Medienforum NRW (Foto: © Uwe Voelkner / Fotoagentur FOX)

Wie der digitale Wandel das 23. Medienforum NRW spaltete — unser Bericht für das Radio Eins Medienmagazin

Medienforum NRW (Foto: © Uwe Voelkner / Fotoagentur FOX)

Für das Radio Eins Medienmagazin hat Daniel vom NRW-Medienforum berichtet. Praktische Links zur Sendung gibt es am Ende des Artikels.

Es folgt das Skript, das als Grundlage für das Gespräch diente:

Jörg Wagner: Von Medien, Macht und Menschen – unter diesem Motto hat sich in dieser Woche die deutsche Medienbranche in Köln getroffen: Dort fand das diesjährige NRW-Medienforum statt. Und das zum 23. Mal. So wohlklingend (oder vielleicht gediegen?) wie das Motto lief es dann aber doch nicht ab – zum Auftakt kam es zu einem regelrechten Wortgefecht: Zwischen der WDR-Intendantin und ARD-Vorsitzenden Monika Piel und dem freien Journalisten und Blogger Richard Gutjahr. Während ich nur die Schlagzeilen und die Streams verfolgte, war für das radioeins Medienmagazin Kollege Daniel Fiene mittendrin …

Daniel Fiene: … hallo Jörg!

Jörg: In der Presse waren Schlagzeilen à la „Zoff: Blogger Gutjahr vergleicht ARD-Chefin Piel mit Despoten in Nordafrika“ oder „Blogger sorgt für einen Eklat“ zu lesen. Was hast du da beobachtet?

Daniel: Also das war wirklich ein scharfer Wortwechsel – aber ein Eklat war das dann doch nicht. Es ging darum, wie sehr sich TV-Sender auf die neuen Medien (insbesondere Blogs und soziale Netzwerke) einstellen. Gutjahr, der ja selbst nach Ägypten zur Revolution reiste, nicht um für seinen Sender Bayerischer Rundfunk, sondern für sein Blog zu berichten, kritisierte die fehlende Vorbildsfunktion der Senderbosse und Verbandsleiter. Diese Diskussion lief allerdings etwas aus dem Ruder. Hören wir einmal kurz rein.

Auch wenn beide Positionen irgendwie klar waren, fehlte die Botschaft: Dieser Wortwechsel hat zwar abseits vom Medienforum viel Resonanz gefunden, aber die Diskussion nicht viel weiter gebracht. Ein Podiumsteilnehmer bezeichnete das als Konflikt zwischen Öffentlicher-Rechtlich-Etablierte und Öffentlich-Rechtliche-Rebellen. Wie weit es mit dieser Diskussion ist, sehen wir an einem interessanten Einwurf von Dirk von Gehlen. Er ist Redaktionsleiter von jetzt.de, von der Süddeutschen Zeitung und kommentierte in seinem Blog so:

„Twitter – und damit der netzbasierte Dialog – ist nichts anderes als das Telefon. Nicht komplizierter, aber eben auch nicht unwichtiger. Man kann auch als Journalist oder als Sender ohne Telefon sehr erfolgreich sein. Dennoch würde niemand auf einem Podium behaupten, es sei absolut irrelevant, ob man telefoniere oder nicht.“ – soweit Dirk von Gehlen.

Jörg: Soweit nachvollziehbar, worüber ich mich aber wunderte, warum sich Richard Gutjahr auf Bitten des Moderators der Veranstaltung, Dieter Moor, überreden ließ, zu Beginn seines Auftritts vor das Fachpublikum zu treten und zu zeigen, wie man vom Handy aus bloggt. Muss man das im Jahr 2011 noch? Wenn man bedenkt, dass Dieter Moor einmal der Präsentator des VOX-Medienmagazins canale grande war und selbst irgendwie Medienerfahrung hat und  dann das Prinzip Smartphone, das gibt’s ja nun schon zumindest mit dem iPhone wenigstens vier Jahre.

Daniel: Als du mir die Frage schon vor ein paar Tagen stelltest, ist mir keine Antwort auf die Frage eingefallen; ausser vielleicht: Für viele Medienforums-Gäste muss man das wohl zeigen. Aber das stimmt natürlich nicht. Ich glaube, es gibt eine Spalte im Journalismus: Zwischen den Akteuren, die den Journalismus in erster Reihe betreiben und denen, die darüber entscheiden oder Journalismus verwalten. Für uns ist es Alltag, nicht nur in der Sendung zu berichten, sondern auch schon von unterwegs vorab oder währenddessen via Netz zu berichten.

Jörg: Die medienpolitische Nachricht vom Medienforum ist die der Werbefreiheit von ARD und ZDF. NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft will ein Werbeverbot erreichen – diese Diskussion ist ja nicht neu um nicht zusagen asbachuralt. Aber was steckt nun da hinter?

Daniel: Die ist wirklich nicht neu. RTL-Chefin Anke Schäferkordt kommentierte das Vorhaben auch mit „Ich glaube das erst, wenn das Werbeverbot auch da ist“. Aber zurück zu Kraft: Sie will ARD und ZDF 2017 werbefrei sehen. 2013 wird auf die Haushaltsabgabe umgestellt, dann könnte das die Grundlage sein, 2015 die Werbung zu reduzieren und 2017 dann ganz zu verbieten. Die ARD-Vorsitzende Monika Piel gab sich abwartend — wenn die Gesetzgeber dies so wollen, dann würde die ARD dem natürlich entsprechen. Bei der TV-Werbung geht es konkret um 500 Millionen Euro die ARD und ZDF verdienen, die müssten dann über die Haushaltsabgabe kompensiert werden, so Monika Piel. Einen interessanten Einwurf gab es übrigens vom Werbefachmann Professor Sebastian Turner – er meinte ARD und ZDF bräuchten die Werbung – wenn auch aus einem ganz anderen Grund – und zwar, um modern zu bleiben!

Für das Geschenk verantwortlich sind jetzt erst einmal die Politiker – entschieden ist noch nichts.

Jörg: Am Dienstag wurde der Printgipfel auf dem Medienforum von dieser Nachricht regelrecht überrascht: 8 Verlage haben gegen die Tagesschau-App Klage eingereicht. Ich erinnere mich noch, dass es vor genau einem Jahr auf dem Medienforum um genau diese App auch ging. Bei den Münchner Medientagen dann erneut. Nun ist die App rund ein halbes Jahr auf dem Markt es ist ruhiger geworden, weil man gesehen hat, dass sie nur die Lesbarkeit der Internetfassung der tagsschau auf dem Handy verbessert und jetzt plötzlich diese Klage. Wie hat man dies dem Fachpublikum erklärt?

Daniel: Christian Nienhaus, der Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe und Vorsitzender des NRW-Zeitungsverlegerverband, erklärte, dass acht Zeitungsverlage gegen die ARD wegen der Tagesschau-App vor dem Landgericht Köln Klage eingereicht hätten. Darunter, außer der WAZ-Gruppe, auch die Zeitungshäuser M. Dumont Schauberg, Rheinische Post, Lensing Wolff und Axel Springer sowie die Verlage von Frankfurter Allgemeine Zeitung und Süddeutsche Zeitung. Die Begründung der Verleger:  Der Rundfunkstaatsvertrag verbietet den Öffentlich-Rechtlichen, zeitungsähnliche Inhalte ins Netz zu stellen. Und als eben solches deuten sie die Tagesschau-App. (Wobei im Gesetzestext ist nicht von zeitungsähnlichen Inhalten die Rede, sondern von “nichtsendungsbezogene presseähnliche Angebote sind nicht zulässig”).

Ich denke diese Diskussion ist auch dem Thema Kontrollverlust unter zu ordnen. Darüber hat dann auch Tim Renner gesprochen. Spätestens seit dem er als Chef von der Universal-Plattenfirma am eigenen Leib erfahren mußte, was Kontrollverlust bedeutet, treibt ihn dieser digitale Wandel. Und das hat er den Print-Leuten auf dem Medienforum erklärt — und mit der Zeit verglichen,  wenn die eigenen Kinder ausziehen.

Hier ein konkretes Beispiel: Nehmen wir das Ende von der Webseite Kino.to. Renner meinte, wir brauchen keine stärkere Verfolgung von illegalen Streams. Die Konzerne solltenlieber  über die Verwertungskette von Filmen nachdenken. Ganz offensichtlich, sonst hätte Kino.to nicht die angeblichen Millionen-Umsätze gemacht, gibt es einen Markt für das Streamen von aktuellen Kinofilmen. Warum nicht das passende legale Geschäft dazu liefern. Auf dem Medienforum wurden Medienhäuser von sehr vielen Sprechern mit der Katholischen Kirche verglichen – Renner blieb im Bild.

Er warnte also vor irgendwelchen Netzsperren.

Jörg: Jetzt haben wir viel über Medien und Macht gesprochen – aber wo bleiben die Menschen?

Da habe ich dir noch zwei Beispiele mitgebracht. Einmal von Margot Käßmann. Die Theologin verlor im letzten Jahr ihren Job an der Spitze der evangelischen Kirche und das erlebte hat sie in einer Kritik zusammengefasst: Medien dürften ihre Macht nicht missbrauchen.

Dann hat mich persönlich Esra’a Al-Shafei begeistert. Das ist nicht ihr richtiger Name. Sie durfte auf dem Medienforum auch weder gefilmt noch fotographiert werden – und zwar zu ihrem Schutz. Sie ist 25, kommt auf Bahrain und ist eine digitale Aktivistin: Sie betreibt die Plattform mideastyouth.com. Diese Plattform ermöglicht es anderen jungen Menschen in ihrer Heimat, Bilder und Videos von Protesten gegen die Herrschenden zu veröffentlichen. Sie fordern, dass die Menschenrechte eingehalten werden. Und wie sie auf dem Medienforum rumlief war das eine ganz normale, junge, zierliche Frau – sie fällt überhaupt nicht auf – aber die Geschichten die sie erzählt hat, haben mich wirklich extrem beeindruckt – wenn ich mir ihre Geschichte anhöre, wie wichtig dort digitale Medien sind – und wie die dort eingesetzt werden, dann wird mir bewußt, wie absurd manche Debatte ist, die hier bei uns geführt wird.

Jörg: Daniel Fiene berichtete vom Medienforum NRW – das hat in dieser Woche zum 23. Mal in Köln stattgefunden.

Die komplette Sendung sowie das einzelnen Gespräch gibt es wie gewohnt auf der Heimseite von Jörg Wagner unter wwwagner.tv zu hören. Das Radio Eins Medienmagazin läuft an jedem Samstag zwischen 18:00 und 19:00 Uhr. Links: SenderSendungsseiteFrequenzenLivestream-Podcast. Am Sonntag läuft die Kurzfassung mehrmals im Inforadio, beginnend um 08:45 Uhr. Links: SenderSendungsseiteFrequenzen-LivestreamPodcast.

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