Jeff Jarvis auf der Picnic 10 (Bild: PICNIC Cross Media Week)

Jeff Jarvis’ 36 Aussagen über den Zustand der Nachrichten-Branche

“Ich bin erstaunt, auf welche unternehmerische Naivität ich in Diskussionen über das Nachrichten-Geschäft stoße”, schreibt Medienprofessor Jeff Jarvis in seinem Blog — und liefert gleich 36 Aussagen über den Zustand einer Nachrichten-Branche mit, die sich mitten im Medienwandel befindet. Er stellt Regeln für Geschäftsmodelle, einen Realitätscheck für Zeitungen, digitale Regeln und Chancen für die Branche zu Diskussion. In der kommenden Ausgabe von “Was mit Medien” (Nummer 248, erscheint in der Woche vom 02. Mai) möchten wir über diese Aussagen diskutieren und haben deswegen in Abrsprache mit Jeff Jarvis eine Übersetzung zur Vorbereitung angefertigt. Ihr seid eingeladen hier im Blog auf Deutsch, oder auf Englisch mit ihm in seinem Blog zu diskutieren.

VON JEFF JARVIS

Teil 1) Regeln für Geschäftsmodelle

1. Tradition ist kein Geschäftsmodell. Die Vergangenheit ist nicht länger eine zuverlässige Orientierungshilfe für zukünftigen Erfolg.

2. “Sollte” ist kein Geschäftsmodell. Sie können sagen, dass die Rezipienten für Ihr Produkt zahlen “sollten”, aber die Nutzer werden es nur bezahlen, wenn sie einen Mehrwert erleben.

3. “Ich will” ist kein Geschäftsmodell. Meine Studenten berichten mir zunächst das, was sie machen möchten. Ich sage ihnen dann, dass es allen schnuppe ist, was sie machen *wollen* — höchstens ihre Mütter interessieren sich dafür.

4. Tugend ist kein Geschäfsmodell. Nur weil Sie gutes tun, verdienen Sie es nicht, dafür bezahlt zu werden.

5. Geschäftsmodelle basieren weder auf Ansprüchen, noch auf Emotionen. Sie basieren auf solider Wirtschaftslehre. Geld hat kein Herz.

6. Betteln ist kein Geschäftsmodell. Es wäre faul anzunehmen, dass Stiftungen und Spenden die Probleme der Nachrichtenbranche lösen. Auf diesen Wegen kann nicht genug Geld verdient werden.

7. Es gibt kein kostenloses Mittagsessen. Geld von Regierungen kommt immer mit Verplichtungen daher.

8. Niemand interessiert sich für Ihre Ausgaben. Das Argument, Nachrichten kosten viel, ist irrelevant für den Markt.

9. Auf dem Markt zählt nur der Wert. Welchen Wert bringt Ihr Angebot der Öffentlichkeit?

10. Wert wird durch Nachfrage bestimmt. Welches Problem lösen Sie?

11. Einige Leser sind es nicht wert, an ihnen festzuhalten. Eine Zeitung hat auf die Börsenkurse verzichtet, 1 Million US-Dollar eingespart und 12 Abos verloren. Das bedeutet, es wurden 83.000 US-Dollar pro Jahr ausgegeben, um diese Leser zu behalten. Bei der Erstellung eines Geschäftsmodells sollte der zukünftige Wert der Leser errechnet und maximiert werden.

12. Störungen sind das Gesetz des Dschungels und des Internets. Wenn jemand Ihre Aufgabe günstiger, besser und schneller anbieten kann, wird er es machen.

13. Stören Sie sich selbst. Finden Sie Ihre Schwachstelle, bevor diese jemand Anders entdeckt. Oder finden Sie die von jemand anderen.

14. “Das Zeitungs-Modell ist gescheitert und kann nicht repariert werden”, sagt John Paton.

15. Der Gewinn zählt mehr als der Umsatz. Setzen Sie bei Ihren Planungen mehr auf Profitabilität als auf Einnahmen und setzen Sie mehr auf Zukunftsfähigkeit als auf Größe.

Teil 2) Realitätscheck für Zeitungen

16. Die Auflagen werden weiter sinken. Es gibt keinen Zweifel.

17. Die Kosteneinsparungen werden die Produktqualität und den Produktwert reduzieren, was wiederrum zu weiteren Auflagenrückgängen führen wird. Ein böser, undurchbrechbarer Kreislauf.

18. Sinkende Auflagen werden weiter Werbeeinnahmen mindern.

19. Billige Mitbewerber und Überfluss werden weiter den Preis der Werbung reduzieren.

20. Der lokale Handel wird weiter konsolidieren, sodass weniger Werbegeld zur Verfügung steht. Beschweren Sie sich bei Amazon.

21. Kleinanzeigen (Immobilien, Autos, Jobs, Handel) werden noch unabhängiger und noch selbstständiger. Sie brauchen immer weniger einen Vermittler.

22. Eine Klippe kommt auf uns zu: Bald werden Auflagen kleiner als die kritische Masse, welche von Werbebeilagen gefordert werden. Das wird einen großen Einschlag auf Zeitungen haben. Es fällt dann eine primäre Rechtfertigung weg, warum noch Papier bedruckt und verteilt wird.

23. Wenn die Fixkosten bis auf die Knochen “weggehungert” wurden, werden diese wieder ansteigen. Einsparungen allein machen noch keine Geschätsstrategie aus.

Teil 3) Digitale Regeln

24. Die Hauptherausforderung ist die Steigerung lokaler Verkäufe. Google wird die tief hängenden Früchte von 6 Millionen Geschäften pflücken, die ihre Places-Seite pflegen. Facebooks Früchte wird sich aus den Geschäften ergeben, die auf den kostenlosen Deal-Dienst setzen werden. Beide setzen auf ihre Verkaufsteams aus der Ferne. Groupon und Patch werden mit der brutalen Kraft ihrer lokalen Verkäufer angreifen.

25. Es wird immer neue Mitbewerber geben. Für Inhalte, Aufmerksamkeit, Werbung und Werbungsverkauf.

26. Sie werden den Markt nicht länger kontrollieren. Sie sind ein Mitglied eines Ökosystems. Gehen Sie gut mit Anderen um.

27. Überfluss wird die Preise digital noch stärker nach unten treiben als in Print. Diese Lektion versucht Google Medien (und Regierungen) beizubringen.

28. Die Frage rund um Pay-Walls lautet, ob sie der *beste* Weg sind, das *meiste* Geld zu verdienen. Das ist keine religiöse Haltung. Es geht um die praktische Frage, ob die regelmäßigen Einnahmen mehr einbringen, als äquivalente Werbung und ob man es sich leisten kann, Publikum und Wachstum aufzugeben und was die Kosten sind, um das Bezahlsystem zu unterstützen.

Teil 4) Chancen

29. Lokale Verkäufe zu steigern ist die Haupt-Chance. Ich denke, es geht darum, Angebote für lokale Händler zur Serienreife zu bringen (über alle  Plattform – nicht einfach Platz auf einer Medienseite zu verkaufen, sondern auch bei der Umsetzung mit Google Places, Foursquare, Facebook-Deals und Twitter-Specials zu helfen) und neue, unabhängige, unternehmerische Verkaufskräfte zu etablieren. Die Hauptherausforderung wird dann darin liegen, die Kosten für den Verkauf und die Produktion niedrig zu halten.

30. Es gibt ein hohes Wachstumspotential in der wachsenden Nutzerbeteiligung. Die Nutzer beteiligen sich auf Facebook 30 Mal stärker als auf Zeitungswebseiten. Die Nutzer der Huffington Post engagieren sich um ein Vielfaches stärker als auf Zeitungswebseiten. Wenn wir wahrhaftig ein Angebot für eine Community anbieten wollen, müssen wir unser Verhältnis zur Öffentlichkeit überdenken und eine Plattform für unsere Community anbieten. Dann wird sich das Engagement verstärken, und damit einhergehend die Zuhörerschaft, der Traffic und die Daten vergrößern. Wir haben noch nicht begonnen, das volle Potential des Werts auszunutzen, welchen Nachrichtenorganisationen im Verhältnis mit ihren Communities haben können: mehr Leute, mehr Wert, mehr Engagegement gleicht mehr Wert, den man herausziehen kann.

31. Infrastrukturen haben noch Leistungspotential. Wenn Druckereien, Vertrieb und Verkauf von Zeitungen nicht an und für sich Profit machen, sollten sie als Ballast abgeworfen werden und ihre Aufgaben ausgelagert werden. Wenn andere Aufgaben —auch journalistische Aufgaben— konsolidiert werden können, sollten sie zusammen gelegt werden.

32. Journalisten sollten nur das tun, was den meisten Wert bringt. Das bedeutet der Öffentlichkeit nicht das zu erzählen, was bereits bekannt ist. Es geht nicht darum, das Ego zu zelibrieren. Es geht nicht um Produktion. Es geht ums Berichten, Überprüfen, Kuratieren, Erklären, Organisieren und Lehren. Machen Sie, was Sie am Besten können und verlinken Sie den Rest.

33. Wachstum wird durch Netzwerke ermögicht. Je mehr Mitglieder es im Ökosystem gibt, desto mehr Inhalte gibt es, der verlinkt werden können (ohne dass dabei Kosten für die Erstellung anfallen), desto mehr Chancen für kostenlose Werbung gibt es (eingehende Links), desto mehr Chancen gibt es auch im gemeinsamen Verkauf – siehe unsere Arbeit an der CUNY rund um neue Nachrichten-Geschäftsmodelle in lokalen Ökosystemen.

34. Es gibt Leistungspotential in der Zusammenarbeit. Mit der Community oder anderen Mitgliedern des Ökosystems zu arbeiten, ermöglicht es einer Nachrichtenorganisation, sich zu spezialisieren, Mehrwert anzubieten und mehr mit weniger Aufwand zu schaffen.

35. Es lohnt sich andere Einnahmeströme zu erforschen. Lokale Blogger verdienen einen erheblichen Anteil durch Veranstaltungen. Zeitungen probieren sich im Immobilienmarkt und verkaufen Merchandise.

36. Wir haben noch nicht begonnen, neue Definitionen von Nachrichten zu erforschen.

***

Tipp: Uns gibt es auch als RSS-Feed in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Hier gibt es unsere Texte aus dem Blog und hier gibt es unseren wöchentlichen Podcast.
Foto:
Jeff Jarvis auf der Picnic 10 (Bild: PICNIC Cross Media Week).


Lesetipps:

  1. Jeff Jarvis: Post Media
  2. Schnellkritik: NewsTweetr – ein Aggregator für wichtige Nachrichten

Comments (16) Write a comment

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  6. Interessante Regeln, die man so 1:1 für jeglichen Vertrieb gelten lassen kann!

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  9. Hart aber wahr…
    Wobei das “Ökosystem” von dem hier die Rede ist derzeit vermutlich noch sehr flexibel ist gerade weil noch alte Strukturen vorherrschen.
    Im Laufe der Jahre werden sich vermutlich immer neue Nischen auftun und letztlich wird sich auch hier ein relativ festes System bilden, welches sehr störungsanfällig ist.
    Bleibt die Frage wie entsprechende Störungen gepuffert werden können.

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  10. Pingback: Jeff Jarvis über die Geschäftsmodelle der Medien | Observer

  11. Pingback: LSDI : Dure lezioni per il mondo dell’ informazione

  12. Pingback: Zürcher Presseverein » 36 Lektionen für die Zeitungswirtschaft

  13. Zum Teil totaler Unsinn und daher als maßgebliches Regelwerk grob erstmal unbrauchbar z.B. Punkt 5: Wenn Geld kein Herz hat, dann sind es auch Waffen die Menschen töten und nicht Menschen (-;
    Aber lesen tut es sich ganz nett

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