Bisher galt er als Chefaufseher von einem der größten und wichtigsten Internet-Konzerne der Welt: Eric Schmidt; in den vergangenen zehn Jahren der Vorstandsvorsitzende von Google. Jetzt will er in zwei Monaten diese Aufgabe an den Firmengründer Larry Page übergeben. Viele Fragen begleiten diese Ankündigung: Was passiert mit Google, wenn Schmidt von der Spitze abtritt? Welche Auswirkungen hat dieser Machtwechsel? Wie die Vision von Eric Schmidt aussieht, das hat er in dieser Woche bei der deutschen DLD Conference (in München) erklärt (die Rede haben wir komplett dokumentiert) Daniel Fiene war dabei und weiß, Schmidts Vision der digitalen Zukunft ist vor allem eine mobile.

Wenn der unauffällige Amerikaner Eric Schmidt von der Zukunft spricht, dann bekommt er glänzende Augen. Der 55-jährige Computer-Wissenschaftler gerät ins Schwärmen, bleibt dennoch ruhig. Er nutzte seinen ersten öffentlichen Auftritt nach seiner Ankündigung, den Google-Vorstandsposten zu verlassen, um eins klar zu stellen: Sein nächstes Jahrzehnt bei Google werde aufregender als sein erstes. Im Zentrum steht aber nicht der Computer – sondern vielmehr Handys mit Internetanschluss.

„Das Smartphone ist mehr als eine Ikone unserer Zeit. Es ist DAS Gerät unserer Zeit. Ein einfaches Beispiel: Wenn Sie Kinder haben, dann schlafen sie – oder sind online. Es gibt heute für Kinder nur diese zwei Zustände. Nicht wahr? In zwei Jahren werden mehr Smartphones als Computer verkauft. Das Wachstum ist jetzt schon stärker. Diese mobile Revolution nenne ich „Mobil an erster 39Stelle“ hat eine einfache Regel: „Was immer du machst, kümmere dich erst um das Mobile.“ Was ich immer wieder feststelle: Die Top-Entwickler von jungen Firmen kümmern sich jetzt schon erst um das Mobile.“

Smartphones machen das möglich, was Schmidt “Augmented Humanity” nennt – erweiterte Menschlichkeit.

„Ich bin ein Computerwissenschaftler. Also ist mein Standpunkt natürlich, dass Computerwissenschaft sehr große Probleme löst. Globale Erderwärmung, Terrorismus, Finanzmarkt-Transparenz – Themen über die wir uns alle Sorgen machen. Diese Themen sind im Kern Informationsprobleme.“

Um zu verstehen, wohin die Reise von Google in den kommenden Jahren geht, müssen wir einen Blick auf die konkrete Vision von Eric Schmidt werfen. Die beginnt eher morgen, als übermorgen.

„Sie werden nichts mehr vergessen. Computer vergessen nichts. Die merken sich – mit Ihrer Erlaubnis – das muss ich hier hinzufügen – wo Sie waren, was Sie gemacht haben, speichern Ihre Bilder, ob Sie das Hotel mochten, in dem Sie vor einer Weile waren, ob das Essen gut war oder welche Person Sie getroffen haben. Die merken sich alles – mit Ihrer Erlaubnis.“

With your permission – mit Ihrer Erlaubnis. Ein geflügelter Ausdruck in den Ausführungen vom Google-Manager. Er bemüht sich, den Konzern nicht als böse Datenkrake darzustellen, sondern als Lieferant für Techniken, die unsere Leben verbessern sollen – wenn wir denn wollen. Geliefert werden Werkzeuge für den großen Weltfrieden, als auch für die kleinen Alltagsprobleme.

„Es ist fürchterlich: Sie können sich nicht mehr verirren. Jeder hat hier ein Smartphone. Darauf gibt es Google Maps oder eine ähnliche Anwendung der Konkurrenz. Sie wissen exakt wo Sie sind. Auf Schritt und Tritt genau.“

Schmidts Vision ist simpel: Die Zukunft wird besser, die Technik dazu liefert Google. Google ist also mehr als der Suchmaschinen-Monopolist, der Lieblingsfeind der Printpresse oder der Konzern, der unsere Häuserfassaden fotografiert. Google will das Betriebssystem unserer digitalen Zukunft sein.

„Sie werden nie allein sein. Wenn Sie reisen können Sie immer mit Ihren Freunden sprechen – online. Ihre Freunde reisen jetzt mit. Instant Messaging und Facebook-Updates machen es möglich.“

In Zukunft sollen wir uns also nicht mehr darum kümmern, dass die Technik ohne Probleme rund läuft. Im Gegenteil: Die Technik soll uns helfen, vorwärts zu kommen. Im wahrsten Sinne des Wortes:

„Ich verstehe nicht, warum wir Menschen Auto fahren können. Autos sind sehr gefährlich. Sollten nicht Computer Autos fahren, während die Menschen diese beobachten? Wir haben sieben Testautos umgerüstet. Wir haben sie über 1.000 Meilen fahren lassen – mit einem Fahrer, der im Notfall übernehmen konnte. Es gab aber keinen Softwarefehler. Es macht mehr Sinn einen Autopiloten zu haben, der die Karte kennt und erkennt, was um das Auto herum passiert. Mehr Leute würden heute am Leben sein. Das ist ein wichtiges Thema.“

Zeichnen wir Schmidts Vision, mit dem Smartphone beginnend, zu Ende, ist das Ziel zu sehen: Die weltweiten Grenzen zwischen Arm und Reich sollen verschwinden. Aufklärung als Brücke der Welten.

„Informationen waren historisch den Eliten vorbehalten. Es war schwer an diese heranzukommen, sie zu verstehen und so weiter. Meine Vision ist zugänglich zu jedem Menschen auf diesem Planeten. Wir gehören zu einer gut ausgebildeten westlichen Elite. Es wird uns begeistern, wie klug und fähig all die Menschen sind, die bisher keinen Zugriff auf unseren Lebensstandard, unsere Universitäten und unsere Kultur hatten.“

Wolkig und Rosig – so beschreiben Beobachter die Vision, die Eric Schmidt in dieser Woche bei seinem Besuch in Deutschland gezeichnet hat. Andere verstanden seinen Auftritt als Bitte um Erlaubnis Daten sammeln zu dürfen. Dabei hat Eric Schmidt gezeigt, welchen Job er gut kann und in den nächsten zehn Jahren vermutlich öfters wahr nehmen wird – Eric Schmidt als Botschafter der digitalen Welt. Einer Google-Welt.

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Dieser Beitrag lief am 29. Januar 2011 im WDR 5 Medienmagazin Töne, Texte, Bilder. Hier geht es zur Sendungsseite und der Podcast ist auf dieser Webseite abzurufen. Das WDR 5 Medienmagazin Töne, Texte, Bilder ist an jedem Samstag von 15:05 – 15:35 Uhr zu hören. Links: Sender – Sendungsseite– Frequenzen– Livestream – Podcast.

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