In Zeiten der Occupy-Bewegung und Stuttgart 21 auf der einen Seite, und Netz-Portalen wie Wikileaks und Abgeordnetenwatch.de auf der anderen Seite, sehen wir, dass es durch das Netz viele Methoden gibt, um demokratische Interessen zu vertreten. Was aber bedeutet das für den professionellen Journalismus? Wird dieser durch dieser, sich selbst organisierender Öffentlichkeit überhaupt noch benötigt? Darüber hat in dieser Woche das Grimme Institut bei der Tagung „Mehr E-Demokratie wagen“ diskutieren lassen. Daniel Fiene war dabei und hat geschaut, welche Rolle der Journalismus bei der E-Demokratie spielt. Dieser Beitrag lief am 19. November im WDR 5 Medienmagazin Töne, Texte, Bilder.

Medien müssen sich mit der demokratischen Öffentlichkeit im Netz noch anfreunden. Das wird keiner bestreiten, wenn wir auf jüngste Beispiele blicken: So hat kein Investigativ-Ressort einer großen Redaktion dafür gezeigt, dass der ehemalige Vorzeigeminister Karl-Theodor zu Guttenberg im Rahmen der Plagiatsaffäre über seinen Doktortitel stolperte, sondern eine Wiki-Webseite; eine Webseite bei der jeder mitmachen konnte. Was waren das für Menschen, die zu Guttenbergs Doktorarbeit auf der Wiki-Webseite GuttenPlag auseinandergenommen haben, und somit eine Aufgabe ausübten, die man bisher professionellen Journalisten zuschrieb? Max Ruppert und seine Kollegen von der TU Dortmund haben die GuttenPlag-Nutzer befragt. Sie haben deutliche Unterschiede zu einem typischen Wikinutzer festgestellt.

Max Ruppert: „Viel verschärfter war dieser Schwarm in der Bildung im Gegensatz zu dem, was man normal von Online-Eliten denkt. Jeder 5. von denen, die geantwortet haben, hatte selber einen Doktortitel. Das war auch eine große Motivation, die bei den offenen Antworten herausgekommen sind: ,Ich mache hier mit, weil ich im Schweiße meines Angesichts jahrelang meinen Doktor gemacht habe, und ich will, dass das System reingehalten wird.‘“

Im Schnitt waren die GuttenPlag-Nutzer 38 Jahre alt, und somit fast doppelt so alt wie Nutzer anderer Wikis. Vor allem Männer haben zu Guttenbergs Arbeit analysiert, nur 18 Prozent Frauen waren dabei. Politisch standen die Befragten den Grünen, der SPD und der Piratenpartei am Nächsten. Ansonsten haben sich typische Strukturen herausgebildet, so Ruppert.

Max Ruppert: „Von den gut 1.000 Befragten hat sich ein harter Kern herauskristallisiert, der die Pfähle eingeschlagen hat und die Aufgaben verteilt hat. In einem internen Chat wurden auch weitere Aufgaben verteilt. 140 Leute haben ungefähr den harten Kern ausgemacht. Der Rest ist die diffuse Masse drumherum.“

Der harte Kern und nicht zuletzt die diffuse Masse haben in der öffentlichen Wahrnehmung dafür gesorgt, dass zu Guttenberg zurücktreten musste. Wo war hier der Journalismus? Dieser hat eine ganz wesentliche Rolle übernommen, analyisiert David Schrawen, Leiter des Rechercheteams der WAZ.

David Schrawen: „Wir haben im Guttenberg-Skandal in meiner Wahrnehmung zwei große Ebenen gehabt. Das eine war die faktische Ebene. Da ging es darum, zu klären ob er gelogen hat oder nicht. Da hat das GuttenPlag seine Rolle erfüllt. Die Bewertung der Situation war nicht auf so einer reinen faktischen Ebene zu erledigen. Da kamen Sachen hinzu, die räsonierend aufbereitet werden mussten. Da ging es um Haltung. Da war die Rolle der FAZ als ganz klassisches Medium für die Entwicklung und Genese des Skandals viel wichtiger, als die reine faktische Ebene.“

Immerhin: 60 Prozent der GuttenPlag-Nutzer haben in den traditionellen Medien von dem Projekt erfahren. Nur 13 Prozent kamen über Blogs und Twitter. Hier wird die Aufgabe des Journalismus deutlich, der in Zeiten der demokratischen Öffentlichkeit immer wichtiger wird: Professorin Christiane Eilders von der Heinrich Heine Universität Düsseldorf geht davon aus, dass sich zwar die Aufgaben von Journalisten nicht verändern;  sich aber das Tätigkeitsspektrum vergrößert.

Christiane Eilders: „Dieses ganze Geräusch, welches man im Netz zusammentragen kann, wenn man sich nur zehn Minuten mit den Sachen beschäftigt, zu systematisieren und entscheidungsfähig zu machen, darin bleibt den Journalisten noch eine große Aufgabe; die auch immer größer wird, da das Geräusch zunimmt und irgendjemand Sinn reinlesen muss und ich glaube nicht, dass sich das irgendwie selbst strukturiert, selbst verdichtet und selbst organisiert, ohne dass da Menschen moderierend eingreifen.“

Wenn E-Demokratie und demokratische Öffentlichkeit somit keine Konkurrenz für den Journalismus darstellen, worin liegen dann die Probleme des Mediensystems? Oft werden diese mit Vertrauensverlust in die Massenmedien begründet. Die Kommunikationswissenschaftlerin Christiane Eilders glaubt nicht an den Vertrauensverlust als Ursache.

Christiane Eilders: „Wir haben keinen Vertrauensverlust, wir haben einen Leserverlust. Das ist etwas völlig anderes. Die haben vertrauen, lesen aber keine klassischen Medien – also Tageszeitungen- mehr. Das ist das riesen Problem! Ich glaub‘ das ist zu wenig eigene Meinung, Haltung, Subjektivität in den Massenmedien. Das ist das, was gerade junge, abhanden kommende Tageszeitungsleser einfach vermissen. Sie wollen Haltung!“

Somit findet die demokratischen Öffentlichkeit im Netz auf jeden Fall nur mit Journalisten statt. Das bringt aber auch neue Anforderungen der Leser, Zuschauer und Zuhörer mit sich, an die sich Journalisten und Medienhäuser noch gewöhnen müssen.

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Dieser Beitrag lief am 19. November 2011 im WDR 5 Medienmagazin Töne, Texte, Bilder. Hier geht es zur Sendungsseite und der Podcast ist auf dieser Webseite abzurufen. Das WDR 5 Medienmagazin Töne, Texte, Bilder ist an jedem Samstag von 15:05 – 15:35 Uhr zu hören. Links: Sender– Sendungsseite– Frequenzen– Livestream – Podcast.

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Foto: Bundeswehr/Habermeier. Karl Theodor zu Guttenberg in seiner Zeit als Verteidigungsminister im August 2010.