“Jeder macht heute Street-Style-Strecken” – Alfons Kaiser über den Einfluss von Blogs auf den Modejournalismus

7. February 2012 19:58 0 comments

Blogs sind auch im Modejournalismus der große Gegenpol zum klassischen Zeitschriften- und Magazinjournalismus – die frühere, heile Welt der Print-Journalisten ist nicht mehr, weil mittlerweile jeder publizieren kann und keinen Verlag und keine Druckerei mehr dafür braucht. Was-mit-Medien-Reporter Henning Bulka hat am Rande einer Podiumsdiskussion zum Thema “Blogs – Schall und Rauch oder Olympisches Feuer?” mit Alfons Kaiser gesprochen, Mode-Ressortchef bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Was mit Medien: Modejournalismus als ein Journalismus der in die Zukunft denkt: Könnte man vielleicht sagen, dass Print-Modejournalisten diejenigen Journalisten sind, die das Internet bisher noch am besten verstanden haben?


Alfons Kaiser. Foto: Helmut Fricke/FAZ.

Alfons Kaiser: Wahrscheinlich. Weil sie wirklich auf Trends aus sind, auf Neues aus sind, immer vorne weg sein wollen. Man sieht das zum Beispiel bei den Schauen auch was die Laufstegmusik angeht, was die Looks angeht, was das Styling angeht: Sie wollen immer genau wissen, dass sie ganz vorne sind. Das gilt auf gleicher Ebene mit den Darstellungsformen, mit der medialen Vermittlung: Dass man eben versucht, möglichst modern rüberzukommen.

Wie hat sich denn der Modejournalismus grundsätzlich verändert durch den Einfluss der Blogs?

Er wandert stärker ins Internet ab, generell bei den Zeitungen. Man sieht zum Beispiel, dass auch Suzy Menkes [Anm. d. Red.: Chefin des Moderessorts beim International Herald Tribune] eine Besprechung von der Haute Couture nicht mehr auf Papier hatte, sondern dass auf der Seite eins der Herald Tribune geschrieben wurde: “Bitte ins Netz schauen”. Und da sieht man, dass in den Zeitungen doch die Tendenz ist, zu sagen: Das wird in Magazine – Supplements – oder eben ins Internet abgeschoben, weil die ohnehin auch besser mit Bildern umgehen können, reichhaltiger das ganze Thema – was ja sehr stark von Bildern abhängt – darstellen können.

Was ist denn das Beste, was sich die klassischen Print-Modejournalisten bisher von den Bloggern abgeschaut haben?

Das Beste, was sie sich abgeschaut haben, sind die Street Styles [Anm. d. Red.: das Fotografieren von modisch gekleideten Menschen im Alltag], denn die Street Styles passen sehr gut in die Modelandschaft. Früher in den Neunziger-Jahren galt ja noch so der Komplett-Look als das Ideal. Und in den Nuller-Jahren hat sich das ja sehr gewandelt. Auch unter dem Einfluss von vielen Billigmode-Ketten und dem Vintage-Trend, kleiden sich vor allen Dingen Frauen aber auch Männer viel phantasievoller, viel kreativer, viel individueller als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. Das haben die Blogs als Erste erkannt, und das haben die Zeitungen und Zeitschriften jetzt immer stärker übernommen: Jeder macht Street-Style-Strecken. Das sieht eben auch oft lebendig aus, zumal es eben nicht die künstliche Welt der Laufstege ist, sondern es ist die reale Welt, und es gibt Modelle für Frauen, wie sie sich eben vielleicht anziehen können.

Gibt es denn aber auf der anderen Seite vielleicht auch Negativ-Einflüsse? Auf dem Podium fiel das Stichwort der Schnelllebigkeit. Laufen die Print-Journalisten an einigen Stellen vielleicht auch den Bloggern hinterher?

Ja, natürlich. Man steht schon fast mit dem Rücken zur Wand als Schreiber, weil die Blogger eben so schnell sind. Websites wie Style.com, aber auch Blogs wie Modepilot oder LesMads verbraten sehr viele Informationen sehr schnell. Da ist es für Zeitungsleute dann schwer, hinterher zu kommen. Man kann vielleicht etwas, das man vorab schon weiß oder das dringend ist, dann schon für die Website aufbereiten – in meinem Fall FAZ.net, aber auch SPIEGEL Online oder sueddeutsche.de –, aber mit dem wahren Artikel, der dann in der Zeitung erscheint, da hinkt man dann oft hinterher, und das ist glaube ich schon negativ.

Die Schlussfrage, weil das immer so über allem steht, und vor dem Hintergrund, dass ja am Ende eigentlich die Qualität des Endprodukts zählt: Ist die Diskussion Journalist versus Blogger nicht irgendwie schon überholt?

Ja, ich glaube schon. Sagen wir’s mal so: Viele Blogger stellen sich natürlich selbst sehr stark in den Mittelpunkt und sind insofern dann nicht Journalisten, sondern eher Selbstdarsteller. Aber es gibt immer unzählige Blogs – wie eben auch Modepilot, wie in Amerika Fashionista oder Fashionologie –, die auf journalistische Art Informationen verarbeiten, hier auch recherchieren, nachfragen und auch eine gewisse Distanz zum Gegenstand haben, was ja auch wichtig ist im Journalismus. Deswegen gibt es schon viele Blogger, die man ernst nehmen muss, die man auch zitieren kann als Journalist. Da macht man sich dann nicht lächerlich, sondern das geht schon. Aber innerhalb der Blogger ist das Spektrum eben sehr groß. Da sind manche seriös und gut, andere sind eher sehr subjektiv und nicht zitierfähig.

Lesetipps:

  1. Podiumsdiskussion: Modejournalismus der Zukunft
  2. Der neue Mann für Heute: Anpfiff für Matthias Fornoff!
  3. Udo Vetter zum Jugendmedienschutz-Staatsvertrag: Das Gesetz wird nur für das Publikum gemacht
  4. Online-Talk #11: Von Mama-Blogs und Papi-Foren
  5. Hörtipp: Heute, 19:15 Uhr, Deutschlandfunk: Analogkäse schmeckt besser! Wie sich Public Relation als fünfte Gewalt etabliert. Von Jörg Wagner

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