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Der Lynchmob von Emden — warum Netz und Medien nicht die Ursache sind

Der tragische Tod des Mädchens aus Emden ist schon schlimm genug. Jedoch sorgen Ermittlungspannen der Polizei und ein tobender Mob Emdener Bürger vor der Wache für weitere Negativ-Schlagzeilen. Letzterer angestachelt durch Lynchjustiz bei Facebook. Doch was sind die Ursachen dafür? Fördern Facebook & Co. den Drang erregter Bürger nach Selbstjustiz? Oder liegt das an der Medienbericherstattung? Daniel Fiene ist diesen Fragen auf den Grund gegangen.  Dieser Beitrag lief am 07. April 2012 im WDR 5 Medienmagazin Töne, Texte, Bilder.

Der Mädchenmord von Emden ist dauerpräsent in den Nachrichten- und Magazinsendungen im öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Viele Fragen sind noch nicht geklärt. Wie ist es zu den Ermittlungspannen der Polizei gekommen? Welche Ursachen gab es für den Mob vor der Polizeiwache? Welche Rolle spielen hier soziale Netzwerke? Der Düsseldorfer Strafrechtsanwalt Udo Vetter sieht in diesem Fall ein Novum:  Wut im Netz hat sich zum ersten Mal in das wirkliche Leben übertragen.

Udo Vetter: „Es gab auch bei früheren Kriminalfällen Facebook-Gruppen, in denen über Kinderschänder gelästert worden ist, in denen ihnen übel nachgeredet worden ist und in denen es Lynchjustiz-Aufrufe gab. Wir haben es hier mit einer neuen Dynamik zu tun, die aus dem sozialen Netzwerk heraus wieder in das wirkliche Leben überspringt. Das wird als besonders bedrohlich empfunden.“

Aufrufe zum Lynchen sind eine Straftat. Wer zum Mord aufruft, muss damit rechnen dieselbe Strafe zu erhalten, wie ein potentieller Täter.

Udo Vetter: „Wenn es tatsächlich zu einem Mord kommen sollte, dann würde zum Beispiel derjenige, der aufgerufen hat, auch möglicherweise eine lebenslange Freiheitsstrafe erhalten. Wenn das Opfer dieses Lynchaufrufs, also hier der vermeintliche Täter, zum Beispiel schwer verletzt wird, dann kann das eine gefährliche Körperverletzung sein. Das kann bis zu 10 Jahren Gefängnis bringen.“

Bleibt der Aufruf ohne Folgen, ist eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren möglich. Dabei ist es unerheblich, ob der Lynchaufruf in der Öffentlichkeit oder im privaten Kreis am Tresen oder gar am Familie-Küchentisch erfolgt. Kommen hier soziale Netzwerke in’s Spiel wird es kompliziert.

Udo Vetter: „Die Rechtssprechung sagt, wir haben Meinungsfreiheit in Deutschland. Jeder hat das Recht seine Meinung zu sagen. Jeder muss auch mal Dampf ablassen. Man muss das dann, und viele Gerichte machen das mittlerweile auch, sagen: An wen war das gerichtet? Wenn es nur die Leute sind, bei denen ich ansonsten auch straflos schimpfen kann, dann ist das noch im erträglichen Rahmen, womöglich. Wenn ich das aber öffentlich mache und in Kauf nehme, dass das jeder liest und sich vielleicht dann anschließt, dann überschreitet das das zulässige Maß.“

Im Fall Emden ist es bei Beleidigungen nicht geblieben. Die Medien berichten fassungslos über das Hochschaukeln der Emotionen der Emdener Bürger – wie hier ein Ausschnitt aus den Tagesthemen zeigt.

Caren Miosga: „In Zeiten des Internets in dem sehr viele Leute, sehr schnell, vorschnell, öffentlich über jemanden richten können, muss die Polizei offenbar noch sensibler und bedachter vorgehen.“

Rechtsanwalt Udo Vetter geht einen Schritt weiter. Die Polizei muss nicht vorsichtiger mit Informationen umgehen, sie muss mit ihnen richtig umgehen und darf sich nicht dem Druck beugen, schnelle oder gar vorschnelle Ergebnisse liefern zu müssen.

Udo Vetter: „Dass was bei Facebook verbreitet wurde, und dieser Lynchmob, der sich vor der Wache dort versammelt hat, das ist ja sozusagen nur das Ergebnis einer fehlerhaften Pressearbeit. Das fängt an bei der Staatsanwaltschaft und der Polizei, die eigentlich den jahrzehntelangen Grundsatz, dass die Polizei und die Staatsanwaltschaft erst einmal die Klappe halten sollen, bis sie genau wissen, wer der Täter ist, immer mehr durchbrechen. Das liegt in meiner Erfahrung auch ein bisschen daran, dass Staatsanwälte und auch mitunter Polizisten auch ein bisschen an die Karriere denken.“

Solange die Behörden noch keine wasserfesten Informationen haben, sollten sie lieber schweigen. Im zweiten Schritt sieht Vetter die Medien in der Verantwortung – inzwischen würden sie für eine gute Geschichte viel zu viele Informationen veröffentlichen.

Udo Vetter: „Es gibt ja nicht umsonst den Pressekodex in dem das alles geregelt ist. Es wird immer wieder sehenden Auges dagegen verstoßen. Dass persönliche Details weitergegeben werden, die durch die Internetgemeinde rekonstruiert und weiterrecherchiert werden.“

Der Medienkonsument steht am Ende dieser Kette. Er sammelt Informationen über das Netz. Stelle Bezüge her und drückt öffentlich seine Haltung zu einem Thema aus. Das in Echtzeit.

Udo Vetter: „Dann gibt es immer wieder Leute, die wir jetzt auch kennengelernt haben, die zu Lynchmord und Mobs vor Polizeiwachen aufrufen.“

Es haben also weder das Internet noch soziale Netzwerke Schuld daran, dass es Aufrufe zum Lynchen und gar den Mob vor der Polizeistation gab. Rechtsanwalt Udo Vetter sieht hier den Staat in der besonderen Verantwortung.

Udo Vetter: „Eine Kausalkette wird immer in Gang gesetzt an sich von der Polizei und Staatsanwaltschaft, weil  ohne Informationen, die die Ermittlungsbehörden womöglich voreilig herausposaunen, könnten weder die Medien, noch dieser unerfreuliche Mob im Internet überhaupt Fehler machen.“

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Dieser Beitrag lief am 7. April 2012 im WDR 5 Medienmagazin Töne, Texte, Bilder. Hier geht es zur Sendungsseite und der Podcast ist auf dieser Webseite abzurufen. Das WDR 5 Medienmagazin Töne, Texte, Bilder ist an jedem Samstag von 15:05 – 15:35 Uhr zu hören. Links: Sender– Sendungsseite– Frequenzen– Livestream – Podcast.

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