Demokratische Öffentlichkeit im Netz – mit oder ohne Journalisten?

17. November 2011 09:56 0 comments

Twitter

Share this Article

Author:

Tags:

Am Nachmittag der Grimme-Tagung “Mehr E-Demokratie wagen” ging es um die Rolle der Journalisten. Hier gibt es den Mitschnitt zu der Podiumsdiskussion, die von Ulrike Langer moderiert wurde.

Dauer: ca. 75 Minuten (MP3). (Hinweis: Im ersten Teil gibt es eine kurze Strecke, in der das Mikrofon nicht richtig genutzt wurde. Nicht wundern, es geht anschließend in besserer Qualität weiter.)

Programmbeschreibung: Wird journalistische Professionalität angesichts neuer, sich selbst organisierender Öffentlichkeiten überhaupt noch benötigt? Müssen Verlage, Medien-Organisationen und auch die Journalisten selbst neue Rollen einnehmen und sich für die Einbeziehung ihrer Rezipienten stärker und in anderen Formen öffnen? (Wie) verstehen sich Journalisten als mögliche Vermittler zwischen Politik und Bürgern? Können unabhängige Journalisten (z.B. Blogger) anders agieren und ganz bewusst Einfluss nehmen? Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang autonome Publikationsplattformen wie GuttenPlag oder Wikileaks? Ist es letztlich doch nicht nur ein begrenzter Personenkreis, der sich über solche offenen Plattformen artikuliert oder diese auch zur Kenntnis nimmt? Brauchen die Bürger mehr Medien- und Informationskompetenz, um über die Qualität und Bedeutung solcher offenen Angebote im Netz urteilen zu können?

Projekt-Präsentation (Kurz Vortrag):

David Schraven (WAZ Rechercheteam / “Wir machen das, was aufwendiger ist und mehr als einen Tag dauert”) stellt das WAZ Rechercheblog vor. Es ist wichtig, dass alle Kontaktmöglichkeiten angeboten werden. Deswegen gibt es auch das Upload-Portal, was er als weitere Kontaktmöglichkeit und nicht als Konkurrenz zu Wikileaks sieht. „Informanten haben in der Regel das Bedürfnis etwas mitzuteilen und suchen jemanden der ihnen zuhört.“ Schrawen erlebt keinen Vertrauensverlust in die Medien – “das Image eines Journalisten war schon immer miserabel.”  Der Datenjournalismus ist auch noch in einer Entwicklungsphase mit neuen Herausforderungen. Datenjournalisten müssen Datenbanken programmieren können und die auch auswerten. Es sollte auch Leute im Team geben, die Flash und HTML 5  können. „Das habe ich bei uns im Haus nicht gefunden”, so Schrawen. Guter Datenjournalismus besteht momentan aus der normalen Geschichte, die Datenquelle und eine visuelle Aufbereitung. Beispiel der Washington Post: Explore A Source of Crime Guns.  Frage: Wer macht am Ende den Schotter mit den Waffen, die für Verbrechen gebraucht werden. Es gibt Geschichten und Multimediabeiträge. Sein Fazit: „Wir Journalisten müssen die Leute sein, die diese neuen Dinge entwickeln.“

Podiumsdiskussion:

Kai Biermann (Zeit.de) berichtet vom Guardien und der Kiste mit den Unterlagen von den Abrechnungen der Mitglieder des Abgeordnetenhauses. Der Guardian konnte keine 400 Steuerberater beschäftigen. Also haben 400.000 Leser mit ihren Blicken geholfen. Daraus sind dann die Geschichten entstanden. Die Frage nach dem Vertrauen der Informanten: Hier spielt auch der Aspekt der Kompetenz eine Rolle, wie sie sich zum Beispiel Markus Beckedahl mit Netzpolitik.org erarbeitet hat. Nicht umsonst seien ihm viele Unterlagen zugespielt worden. Aufgabe von Journalismus Diskussionen zu bündeln? Journalisten können Meinung zur Verfügung stellen, transparent machen, wie sie zu dieser Meinung kommen. Journalisten können es einem Politiker nicht abnehmen, wie er zu seinen Wählern redet. Journalismus kann aber Diskurs vorleben. Es gilt für Journalisten weiterhin, dass man vor dem Schreiben mit beiden Seiten geredet haben soll. Auch wenn es heute viele Seiten gibt. Auch heute ist es der Versuch sich viele Seiten anzuschauen, eine Meinung aufzubauen und diese Haltung dann zu erklären. Biermann lobt die Enquete-Kommission, da er schon alleine die Einrichtung gut findet. Die Papiere aus den Arbeitsgruppen seien zudem sehr fundiert. Aber: Die klassischen Parteientscheidungsstrukturen seien natürlich die andere Seite.

Christiane Eilders (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf). Warum Informant sein? Die Motive liegen zwischen Geltungsbewußtsein und Wahrheitsliebe. Da die Verarbeitung der Informationen aber meist anonym geschieht, gibt es keine Gratifikation. Die Wahl des Mediums hat etwas mit Vertrauen in das Medium, aber auch nach deren Motive („Auf der Seite kleinen Leute?“) zu tun. Viele die das Vertrauen in die Massenmedien verloren haben, haben sich den Off-Medien zugewandt. Hat sich die Rolle vom Journalismus gewandelt? Journalisten sollten weiter die Bandbreite ihrer Kompetenzen ausschöpfen. “Das Zeug aus dem Netz muss verdichtet werden (…) Das Geräusch aus dem Netz muss systematisiert und entscheidungsfähig gemacht werden. Das Netz strukturiert sich nicht selbst, ohne dass da Menschen selbst eingreifen.” –  ”Wir haben keinen Vertrauensverlust, aber einen Leserverlust – das ist das Problem!” Junge Leser vermissen im Journalismus eine Haltung. Was ist aber, wenn mehr Haltung praktiziert wird? Eilders macht sich keine Sorgen, dass nur die Rand-Extrem-Haltungen gespielt werden. Die Kommunikationswissenschaft zeige, je mehr Medien nutzen, dass sich die Diskussionen dann auch mehr auf die Mitte konzentrieren. Heißt: Die Gesellschaft würde die Mitte aus Angst vor der Langeweile also nicht ausklammern und nicht ausschließlich auf Extrem-Haltungen konzentrieren.

Alfons Pieper (“Wir in NRW“) – Die Geschichten sind ihm auf klassischem Wege zugespielt worden. 2009: “Ich hatte keine Ahnung von einem Blog. Wir hatten einen Technikfreak, der uns das aufgesetzt hat, und dann haben wir angefangen”. Professor Korte riet der WAZ das Blog “Wir in NRW” zu ignorieren. Sie sind aber relevant geworden, weil die anderen Medien über das Projekt berichteten. Pieper hat zwar viel gelernt und sehr viele Leserzuschriften bekommen, aber seine Grundeinstellung zum Journalismus hat sich nicht verändert. Risiko: Es gab keine Rechtsabteilung, aber riskante Geschichten. Vorteil: Ein Blog kann eine Zeitung oder einen Redakteur antreiben und vielleicht ein bisschen korrigieren. Er schätzt, dass sein Blog unabhängig ist.

Max Ruppert (TU Dortmund). Es gibt andere Interessen bei Leuten, die kollaborativ an einem Projekt wie GuttenPlag mitarbeiten, als bei Leuten, die Informationen einzeln übergeben wollen. Umfrage zum GuttenPlag-Wiki: 38 Jahre ist das Durchschnittsalter (Sonst bei Wikia: eher 18 – 20 Jahre; bei Wikipedia ist es höher); nur 18 Prozent Frauen. Jeder 5. hatte einen Doktortitel (Motivation war hier: Ich habe hart dafür gearbeitet und will dass das Doktortum nicht verwässert wird). 80 % Abi + Hochschulabschluss. 140 Leute haben den harten Kern ausgemacht, der Rest die diffuse Masse drumherum. “90 – 9 – 1″-Nielsen-Gesetz war auch hier zu finden. Politische Zuordnung: 1. Grüne,  2. SPD, 3. Piratenpartei – auf dem letzten Platz die FDP. Wie haben die Leute vom GuttenPlag erfahren? 60 Prozent sind über traditionelle Medienmarken darauf aufmerksam geworden. Nur 13 Prozent über Blogs, Twitter & Co. Traditionelle Medien stehen am Anfang und am Ende der politischen Wirkung. Neue Kompetenz für Journalisten: Moderation.

David Schraven (WAZ Rechercheteam). Das Internet unterscheidet sich nur unwesentlich vom Faxgerät – das ist für uns ein Instrument zur Kommunikation. Spiegel, Stern und Süddeutsche oder Bild – das sind die Marken, denen Informanten anonym ihre großen Geschichten geben. Medien können sich von Blogs anschauen, wie personifizierte Diskussionen gefühlt werden. Das zieht die Leute an. Gelesen wird heute viel mehr als je zuvor, nur halt weniger in Printform. Kulturpessimismus halte er für Fehlanzeige. Wir kennen den Datenjournalismus erst seit 3/4 Jahren und da müssen wir noch entwickeln. Jetzt müssen noch Experimente folgen, und dann kann eine neue Darstellungsform entstehen. “Da ist unheimlich viel Musik drin”.

Aus dem Publikum: Tim Bartel (Wikia) mit einer Anmerkung für recherchierende Journalisten: Die Leute sind erreichbar – es ist ein Unterschied zwischen Anonym und Pseudonym – die Leute sind erreichbar, wenn man sich Mühe gibt. So kann man im Chat mit ihnen reden.

Zu unserer Tagungszusammenfassung.

Lesetipps:

  1. Politische Mitbestimmung – top down oder bottom up?
  2. Online-Talk #5: Frauen im Netz. (Update: Jetzt nachhören!)
  3. Journalisten auf Facebook: Kriegsreporterin vs. Cherno Jobatey
  4. Ken Doctor Interview: Warum Tageszeitungen eine Zukunft haben und Journalisten bescheidener werden
  5. Christian Jakubetz: Ein neues Buch für neue Journalisten – oder warum Weiß das neue Gelb ist.

No Comments

Leave a Reply


Die neusten Podcast-Episoden

  • Episoden Folge 274

    Folge 274

     Was mit Medien #274 - unser Magazin für Baku. Diese Woche mit Daniel Fiene und Dennis Horn, aufgezeichnet am 26. April in Düsseldorf. 1.) Reporter ohne Grenzen: Welche Herausforderungen es in Aserbaidschan rund um den Eurovision-Song-Contest gibt Ulrike Gruska von Reporter ohne Grenzen über Fälle, in denen Journalisten in Aserbaidschan wegen ihrer Arbeit massiv eingeschüchtert und sogar misshandelt werden. Eine Herausforderung für Journalisten, die wegen des Eurovision Song Contests in das Land fahren, um zu berichten. 2.) Reporter ohne Preise: Wie [...]

    Read more →
  • Episoden Zu Gast bei Freunden Online-Talk #13: Das vernetzte Auto

    Online-Talk #13: Das vernetzte Auto

    Das Auto – des Deutschen liebstes Kind? Das scheint einmal so gewesen zu sein! So folgte der Finanzkrise eine Krise der Autobranche. Die Abwrackprämie beherrschte die Schlagzeilen.  Hinzu kommt ein Wandel bei der jungen Generation: Während das erste eigene Auto lebenslang ein Statussymbol zu sein schien, hat sich das Image gewandelt: Das Auto ist ein üblicher Gebrauchsgegenstand und viele Grossstädter sind froh, wenn sie ganz drauf verzichten können. Sie setzen auf ihr Monatsticket für den Nahverkehr, ihre BahnCard 50 und [...]

    Read more →
  • Episoden Folge 273

    Folge 273

    Was mit Medien #273 vom 5. Twittwoch Düsseldorf im NRW-Forum. Diese Woche mit Daniel Fiene und Twittwoch-Organisator André Paetzel, aufgezeichnet am 28. März 2012 in Düsseldorf. Passend zum NRW-Forum ging es um Fotografie. In Zeiten von Instagram, TwitPic & Co. halten sich viele für Fotografen – aber was sagen die Profis? André Paetzel und Daniel haben die Gäste zu ihrer Meinung befragt. Der Nachwuchs-Fotograf Christian Rolfes, ProfiFoto-Chefredakteur Thomas Gerwers, Fotograf Michael Dannenmann und Polaroid-Experte Jörg Dombrowski waren zu Gast. » Abonniert oder bewertet unseren Medien-Podcast bei [...]

    Read more →
  • Episoden Folge 272

    Folge 272

    Was mit Medien #272 mit Wetten, dass..? und Chaos. Diese Woche mit Herrn Pähler und Dennis Horn, aufgezeichnet am 15. März 2012 in Münster. 1.) Ein Festival für die Samstagabendgemeinde – Markus Lanz übernimmt Wetten, dass..? Lanz sei Dank ist die Talsohle durchschritten: Am 6. Oktober wird Markus Lanz in Düsseldorf zum ersten Mal das ZDF-Flaggschiff moderieren. Wie es wird, wissen wir nicht. Klar ist nur: Thomas Gottschalk hat mit seinem Abgang für die größte Unterhaltungskrise im deutschen Fernsehen gesorgt. [...]

    Read more →
  • Episoden Folge 271

    Folge 271

    Was mit Medien #271 mit Leistungsschutzrecht und britischem Stil. Diese Woche mit Herrn Pähler und Dennis Horn, aufgezeichnet am 7. März 2012 in Iserlohn. 1.) Andere Meinungen – ein Pro und Contra zum Leistungsschutzrecht Die Koalition in Berlin hat beschlossen: Das Leistungsschutzrecht für Presseverleger soll kommen. Zahlen sollen gewerbliche Anbieter von Suchmaschinen oder Newsaggregatoren. Der ARD-Journalist Alex Nieschwietz ist für das Leistungsschutzrecht: Er findet es allein ein Gebot der Fairness, dass Anbieter wie Google Geld zahlen müssen – immerhin verdienen [...]

    Read more →
  • Episoden Zu Gast bei Freunden Online-Talk #12: Nach dem Wulff-Debakel: Netzmeinung = Volksmeinung?

    Online-Talk #12: Nach dem Wulff-Debakel: Netzmeinung = Volksmeinung?

    Mit seinem Rücktritt, hat die Bundespräsidenten-Affäre um Christian Wulff ihren Höhepunkt erreicht. Es bleibt ein neuer Bundespräsident, die strafrechtlichen Ermittlungen rund um Wulff und eine Debatte über die Haltung des Netzes. So schien die Haltung der Deutschen nach Wullfs TV-Interview bei ARD & ZDF eindeutig: Kommentare bei Facebook & Twitter und auch entsprechende Online-Votings zeigten eine Anti-Haltung. Doch deckt sich diese mit der Volksmeinung? ARD-Chefredakteur Jörg Schönenborn berichte, dass die für Wulff negativen Ergebnis bei Online-Votings nicht repräsentativ seien, da sich die [...]

    Read more →
  • Episoden Folge 270

    Folge 270

    Was mit Medien #270 mit Rupert Murdoch. In dieser Woche mit Daniel Fiene und Dennis Horn, aufgezeichnet am 16. Februar 2012 in Düsseldorf. 1.) Skandal 2.0 — Wie Rupert Murdoch wieder einmal um eine Zeitung kämpft Daniel und Dennis klären die wichtigsten Fragen der Scotland Yard Ermittlungen rund um die Recherchepraktiken der britischen Boulevardzeitung “The Sun”. Vergangenes Wochenende wurden führende Journalisten des Blattes festgenommen. Damit gerät die nächste Zeitung von Medienmogul Rupert Murdoch in die Schlagzeilen, nachdem er im vergangenen Jahr [...]

    Read more →
  • Episoden Folge 269

    Folge 269

    Was mit Medien #269 mit und ohne Internet. In dieser Woche wieder mit Daniel Fiene und Herrn Pähler, aufgezeichnet am 07. Februar 2012 in Düsseldorf. 1.) Online -Fragezeichen: ARD uneins über Netz-Strategie Mehr Audio und Video, weniger Text – so könnten öffentlich-rechtliche Webangebote aussehen, wenn es zu einer Einigung zwischen der ARD und den Verlegern kommt, wie es die TAZ berichtet. Es gibt aber innerhalb der ARD Kritik. Georg Berg von der Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Redakteursausschüsse erklärt, was es mit [...]

    Read more →