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Streit ums Geld: ByteFM, detektor.fm und hörbuchFM beenden die Zusammenarbeit mit radio.de

Ein neues Kapitel in der Suche nach Finanzierungsmodellen: Die Webradios ByteFM, detektor.fm und hörbuchFM wollen zum Monatsende ihre Zusammenarbeit mit dem Aggregator radio.de beenden. Der Grund: Die Webradios wollen an den Werbeerlöse beteiligt werden, die der Aggregator im Umfeld ihrer Webstreams erzielt. Laut den Webradio-Betreibern haben die Macher von radio.de nicht auf ihre Anfragen reagiert.

Im Grunde ist dieser Streit ähnlich zu dem, den Google News und die Verleger führen. Nur dieses Mal sind die Seiten verkehrt:  Die Web-Pioniere folgen nicht dem Plattform-Gedanken, der dieses Mal von den traditionellen Medien voran getrieben wird. radio.de ist laut Selbstbeschreibung  “ein Spin-off des TheMediaLab, ein Unternehmen der Verlagsgruppen Madsack und WAZ. Weiterer Mitgesellschafter ist DuMont Ventures.”

Hier ist die Pressemitteilung, die an diesem Vormittag von den Webradios verschickt worden ist:

Berlin / Hamburg / Leipzig. ByteFM, detektor.fm und hörbuchFM beenden die
Zusammenarbeit mit radio.de. Wie die drei Sender am 24.11. mitteilten, wolle man damit
gegen die Praxis protestieren, die Anbieter qualitativ hochwertiger Radioprogramme nicht an
den Erlösen zu beteiligen, die mit der Verteilung dieser Programme erzielt werden.
Die drei Sender hatten bereits vor Monaten bei radio.de um Vorschläge gebeten, wie eine
Beteiligung aussehen könnte. Vonseiten der radio.de GmbH seien sämtliche
Kontaktaufnahmen unbeantwortet geblieben.
“Wir bedauern diesen Schritt sehr. Natürlich möchten wir mit unseren Programmen
möglichst viele Menschen erreichen. Das können wir aber nur, wenn nicht andere mit
unserem Programm Geld verdienen, indem sie es weiter verteilen, ohne uns daran zu
beteiligen”, erklärte Ruben Jonas Schnell von ByteFM.
“Unsere drei Sender investieren seit Jahren in die Entwicklung des eigenen Programms.
Gutes Programm machen kostet Geld. Wir können es daher auf Dauer nicht hinnehmen,
wenn Werbeeinahmen damit erzielt werden und bei anderen landen.”, ergänzte Marcus
Engert von detektor.fm.
“Auch wir kritisieren seit langem die fehlende Erlösbeteiligung der Programmanbieter.
Gerade ein Branchenprimus wie radio.de sollte hier mit guten Ideen vorangehen, und sich
nicht dem Dialog verschließen”, sagte Daniel Berger von hörbuchFM.
Es sei zwar richtig, dass durch eine Verteilung über Aggregatoren auch neue Hörer
angesprochen und theoretisch so größere Reichweiten erzielt werden können. Nach
Beobachtungen der Sender geschähe dies in ihrem Fall jedoch nicht in ausreichender
Größenordnung, um dauerhaft entgangene Erlöse zu kompensieren. Aus diesem Grund habe
man sich entschieden, der radio.de GmbH das Ende der Zusammenarbeit zum 30.11.
anzukündigen.
Die beteiligten Sender unterstrichen, dass die Zusammenarbeit jederzeit fortgesetzt werden
könne, wenn ein attraktives Modell zur Beteiligung der Sender von radio.de angeboten
werde.

In den nächsten Tagen dürfte es eine interessante Diskussion um diesen Schritt der Webradios geben. Wir haben eine Anfrage an die Macher von radio.de gestellt. Sobald eine Antwort eintrifft, werden wir die veröffentlichen. Wir werden in den kommenden Tagen das Thema auf dieser Seite fortführen.

Update, 15 Uhr: Das Statement von Radio.de

Radio.de-Geschäftsführer Bernhard Bahners hat uns ein Statement auf unsere Fragen geschickt, indem er auf das Anliegen von ByteFM, detektor.fm und hörbuchFM reagiert. Bahners schreibt:

Der Markt für Webradios wächst und kommt jetzt in die nächste entscheidende Wachstumsphase, in der alle Beteiligten die wesentlichen Punkte wie einfacherer Zugang, Reichweitenwährung, Professionalisierung des Programms und Standards für den Werbemarkt angehen sollten. Dann wird Webradio ein
Erfolg.

Ich finde es bedauerlich, dass gerade die Sender ByteFM, HoerbuchFM und detektor.fm die Diskussion an der falschen Stelle für die Marktwahrnehmung eröffnen. Diese drei Formate sind perfekte Beispiele für genau die neuen Programmformate, wie sie eben nur über die neue Verbreitung Webradio Erfolg haben werden. Der Deutsche Radiopreis für detektor.fm bestätigt diesen Erfolg und hat Webradio insgesamt eine Sichtbarkeit gegeben.

Aber die neue Vielfalt im Webradio, mit ihrer inzwischen fast unübersichtlichen Vielfalt, benötigt Orientierung und Navigation für den Nutzer. Wichtigstes Ziel der Sender sollte sein, ihre Hörer auf allen unterschiedlichen Zugangswegen zu erreichen. Der Nutzer im Internet lässt sich nicht mehr auf eine bestimmte Zugangsart beschränken. Die Rolle von radio.de ist die eines Radiogeräts im Internet bzw. auf dem mobilen Smartphone.

Früher haben sich Hörer ein UKW-Endgerät gekauft, heute stellen wir Ihnen kostenlos eine Software im Browser oder als Mobile-App zur Verfügung. Diese laufende Softwareentwicklung -das UKW-Endgerät wurde einmalig bezahlt und nicht regelmäßig mit Produktverbesserungen versorgt- refinanzieren wir mit der Werbung auf unserer Website oder in der App. Wir
investieren mit großem Aufwand in die Softwareentwicklung der unterschiedlichsten Plattformen, unterstützen mit unseren begrenzten redaktionellen Ressourcen den Aufbau der Bekanntheit neuer Programmformate.

Gerade die drei genannten Sender wurden von uns in den letzten Jahren laufend in die redaktionelle Empfehlung eingebunden.

Rechtlich betrachtet kann man die Diskussion nicht mit der Leistungsschutzrechtsdebatte im Zusammenhang der Verlage und Google vergleichen, dies würde direkt auf falschen Annahmen beruhen. Unser Angebot – wie auch das unsere Mitbewerber Phonostar, Surfmusik, TuneIn – basiert auf dem Angebot einer Linkliste, wir bieten einen direkten Link auf den jeweiligen Streamlink des Radiosenders an. Neben dem der Produktentwicklung, haben wir in den letzten sechs Jahren in das Gattungsmarketing investiert. Dazu zählt unser Engagement mit dem Aufbau des Radiocamps und zuletzt in diesem Jahr mit der Unterstützung zur Gründung der Fachgruppe Audio Digital im BVDW. Unser Engagement zielt gerade dort, auf die Lösung der dringenden Herausforderungen für Webradio-Sender wie Reichweitenwährung oder die Setzung von Marktstandards – zum Nutzen von allen Sendern. Als Startup arbeiten wir stetig an der weiteren Entwicklung und unsere drei (un- bzw. mittelbaren) Gesellschafter investieren ebenso in diese Entwicklung.

Wir haben uns seit der Gründung intensiv mit der Frage “Zusammenarbeit Radiosender” beschäftigt, unser Geschäftsmodell achtet die Rechte der Partner, bei Widerspruch sperren wir den Sender in unserer Datenbank. Aus der rechtlichen Betrachtung handelt es sich bei uns eindeutig um keine urheberechtliche Nutzung, wir haben aber frühzeitig im Sinne der Partnerschaft das Gespräch mit der VG Media gesucht und daraus ist u.a. der Vertrag “Tarif Audio-Live-Streaming” entstanden. Auf Seiten der Programmanbieter lassen sich in den letzten Jahren auch immer mehr Webradio-Betreiber von der VG Media vertreten u.a. Rautemusik. Sollte unsere Kommunikation hierzu einmal im Einzelfall nicht eindeutig gewesen sein, so bedauere ich dies.

In dem Statement haben wir zwar nicht erfahren, ob radio.de tatsächlich nicht auf die Anfragen der drei Anbieter reagiert hat oder ob anderen Sendern etwas bezahlt wird, aber es wird das Spannungsfeld dieser Diskussion deutlich. Die Reaktionen werden wir an dieser Stelle zusammenfassen.

Comments (11)

  1. Na wenn sich die drei Sender da nicht mal ins eigene Fleisch schneiden. Immerhin liefert Radio.de ziemlich vielen Sendern eine große Reichweite. Dass die Sender am Umsatz beteiligt werden wollen ist natürlich verständlich. Auf der anderen Seite: Was wäre deren Sender ohne eine entsprechende Reichweite wert? Und so wie ich das mitbekomme bei meinem eigenen Interntradio, so kommen einfach die meisten Hörer über diese Aggregatoren wie Shoutcast.com, Radio.de oder auch Phonostar. Ich bezweifle dass es ihnen gut tun wird.

  2. Den Vergleich zu Google-News kann ich nur begrenzt nachvollziehen, denn: radio.de bietet ja keine Snippets o. ä., um dann auf die Radioseiten zu verlinken, so dass man dann darüber auf die dortigen Streams gelangt, sondern der Radio-Stream wird direkt im werbefinanzierten Rahmen auf radio.de angeboten und eingebunden.

    Vergleichbar ist das eher mit Seiten, die als Aggregatoren per RSS Inhalte von anderen Seiten 1:1 einbinden und dann Werbung drumherum klatschen.

  3. Der entscheidende Unterschied zwischen Google News und radio.de ist ja, dass Google News nur Artikel-Teaser anzeigt und den Nachrichtenseiten somit Traffic liefert. radio.de hingegen bettet komplette Livestreams bzw. Podcasts ein. Das heißt, der interessierte Rezipient bringt den Sendern keinen Website-Klick und damit dort auch keine Werbeeinnahmen. Im Gegensatz zur Google-News-Debatte kann ich daher hier die Content-Anbieter voll und ganz verstehen. Dass radio.de auf Anfragen offenbar nicht reagiert finde ich arg schwach.

  4. richtig so! und wenn man mich nicht umgehend mit geld überschüttet, dann beende ich meine zusammenarbeit mit diesem internet!

  5. Pingback: Webradio-Pioniere ByteFM, detektor.fm und hörbuchFM beenden Zusammenarbeit mit radio.de | RADIOSZENE

  6. Wenn mit einem Produkt, dass Partner A unter gewissem Aufwand herstellt, Partner B Geld verdient, dann ist die Befindlichkeit von A, davon etwas abhaben zu wollen, durchaus nachvollziehbar. Damit B Geld verdienen kann, hat er zwar auch einen gewissen Aufwand und A hat ggf. auch etwas von den Aktivitäten von B, aber letztendlich ist B nichts ohne A. Partner B (= radio.de) bezahlt ja schließlich seine Programmierer auch und seine anderen Dienstleistern, also ist es doch nur logisch, entsprechende Gewinne auch an die Partner A (= die Radiosender) auszuschütten.
    Allerdings sollten sich die Sender gewiss sein, dass ihr Anteil eher marginal sein wird. Aber es geht ums Prinzip.

  7. Pingback: Revolte bei radio.de: Drei Webradios proben den Aufstand gegen das System | BASIC thinking

  8. Pingback: Revolte bei radio.de: Drei Webradios proben den Aufstand gegen das System - YEPA NEWS

  9. Lieber Herr Bahners, kleines Detail am Rande: detektor.fm hat den Deutschen Radiopreis nicht für dessen Existenz als Webradio erhalten, sondern für den Mut zur Nutzung und Durchführung einer Innovation, die in jedem anderen Radio-Distributionskanal ebenfalls funktioniert.

  10. Pingback: Lesenswert: Stylebop, Covus, radio.de, DailyDeal, Agenda 2020, E-Commerce :: deutsche-startups.de

  11. Danke für die interessante Diskussion. Ich betreue die Radiosender Radio Paradiso und JAM FM, mit JAM FM sind wir einer schon lange der “Top Streams” auf Radio.de.

    Ich freue mich über die Vorteile der Reichweite, habe aber folgendes Problem:
    – ich kann keine Statistiken einsehen, weil also nicht, wie hoch die Reichtweite ist via Radio.de
    – es ist eben kein simples verlinken des Streams – zumindest bei uns wird das Streaming-Signal einmal abgenommen und dann über das eigene Streaming-Signal weitergegeben. Heisst im Klartext: Wenn wir eine Werbung ausliefern, tun wir das für alle radio.de Hörer in Summe 1 mal und damit entsteht nicht nur ein Verlust in der App / Mobile-Display Vermarktung, sondern auch in der in Stream /Pre-Roll-Vermarktung – was die Kern-Umsätze bei Radios ausmachen.
    Für kleine Radiosender ist dieser Service super, da die Kosten für das Streaming nicht anfallen – für die grösseren Sender, die bereits eine online Vermarktung haben ist dies schwierig.

    Den Vergleich mit der Google Diskussion kann ich hier auch nicht nachvollziehen.

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