Medien

Gutjahr & Piel – was beim Auftakt zum Medienforum NRW wirklich geschah.

Öffentlich-rechtliche Rebellen treffen auf öffentlich-rechtliche Etablierte – so fasste Dr. Sebastian Turner den Schlagabtausch treffend zusammen, den sich Richard Gutjahr (freier Journalist / BR) und Monika Piel (Intendantin / WDR) zum Auftakt des Medienforums NRW lieferten. Gutjahr kritisierte die digitale Trägheit vieler Entscheider bei Sendern und Verbänden. Und das sehr zum Gefallen des Publikums. Aber auch der schreibenden Presse. So sind gerade Schlagzeilen à la Zoff: Blogger Gutjahr vergleicht ARD-Chefin Piel mit Despoten in Nordafrika oder Blogger sorgt für einen Eklat zu lesen. Aber was ist wirklich passiert? Worüber wurde wirklich gesprochen? Wir haben für euch den Mitschnitt vom Gutjahr-Auftritt auf dem Medienforum.

Mehr Berichterstattung vom Medienforum NRW gibt es in den kommenden Tagen hier auf Was mit Medien.

Foto: © Uwe Voelkner / Fotoagentur FOX

Update: Wir haben die hitzige Debatte für euch transkribiert, damit ihr alles noch einmal in Ruhe nachlesen könnt. Bitteschön:

Dieter Moor:
Guten Tag, Herr Gutjahr.

Richard Gutjahr:
Guten Tag.

Dieter Moor:
Wollen Sie vielleicht zunächst einmal schildern, wie genau, was tun Sie? Wie geben Sie Informationen im Internet weiter, als Reporter?

Richard Gutjahr:
Damit. (zeigt sein iPad)

Dieter Moor:
Damit. Sie sind damit unterwegs und machen hier einen Fernsehbeitrag.

Richard Gutjahr:
Ja, also ich hab’ zum Beispiel auf dem Weg hierher gebloggt im Flugzeug, und ich könnte das jetzt hier von diesem Podium aus online stellen, indem ich jetzt hier draufdrücke, und dann können Sie meinen Blogbeitrag lesen, hier „Publish“, zack! So, und jetzt lesen Sie quasi meine Thesen des heutigen Tages …

Dieter Moor:
Sagen Sie nur, das kommt jetzt hier oben auch noch …

Richard Gutjahr:
Nein, soweit simmer noch nicht …

Dieter Moor:
Gut, aber das ist eigentlich das, das ich auch tun könnte.

Richard Gutjahr:
Ja.

Dieter Moor:
Das könnte jeder Anwesende im Saal, jede Anwesende im Saal auch tun, das heißt jeder wird Reporter, dann haben wir doch genau das, was uns die beiden Fernsehpersönlichkeiten gesagt haben: Das ist die Schwierigkeit. Jeder sendet alles, aber wie journalistisch ist es dann noch?

Richard Gutjahr:
Sehen Sie, wir drehen uns da immer im Kreis. Ich bin ja jetzt auch schon ein paar Jahre auf so Medienforen unterwegs, meistens im Publikum, und wir kommen aus diesem Zirkel nicht raus. Wir warnen immer vor den Gefahren, aber wir sehen die Chancen nicht.

Dieter Moor:
Was sind die Chancen?

Richard Gutjahr:
Naja, die Chancen sind einfach mehr Mitbestimmung, mal reinzuhören, was wirklich das Volk denkt. Mir kommen, mit Verlaub, also auch die Mächtigen in den Sendern und in den Verbänden, kommen mir so ein bisschen vor wie die Machthaber in den arabischen Ländern …

Dieter Moor:
Puh!

(Geraune und Germurmel)

Richard Gutjahr:
Naja, die hocken in ihren Palästen und nehmen gar nicht wahr, was um sie herum stattfindet im Internet, und plötzlich brennt die Bude und alle fragen sich: Wo kam das denn auf einmal her?

Monika Piel:
Woher wissen Sie das, wie wir in unseren Palästen hocken? Waren Sie schon mal da?

Richard Gutjahr:
Ich arbeite für Sie.

(Gelächter und leichter Applaus)

Dieter Moor:
Also, ich fürchte man hat das nicht gehört, ich hätte das gerne gehabt, wenn ich’s gehört hätte …

Monika Piel:
Ja, ich find’ das so anmaßend zu behaupten, dass da alle sitzen und nicht wissen, was im Internet passiert. Was denken Sie sich denn eigentlich, wie man solche Häuser leitet, wenn man … Wir nehmen nichts um uns wahr? Wir arbeiten nicht mit dem Internet, wir merken nicht, was da passiert? Das ist eine so dumme Anmaßung!

(Applaus)

Dieter Moor:
Aber er hat das Recht dazu.

Richard Gutjahr:
Also, ich bin ja nun auch schon ein paar Jahre öffentlich-rechtlich, übrigens sehr gerne öffentlich-rechtlich, aber ich muss schon sagen, also, was diese neue Welt angeht, diese neuen Kulturtechniken – Facebook, Twitter, etc. – da haben auch wir noch gehörig Nachholbedarf. Und, glauben Sie mir, ich bin jeden Tag …

Dieter Moor:
Worin besteht der konkret? Das würde mich interessieren, Herr Gutjahr. Was hieße das konkret? Also das sagt sich so, ja, wir haben Nachholbedarf, aber – konkret, auf den Punkt gebracht.

Richard Gutjahr:
Konkret: Es reicht nicht, dass, wenn der Reaktor explodiert, dass wir dann anfangen irgendwie uns bei Twitter erst anzumelden. Da sollten wir eigentlich schon sein. Ich finde diese Kommunikationstechniken, auch diese neuen Informationswege … Wir sollten eigentlich an der Spitze der Bewegung stehen und uns damit vertraut machen, anstatt immer und immer wieder einfach nur vor den Gefahren zu warnen. Das bringt uns nicht weiter.

Dieter Moor:
Okay. Trotzdem bin ich jetzt als grauhaariger Zuhörer zugegebenermaßen vielleicht auch nicht so fit wie Sie in diesen Bereichen. Da bin ich doch sehr beruhigt, wenn ich hier von Privaten und von Öffentlich-Rechtlichen zwei sehr sehr mächtige Frauen habe, die sagen: Es ist ganz wichtig, dass wir diese Informationen filtern, dass wir damit irgendwie umgehen. Da ist natürlich der Widerspruch, da kommen jetzt Sie und sagen: Ja, aber die jungen Leute, die wollen das gar nicht gefiltert, die wollen das direkt haben. Oder was ist Ihre Haltung dazu?

Richard Gutjahr:
Darum geht es doch gar nicht. Aber es nutzt uns nichts, immer nur darauf zu verweisen, dass man beispielsweise im Internet irgendwelche Fotos photoshoppen kann, das wissen wir auch. Es wird immer so getan, als gäb’s das in der analogen Welt nicht auch. Ich erinnere mich an irgendwelche Tagebücher in den 80er-Jahren, da ist man auch drauf reingefallen …

Dieter Moor:
Aber Herr Gutjahr, Ihre Kritik, dass wir alle ein bisschen hinter der Zeit her hinken ist angekommen. Da wollen wir auch gar nicht mehr länger drüber sprechen.

Monika Piel:
Doch, ich möchte das schon gerne noch.

(Gelächter)

Dieter Moor:
Nein, ich nicht. Sondern ich möchte jetzt mal hören, was denn die Chancen sind. Also das ist jetzt jemand der Gegenseite: Was bringt uns weiter, was ist das konkret, außer, dass wir es tun?

Richard Gutjahr:
Nicht nur drüber reden, sondern machen. Wer ist hier bei Twitter? Aktiv?

Dieter Moor:
Ja, aber … Gut, jetzt sind Sie da. Also, Sie werfen jetzt vor … Sie sind drin. Was haben Sie davon?

Richard Gutjahr:
Ich habe einfach Zugang zu Quellen, die eben jenseits der klassischen Nachrichtenagenturen, …

Dieter Moor:
Heißt das: jenseits der Recherche, oder ist das jenseits … wovon?

Richard Gutjahr:
Ja, Recherche, ich habe einen direkten Draht auch wirklich bis zum Augenzeugen vor Ort, der ja auch journalistisch arbeiten kann. Ich sage nicht, dass der unbedingt ein Profijournalist ist oder ein Berufsjournalist, sondern der kann auch journalistisch arbeiten in dem Augenblick, wo er einfach da ist, wo gerade was passiert, und wir können einfach nicht überall gleichzeitig sein, das ist … wir wären es gerne, aber es geht einfach nicht.

(Gemurmel, Monika Piel versucht, etwas zu sagen)

Dieter Moor:
Jetzt müssmer’s organisieren, ich muss jetzt filtern. Ich würde vorschlagen: Weil wir einfach wirklich – leider – im Zeitdruck sind, aber das Medienforum dauert ja, wir das können das ja alles in den einzelnen Gremien dann vertiefen … Ich möchte allen drei Herrschaften kurz Gelegenheit geben, zu erwidern, vielleicht fangen wir da mal mit Frau Piel an …

Monika Piel:
Ja, man kann das ja auch nicht einfach so stehen lassen, Entschuldigung, und ich finde es auch völlig irrelevant, die Frage, wer von uns twittert. Es geht hier nicht um uns als Privatpersonen, da würde ich Ihnen auch nicht erzählen, ob ich twittere oder nicht, da können Sie nachgucken. Es geht darum, was wir in den Sendern machen. Selbstverständlich benutzen wir auch im Sender Twitter. Ich möchte Sie aber auch mal darauf aufmerksam machen, dass für uns als Sender – ob in Blogs oder in Twitter oder auf sozialen Plattformen – die Regeln gelten, die auch sonst für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gelten. Wir können nicht da einfach hingehen, und völlig subjektive Dinge verbreiten, wie das jeder andere macht. Ich sehe doch jeden Tag, was bei mir ankommt in meiner E-Mail-Box. Jeder Mensch kann von sich geben, was er will, Persönlichkeitsrecht spielt keine Rolle, Urheberrecht spielt keine Rolle, es spielt gar nichts ‘ne Rolle. Okay. Aber das können wir umgekehrt nicht machen. Für uns gelten die gleichen Regeln.

(Applaus)

Dieter Moor:
Frau Piel, ist angekommen. Also der Unterschied zwischen journalistischer Verantwortung und Freiheit. Frau Schäferkordt.

Anke Schäferkordt:
Das ist ja immer schön, die Aussagen so ein bisschen zuzuspitzen, und ich stimme Frau Piel absolut zu: Es ist absolut irrelevant, ob wir twittern oder nicht. Unsere Journalisten haben genauso den Zugang, wie Sie als Journalist das haben. Mir ist jetzt immer nur noch nicht klar, was Sie wirklich fordern, was wir anders machen sollen. Also, sehr konkret haben Sie sich noch nicht ausgedrückt, was wirklich Ihre Forderung ist. Sie haben Kritik geübt, aber sind jetzt nicht sehr aktiv in dem Bemühen, wie wir es denn besser machen können.

Dieter Moor:
Wir machen noch einen Versuch, gleich, aber vorher noch Herr Doetz.

Jürgen Doetz:
Also, ich finde es höchst bedauerlich, dass hier bei den Bloggern ein Denken vorherrscht, dass jeder, der nicht twittert, der nicht bei Facebook ist, eigentlich nicht kommunikationsfähig ist. Verdammt nochmal, ich will mir selbst aussuchen können, wie ich mich informiere, bei wem ich mich informiere, und dann mich mit dem Vorwurf konfrontiert sehen: Du bist von gestern oder vorgestern. Das ist genau dieses Denken, wo ich manchmal Organisationen, re:publica, und andere Veranstaltungen schon für fast – entschuldigen Sie, ich überspitz’ jetzt auch mal – für faschistoid halte, weil sie uns vorwerfen wollen, welchen Freiheitsbegriff wir anzuwenden haben. Und das ist kein Umgang. Ich respektiere Sie, ich respektiere Ihre Quellen, aber bitte respektieren Sie auch andere.

(Applaus)

Dieter Moor:
Herr Gutjahr, jetzt würde ich mir wünschen – Boah, einen ganz schönen Schwung rein gebracht hier, der Herr Gutjahr! – jetzt würde ich mir wünschen, dass Sie die Frage von Frau Schäferkordt versuchen, zu beantworten. Was muss sich konkret ändern, außer, dass wir alle mitmachen müssen.

Richard Gutjahr:
Kommunikation – das ist für mich etwas, was ein bisschen auch auf Gegenseitigkeit irgendwo beruht, da steckt das Wort Kommune … Gemeinsamkeit … nicht nur mitteilen, sondern auch teilen. Und, bislang hatten wir diesen Rückkanal nicht, von dem wir alle so lange geträumt haben. Niklas Luhmann und Schweigespirale Noelle-Neumann, und und und, und jetzt gibt es diesen Rückkanal – für die Politik genauso wie für die Medien – und jetzt ist uns das auch wieder nicht recht.

Monika Piel:
Wieso nicht?

Richard Gutjahr:
Naja, also, es hat einfach sehr lange gedauert, und das Internet gibt es ja nun schon einmal ein paar Jahre, bis wir überhaupt – beispielsweise – die Möglichkeit zugelassen haben, dass die Zuschauer/Hörer/Leser Kommentare direkt unter die Artikel oder Sendungen platzieren dürfen, also mitreden können, im besten Sinne des Wortes „partizipieren“.

Dieter Moor:
Okay, ist auch angekommen, Herr Gutjahr. Jetzt wird wahrscheinlich die Gegenseite sagen: Doch, das gibt’s doch alles schon. Dann werden Sie sagen: Aber es ist zu spät gekommen. Also gut … Ich möchte jetzt jemanden … isses nicht so?

Monika Piel:
Na, also, ich kann Ihnen nur sagen: Der WDR ist seit 28 Jahren im Netz.

Dieter Moor:
Sehen Sie …

Monika Piel:
Ich weiß gar nicht, ob da schon wussten, was Netz ist! Aber …

(Gelächter)

Monika Piel:
… außer ‘nem Federballnetz … Aber ich möchte nochmal ein ganz konkretes Beispiel. Immer diese flotte Art. Sie haben da eben gestanden und haben gesagt, wir sind genauso wie nordafrikanische Potentaten. Sowas kann man als öffentlich-rechtlicher Journalist zum Beispiel nicht eben mal so eben flott im Internet von sich geben. Nämlich, das sind alles Leute, das sind Diktatoren, die sind nicht frei gewählt, die unterdrücken Völker. Das ist alles immer nett flott mal formuliert, und man kriegt also auch Beifall, aber so funktioniert es nicht. Wir sind eben … Wenn wir im Öffentlich-Rechtlichen sind, haben wir im Netz auch genauso die gleichen Pflichten ordentlich damit umzugehen, und da kommt’s nicht mal darauf an, dass man flotte Sprüche macht.

Dieter Moor:
Ich mach’ jetzt ‘nen Schnitt, einfach aus Zeitgründen. Aber die Haltungen sind sehr klar da. Ich möchte Ihnen aber noch Gelegenheit geben diese Aussage vielleicht zurückzunehmen, wenn Sie wollen … ?

Richard Gutjahr:
Ich hab’ gesagt, „Es kommt mir so vor“. Ich habe nicht gesagt, dass es so ist.

Dieter Moor:
Gut. Und falls Sie jemanden damit gekränkt haben sollten, täte es Ihnen Leid, nehme ich an, oder?

Richard Gutjahr:
Absolut, nein, es geht ja nicht um’s Persönliche, es geht um’s Prinzip …

Jürgen Doetz:
Gut, okay, Sie sind auch kein Faschist.

Dieter Moor:
Ich mag das, wenn ein Medienforum mit kleinen Skandälchen anfängt. Meine Damen und Herren, ich möchte jetzt jemanden auf die Bühne bitten, der schon oft … also, der ein Medium vertritt, das ich immer noch heiß liebe. Mehrere Personen haben schon gesagt: Ohne geht’s nicht. Es ist der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger, herzlich willkommen, Helmut Heinen, hier auf dem Medienforum …

(Applaus)

Tipp: Uns gibt es auch als RSS-Feed in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Hier gibt es unsere Texte aus dem Blog und hier gibt es unseren wöchentlichen Podcast.

Transkript: Henning Bulka

Lesetipps:

  1. Der Geschichtenerzähler – Die Gutjahr-Debatte nach dem iPad-Start
  2. Thomas Koch: Wie Werbung freie Medien im Irak wirklich unabhängig machen soll
  3. “Wir müssen uns mehr mit Menschen unterhalten, und nicht mit Pressestellen” – Richard Gutjahr nach seiner Kairo-Reise
  4. Folge 242

Comments (40) Write a comment

  1. Pingback: Pottblog

  2. Sehr wahr gesprochen – lässt sich auf alle Bereiche des Lebens übertragen.

    Die Chancen sind unermesslich! Am besten mit Herrn Gutjahr mal mitfahren oder anmelden.

    Es müssen nicht alle mitmachen, doch alle müssen die Chancen haben, dabei zu sein. Bisher ist in Unternehmen der Rückkanal aufgrund der wenig möglichen Kontrolle (oft) nicht möglich.

    >>> http://amplifyfest.com.au

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  3. also, Gutjahr hat recht. Gerade beim ö-r Rundfunk gibt’s viele, die nicht begreifen wollen/können, dass die Zeit des Publikationsmonopols vorbei ist. Am Wochenende war #NDJT11 – Norddeutscher Journalistentag in Hamburg. Als an der Twitterwall kritische Fragen zum Journalismus auftauchten, forderten empoerte Journalisten allen Ernstes in Tweets, den Fragern “den Saft abzudrehen” bzw. als “Spam zu melden… Journalisten als selbsternannte Zensoren im freien weiten Netz? So bitter es ist: ja, gibt’s…!

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  4. So schlimm war der Vergleich ja nicht. Richard Gutjahr hat ja nicht gesagt, dass die ÖR-Funktionäre auf einer Stufe mit arabischen Despoten stehen würden. Sie würden neue Wirklichkeiten nicht wahrnehmen. Und die Etablierten reagierten mit der Arroganz ihrer funktionellen Macht. Übrigens ziemlich unausgewogen, was da in der Podiumsdiskussion geboten wurde.

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      • 1993 ist einfach soooo lange her, dass es Monika Piel wie 28 Jahre vorkommt. Sie ist uns allen zehn Jahre voraus an Lebenserfahrung und hat schon den Kalender von 2021 an der Wand. Da braucht sie nicht mehr so lange auf den Ausstieg zu warten (den nuklearen natürlich).
        ;-)

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  5. Herr Gutjahr hätte die berechtigte Medien-Kritik noch mehr auf dem Punkt bringen müssen:

    Die Kritik von Gutjahr an den Medien richtet sich wohl viel mehr dahingehend, daß man zwar mit Twitter, Facebook usw. mit den Medien kritisch in Kontakt treten kann, aber man als Kritiker von den “oberen Despoten” bei den Sendern nicht das Feedback bekommt, daß aus der geäußerten Kritik gelernt wird und dass diese Kritik Ernst genommen wird.

    Die “neue Qualität” von Twitter/Facebook & Co ist nun, daß diese geäußerte Kritik nun öffentlich gemacht wird, wogegen früher man per Post oder Anruf seine Kritik lediglich nur punktuell und selektiv äußern konnte.

    Heute nehmen zig-Tausend Leute an dieser öffentlichen Kritik teil und die Kritik von Gutjahr besteht nun zu recht darin, dass die Sender auf diese Kritik, die über “Facebook/Twitter und Co.” publiziert wird, nicht konstruktiv reagieren.

    Man sollte sich nur mal meine “Medienfilz”-WebSeite anschauen, dann begreift wohl jeder, was Gutjahr mit dem Vergleich mit “arabischen Machthabern” gemeint hat:

    http://solarresearch.org/sk2010/recherchen/medienfilz.html?layout=default

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  6. Ich finde Gutjahrs Kritik viel zu schwammig für die zugespitzte Aussage. Was hat er eigentlich gesagt?

    Aber auch Piels Aussage, man unterschiede sich von den Despoten u.a. dadurch, dass diese nicht frei gewählt wären, ist wenig selbtskritisch. Wer hat euch denn gewählt? Niemand. Die Sendeanstalten wurden nach dem Krieg mit Genehmigung der Besatzer betrieben und es durfte nicht jeder publizieren. Seit 1949 ist das anders und dennoch hat sich bis heute die Ansicht gehalten, dass der Bürger nicht einfach Journalist sein könne, weil der journalistischen Tätigkeit eine Ausbildung in einer natürlich angesehenen und etablierten – Redaktion vorausgehen muss. Man bekommt keinen Presseausweis zur Aufnahme einer journalistischen Tätigkeit. Man bekommt ohne Redaktionsauftrag auch keine Akkreditierung bei einer Veranstaltung. Das System reproduziert sich und erhält sich durch diverse Exklusionsmechanismen selbst. Es darf eben nicht jeder mitspielen. De jure schon, de facto nicht. Und das ist dermaßen undemokratisch, dass gewisse Analogien zu Despoten schon gesehen werden können.

    Natürlich fehlt der Macht- und Repressionsapparat dahinter und auch haben Medienhäuser nicht die Möglichkeit, jemanden zu versckleppen und zu foltern. Ja gut, sie könnten es, würde dafür aber belangt werden. Dennoch haben Medienhäuser ganz bestimmt keine hunderttausend Menschen auf dem Gewissen. Macht haben Medien auf jeden Fall. Sie können Stimmung machen, anstatt sie nur aufzunehmen und wiederzugeben. Sie können Existenzen ruinieren.

    Man muss den Vergleich aber nicht unbedingt ziehen, um Kritik zu üben.

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  9. So unrecht hatte Richard Gutjahr mit seinem Vergleich nicht, denn was machen Despoten in der Regel hauptsächlich? Sie filtern und unterdrücken den Zugang zu Informationen und interessieren sich nicht für die Wünsche des Volkes.

    Im deutschen Fernsehen werden derzeit nur 12,6% aller Sendungen mit Untertiteln für Gehörlose&Schwerhörige ausgestrahlt und davon sind nicht mal alle Nachrichtensendungen betroffen! Der einzige Nachrichtensender, der die Nachrichten mit einem Gebärdensprachdolmetscher zeigt, ist Phoenix!

    Ab 2013 fällt die GEZ-Gebührenbefreiung für Blinde, Gehörlose und Schwerhörige weg, d.h, dass diese Gruppe ein Drittel der Gebühren, also 6 Euro zahlen sollen. Fragt sich nur: Für welche Leistung?

    Auf gut deutsch könnte man sagen: Behinderte sollen gefälligst ihre Teilhabe an der medialen Inlusion selbst finanzieren.

    Ich werde garantiert ab 2013 keinen Cent dazu beisteuern, denn wenn man sich mal das ZDF anguckt, welches sich die Championsleague für ein gut 50 Millionen € gesichert hat und außerdem 30 Millionen Euro für ein neues Nachrichtenstudio ausgegeben hat, dann kann man sich leicht ausrechnen, dass das Geld erstens schon mal da ist, aber der Wille nicht und zweitens das das Geld sicherlich nicht dafür verwendet wird, wirklich für komplette Barrierefreiheit im deutschen Fernsehen zu sorgen.

    Im Übrigen sollte es dem deutschen TV zu denken geben, dass in China, einem Dritte-Welt-Land alles auf mandarin untertitelt ist und Äypten, welches ebenso ein Dritte-Welt-Land ist, das ganze Programm untertitelt wird und sowie Nachrichtenendungen mit einem Gebärdensprachdolmetscher angeboten werden?

    Und Deutschland, eine stolze Industrienation kriegt sowas nicht fertig? In diesem Punkt schäme ich mich wirklich ZU RECHT für mein Land.

    Hochwertige 1:1-Untertitel und Gebärdensprachdolmetscher müssen im deutschen TV eine Selbstverständlichkeit werden, denn sie stellen Informationen sicher!

    Auch sind die Beschwerden über die fehlende Barrierefreiheit den öffentlich-rechtlichen Medien längst bekannt, aber man interessiert sich nicht dafür oder hält das Budget dafür sehr begrenzt – es gibt ja wichtigeres für die da oben im Elfenbeinturm. Hier dazu einer meiner Blogeinträge: http://meinaugenschmaus.blogspot.com/2010/08/ich-kann-diese-ausreden-nicht-mehr.html

    Ich bin mal so frei und schlage den Leuten vom Medienforum vor, dass man mich mal für das nächste Medienforum einlädt und ich dann über die Notwendigkeit der Barrierefreiheit im deutschen Fernsehen sprechen darf.

    Liebe Grüße

    Julia Probst

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    • Sicher hat Gutjahr mit seinen Vergleichen recht. Ich weiß nur noch nicht, ob er damit übers Ziel hinausgeschossen ist. Dass man im Elfenbeinturm sitzt und am Leser vorberproduziert sehe ich an unserer Lokalzeitung. Auch die denkwürdige Situation in der Bundespressekonferenz, in der man sich drüber mokiert, dass Seibert twittert und die “offiziellen” Kanäle nicht zuerst bedient, sagt einiges über das Selbstverständnis der Journalisten aus. Den Medien geht es natürlich auch um den Erhalt der Deutungs- und Publizierungshoheit, weil es um Einfluss und Geld geht. Und dennoch gehen die Mittel und Möglichkeiten der Despoten schon ein gutes Stück weiter, weswegen ich mich frage, ob es nötig ist, Despoten kleiner zu machen als sie sind.

      Reply

  10. Pingback: GREY vor Ort: 23. Medienforum.NRW – Von Medien, Macht und Menschen

  11. Gutjahr in allen Ehren, aber das war ein Griff ins Klo und ziemlich kontraproduktiv

    Reply

  12. Mir ist ja immer noch nicht so ganz klar, warum wir diesen Gutjahr überhaupt toll finden sollen. Das ist ein adretter junger Mann, der was mit Medien macht und an einem bestimmten Tag zufällig in Ägypten war, richtig? Oder habe ich etwas Grundlegendes übersehen?

    Wenn ich als kleiner C-Blogger die Möglichkeit hätte, eine gut vorbereitete Botschaft an alle Vertreter aller Seiten, Intendanten, Verleger, Blogger, Zuschauer, Leser in eine Minute zu pressen, in der mir jeder zuhören wird, wäre vielleicht so etwas herausgekommen, flapsig, halbspontan und unausgegoren. Aber deswegen ist Richard Gutjahr ja auch nicht ich.

    So hat er die Aufgabe bestmöglich versaut: die Verantwortlichen mit einer Unverschämtheit sofort in die Defensive gebracht, und die Zuschauer bleiben rätselnd zurück, “was hat er denn jetzt eigentlich gesagt?” (Für mich hat er irgendwas Blödsinniges gesagt, dass man auch zum Bloggen teure Markteintrittsschwellen stemmen muss – ein iPad braucht -, und irgendeinen gut versteckten sinnvollen Gemeinplatz, dass man aufhören möge, überall die Gefahren zu sehen, und statt dessen lieber die Chancen ergreifen solle. Oh.)

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  16. Um es mal an einem Beispiel zu erläutern, warum Medien Social Media gerade nicht richtig nutzen (wollen?), hier mal ein Briefwechsel zwischen der Sächsischen Zeitung und mir vor einiger Zeit. Sie Sächsische Zeitung ist auf Facebook und Twitter, wo Sie regelmäßig Links auf ihr Onlineangebot veröffentlicht. Aber:

    http://www.facebook.com/note.php?note_id=10150416182845721

    Und die Antwort:
    http://www.facebook.com/note.php?note_id=10150416456940721

    Fazit: Sie können uns gerne schreiben und wir werden (vielleicht) auch antworten, aber was davon publik wird, bestimmen immer noch wir.

    Wenn ich also einen Fehler in deren Berichterstattung finde, können die darauf reagieren, aber kein anderer darf das mitbekommen.

    Reply

  17. Die Aussage von Herrn Gutjahr war zuspitzend und provuzierend. Und sie trifft m.E. insofern zu, dass “etablierte” Medien und Sendeanstalten seeehr lange sich seeehr schwer damit taten, die Leser/Zuhörer/Zuschauer “an sich rankommen zu lassen”.

    Ich hatte immer schon den Eindruck (bin fast Mitte 40), dass sich Journalisten und Redakteure als “Elitär” und was “besonderes” ansahen und das z.T. immer noch tun (Elfenbeinturm).

    Doch die bisher reinen Empfänger und Konsumenten von Botschaften können heute selber welche aussenden. Nicht immer sind diese Botschaften qualitativ wertvoll, aber das sind so manche “Glanzstücke journalistischen” Handelns auch nicht…

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  19. Schade um die Zeit. Da Twitter, Facebook, YouTube, … ja hier und da im TV/Radio benutzt werden wäre es interessanter gewesen, wenns darum gegangen wäre wieviel und wofür sie benutzt werden, weshalb sie mehr und anders benutzt werden sollten und weshalb das dann besser als der jetzige Zustand ist.

    Und ob’s z.B. auch schlecht sein könnte, wenn nur bestimmte Dienste benutzt werden und die Vielfalt im Internet darunter leiden könnte.

    Reply

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