffel und rote Teppiche!

Sie gehören zur Medienwelt dazu, wie die Butter zum Brot: Rote Teppiche! Vielen laufen gerne darüber, die Kameras auf sie gerichtet. Doch wer über den Teppich läuft sollte darauf achten, was er trägt. Es gibt viele Modesünden, schnell wird es peinlich. Das gibt es immer wieder zu beobachten, zuletzt bei den MTV European Music Awards am Sonntag (6. November). Ein Grund für uns mal mit einem Experten zu sprechen: Wir haben Thomas Rath am Rande einer solchen “Red Carpet”-Veranstaltung in Düsseldorf getroffen. Er ist Designer und Juror bei Germany’s Next Top Model. Im Interview mit unserem Reporter Christian Schwarz übt er Kritik an den Modestilen der Promis und verrät auch ein bißchen zur neuen Topmodel-Staffel, deren Dreharbeiten Anfang Dezember beginnen.

[audio:/audio/2011/11-thomasrath/thomasrath.mp3]

Thomas Rath – Juror bei Germany’s Next Top Model über die neue Staffel der Sendung und Mode-Faux-Pas von Promis auf roten Teppichen!

Das ist ein Thema der Was mit Medien Podcast-Ausgabe 260.

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Hinter den Kulissen: Die mediale Inszenierung des Rock-am-Ring-Festivals

600 Mobiltoiletten, 10.000 Meter Wasserleitungen, 400 Duschen und 50 EHEC Desinfektionsspender. Das ist Deutschlands größtes Festival: Rock am Ring. Am vergangenen Wochenende kamen wieder rund 84.000 Besucher zum Nürburgring in die Eifel und sahen Bands wie Coldplay, Kings Of Leon oder System Of A Down. Das Festival ist für viele Kult und zeichnet sich durch seine einzigartige Atmosphäre aus. Einmalig ist aber auch etwas anderes: Es ist die einzige deutsche Großveranstaltung mit einem eigenen Radiosender! Während der gesamten Dauer des Festivals sendet der SWR-3 auf einer Sonderfrequenz das „Rock am Ring Radio“. Die Moderatoren werden live vor die Bühnen geschaltet und interagieren mit dem Publikum.

VON CHRISTIAN SCHWARZ

Gespielt werden außerdem Mitschnitte der Auftritte, Beiträge von den Zeltplätzen und wichtige Infos rund um die Konzerte. Auch ganz wichtig: Das Wetter. Bei kaum einer Veranstaltung ist diese Nachricht so wichtig, wie bei einem Open-Air-Festival. Neben dem Publikum beim Festival kann auch ein ganz anderer Zuschauerkreis das Radio hören: Deutsche Soldaten im Kampfeinsatz. Gesendet wird auch an die Soldaten im Kosovo und Afghanistan! Es ist gewöhnliches Radiomachen und doch ganz anders — wie „Rock am Ring Radio“ – Moderator Veit Berthold im Interview berichtet:

[audio:http://www.wasmitmedien.de/audio/2011/06-rockamring/veitberthold.mp3]
Thomas Jung (Foto: SWR)

Thomas Jung, SWR-Projektleiter und Programmchef SWR3 (Foto: SWR)

Der SWR hat ohnehin ein gesamtes Medienzentrum am Nürburgring aufgebaut. Seit diesem Jahr ist der öffentlich-rechtliche Sender aus Baden-Baden erstmals Haupt-Medien-Partner von Rock am Ring. Denn im letzten Jahr ist MTV im Rahmen ihrer Umstellung zum Bezahl-Sender abgesprungen.

Vom Festival wurde viel live berichtet: Über eine Millionen Zuschauer haben die Übertragungen bei „EinsPlus“ gesehen, in den Internet-Live-Streams bei SWR3 und DAS DING gab es über 4,5 Millionen Klicks. Weitere Übertragungen wird es in den nächsten Wochen noch geben. Warum der SWR so groß ins Rock-Geschäft eingestiegen ist, erklärt SWR-Projektleiter Thomas Jung:

[audio:http://www.wasmitmedien.de/audio/2011/06-rockamring/thomasjung.mp3]

Und hier sind Fotos von unserem Besuch im SWR-Sendezentrum:

Journalisten haben immer Hunger! Aushang im Catering-Zelt des SWR.

In diesem kleinen LKW wird Radio gemacht. Es ist das Studio des „Rock am Ring Radio“

Zutritt verboten! Wir durften trotzdem mal gucken!

Das Studio des kleinen Radiosenders. Von hier aus wird auch vor die drei Bühnen live geschaltet.

Schnittplätze der Radio-Reporter. In diesem Bus werden Beiträge für alle ARD-Anstalten geschnitten.

Die Bild- und Tonregie schneidet alle Konzerte mit, überträgt die wichtigsten live.

Der Sender EinsPlus hat am Wochenende 28 Stunden live berichtet.

Im Wagen der Bildregie herrscht absolute Dunkelheit, damit die Augen sich auf die Arbeit konzentrieren können.

Alle Mitschnitte landen auf einem zentralen Server, auf den Radio, TV und Online aller ARD-Anstalten jederzeit zugreifen können.

Direkt aus London: Das Außenstudio von DAS DING TV.

In dieser entspannten Lagerfeueratmosphäre werden laute Rockstars interviewt.

In den Pausen gibt es Kicker-Turniere.

Der Bus parkt direkt neben der zweitgrößten Bühne des Festivals – der Alternastage. Vom Dach aus hat man einen wunderbaren Blick auf das Gelände.

In dieser entspannten Lagerfeueratmosphäre werden laute Rockstars interviewt.

Mehr Fotos von Christian Schwarz rund um Rock am Ring gibt es bei Flickr.

Jedward bei der Probe (Foto: Pieter Van den Berghe (EBU))

Eurovision Songcontest: “Gigantisch ist untertrieben”!

Jedward bei der Probe (Foto: Pieter Van den Berghe (EBU))

28 Jahre ist es her, dass der Eurovision Songcontest in Deutschland stattgfunden hat. Dementsprechend sind viele, die dem Wettbewerb nahe stehen, aufgeregt, ob und wie alles heute Abend beim Finale über die Bühne gehen wird. Wir könnten jetzt viele kritische Worte finden. Wie wenig ESC-Stimmung in den letzten Tagen in Düsseldorf trotz Medien-Hype herrschte. Wie welcher vorgefassten Haltung über die Stadt so mancher Journalist anreiste. Wie distanzlos viele Journalisten berichten. Aber mal ehrlich: Sollte man den Eurovision Songcontest so ernst nehmen? Ist es nicht viel mehr eine Spaßveranstaltung, die zwar kommerziell ist, dafür aber einmal im Jahr den Blick über die Landesgrenzen hinaus ermöglicht? Im Prinzip ist der Eurovision Songcontest wie Karneval nur ohne mythologische Wurzeln. Der ESC ist aber auch inzwischen eine Antwort der modernen Event-Gesellschaft. Den ESC darf man nicht ernster nehmen, als er sich selbst gibt. Bei so manchen Berichten scheinen die Journalisten das aber vergessen zu haben. Wenn dieser Zirkus schon bei uns vor der Haustür in diesem Jahr stoppt, dann staunen wir bei “Was mit Medien” lieber: Darüber, mit wieviel Aufwand dieser Musikwettbewerb betrieben wird.

Ein Volunteer berichtet und gibt sich beeindruckt

In Was mit Medie 249 hatten wir Besuch von Jens Behmert. Er arbeitet eigentlich bei einer Telekommunikationsfirma, hat sich aber als Volunteer beworben. Für zwei Wochen helfen er und seine 550 Kollegen auf dem Arenagelände und in der Stadt aus.”Gigantisch ist eine untertreibung”, als wir ihn fragen, wie es hinter den Kulissen aussieht, wenn doch schon die Bühne wegen ihrer Größe viele extrem beeindruckt. Es hat gut einen Monat gedauert, bis das Arena-Fußballstadion in das Eurovision-Studio umgebaut wurde.

Die Show an sich ist bis auf die Sekunde durchgeplant. Das liegt auch daran, damit sich die unterschiedlichen Kamerasysteme nicht in die Quere kommen. Es gibt normale Kameras, Steadycams, Krankameras und auch eine Spidercam, welche durch flexible Fahrten die Dreidimensionalität des Raumes wiedergeben kann. “Jeder ist ein Rädchen in einem Uhrwerk”, beschreibt Jens die detaillierten Planungen. Der Aufwand wird auch im Videoblog DUSLOG.tv von Lukas Heinser und Stefan Niggemeier deutlich. In Episode 10 werden wunderbar die Steadycams erklärt.

Wir haben zusammen mit Jens und unseren Reportern ein paar Funfacts rund um den ESC gesammelt, welche ihr wunderbar heute Abend beim Eurovision-Rudelgucken mit euren (Medien-)Freunden zum Besten geben könnt. Einfach in den Peter-Urban-Modus wechseln und loslegen:

  • Im Pressezentrum (eine Leichtatlethikhalle) gibt es Einkaufskörbe mit Äpfeln.
  • Der Kaffeemilschaum wird mit einem ESC-Herz verziert.
  • Der Checkin für Pressevertreter ist wegen der Sicherheitsvorkerhungen langwierig: Neben den üblichen Flugzeugkontrollen, wird auch der Ausweis eingescannt, worauf ein Profilfoto auf einem Bildschirm erscheint.
  • Jeder Journalist hat ein eigenes Fach, in das die ESC-Länder Promomaterial verteilen. Eigene Fächer sind bei solchen großen Veranstaltung eigentlich unüblich.
  • Es gibt ein stricktes Akkreditierungssystem. Nur wer A1 auf dem Ausweis stehen hat, darf überall hin.
  • Lustigster Tweet bisher von einem Journalisten aus Österreich (Link leider verloren), aus dem Kopf zitiert: Die Arena ist so groß, die wege sind so weit: Die Klos sind erst in Wuppertal.
  • Die Bühne passt in 40 LKWs.
  • Die Lichttechnik passt in 120 LKWs.
  • Auf dem Außengelände stehen Dieselgeneratoren, die Strom für 13.000 Haushalte erzeugen. Wenn der Strom in Düsseldorf ausfällt, kann die Show weitergehen.
  • Die LED-Leinwand hinter der Bühne ist 1080 Quadratmeter groß.

Die Volunteers betreuen nicht nur die ESC-Künstler, sondern auch die Journalisten. Wir haben gefragt, ob die Pressevertreter manchmal nicht anstrengender mit ihren Wünschen sind. Jens schmunzelt: “Das ist wohl wahr.” Manchmal müssen die Volunteers ein dickes Fell haben.

Heute Abend: Die deutschen Ausrichter haben sich was einfallen lassen!

(Wer nicht wissen möchte, was ihn heute Abend erwartet, sollte jetzt nicht weiterlesen!) Ihr könnt euch schon auf das Finale freuen: Im letzten Jahr hatten sich die Ausrichter in Oslo eine wunderbares Flash-Dancemob-Aktion zu den Klängen von Madcon ausgedacht. In diesem Jahr müssen die deutschen Ausrichter entsprechend nachlegen. Ich würde sagen: Mission erfüllt! Schon bevor der erste Wettbewerbteilnehmer auf die Bühne geht. In einer unglaublich unterhaltsamen Show performt Gastgeber Stefan Raab mit ein gutes Dutzend Lena-Kopien den letztjährigen Siegersong. Das Publikum überschlug sich gestern beim gleichen Auftritt im Jury-Finale. Als Gastkünstler rockt Jan Delay zünftig die Pause vor der Punktevergabe und dann kommt der eigentliche Höhepunkt. Die riesige LED-Wand verschwindet und dahinter kommen die Künstler zum Vorschein, die in ihren “Waben” sitzen und dort den Abend über auf ihren Auftritt warten. “Tear down this wall”, ruft Raab seiner Kollegin Judith Rakers zu. Ein Gänsehaut-Moment! Meine eigentliche Heldin des Abends ist Anke Engelke. Sie könnte die Show eigentlich auch alleine moderieren. Aber darüber werden sicherlich auch noch andere schreiben.

Wir wünschen euch gute Unterhaltung bei dieser Spaßveranstaltung!

P.S.: Auch wenn ich schon das Jury-Finale gesehen habe. Ich kann euch nicht sagen, wer gewinnen wird! In diesem Jahr sind viele starke Nummern dabei. Es wird also spannend heute Abend.

Foto: Jedward bei der Probe (Foto: Pieter Van den Berghe (EBU))

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