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10 Tipps für Nachwuchsjournalisten — seid neugierig, probiert euch aus und nervt!

Ein Schuljahr neigt sich dem Ende zu, in einigen Bundesländern haben die lang ersehnten Sommerferien schon begonnen und wieder finden viele Schulkarrieren ihr Ende. Und während die einen Jugendlichen schon ihren Ausbildungs- oder Studienplatz haben, suchen die anderen weiterhin nach ihrem Traumberuf. Für die, die diesen im Journalismus sehen, hat “Was mit Medien”-Autor Tobias Gillen die wichtigsten Tipps für Nachwuchsjournalisten aufgeschrieben.

Grundsätzlich ist jeder Mensch laut Artikel 5 des Grundgesetzes dazu berechtigt, Journalist zu werden. Es ist also keine Pflicht, ein Journalismus- oder Journalistik-Studium zu absolvieren, eine Journalistenschule zu besuchen, via Volontariat seine Ausbildung zu machen oder den Einstieg als freier Mitarbeiter zu suchen. Und obwohl sich damit letztlich jeder “Journalist” nennen darf, gehört ein wenig mehr dazu.

Gerade Jugendliche sehen sich zu Beginn ihrer Karriere mit vielen Fragen konfroniert: Was ist das richtige Medium für mich? Bin ich für diesen Beruf überhaupt geeignet? Wo fange ich an? Wo will ich einmal hin? Was muss ich mitbringen? Wer nimmt mich denn überhaupt? Was, wenn … – STOP! Erstmal ganz tief durchatmen und die Karriere nicht schon am Anfang kaputt denken. Hier sind 10 Tipps für den Journalisten-Nachwuchs.

Tipp 1: Probieren geht über studieren!

Es gibt Journalisten, die wussten von Anfang an, dass sie einmal für die Zeitung arbeiten werden und es gibt Journalisten, die immer schon davon geträumt haben, Radio zu machen oder eine Nachrichtensendung im Fernsehen zu moderieren. Auf der anderen Seite stehen die Unentschlossenen. Sie wissen zwar, dass sie “was mit Medien” machen wollen. Eine genaue Vorstellung davon haben sie aber noch nicht. Hier gilt: Probieren geht über studieren. Bewerbt euch bei eurer Lokalzeitung oder beim Radiosender in eurer Nähe um ein Praktikum oder versucht, beim nächsten Fernsehstudio “den Großen” mal ein paar Tage über die Schulter zu schauen. Und wenn euch nach dem ersten Mal mit Mikro in der Fussgängerzone auffällt, dass ihr die perfekte Radiostimme habt und das Schneiden von Beiträgen genau euer Ding ist, dann habt ihr eure Berufung schon gefunden. Vielleicht merkt ihr aber auch, dass genau das überhaupt nichts für euch ist und ihr entscheidet euch für Print-, Online- oder den Fernsehjournalismus. Bleibt auf jeden Fall offen für alles und legt euch nicht zu früh fest. Ihr solltet zumindest alles mal probiert haben.

Tipp 2: Selbst ist der Nachwuchsjournalist!

Nach der Schule kommt ihr nicht direkt bei einem Medium unter oder findet keinen Studienplatz? Ruhe bewahren! Denn es war nie so einfach, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Bastelt euch einen Blog oder startet einen Podcast, produziert YouTube-Videos oder macht am besten direkt alles auf einmal! Auch wenn dieser Weg am Anfang steinig ist und nichts einbringt: Ihr schafft euch euren eigenen Vertriebskanal. Ihr macht euren Namen so in gewisser Weise zu einer Marke, die die Menschen schnell mit guter journalistischer Arbeit in Verbindung bringen werden. Und auch dem Chefredakteur der Zeitung kann man den Link zum Blog bei der Bewerbung mal zukommen lassen oder dem Chefredakteur des Radiosenders ganz frech den eigenen Podcast vorspielen. Im übrigen sind solche zusätzlichen Vertriebskanäle nicht nur sinnvoll, wenn ihr noch keine Stelle gefunden habt. Es wird immer wieder vorkommen, dass euer Arbeitgeber eure Story nicht haben will. Publiziert sie auf euren Kanälen und habt Freude daran, wenn sie gut ankommt.

Tipp 3:  Lasst euch nie unterkriegen!

Falls ihr nicht bereits journalistische Halbgötter seid oder binnen zwei Wochen fünf Mega-Exklusivstorys liefert, wird es zu Beginn ein steiniger Weg. Junge Journalisten klagen häufig über zu wenig Akzeptanz und zu wenig Respekt. Schnell steigern sie sich in Dinge hinein, etwa wenn der eigene Text total zerplückt am nächsten Tag im Blatt ist oder, – noch schlimmer – wenn er gar nicht kommt. Ändern könnt ihr es meist so oder so nicht mehr. Also: Mund abputzen und weitermachen. Häufig war es einfach nur Platzmangel, manchmal einfach nur ein Politiker, der seine Aussage dann kurz vor Redaktionsschluss doch wieder zurückgezogen hat. Davon darf man sich nicht verrückt machen lassen, nachfragen ist hier aber dringend empfohlen. Dabei braucht ihr keine Angst zu haben, die Redakteure oder den Chef zu stören. Nachfragen signalisiert Lernbereitschaft und zeigt, dass ihr präsent seid. Und wenn es dann doch mal harte Kritik hagelt: Es ist noch kein Meister von Himmel gefallen, Fehler hat noch jeder von uns gemacht.

Tipp 4: Arbeitet nicht für Geld, arbeitet für eure Leidenschaft!

Wer Geld verdienen will, der muss Arzt, Architekt oder Unternehmensberater werden. Gerade zu Beginn der Laufbahn oder gar in der Ausbildung ist im Journalismus nicht viel zu holen. Das liegt nicht nur an der wirtschaftlichen Schieflage der Printbranche, sondern ist auch im Rundfunk und vor allem im Onlinejournalismus bekannt. Wer also arbeitet, um sich mit 55 und vollen Taschen in der Karibik zu bräunen, während die anderen bis 67 auf ihre Rente warten, der ist im Journalismus falsch. Vielmehr treibt den (Nachwuchs-)Journalisten doch die Leidenschaft an, über Aktuelles zu berichten, politische Verfehlungen aufzudecken und Missstände ans Licht zu bringen. Wer mit Herzblut dabei ist, der braucht auch kein Managergehalt. Jedoch sollten sich gerade freie Journalisten möglichst früh nach Vorsorgemöglichkeiten und -versicherungen umschauen. Es kann immer mal ein schwacher Monat dabei sein.

Tipp 5: Frech sein!

Gerade 20 und dem Lokalpolitiker schon auf den Zahl fühlen. Geht das überhaupt? Aber unbedingt! Wer frech ist und keine Angst vor dem Fragenstellen hat, kommt schneller an gute Storys, als die graue Maus. Vor eurem Interviewpartner seid ihr kein 20-jähriger Neuling, sondern ganz einfach ein Journalist. Ihr habt das Recht, Fragen zu stellen. Also macht davon Gebrauch! Die Angst, vom Bürgermeister unterschätzt zu werden, sollte euch noch viel mehr anspornen. Gebt euch nicht mit Floskeln zufrieden, hakt nach und nervt, bis ihr eine Antwort habt, mit der ihr was anfangen könnt. Das gilt im übrigen auch für Redaktionen (und das gerade, wenn ihr auf freier Basis arbeitet). Ihr seit zwar neu in der Branche, das darf euch aber nicht daran hindern, dem Chef neue Storys anzubieten und zu verkaufen. Mehr als “nein” sagen, kann er schließlich nicht.

Tipp 6: Haltet stets die Augen auf!

Gute Storys liegen meist auf der Straße. Das gilt gerade für den Lokaljournalismus, in dem die meisten Nachwuchsjournalisten ihren Anfang finden. Meist sind es Kleinigkeiten, die ihr schnell und einfach an die Lokalredaktion verkaufen könnt. Scheut euch nicht, auch wegen einer kaputten Ampel in der Redaktion anzurufen. Vielleicht betrifft es ja das ganze Stadtviertel? Vielleicht gab es schon Unfälle? Woran liegt der Ausfall? Seit wann ist das so? Fragt ruhig nach, ob ihr dazu recherchieren könnt oder noch besser: Macht es einfach. Und wenn die eine Zeitung es nicht will, ruft bei der nächsten an oder klingelt beim Radiosender. Eine gute Lokalpresse lebt genau von solchen Augenblicken. Der Termin in der Schützenhalle um die Ecke ist zwar erwähnenswert, hat aber weniger Sensationsgehalt. Die Dinge, die ihr selber erlebt und die euch interessieren, sind auch für die Mitbürger wichtig. Also haltet die Augen auf, bleibt  oder werdet neugierig und hinterfragt alles, was euch nicht sofort klar ist. Am Anfang ist das noch mühsam, irgendwann wird es zum Automatismus.

Tipp 7: Mach mal Pause!

Auch wenn einen jungen Journalisten häufig die Motivation und die pure Lust überkommt: Es ist wichtig, auch mal abzuschalten. Nicht nur Schreibblockaden, sondern in extremen Fällen auch Burnouts können die Folgen sein, wenn man sich selbst zu viel Streß auflastet. Auch, wenn man gerade neu als freier Mitarbeiter angefangen hat, darf man Jobs ablehnen und auch mal “nein” sagen, wenn es einfach nicht passt.

Tipp 8: Stay tuned!

Ein Muss für einen jeden Journalisten ist es, sich immer auf dem Laufenden zu halten. Die Medien- ist mindestens so klein, wie die Versicherungsbranche. Wer wissen will, was abgeht, um auch im weiteren Berufsleben schon Namen und Redaktion zu kennen, der ist sowohl bei Twitter und Facebook richtig, als auch bei Mediennewslettern. Empfehlenswert sind dabei turi2 oder DWDL.de.

Tipp 9: Bleibt euch treu!

Auch für den am besten honorierten Auftrag oder die angesehenste Redaktion dürft ihr euch nicht verstellen. Gebt nichts vor, was ihr nicht seid oder halten könnt. Authentizität ist hier das Stichwort. Ihr werdet auf Dauer keinen Erfolg und schon gar keinen Spaß haben, wenn ihr nicht ihr selbst bleibt. Lieber eine Auftragsflaute oder einen Volontariatsplatz nicht annehmen, wenn ihr euch dafür verstellen müsstet. Klingt sehr konsequent? Ist es auch – und es ist genau so notwendig.

Tipp 10: Have fun!

Ich persönlich könnte mir gar keinen anderen Job vorstellen. Journalismus ist nicht nur Buchstaben auf ein Blatt Papier drucken. Es ist eine Leidenschaft, es macht Spaß, es ist aufregend, es ist interessant, es ist ein nie enden wollender Lernprozess. Auch wenn aller Anfang schwer ist, auch wenn es kein 9-to-5-Job ist und auch wenn ihr so manche freie Stunde am Wochenende oder am Feiertag opfern müsst: Wenn ihr Journalist werden wollt, dann zieht es durch und genießt euren Beruf. Ach, was sage ich: Eure Berufung.

Für Fragen stehe ich selbstverständlich in den Kommentaren, via Twitter, Google+, Facebook oder das Kontaktformular zur Verfügung.

Bild: Erik Hellsing, jugendfotos.de, (by-nc)

Tobias Gillen

Tobias Gillen ist freiberuflicher Medienjournalist und Tech-Kolumnist aus Köln. Zu seinen Themen gehören alte und neue Journalismusformen, der Medienwandel, sowie Web 2.0 und Social Media. Im Netz ist er auf seiner Website, Twitter, Google+ und Facebook zu finden.

Comments (5)

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  2. Ein angebotenes Volontariat nicht annehmen (Tipp 9)??? Tut mir leid, aber das ist ausgemachter Blödsinn. Beißt euch lieber durch die 2 Jahre durch, auch wenn’s mal keinen Spaß macht. Volontariate sind derart schwer zu bekommen und auf der anderen Seite vom Arbeitgeber als Totschlagargument gefordert. Da kann man es sich als junger Schreiberling wohl kaum leisten, ein Volo abzulehnen, nur weil man sich nicht verbiegen will. Der Markt ist hart umkämpft, und jeder, der ein Volo kriegen kann, darf sich glücklich schätzen.

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