Alte Schlachten, Radio-Zukunft und Rosamunde Pilcher: Medienforum NRW, Tag 2.


VON PHILIPP SPRECKELS

2. Tag, neues Glück und wieder ein Skandal. Neben dem Projekt ZeitungsZeit, in dem Schüler das konsumieren “wertvoller Medien”, also Printzeitungen, an-trainiert wird, schlug vor allem die erneute Klage der Privaten Medienhäuser (SZ, FAZ, Axel-Spinger usw.) gegen die Online-Aktivitäten der Öffentlich-rechtlichen hohe Wellen. In den Augen von Christian Nienhaus (WAZ) könne man die Wilderei der ARD auf dem Onlinemarkt, wie bei der Tagesschau-App, “auch illegal nennen.” Der Kampf ist eröffnet.

Beschwörungen des Haptischen

Die mit Spannung erwarteten Rede der ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche, Margot Käßmann, bestach zwar durch interessante geschichtliche Vergleiche (Luther als Herausforderer des katholischen Meinungsmonopols / Bibel als Vorläufer der Zeitung) glitt gen Ende jedoch zunehmend in Beschwörungen der haptischen Qualitäten der Zeitung ab. Zeitweise bekam man den Eindruck, dass Frau Prof. Käßmann der Verlust der gatekeeper-Funktion der Verlage gar nicht bewusst sei.

Von der Musikindustrie lernen

Nach diesen Print-Streicheleinheiten wurde die versammelte Verlegerschaft durch den Ex-Universal-Vorstandsvorsitzenden Tim Renner jedoch abrupt aus dem Konzept gebracht. Die schmerzhaften Erfahrungen der Musikindustrie (Napster & Co.) noch frisch in Erinnerung, konfrontierte Renner das Publikum mit dem drohenden Kontrollverlust. So ermahnte er sie, sich nicht an alte Geschäftsmodelle zu klammern, sondern sich auf die neuen, partizipativen, Spielregeln des Netzes einzulassen. Die Lehre aus dem Ende von Kino.to, so Brenner, wäre nicht eine intensivierte Verfolgung von illegalen Streams sondern ein Ende der, für Konsumenten unverständlichen , vierstufigen Verwertungskette von Filmen. Ganz im Sinne dieser Konsumentenlogik sei z.B. die Musikplattform Spotify.

Keine Almosen vom Staat

In der anschließenden Diskussion überraschte der Grabenkampf zwischen Öffentlich-Rechtlichen (Markus Schächter, ZDF: “Wir können doch zusammenarbeiten!”) und Privaten (Peter Pauls, Kölner-Stadtanzeiger: “Wir brauchen keinen Öffentlich-rechtlichen Moloch!”) niemanden mehr. Interessant war allerdings die frische Perspektive des Schweizer Publizisten Urs Gossweiler (Jungrau Zeitung), der sich vehement gegen staatliche Gelder in privater Hand und somit für die Unabhängigkeit der Presse einsetze. Zudem merkte der Schweizer Gast an, dass das deutsche Wort ‘Zeitung’ im Gegensatz zum englischen (newspaper) einen entscheidenden Vorteil hätte: Das Transportmedium (Papier) sei darin nicht erwähnt. Die Zeitungsproduzenten sollten also aufhören sich als “Drucker” zu begreifen, so Gossweiler.

Radio braucht Sexappeal

Den Rest des Tages bestimmten Twitter und das Radio. Das Medium Radio erwies sich als durchaus lebendig und so war der Workshop “Radio und Social Media” mit unserem Daniel Fiene und Frank Böhnke (VLR) gut besucht. Während es im Workshop um den direkten Umgang mit Social Media ging, versuchte die ehemalige MTV-Managerin Mona Rübsamen (Motor FM) in “Zukunft des Radios” der versammelten Branche Mut zuzusprechen. In ihrer Keynote verglich sie das Verhältnis von Sendern und Hörern mit einer Liebesbeziehung. Laut Rübsamen täten die Sender gut daran, das Verhältnis zu ihren Hörern durch Leidenschaft, Aufmerksamkeit, ja “mehr Sexappeal” zu pflegen.

Junge Talente brennen für das Medium

In der anschließenden Diskussion waren sich die Vertreter der Radio-Branche zwar der guten Situation ihres Mediums, im Vergleich zur Zeitung, zwar durchaus bewusst. Nichtsdestotrotz wurde auch diese Diskussion von alten Schlachten der Privaten mit den Öffentlich-rechtlichen überschattet. Trotzdem gab sich Frank Haberstroh (Radio WAF) am Schluss durchaus optimistisch. Vor den Herausforderungen des Internets bräuchte man keine Angst haben, schließlich “hätte man junge Talente im Radio, die für das Medium brennen!”

Rosamunde Pilcher muss weg

In Sachen Twitter stach neben dem NRW-Twittwoch vor allem der Vortrag der Jungs von @ZDFonline hervor. Nach der unglaublichen Geschichte, wie es zum heutigen ZDF-Twitterkanal kam und nützlichen Hinweisen zum Überstehen eines Shitstorms (1. Nicht um sich schlagen 2. Immer höflich sein 3. Abwarten 4. Keine Zensur 5. Reagieren, wenn es brennt) drehte sich die Diskussion vor allem um das angestaute Image des ZDF. Nach seinen ganz subjektiven Wunschvorstellungen gefragt antwortete einer der beiden, dass er sich einen Imagewechsel – hin zu einer jüngeren Altersstruktur – beim ZDF durchaus vorstellen könnte. Dafür müsste man allerdings an “ein, zwei Stellen Sendungen wie Rosamunde Pilcher aus dem Programm nehmen” und stattdessen partizipative Formate wie ZDF log in, statt auf Spartensendern, zur Primetime im Hauptprogramm eine Chance geben.

… to be continued

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Foto: © Ralph Sondermann / Medienforum NRW

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