Andreas Cichowicz, NDR-Chefredakteur (Foto: fotografirma.de)

11. März 2011. Dieses Datum markiert den Beginn der Nuklearkatastrophe von Fukushima, die in Folge des Erdbebens und des Tsunamis ausgelöst wurde. Von der Tschernobyl-Katastrophe wissen wir: Dieser Gau wird uns Jahrzehnte begleiten. Was für die Menschen vor Ort in Japan eine unglaubliche Belastung und Herausforderung ist, ist auch für die Journalisten vor Ort eine Situation, die kaum zu trainieren ist.  Einige Tage nach dem Unfall haben wir mit dem NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz über die Katastrophe gesprochen. Er verantwortet die NDR-Korrespondenten, die vor Ort für die ARD berichten. Das Interview war Was mit Medien #244 (17. März 2011) zu hören. Hier ist das Transkript.

Dennis Horn: Herr Cichowicz, die ARD ist heute erst komplett umgezogen. Robert Hetkämper zum Beispiel war in der Tagesschau zuletzt noch aus Tokio zu sehen. Warum haben Sie nicht direkt alle umgezogen?

Andreas Cichowicz: Also, Sicherheit ist für unsere Mitarbeiter wirklich oberste Priorität. Wir haben deshalb einen ständigen Kontakt gehabt mit dem Lagezentrum im Auswärtigen Amt und auch mit der Deutschen Botschaft vor Ort. Das ist für uns sozusagen die Latte, wann wir reagieren müssen. Die Deutsche Botschaft hatte alle Mitarbeiter immer noch in Tokio, hat sogar Mitarbeiter, die ausfliegen wollten, noch ersetzt. Und im Lagezentrum hatte man uns bis gestern auch noch gesagt: Keine Veränderung der Lage, keine gefährlichen Werte für Tokio. Andererseits ist es ein bisschen so: Sie gucken auf einen Vulkan, wo Sie glauben, der bricht demnächst aus, also auf das Atomkraftwerk. Man weiß nicht so genau, wann das ist, und man kann das dann auch nicht sehen mit der Radioaktivität. Sie ist dann plötzlich da, und dann ist es vielleicht zu spät. Deshalb, als gestern das Lagezentrum entschieden hatte, eine Warnung an die Deutschen herauszugeben, und Tokio, Yokohama, doch eher in Richtung Süden zu verlassen, haben wir gesagt: Dann soll auch Robert Hetkämper mit den verbliebenen drei Mitarbeitern in Tokio besser nach Osaka umziehen. Auch wenn wir es nicht für sehr gefährlich gehalten haben, war es eine reine Vorsichtsmaßnahme, denn wenn etwas geschehen könnte, dann wird es in einer Stadt, in der 35 Millionen Leute leben, vielleicht auch zu Panik kommen. Und dann wird es sehr viel schwerer sein, nach Osaka umzusiedeln. Also besser vorher.

Dennis Horn: Geht es da nur um die Gesundheit? Um mögliche Radioaktivität, die nach Tokio ziehen könnte? Oder ist es vielleicht auch schwieriger geworden, aus Tokio überhaupt zu berichten? Weil es unübersichtlicher geworden ist, zum Beispiel? Was sind die Hintergründe?

Es ging da im Wesentlichen um Fürsorge, also um die Gesundheit der Mitarbeiter. Es ist aus Tokio für uns nicht einfacher geworden, aber auch nicht schwieriger geworden, zu berichten. Ein Problem ist einfach, dass der Korrespondent ja sehr viel nachgefragt wird für Live-Schalten. Das heißt, er ist eigentlich permanent auf Sendung und hat deshalb nicht so sehr viel Zeit, dazwischen noch zu recherchieren. Das macht sein Producer-Team. Und die Informationspolitik der japanischen Regierung – die sehen wir durchaus kritisch – hatte sich in den letzten Tagen aber auch nicht zum Schlechten verändert. Wir müssen in der Heimatredaktion beim NDR mit einem ziemlich großen Stab praktisch rund um die Uhr arbeiten, um dann Experten, Hintergründe, und Analysen zu erstellen, und um die Situation hier in Deutschland einschätzen zu können. Die vermitteln wir dann auch an unseren Korrespondenten, damit er das abgleichen kann mit den Informationen, die er vor Ort hat. Das geht aber auch aus Osaka.

Herr Pähler: Jetzt haben Sie diese Entscheidung getroffen. Was ist denn mit Ihren Korrespondenten, Robert Hetkämper zum Beispiel? War der damit einverstanden, nach Osaka zu gehen?

Robert ist ein sehr erfahrener Korrespondent. Er ist jetzt schon viele Jahre in Asien, und war in den Neunziger Jahren schon einmal fünf, sechs Jahre in Japan als Korrespondent stationiert. Also, der kennt sich sehr gut aus, der hat auch eine ganz gute Gefahreneinschätzung. In den letzten achtundvierzig Stunden haben wir eigentlich stündlich darüber diskutiert: Kann man noch bleiben? Wie sieht die Sicherheitslage vor Ort aus? Und auch: Wie ist der Druck, der auf die Mitarbeiter entsteht? Zum einen schreiben Ihnen Zuschauer, die sagen: „Mensch, warum zieht ihr eure Leute nicht ab? Wir wollen keine verstrahlten Reporter. Was macht ihr da?“. Auf der anderen Seite ist es möglicherweise zwar nicht gefährlich. Doch der psychologische Druck, der auf die Mitarbeiter entsteht – auch auf die Kamerateams, etc., die dann ja auch von ihren Angehörigen angerufen werden –, dass hier möglicherweise demnächst was passieren kann, der ist schon sehr groß, und den muss man genauso berücksichtigen. Da ist es einfach irgendwann auch angebracht, zu sagen: „Nein, wir machen hier jetzt mal eine Pause für euch. Wir bringen euch einfach mal in eine andere Region, da haben wir diese Diskussion um höhere Strahlenwerte überhaupt nicht, und dann läuft das viel besser.“ Aber das wurde stets mit der Sicherheitslage vor Ort abgeglichen.

Herr Pähler: Können Sie denn als Chefredakteur an diesem psychologischen Druck, den Sie gerade beschrieben haben, überhaupt irgendetwas tun?

Ja, ich kann den Mitarbeitern das Gefühl geben, dass wir uns um sie kümmern. Und das tun wir auch – indem wir den direkten Kontakt zum Lagezentrum im AA haben, zum Krisenstab, und auch, indem wir von Anfang an kontinuierlich Flüge gebucht haben für die Kolleginnen und Kollegen, damit die im Notfall sofort aus Japan ausgeflogen werden können. Ich glaube, das hat die sehr beruhigt. Die japanische Regierung hat ja nun auch begonnen, die Luft in Tokio auf Strahlenwerte hin zu messen. Diese Messwerte haben wir haben in den letzten achtundvierzig Stunden ständig zum Abrufen gehabt, und haben alles, was diese Einschätzung angeht, auch stets nach Tokio kommuniziert. Also: Ist es sicher? Was muss man dann machen? Trotzdem habe ich total Verständnis, dass man in so einer Situation, wo man ja nicht weiß, ob die das da in dem Atomkraftwerk wirklich in den Griff kriegen, darunter sehr leidet, und dass das einen sehr bekümmert. Deshalb haben wir zum Beispiel die Angehörigen der Mitarbeiter sofort in den ersten zwei Tagen ausgeflogen.

Dennis Horn: Haben Sie denn Mitarbeiter selbst schon komplett aus dem Land gebracht?

Nein.

Dennis Horn: Gibt es einen Punkt, ab dem Sie das tun würden, ab dem es für Sie gar nicht mehr vertretbar wäre, direkt aus Japan zu berichten?

Ja. Also, wenn sich die Situation so verschlimmert, dass erhöhte Strahlung aus dem Atomkraftwerk frei wird, wenn es ein neues Erdbeben gibt, und die Situation schlimm ist, dann muss ich immer zunächst betrachten, ob die Sicherheit meiner Mitarbeiter gewährleistet ist. Das steht für mich an oberster Stelle. Und da kann es durchaus geschehen, dass wir alle abziehen auf einen Schlag, und dann die Berichterstattung eben aus Singapur leisten. Das ist trotzdem machbar, und wir haben ja hier rund um die Uhr in Hamburg ein Team von fünfzehn Leuten, das kontinuierlich das Bildmaterial, das eingeht, das alle Agenturen liefern, bewertet, zusammenstellt, und auch sehr viele Berichte macht. Also, wir könnten das durchaus für eine Zeit lang leisten.

Dennis Horn: Aber auf der anderen Seite hat die Bevölkerung ja ein Informationsbedürfnis. Müssten Journalisten nicht auch in Kauf nehmen, dass es auch mal gefährlicher wird?

Das müssen Journalisten nur bis zu einem gewissen Grad in Kauf nehmen. Also, einmal sind wir immer mit einem Kamerateam unterwegs. Der Reporter ist also nicht für sich alleine verantwortlich, und das macht schon einen Unterschied aus. Sie haben einfach auch noch Mitarbeiter, für die Sie auch noch verantwortlich sind. Das gilt übrigens für jede Krise, auch in einem Bürgerkriegsland, in einem Kriegsland, und so weiter und so fort. Und natürlich haben Sie Kontakt mit der Heimatredaktion, denn ich bin der Vorgesetzte von Robert. Mir liegt daran, dass der andere Mitarbeiter, der Korrespondent, das die gesundheitlich wohlbehalten rauskommen. Was nutzt mir ein verletzter, schwerverletzter, toter Reporter? Der kann auch nicht mehr weiter berichten, sondern das wirft dann ganz andere Fragen auf. Also, da sind die Grenzen für uns schneller erreicht, als möglicherweise bei anderen Networks, CNN zum Beispiel, vielleicht auch bei der BBC, obwohl die sich ähnlich verhalten wie wir. Da müssen Reporter nicht alles aushalten. Wenn es Leute gibt, die auf freiwilliger Basis in solche Kriegsgebiete gehen und sagen, „So, ich mach mich jetzt alleine dorthin auf, und wenn ich dort bin, und habe euch was anzubieten“, dann sprechen wir natürlich mit denen, das ist völlig klar. Aber für unsere Leute ist die rote Linie relativ schnell erreicht.

Herr Pähler: Wir haben hier gerade bei „Was mit Medien“ schon darüber gesprochen. Es gibt an japanischen Medien gerade viel Kritik, da würden Dinge verharmlost, Leuten würden zu wenige Informationen gegeben. Wer Ausländer ist, oder Englisch spricht, sucht im Netz nach ausländischen Medien, um sich Informationen zu holen. Viele sagen: Die berichten komplett anders als die japanischen Medien. Können Sie sich das erklären?

Kann ich das erklären? Das weiß ich nicht. Ich kann das erst einmal nur feststellen. Ich glaube, dass man in Deutschland besser informiert ist, als in Japan. Ja, das stimmt. Das liegt an der Informationspolitik der Regierung, und auch daran, dass die Medien in Japan vielleicht doch stärker gewöhnt sind, etwas staatstragender zu berichten. Unser Partner NHK hat aber sehr viele Exklusivinformationen, zum Beispiel einen eigenen Erdbebensenderaum, in dem Zugriff besteht auf über 200 Kameras, die fest installiert im Land sind. Dort können die sofort von einer Minute auf die andere umschalten, und dann haben die Bilder von vor Ort und können die auch bewerten. Aber Japaner selbst sind natürlich zunächst erst einmal auf die Informationen durch ihre Regierung und die Einschätzung angewiesen. Da haben die auch sehr großes Vertrauen. Wir hier sind vielleicht allein durch den kritischen Umgang mit Atomenergie und der Atomkraftfrage noch einmal ein bisschen anders gepolt. Ob wir mehr Informationen zusammen bekämen in einem Krisenfall, wenn der hier in Deutschland wäre, da darf man aber durchaus Fragezeichen dran haben. Ich habe Helmut Schmidt gelesen, der gesagt hat: „Die machen das eigentlich ganz okay, die Japaner. Eine Regierung muss nicht alles sagen, was sie weiß, sie darf nur nicht lügen.“

Herr Pähler: Und genauso verhält sich die Regierung in Japan?

Also, das ist schwer rauszukriegen, ob die japanische Regierung mehr weiß und das nicht weitergibt, oder ob sie es nicht weiß. Man muss auch wirklich die Szenarien unterscheiden. Wir können nicht – keiner kann das – mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, was in dem Atomkraftwerk geschieht, und wie es ausgeht. Es gibt einfach zwei Szenarien. Man kann ziemlich genau beschreiben, wie die Problematik aussieht, und was dort versucht wird. Ranga Yogeshwar hat das ganz toll erklärt. Er wird das auch heute im Brennpunkt wieder machen. Aber danach ist die Frage: Haut das hin, dann haben wir ein positives Szenario. Schlägt das fehl, dann haben wir eine sehr viel schlimmere Katastrophe, als wir uns das jetzt vorstellen können. Und darüber kann ja niemand spekulieren, auch nicht die japanische Regierung. Insofern, glaube ich, geben die auf der einen Seite den Stand weiter, den die tatsächlich haben. Und alles, was in Richtung einer negativen Spekulation gehen könnte, das lassen die natürlich weg.

Dennis Horn: Sagt Andreas Cichowicz, Chefredakteur für das Fernsehen beim NDR in „Was mit Medien“ über die Berichterstattung aus Japan und die Sicherheit der ARD-Journalisten dort.

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