Angst; Rechte: Flickr/Joe Crowland, CC BY 2.0

Habt keine Angst!

Angst; Rechte: Flickr/Joe Crowland, CC BY 2.0Journalisten haben Angst vor der Digitalisierung: Mit atemberaubendem Tempo verändert das Internet ihre Jobs, zwingt die Verlage zu Sparmaßnahmen und stellt alles auf den Kopf. Was-mit-Medien-Macher Dennis Horn hat beobachtet: Viele Journalisten packen diese Angst in ihre Berichte über die Digitalisierung – und schon überträgt sie sich auf die komplette Gesellschaft.

Vor ein paar Wochen habe ich dem Fernsehen ein Interview gegeben. Thema: die neue Facebook-Chronik. Der verantwortliche Redakteur kam zum vereinbarten Termin, und während seine Kollegen Kamera und Mikrofon in Stellung brachten, versuchte er sich im Smalltalk mit mir: “Ich bin ja selbst eher so’n konservativer Typ. Ich bin ja auch nicht in Facebook drin. Da hört man ja immer von den Datenschutzproblemen und so.” Exakt: Dieser Redakteur hat später einen Fernsehbeitrag zum Thema Facebook gemacht.

Es ist nicht gut, was dort passiert. Es gab noch nie eine so gute und spannende Zeit für den Journalismus – denn es gab noch nie so viele Möglichkeiten, Leser, Hörer, Zuschauer und Nutzer zu erreichen und Geschichten zu erzählen. Es gab aber auch noch nie so viel Angst: vor Veränderung, vor dem Zeitungssterben, vor dem Netz, vor Twitter, vor jungen Kollegen, die schon all das beherrschen, was dort im Netz gerade entsteht.


Journalisten packen die Angst in ihre Artikel – und verängstigen damit die Gesellschaft

Was viele Journalisten packt, ist ein Reflex: Sie übertragen ihre Angst vor dem “bösen Internet” auf die komplette Gesellschaft. Zwei Beispiele der vergangenen Jahre: die Berichterstattung über Google Street View, die ich als unfassbar hysterisch empfunden habe, mit all ihren Ängsten, die beim Microsoft-Konkurrenten StreetSide offenbar keine Rolle mehr gespielt haben, oder die oft falschen Berichte über die Facebook-Chronik, die doch eigentlich nicht viel mehr ist als ein kosmetisches Update.

Vom Gefühlsleben der Journalisten haben Leser, Hörer, Zuschauer und Nutzer keine Ahnung – sie gehen davon aus, dass objektiv berichtet wird. Doch das ist nicht der Fall, wenn zwischen den Zeilen auch die Angst der Journalisten eine Rolle spielt. In Was mit Medien 270 haben wir uns mit der Kölner Supervisorin Kirsten Annette Vogel vom TOP.IfM Institut für Supervision darüber unterhalten, die viele Journalisten und Chefredakteure betreut. Sie bestätigt diesen Effekt: “Wenn Menschen Medien rezipieren, dann nehmen sie Sprache, Aufbau und Stimmung in sich auf und verknüpfen sie mit den eigenen Prägungen und Erfahrungen.”


Komplexität, Digitalisierung, Sparprogramme – drei Gründe für die Angst

Einer der wichtigsten Gründe für die Angst von Journalisten ist laut Vogel das Gehirn: “Für Menschen, die noch in der analogen Welt aufgewachsen sind, ist das Internet eine Herausforderung. Unser Gehirn kann Informationen nur verarbeiten, wenn wir schon Vorerfahrungen haben. Die virtuelle Welt ist aber so komplex, dass viele Menschen nicht erkennen, worum es geht. Sie wissen zwar: Das Netz ist ein riesengroßes Datennetzwerk. Aber was bedeutet das?” Die Komplexität macht den Nicht-Digital-Natives also Probleme: “In den ersten Jahren des World Wide Web hatten Menschen zum Teil Angst, den Computer anzumachen, weil sie dachten, die fremde Welt kommt von außen herein.” Manchmal hilft eben ein Blick zurück, um Ängste von heute zu töten.

Ein zweiter Grund: die Digitalisierung an sich. Sie stellt traditionelle Strukturen auf den Kopf – je älter das Medium, desto deutlicher wird das. Kirsten Annette Vogel sagt, dass viele Journalisten deshalb neue Aufgaben bekommen – und Probleme haben, sich darauf einzustellen: “Wenn ich etwas tun muss, das nicht meine eigene Domäne ist, lehne ich das ab. Das ist eine völlig normale Reaktion. Journalisten, die es bisher gewohnt waren, nur ihre Artikel zu schreiben oder O-Töne zu schneiden, müssen nun zusätzlich das Internet mit ihren Inhalten bestücken. Das kann auch frustrieren.”

Was das angeht, spielt natürlich auch der dritte Grund eine große Rolle: die Sparmaßnahmen in vielen Redaktionen. Laut Vogel haben viele Verlage oder Sender schlicht keine Ressourcen, Online-Mitarbeiter einzustellen: “Ich habe letztens einen Chefredakteur kennengelernt, dessen Redaktion deshalb ein Tool bekommen hat, das die Hörfunknachrichten, die seine Redakteure schreiben, direkt ins Netz stellt – um Ressourcen zu sparen.” Hörfunknachrichten werden aber fürs Hören geschrieben – im Netz entsteht damit ein suboptimales Produkt. “Da fragt sich der Journalist: Wollte ich so überhaupt arbeiten? – und wird frustriert.”


Darf es im Journalismus überhaupt Gefühle geben?

Was kann ich tun? Der erste Schritt lautet für Kirsten Annette Vogel: “Es überhaupt erkennen und nicht ablehnen. Die Fähigkeit, sich selbst zu reflektieren, ist ein großer Schritt. Tatsächlich sind die Fälle von Burn-out bei Journalisten in den vergangenen drei bis fünf Jahren eklatant gestiegen.” Journalisten, denen das passiert, kommen laut Vogel in einen Teufelskreis: Sie fühlen sich nicht wohl, also fahren die Synapsen in ihrem Gehirn nicht mehr mit Vollgas. Das führt dazu, dass sie nur mit angezogener Handbremse arbeiten. Dafür gibt es einen Rüffel von Kollegen und vom Chef – und der wiederum führt dazu, dass die Journalisten sich noch schlechter fühlen.

Und Schritt zwei: “Wenn ich gemerkt habe, dass ich als Journalist verängstigt bin, sollte ich mir jemanden suchen, mit dem ich darüber spreche. Allein festzustellen, dass ich ernstgenommen werde, als Mensch mit Empfindungen, Gefühlen und normalen Problemen, kann schon viel helfen. Journalisten arbeiten ja in einem Beruf, in dem es um Objektivität geht. Viele haben tatsächlich Angst davor, über ihre Befindlichkeiten zu sprechen – die werden im Redaktionsalltag selten benannt.”

Lasst uns mehr über die Angst an sich sprechen – und weniger über das böse Internet.

Das komplette Interview mit Kirsten Annette Vogel über die Angst von Journalisten hört ihr in Was mit Medien 270.

 

Comments (35)

  1. Super Artikel, kann ich so nur unterschreiben und bestätigt meine Erfahrungen. Gerade in öffentlich-rechtlichen Sendern ist die Skepsis sehr groß.

    Als ich kürzlich in einer Redaktion erzählte, dass mich meine Twitter-Timeline teilweise mehr zum Lachen bringt als meine Kollegen, obwohl man sich “in echt” kaum kennt, wurde das von den Anwesenden sehr befremdet aufgenommen. “Ist doch eigentlich schlimm, sowas.”, war ein Kommentar.

    Nein, das ist nicht schlimm. Das ist schön, dass ich im Internet Menschen kennen lernen kann, mit denen ich auf einer Wellenlänge schwimme und mit denen ich Spaß haben kann UND mich informiere und austausche.

    Allerdings würde ich nicht von “Angst” sprechen. Sondern eher von “Überforderung und Unwissen”, basierend auf einer grundlegenden Technikskepsis, die von großen Teilen des Bildungsbürgertums in den letzten 100 Jahren gepflegt wurde. Nachweisbar übrigens in den 90ern auch im Mediendiskurs über Mobiltelefonie.

    Da ist noch viel Pionier- und Überzeugungsarbeit zu leisten. Packen wir es an!

  2. Pingback: Journalisten : Habt keine Angst!

  3. Wirklich klasse Artikel.

    Ich mache übrigens dieselben Erfahrungen in der Versicherungsbranche.

    Dort sprechen die Leute nicht nur über ihre Angst, sondern sie benutzen sogar das Wort “Angst”.

    Die Angst ist also nicht nur irgend ein Begriff, sondern real. Auf einer Messe für Finanzdienstleister sprach Sascha Lobo ebenfalls über die Angst und bekam keinen Widerspruch.

    Fragt sich also, ob sich diese Angst irgendwann von selbst auflöst, oder ob es dazu einer Therapie bedarf :)

    -Hans Steup, Berlin

  4. “In den ersten Jahren des World Wide Web hatten Menschen zum Teil Angst, den Computer anzumachen, weil sie dachten, die fremde Welt kommt von außen herein.”

    Das ist ein typisches Märchen, das Medienleute immer wieder gern erzählen, wir kennen es auch in Versionen wie: “Als die ersten Filme im Kino liefen, rannten die Zuschauer schreiend aus dem Saal, da sie befürchteten, der Zug auf der Leinwand würde sie überfahren”. Was aber in jener Version noch plausibel klingt, weil den Zuschauern der Übertrag des Visuellen ins Virtuelle nicht gelang, wird hier zu völligem Unsinn.

    In den ersten Jahren des World Wide Webs gab es technische Hürden, die sicherstellten, dass jeder, der tat, wusste, was er tat. Das Medium war so unausgereift, das ein Blick “hinter die Kulissen” notwendig war, um zu partizipieren. Erst jetzt gibt es den Zustand, dass die Wirkung des Internets durch Aufbau, Sprache, und Stimmung derart subtil wird, dass es das Denken des Rezipienten formt.

    Dieser Artikel ist dermaßen unsachlich, dass man sich ein wenig ins (achtung!) Bockshorn gejagt fühlt.

  5. sehr guter Artikel!…Und genau unser Ding! ich weiß, keine Werbung in Kommentaren, aber es geht ja um die Sache: wir gehen im Sommer mit unserem Portal online, mit dem wir die Journalisten in ihre eigene digitale Plattform holen wollen. Ohne Geschäftsinteressen an deren Inhalten! Archiv! Netzwerk! Auftritt! All Devices! Bitte schaut Euch das mal an. Für die closed beta ab Anfang Mai suchen wir noch motivierte test-User…bitte eintragen unter http://www.torial.com
    …für Journalismus!

  6. Bei allem Respekt, aber ich verstehe nicht, was Herr Blechschmidt sagen will. Und was er zu beanstanden hat.

    Und “In den ersten Jahren des World Wide Webs gab es technische Hürden, die sicherstellten, dass jeder, der tat, wusste, was er tat.” suggeriert, es hätte diese Hürden absichtlich gegeben. Dem war _NICHT_ so. Vielmehr wurde erste eine technische Infrastruktur geschaffen, Usability war da zweitrangig, da sich eh nur Geeks für die neuen Möglichkeiten interessierten.

    Ich weiss nicht, inwiefern Herr Blechschmidt sich in deutschen Redaktionsstuben herumtreibt. Aber ich habe dort dieselben Erfahrungen gemacht wie Herr Horn. Was bitte ist an dem Artikel unsachlich?

    • Ich treibe mich ausschließlich in deutschen Pizzastuben rum. Dass Sie sich Absicht suggeriert haben, tut mir leid. Unsachlich ist der Artikel, da er unspezifische Angst unspezifischer Journalisten an einem unspezifischen Internetbegriff verhandelt. Das heißt, entweder der Leser hat ähnliche Erfahrungen, kann daher “ja, das ist ECHT so” denken; oder er hat sie nicht, kann daher “Ne, das ist VOLL nicht so” denken.

  7. Kleine Anmerkung: Es gab noch nie eine so gute und spannende Zeit(en) für den Journalismus. Ansonsten stimme ich mit der Beobachtung überein. Aus der Binnenlage der Journalisten in den Redaktionen fließt eine Menge Nihilismus in die Berichte rein. Nicht nur zur Digitalisierung, sondern auch zur Euro-Banken-Griechenland-Krise. Zu viel Untergang-Geleier, bei aller berechtigten Kritik.

  8. Neulich hörte ich von einem Mitarbeiter des Tagesspiegel, er verstehe sich doch eher als Journalist für die GEDRUCKTE Zeitung. Wie lange wird er sich so eine Berufsauffassung noch leisten können…?

  9. Pingback: Die Angst vor der Wolke – Ist es zu "Cloud", bist du zu alt | Design Journal - Interaktives Design, Werbung & Neue Medien

  10. Bei aller guten Stimmung der jungen Damen und Herren von der Internetfront:

    Vieles ist da auch aus Pappe und verdient berechtigte Kritik. Dem Autor scheint es da offenbar leichter, gegen unbewegliche Altredakteure und vermeintliche Evolutionsbremsen böse Sätze zu finden (Hier die Variante “Mitleid und Pathologisierung”).

    Das ist zu einfach.

    Denn es ist genauso leicht, gegen aufgeblasene Twitteristen und Daueronlineidioten zu schreiben. Zu all diesen Bildnissen sollte man intellektuell einen großen Abstand halten. DAS ist für mich wahrer Journalismus, der die nächste Stufe der Entwicklung sein wird.

    • Zur Einordnung: Ich arbeite als Journalist auch für den Hörfunk und Zeitschriften, bin also kein reiner Onliner. Ich bin auch nicht dafür, Gräben zwischen den Seiten aufzuziehen.

  11. Wenn ich mir anschaue, wie insbesondere Journalisten die neuen Medien nutzen – sei es bei der Recherche auf Wikipedia, sei es bei beim Publizieren in Blogs, Facebook und Twitter – finde ich die Beobachtung schwer nachvollziehbar, der Umgang der Journalisten mit dem Netz sei von Angst geprägt. Sicher, ich kann auch nur mit einer subjektiven Beobachtung aufwarten, aber wenn ich mir anschaue, wie viele Menschen auf Twitter vertreten sind, die was mit Medien machen, fällt es mir schwer, der Argumentation zu folgen, dass diese Menschen besonders angstbesetzt dem Digitalen gegenüber sein sollen.

    Nun gut, offenkundig teilt eine gewisse Frau Vogel Ihre Einschätzung und vielleicht ist die Öffentlich-Rechtliche Welt da noch mal ein besonderer Fall, und wenn Sie Ihre Einschätzung vor zehn Jahren kund getan hätten, wäre ich mit Ihnen vielleicht einer Meinung gewesen.

    Nicht gefolgt wäre ich jedoch auch damals Ihrer These, dass sich die Angst der Journalisten vor dem Netz auch auf die Rezipienten überträgt. Vielmehr ist es so, dass eine kritische Berichterstattung über datenschutzrelevante Themen wie Google Street View Ängste ansprechen kann, die bereits im Rezipienten vorhanden sind. Aber eben nur, weil solche Ängste bestehen und die rationale Argumentation überlagern. Daraus den Schluss zu ziehen, ängstliche Journalisten würden Angst vor dem Digitalen verbreiten, ist nicht nur zu simpel gedacht, sondern überschätzt auch die Macht der Journalisten.

    Wie dem auch sei, das alles kann ich nicht empirisch belegen und insofern sind meine Einlassung ebenso unfundiert wie ihr Beitrag. Was mich aber doch sehr ärgert, ist der Umstand, dass die Argumentation “Ihr alten Journalisten habt alle Angst vor dem Netz und versteht nichts davon” auch immer intendiert “Ich, der Autor, habe den vollen Durchblick, gehöre zur digitalen Bohème und bin der volle Internet-Checker.” Und wenn sich der Erkenntnisgewinn von Beiträgen darin erschöpft, sind sie für mich reine Zeitverschwendung.

    • Jan, dafür dass du den Beitrag als Zeitverschwendung ansiehst, hast du aber viel Zeit in deinen Kommentar gesteckt ;-) Nein, aber ernsthaft:

      Es ist doch Fakt, dass viele Medien erst einmal die negativen Seiten des Internets beleuchten. Da brauchen wir uns nur einmal die Internet-Titel des Spiegels anschauen. Was sind dann deiner Meinung nach die Gründe für die bei vielen (nicht allen) Journalisten verbreiteten Grundhaltung?

    • Danke für den Kommentar. Das führt etwas weiter, als bei Twitter nur zu lesen, hier würde “Bullshit” stehen.

      Es ist wirklich, wie du es schreibst: Viel davon ist Beobachtung und empirisch nicht akut zu belegen. Vielleicht ist es eine Frage des Umfeldes, und du bist etwas glücklicher dran als ich :). Tatsächlich geht es mir so, dass ich beide Welten kenne. Ich arbeite viel mit Journalisten zusammen, die du beschreibst, ich habe aber auch mit so unglaublich vielen zu tun, die mit einer gewissen Angst oder zumindest Skepsis leben, die keinen Facebook-Zugang haben, keinen Twitter-Zugang, gar nichts. Diese beschränken sich auf Google und höchstens noch die Wikipedia, und bei einem großen Teil passiert das aus recht abstrakten Ängsten heraus – ein Beispiel dafür ist der Kollege vom Fernsehen, den ich im Artikel beschreibe. Meine Beobachtung ist, dass es einen Graben zwischen diesen beiden Lebenswelten gibt.

      Mich ärgert es immer wieder, wenn dieser Graben noch vertieft wird, so wie du es im letzten Absatz deines Kommentars beschreibst. Darum widme ich am Ende des Artikels einen großen Teil der Frage, wie mit Ängsten bei Journalisten umzugehen ist – sofern sie denn vorhanden sind, ja.

      Die Wechselwirkung zwischen Angst der Journalisten und Angst der Gesellschaft – da ließen sich vermutlich ganze Doktorarbeiten drüber schreiben. Deine These, dass Ängste beim Rezipienten schon vorhanden sind, ist interessant. Das kann gut sein. Dann denke ich aber auch wieder: Journalisten sind ja Teil der Gesellschaft – bei ihnen sollten Ängste die rationale Argumentation eigentlich nicht überlagern.

  12. Pingback: “Irgendwie wird das schon gehen” – neuerlicher Kommentar beim VDVC | Der Almrausch

  13. Ein wirklich interessanter und auch toller Beitrag. Ich habe schon damals meine Zweifel über die Meinung der Pressemenschen bzgl. Social Media. Aber das ganze hat noch einen viel größeren Rattenschwanz. Die Digitale Veränderung findet gerade in so vielen Bereichen der Gesellschaft statt, das ist der helle Wahnsinn. Ich sage nur Fernsehen und Social Media. Auch der Einzelhandel macht große Augen. Empfehlungsmarketing, Amazon & Co. Das internet verändert nicht nur die Presse, viel mehr alles was bisher da war. Viele Jobs fallen weg, neue Jobs entstehen.

    Ich sage immer: in der Zeitung liest man das Internet von Gestern ;)

    Cheers!
    Boris

  14. Interessanter Artikel.
    Ich stimme auch größtenteils damit überein, jedoch ist er mir stellenweise zu pauschal.
    Ich bin ein “Digital Native”, habe Informatik studiert und arbeite nun auch größtenteils in der Web- und Smartphone-Entwicklung.
    Ich war lange Zeit bei Facebook und andere sozialen Netzwerken und habe eigentlich jede “digitale Revolution” aktiv unterstützt oder sogar daran mitgewirkt.
    Trotzdem habe ich mich mittlerweile aus allen sozialen Netzwerken wieder abgemeldet und nutze das Internet fast nur noch um Informationen zu finden (naja und um Geld damit zu verdienen).
    Wie kann das sein? Bin ich etwa auch ängstlich geworden?
    Nicht ängstlich aber vorsichtiger.
    Ist es wirklich schlecht, wenn ein Redakteur, der Datenschutzprobleme bei Facebook sieht darüber einen Beitrag schreibt? Sollten das etwa nur Leute machen, die davon restlos begeistert sind?

    Ich bin aktiv in einer Gruppe von Datenschützern, und habe im Zuge dieser Arbeit sehr viel über die technischen und unternehmerischen Hintergründe von Facebook und co. erfahren. Ich möchte hier keine Paranoia schüren, aber zumindest sind Bedenken angebracht.

    Worauf ich damit hinaus will:
    Trotz aller (berechtigten) Begeisterung für die Möglichkeiten des Web 2.0 sollten insbesondere medienschaffende Menschen auch kritisch hinterfragen und sich ggf. das technische und fachliche Wissen aneignen (Stichworte: Data Mining, Business Intelligence und Datenhandel) um die Risiken der neuen digitalen Welt besser einschätzen zu können.

    Angst? Nein.
    Kritische Distanz und Vorsicht? Ja.

    • Ich glaube, wir sind da einer Meinung. Wir dürfen die Entwicklung als Journalisten auf keinen Fall kritiklos begleiten. Aber die Kritik muss begründet sein und darf aus meiner Sicht nicht in diesem “Irgendwie-ist-mir-das-nicht-geheuer”-Nebel stattfinden.

      • Ich bezog mich dabei insbesondere auf deine beiden Beispiele: Google Streetview und die Facebook Chronik.

        Zu Streetview: das die Sache nicht so harmlos ist wie gedacht, sieht man z.B. an Algorithmen die das Einkommen und die potentiellen Interessen von Menschen approximieren, anhand ihrer Hausfassade und der Wohnlage/Umgebung. Dadurch können dann bsplw. Werbesendungen angepasst werden.
        Ob das ein Grund ist, den Service komplett anbzulehnen sei dahingestellt. Aber zumindest kritische Berichterstattung ist angebracht.

        Zur Chronik/Timeline: Hier sind zweierlei Dinge von Belang:
        1. Die Chronik speichert, ohne dass man die Privatsphäre Einstellungen anpasst, alles was im eigenen Profil passiert (unter 30% der Facebook Nutzer ändern diese bzw. wissen überhaupt wo sie zu finden sind).
        2. Ein österreichischer Student, hat durch ein Auskunftsersuchen herausgefunden, dass Facebook Daten, die man selber im Profil gelöscht hat, weiterhin im internen Datenbestand behält.
        Auch hier finde ich: selbst wenn das einen persönlich nicht stört, ist das doch zumindest eine kritische Berichterstattung wert.

        Wie gesagt, ich stimme mit dem Grundtenor Ihres Artikels überein, jedoch bin ich (selbst als “Digital Native”) froh darum, das es ein paar “Offliner” unter den Journalisten gibt, die sich nicht von jedem Hype berieseln lassen. Noch lieber habe ich hingegen technisch Affine Menschen, die kritisch analysieren und hinterfragen.

  15. Hallo zusammen!

    Ich kann dem Artikel weder zustimmen noch ihn ablehnen, denn ich habe nie für Zeitungen geschrieben. In den 1990er Jahren habe ich Erfahrungen als Bürgerfunker in Köln gesammelt – dies kommt mir tagtäglich bei allen beruflichen Tätigkeiten zu Gute.

    Aber: Ich betreibe seit 11 Jahren die führende deutsche Nachrichtenseite über Georgien, das Geburtsland meiner Frau. Die Rückkopplung zu den Lesern ist mitunter sehr schnell. Das ist stressig, aber es sorgt dafür, dass man bei der Darstellung von Inhalten ganz vorne mit dabei ist.

    Von Seiten der alten Medien erlebe ich immer wieder ein ordentliches Maß an Ignoranz. Diese trommeln zwar für ihr Leistungsschutzrecht und wollen mehr Geld verdienen, ohne dafür arbeiten zu müssen oder dass die Autoren etwas bekommen.

    Zugleich aber wird geklaut. Als 2008 Krieg in Georgien war, hat eine ostdeutsche Zeitung einen Artikel von mir von der Webseite zu 100% übernommen. Natürlich ohne mich als Quelle zu nennen oder mich als Autor zu benennen.

    SO funktioniert das mit den alten Medien. Die Zeitungen sind in einem alten Denken verhaftet, aus dem sie sich nicht lösen wollen. Das Internet eröffnet die Möglichkeit, ohne eigene Recherche Informationen einzuflechten, an die man als Journalist nicht herangekommen ist. Damit meine ich nicht den Fall des Diebstahls oben. Sondern: Es gibt viele Zeitungen, die haben eine Kommentarfunktion zu Artikeln. Ein Journalist kann nun z. B. nach einem Unfall bei Zeugen oder Nachbarn nachfragen, was sie zu einer Person oder einem Fall wissen. In der Kölner Lokalpresse habe ich dies schon mehrfach erlebt, aber dies wird wenig genutzt.

    Die Zeiten haben sich bereits geändert. Und auch wer seine journalistische Prägung im vergangenen Jahrhundert hatte, sollte die Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts nicht ignorieren.

    Denn sonst würden wir noch von Dampflokomotiven durch die Gegend gefahren, weill die Kohlegruben ihr Leistungsschutzrecht durchgesetzt haben.

  16. Es gibt zwei Sorten von Journalisten, die an Internetophobie leiden. Zum einen sind es ältere Kollegen, die noch vor 10, 15 Jahren überzeugt verkündet hatten, dass sie dieses moderne Internetzeugs niemals brauchen würden. Mittlerweile haben sie vollkommen den Anschluss verpasst und glauben daran, dass google street view Live-Bilder sendet oder dass Google eine rechtsextreme Verschwörungsseite ist.
    Die zweite Gruppe besteht aus eher jüngeren Kollegen, die sehr genau wissen, wie das Internet funktioniert. Sie wissen aber auch, dass es der Leser ebenfalls weiss, und das macht ihnen Angst. Mit wenig Aufwand kann fast jeder redaktionelle Text vom Leser auf Glaubwürdigkeit, Quelle und Plagiat geprüft werden. Dazu kommen Blogs und Foren, in denen Artikel analysiert und nicht selten (und meist völlig zurecht!) verrissen werden.
    Kurz: Dank dem Internet haben die Journalisten ihre Deutungshoheit verloren. Mehr und mehr wird klar, dass viele Artikel eigentliche Meinungsbeiträge sind. Wir kriegen keine objektiven Nachrichten zu lesen, sondern leider sehr oft bloss die ideologische und zeitgeistliche Einstellung des Verfassers.
    Eigentlich sind Journalisten nur noch dort zu gebrauchen (auch da mit Vorsicht), wo man ohne Akkreditierung nicht reinkommt. Abgesehen davon ist Twitter bei vielen Grossereignissen viel schneller & genauer.

    • Journalisten sind eben Leute, die für Menschen, die nicht so viel Zeit dafür haben, Dinge gut recherchieren, beschreiben, zusammenfassen und/oder einordnen können. Eben Leute, die über ein gut sortierten Werkzeugkasten verfügen und damit auch umgehen können.

      Irgendwie erscheinen mit Internetverweigerer, die Internetangsthasen und die Internetfetischisten allesamt wie Leute, die immerzu rufen “Nur den Hammer verwenden!” “Nur den Schraubenschlüssel verwenden” “Nur den Spachtel verwenden”. Dabei verplempern sie Zeit, die Dinge im ersten Abschnitt in den Mittelpunkt ihrer Arbeit zu stellen. Mein Beileid.

  17. Manchmal habe ich das Gefühl, einige Datenschützer tragen auch zu einem Angstgefühl bei. Einige warnen ja vor allem. Hab schon öfter Radiobeiträge gemacht zu Netzthemen mit der Ansage der Redakteurin: “Datenschützer warnen, thematisiere das bitte.”

    • Ich lese Artikel, in denen die Floskeln:
      -“Datenschützer warnen”
      -“Klima-Experten warnen”
      -“Fachleute warnen”
      grundsätzlich nicht zu Ende.
      Bei 100% der Artikel, die vor irgendetwas warnen, handelt es sich um politisch und/oder ideologisch motivierten Gesinnungsjournalismus.
      M. Bröckers nennt solche Schreiberlinge zutreffend Pre$$titutes.

  18. Zitat: “Ein zweiter Grund: die Digitalisierung an sich. Sie stellt traditionelle Strukturen auf den Kopf – je älter das Medium, desto deutlicher wird das. Kirsten Annette Vogel sagt, dass viele Journalisten deshalb neue Aufgaben bekommen – und Probleme haben, sich darauf einzustellen.”

    Nein, das ist ganz und gar nicht das Problem. Viele Journalisten würde ja gerne neue Aufgaben bekommen, würden mehr für das neue Medium Internet arbeiten und das Gefühl bekommen, ihre Festanstellung durch Innovation eigenverantwortlich sichern zu können. Aber sie bekommen eben keine neuen Aufgaben und erkennen: Ihr Arbeitgeber will offenbar gar nicht im Internet durchstarten und erwartet sich davon keine Umsätze. Das wiederrum gefährdet den Arbeitsplatz von Journalisten erst recht, und es vergrößert zurecht deren Angst.

  19. Sicherlich, durch das Internet ändern sich die Arbeitsbedingungen vieler Journalisten, was bei einigen sicherlich auch zu Angst führt und sich dann auf die Art ihrer Berichterstattung auswirkt… Diese Beobachtung finde ich für sich genommen aber erstmal ziemlich trivial, so lange man nichts darüber sagen kann, um wie viele Journalisten es sich hier handelt.

    Jeder der selbst im Journalismus arbeitet, weiss doch eigentlich ganz genau, dass man fast immer ein paar Leute findet, um eine These zu belegen, wenn man nur lange genug sucht. Die Frage ist dann nur, wie repräsentativ diese Leute sind!

    Meine Beobachtung ist eine andere, oder vielleicht auch nur eine ergänzende: Die Berichterstattung in den Medien ist mittlerweile fast hysterisch geworden. Ob neu entdeckte Krankheiten, die aktuelle Wirtschaftskrise, die Mauscheleien eines Christian Wulff oder eben das Internet – bei all diesen Themen gibt es sicherlich immer wieder Bedarf für eine kritische Berichterstattung oder Begleitung. Aber über fundierte Kritik hinaus wird irgendwann aus fast jedem kleinen Fliegenscheiss eine Bedrohung oder ein Skandal konstruiert, SpOn und Co geben da gerne mal die Richtung an.

    Vielleicht wird mir nach eineinhalb Jahrzehnten in der Branche einfach auch nur immer klarer, wie sich die ewig gleichen Mechanismen wiederholen, aber für mich sieht es doch eher so aus, als nehme diese Medienhysterie weiter zu. Was mir auch logisch erscheint, da nicht zuletzt durch das Internet die Vielfalt und Geschwindigkeit in den Medien deutlich zugenommen hat, und damit auch die gefühlte Notwendigkeit, schneller zu sein und mehr zu machen als die Konkurrenz.

    Die Digitalisierung wäre dann nur eines der bevorzugten Themenfelder dieser Medienhysterie…

  20. Ergänzung: Ich will nicht behaupten, dass es diese Internet-Angst nur bei ganz wenigen Journalisten gibt. Wie Nils richtig sagt, liegen viele Kollegen ja gar nicht mal so falsch, wenn sie sich um ihre Jobs sorgen. Das wäre dann also mehr als eine eher diffuse Furcht.

    Die hier aufgeworfene Frage, wie sich solche Binnenbefindlichkeiten auf die Berichterstattung aufwerfen, berührt also einen interessanten Punkt.

    Letztendlich wirken spezielle Internet-Angst und allgemeine Medien-Hysterie aber zusammen. Das eine bietet ein fruchtbares Feld für das andere…

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  22. Mit dem Internet und den darin involvierten Konzernen wie Facebook, Google und Co. verliert der Journalismus seine Objektivität und Neutralität. Das Netz von Heute ist ein völlig anderes als vor fünf Jahren. Es hat sich von einer Wissensquelle b.z.w. Archiv zum riesigen “Einkaufskatalog” gewandelt. Leute wie ich die von Anfang an dabei waren nennen es deswegen auch “Kommerznetz”. Die Angst ist insofern schon berechtigt…

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