WAZ (Foto: Flickr.com / FROLLEIN 2007)

Warum lesen junge Menschen noch Lokalzeitung? Ein Experiment!

WAZ (Foto: Flickr.com / FROLLEIN 2007)

Hendryk ist 23. Er lebt in Herne und macht eine Ausbildung. Er macht nichts mit Journalismus, interessiert sich aber für das, was vor seiner Haustür passiert. Ist die Lokalzeitung aber für die junge Generation das geeignetste Medium, um Infos aus der Region zu erhalten? Obwohl er kein Journalist ist, interessiert sich Hendryk für die Antwort auf diese Frage. Er testet für zwei Wochen die WAZ. Die Ergebnisse veröffentlicht er in seinem Blog und hier bei “Was mit Medien.” Die nächsten Teile seiner Serie könnt ihr in den kommenden Tagen an dieser Stelle nachlesen.

VON HENDRYK SCHÄFER

Noch bevor ich lesen konnte, habe ich in der Zeitung geblättert. Als ich dann endlich die ersten Buchstaben entziffern konnte, habe ich mich mühsam durch den Wust an Typen gekämpft und schließlich fing ich irgendwann sehr bald an, die Artikel, die ich auf diesem gedruckte Papier fand, zu lesen und irgendwann auch zu verstehen.
Ich bin in einem Zeitungsleserhaushalt aufgewachsen. Zum Frühstück gab es neben Brot, Kaffee für meine Eltern und Kakao für mich und meine Schwester und Wurst und Käse und alles, was man sonst so als Belag behandeln konnte, jeden Morgen die Zeitung. Von Montag bis Samstag gab es die Westdeutsche Allgemeine Zeitung und WAZ anderes kam uns nicht ins Haus – es gab ja auch nicht anderes mit einem Lokalteil für Herne (und das ist bis heute nicht anders). Ich habe es geliebt, morgens in der Zeitung zu blättern, mich durch die aktuellen Themen zu wühlen und war froh, nach der Zeitungslektüre nicht ganz so unwissend wie zuvor in die Schule gehen zu müssen. Die Schule hingegen war ein Thema für sich, aber das wollen wir jetzt nicht dramatisieren.

Jahrelang habe ich also Zeitung gelesen, morgens vor der Schule, mittags nach der Schule (wenn morgens die Zeit nicht gereicht hatte oder ich noch etwas nachlesen wollte), am Frühstückstisch, in Bus und Bahn (was aufgrund des Formats bisweilen durchaus unhandlich sein konnte), ich konnte miterleben, wie die WAZ bunt wurde, wie altgediente Redakteure in den Ruhestand gingen, habe Redaktionsbesuche erlebt und war im Arbeitskreis „WAZ Kinder- und Jugendseite“ des Herner Kinder- und Jugendparlamentes mitverantwortlich für diese einmal monatlich erscheinende Seite und habe selbst Artikel für die WAZ geschrieben. Ich durfte miterleben, wie die Redaktionen kleiner und die Aufgaben größer wurden, wie die WAZ Mediengruppe DerWesten an den Start schickte und weiter am Personal sparte, sah Layouts kommen und gehen und dann zog ich von Zuhause aus.

Von einem Tag auf den nächsten hatte ich zum Frühstück keine Tageszeitung mehr und ich vermisste nichts, fast nichts. Bis heute versuche ich noch immer, so es meine Müdigkeit zulässt, früh genug aufzustehen, um meinen Tagesbedarf an frühstücksfrischen Neuigkeiten und Einschätzungen abzudecken, nur dass dies seit Jahren von meinem Feedreader gedeckt wird, beinahe jedenfalls.

Irgendwann kam auch das Internet zu uns, zunächst mit Einwählverbindungen über das 56k-Modem – was waren das noch für Zeiten und Geräusche! – dann irgendwann auch mit 6000er-DSL oder dem, was unser Provider dafür hielt; faktisch war es 2000er-DSL am Ende einer langen, maroden Leitung. Wie zuvor, als Offline das einzige Leben war, suchte ich auch hier nach Nachrichten und Einschätzungen, fand Tageszeitungen und Magazine ebenso wie Blogs und musste feststellen, dass ich mit der Zeit ziemlich unzufrieden wurde mit der WAZ, die ich bis dato kritisch, aber zufrieden gelesen hatte. Mir stießen offensichtliche Fehler auf, ich störte mich an unreflektierten Kommentaren und zuletzt fand ich die WAZ auch optisch nicht mehr attraktiv.

In dieser Zeit, da das Internet zu mir kam, begann ich Probeabonnements anderer Zeitungen abzuschließen, las zwei Wochen lang die Süddeutsche Zeitung, testete die Frankfurter Rundschau und abonnierte für eine Zeitlang die taz. Ich erlebte mit Bedauern, wie die taz ihren eh nur vierseitigen, aber guten NRW-Teil einstellte und vermisste immer mehr eine Alternative zur WAZ mit einem NRW-Teil oder noch lieber einem Lokalteil für Herne, denn mein Hang zu Utopien war ungebrochen. Was hätte ich für eine vielschichtige, aktuelle Zeitung gegeben mit Hang zu fundierten Meinungen, einem klaren, schönen Layout – und einem Lokalteil für Herne.

Ich gebe es zu: Ich habe die WAZ verflucht für ihren Bratwurstjournalismus, ich konnte und kann mich noch immer gut darüber aufregen, dass der Kommentarbereich von DerWesten (wie der Kommentarbereich anderer Zeitungen und Nachrichtenportale auch) eine Brutstätte für Trolle und Nörgler ist, ein Hort für Diffamierungen, Resignation und Hass, aber dennoch habe ich, als ich mit dem Umzug die Chance auf ein zweiwöchiges Gratisabo der WAZ bekam, diese nach einiger Bedenkzeit genutzt und bekam nun seit dem 17. Januar die WAZ mit dem Herner Lokalteil. Wie es mir damit erging, erfahrt ihr in dem nächsten Post.

PS: Wenn es nur bei einem Beitrag geblieben wäre. Zwei Wochen Zeitung ist nichts für knappe 1000 Wörter, wenn es mehr als nur ein knappes Fazit sein will. Bleibt mir gewogen, auch wenn es etwas länger wird.

Die Serie WAZ sollen wir lesen erscheint ab sofort auch auf “Was mit Medien”, nachdem Hendryk die Texte bereits in seinem Blog veröffentlichte, so auch diesen Prolog. Der nächste Text ist schon online: Hier geht es zu Teil 1.

Tipp: Uns gibt es auch als RSS-Feed in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Hier gibt es unsere Texte aus dem Blog und hier gibt es unseren wöchentlichen Podcast.


Comments (9)

  1. Warum der Lokaljournalismus stirbt?

    Einerseits: Depolitization. Die wächst und erstreckt sich von der kommunalen bis zur Bundesebene.

    Andererseits: Globalization. Entgrenzung, Individualisierung, entfesselter Kapitalismus. Der moderne Arbeitnehmer hat keine festen Wurzeln mehr, weil er mobil und flexibel sein muss. Was interessiert ihn also die Lokalpolitik in Kaff A, wenn er weiß, dass die Wahrscheinlichkeit, in absehbarer Zeit in einem beliebigen Kaff B arbeiten zu müssen, sehr groß ist. Bei jungen gut gebildeten Leuten ist diese Wahrscheinlichtkeit relativ größer.

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