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re-publica für Journalisten — eine kleine Starthilfe

Von Daniel Fiene

Es gibt bestimmt Redaktionen in Deutschland, die heute Mittag bei der Konferenz merken, dass da in Berlin diese Veranstaltung mit diesen ganzen Bloggern stattfindet. Und dass man da doch etwas machen müsste. Vor ein paar Tagen habe ich einen Anruf von einer Radioredaktion aus Norddeutschland bekommen, ob ich nicht etwas über dieses Blogger-Treffen machen könne. In dem Gespräch sind sämtliche Vorurteile genannt worden, die es nur so gibt. Auch wenn es die Konferenz nun schon zum sechsten Mal gibt, wird es wohl auch in diesem Jahr wieder peinliche Berichte geben. Liebe Journalisten, das wird so nix. Ich finde es ja gut, dass die Faszination der re:publica euch erreicht hat. Hier ein paar Tipps, damit eure Berichterstattung gut wird.

1.) Es ist keine Bloggerkonferenz!

Ich verrate euch jetzt ein Geheimnis: Nur ein Bruchteil der Teilnehmer betreibt ein eigenes Blog! Als 2007 die erste re:publica in der Berliner Kalkscheune stattgefunden hat, mag der Begriff Bloggerkonferenz noch zugetroffen zu haben. Es ist aber nicht so, dass neben leeren Pizzaschachteln pickelige Jungs auf leeren Clubmate-Kisten sitzen, um sich gegenseitig die neusten Plugins für ihre WordPress-Installationen zeigen. (Wobei: Clubmate wird schon getrunken.)

2.) Es gibt keine Netzgemeinde!

Hütet euch vor Verallgemeinerungen. Wer von der Netzgemeinde spricht, müsste auch von der Fernsehgemeinde oder Fußballgemeinde sprechen, wenn es um einen Bericht über die Medientage München oder das Fortuna Düsseldorf-Spiel gegen den MSV Duisburg geht. Die Meinungen und Ansichten sind so vielfältig wie ihre Besucher. 2011 kamen zur re:publica rund 3.000 Teilnehmer die aus 169 Workshops oder Vorträge gewählt haben. Und worauf die Veranstalter gerne hinweisen: Rund ein Drittel davon waren Frauen.

3.) Das Netz ist mehr als die Urheberechtsdebatte!

Es ist ja gerade sehr hip in der Internet-Berichterstattung irgendwas mit Urherberrecht zu machen. Die Piraten, Chaos Computer Club oder XYZ forderten die Abschaffung des Urheberrecht. Weder fordern die das wirklich — ihr müsst wissen, die meisten Artikel in diesem Bereich werden mit gepflegten Halbwissen verfasst— noch wird auf der re:publica andauernd über das Urheberrecht gesprochen. Genauso so viel oder so wenig über das Pflegen von Blogs. Bei der re:publica geht im Grunde um die Auswirkungen des Medienwandels und der Digitalisierung auf unsere Gesellschaft. Es gibt Vorträge und Workshops aus Bereichen wie Politik, Wissenschaft, Gesundheit, Bildung, Medien, Unterhaltung usw. Es wird genauso über das digitale Klassenzimmer der Zukunft geredet wie das Optimale Profilbild in sozialen Netzwerken und was das über die Persönlichkeit des Profilinhabers sagt.

4.) Es geht um Zukunft im weitesten Sinne!

Ich bin auch ein Fan von den Keynotes. In den vergangenen Jahren lernten wir von Professor Peter Kruse, dass die Trennung zwischen digital natives und digital immigrant eigentlich keine Frage des Alters ist. Drogeriemarktbesitzer Götz Werner  (dm) philisophierte über das bedingungslose Grundeinkommen, Miriam Meckel über Algorithmen und Mathematiker Gunter Duek hat uns erklärt, wie das Internet als Gesellschaftsbetriebssystem aussehen könnte. In diesem Jahr wird die Soziologin Amber Case aus den USA kommen, um uns zu beweisen, dass wir alle Cyborgs werden und eigentlich schon sind. Denkt mal an das Smartphone in eurer Hand. Es geht um die Verwachsung zwischen Netz und Realität.

5.) Fünf Links zum Selbst eintauchen!


Lesetipps:

  1. Christian Jakubetz: Ein neues Buch für neue Journalisten – oder warum Weiß das neue Gelb ist.
  2. „Reporter müssen nicht alles aushalten“ – NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz über Journalisten in Krisengebieten
  3. Medien-Doktor Professor Wormer über die EHEC-Hysterie der Journalisten
  4. Demokratische Öffentlichkeit im Netz – mit oder ohne Journalisten?
  5. Journalisten auf Facebook: Kriegsreporterin vs. Cherno Jobatey
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