Silke Burmester

Journalisten auf Facebook: Kriegsreporterin vs. Cherno Jobatey

Mr. Turnschuh vs. die Kriegsreportern. Das klingt ersteinmal nach einem ungleichen Kampf. Aber nicht auf Facebook in diesen Tagen. Der Münchener Journalist Dorin Popa ist soetwas wie ein moderner Erbsenzähler. Er hat sich die Facebook-Seiten einzelner Journalisten angeschaut und ein Ranking erstellt, mit der Frage: Wer hat denn bis jetzt die meisten Likes einheimsen können. Überraschung: Es führt Cherno Jobatey. Er hat mehr als 5.700 Facebook-Freunde, die auf den “Gefällt mir”-Button auf seiner Seite geklickt haben. Eine Dame, die sich die Frage gestellt hat, wie denn so etwas passieren kann, ist die freie Journalistin Silke Burmester. Sie hat eine Gegenaktion mit ihrer Facebook-Seite Die Kriegsreporterin gestartet. In Was mit Medien 248 haben wir mit ihr darüber gesprochen. Es folgt die Abschrift.

Daniel Fiene: Silke, Sie wollen mit Ihrer neuen Facebook-Seite Die Kriegsreporterin Cherno Jobatey vom Thron stossen. Ist Cherno Jobatey in Ihren Augen kein richtiger Journalist, oder woher nehmen Sie Ihre Motivation?

Silke Burmester: Ja und da liegt auch die Motivation. Ich war ein bisschen schockiert, als ich las, das Cherno Jobatey als Journalist mit den meisten Facebook-Freunden gilt. Ich stolpere über das Wort Journalist. Mir geht es nicht darum, Cherno Jobatey zu dissen. Man ist geneigt es zu tun, weil dieser Mann so viel anbietet. Es ist sehr leicht, ihn abstrus zu finden und man könnte wunderbar über ihn herziehen. Das will ich gar nicht tun — ich würde es gerne, aber ich lasse es. Es geht darum, dass er als Journalist gilt. Das ist er für mich nicht. Er stellt zwar Fragen im Fernsehen, aber das ist so schlecht, das hat mit Journalismus nichts zu tun. Zur Rettung meines Berufsstandes sage ich, ich, die Kriegsreporterin —das ist eine Kunstfigur, mit der ich eine Kolumne schreibe— möchte mehr Klicks haben als Cherno Jobatey.

Herr Pähler: Die Kriegsreporterin hat gerade um die 1.700 Freunde. Der Weg ist also noch nicht ganz geschafft, Cherno Jobatey zu überholen. Dem Management von Cherno hat das scheinbar so gar nicht gefallen. Das hat Ihnen den folgenden Brief geschrieben: “Sehr geehrte Damen und Herren, anbei die Infos zur unglaublichen Hetzkampagne gegen Herrn Jobatey, die seine Persönlichkeitsrechte verletzt. Wir gehen davon aus, dass 1. Sie den Artikel löschen. 2. Sie die Facebook Seite löschen. 3. Die TAZ sich bei Cherno Jobatey entschuldigt. Danke.” – Was von den drei Punkten haben Sie schon gemacht?

Ich habe gar nichts davon gemacht. Ich habe das sofort genommen und meine Facebook-Seite damit bereichert. Das hat einen unheimlichen Unterhaltungswert. Einfach vor dem Hintergrund, dass da nichts von zu treffend ist. Ich kenne mich mit Presserecht so ein bisschen aus, und es ist weder eine unglaubliche Hetzkampagne, noch verletzt es die Persönlichkeitsrechte und in dem Moment dachte ich, wer so doof ist, so etwas zu schreiben, der gehört auch ans Netz.

Daniel Fiene: Wir verfolgen dieses Rennen sehr gespannt. Vielleicht muss man noch einmal erwähnen, dass Cherno Jobatey auch noch einmal persönlich auf Ihrer Seite geschrieben hat. Er wünschte allen viel Spaß und Glück.

Genau das hat er gestern gemacht. Die Sache mit dem Management war vorgestern. Als er damit kam, dachte ich: Genauso muß es sein. Ich war froh, dass er das gemacht hat. Das zeigt, dass die Leute nicht völig plem-plem sind. Man kann so eine Battle nur annehmen und sagen “ja, da mache ich mit”. Da hat er dann wenigstens ein bisschen Größe oder Anstand … oder nein eher Größe bewiesen.

Journalistische Facebook-Seiten? Das ist für Jungs ohne Familie

Daniel Fiene: Aus dieser Diskussion kann man aber auch noch inhaltlich ein bisschen was mitnehmen. Wir führen gerade eine Diskussion. Da steht die Frage: Braucht jeder Journalist eine eigene Facebook-Seite? Eigentlich ist so eine Seite zur Interaktion mit den Lesern perfekt, dann kann man auch so ein bisschen sein privates Profil verschonen. Auf der anderen Seite haben die Facebook-Seiten noch ein altes Fanseiten-Image. Damals hat man nicht auf “Gefällt mir”, sondern auf “Fan werden” geklickt. Das finde ich etwas komisch, denn wir sind doch Journalisten und keine Boyband.

Das war auch nicht meine Intention. Ich wollte hier Klicks sammeln. Gestern war da jemand, der sagte “hey – wo sind denn hier die Inhalte. Ich dachte, das wäre eine journalistische Seite.” Habe ich nie behauptet. Ich wollte Klicks sammeln. Das Ding ist: Ich bin mit meinem Beruf ausgelastet. Die Leute, die im Netz so etwas betreiben, und eine sehr intensive Interaktion mit den Leuten haben, sind in der Regel Jungs ohne Familie. So! Wenn man wirklich eine Menge Zeit hat und nix zu tun und keine Verpflichtung, dann hat man für soetwas auch Zeit. Ich habe das nicht. Außerdem, da melden sich so viele Verrückte, mit denen will ich auch nicht unbedingt was zu tun haben. Ich glaube nicht, dass jeder Journalist eine Facebook-Seite haben sollte. Ich halte das für völligen Blödsinn.

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Comments (3)

  1. Pingback: Studie: Journalisten und Social Media | Floyboy

  2. Wunderbar.
    Auch und vor allem die letzten beiden Sätze sind richtig. Darf ich sie verbessern, indem ich nur ein Wort daraus entferne?
    = “Ich glaube nicht, dass jeder eine Facebook-Seite haben sollte. Ich halte das für völligen Blödsinn.”

  3. Großartig. Frau Burmester maßt sich an, zu entscheiden, wer Journalist ist und wer nicht. Knallt dem Herrn Jobatey in einer unfassbar dummdreisten Art und Weise eine schallende Ohrfeige ins Gesicht und fordert dann in diesem Interview auch noch Größe und Anstand von ihm. Größe und Anstand – das wäre doch etwas für Frau Burmester. Oder?
    Ach so. Und wer auf Facebook ist, hat zu viel Zeit. Ist klar… Silke Burmester, die differenzierte Topjournalistin… Ächz!

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