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Feindbild: Internet!

Manchmal bin ich wirklich überrascht, wie sehr der deutsche Journalismus in die Stilmittel “Angst” und “Panik” verliebt ist. Ein Lehrstück liefert uns die neue Spiegel-Ausgabe. Ich wette: Dieses Abhandlung über die Internet-Datenkraken wird sich sehr gut verkaufen!Das Internet wird zum Feindbild stilisert, ohne dass dabei die wirklichen Probleme benannt werden. Lösungsansätz? Fehlanzeige! Die Titelgeschichte ist unkonstruktiv bis zum geht nicht mehr. Und am Ende jammern die Verleger, warum die Netzgemeinde ihr Geld bei der neuen Konkurrenz im Netz (Spiegel-Deutsch: Datenkraken) lässt. Sie verstehen nicht, warum die Nutzer mehr Euros bei Apple ausgeben oder Google und Facebook freiwillig mit ihren Daten füttern. Dabei ist die Erklärung simpel: Diese neuen Player bereichern das Leben der Nutzer konstruktiv. Das scheint der hiesige Journalismus an vielen Stellen verlernt zu haben. Stattdessen steigt der Spiegel lieber mit der Angst ins Bett. Heraus kommt ein neues Feindbild: Das Internet!

Dabei beginnt der Artikel  gar nicht mal so schlecht. Zu Beginn wird eine Szene geschildert, bei der die US-Behörden bei Facebook vorbeischauen und offensichtlich Interesse an dem einen oder anderen Datensatz haben. Es wird schnell klar: Wo viele Daten sind, können diese neu zusammengestellt und missbraucht werden. Die Gefahr geht aber tatsächlich kaum von den Anbietern selbst aus, sondern wenn sich Dritte ungefragt oder gar Staaten Zugang verschaffen.Aber dazu später mehr.

Doch hiervon erfährt der Leser der Spiegelgeschichte zunächst nichts (nur später am Rande), sondern wird auf den Pfad der gefährlichen Cookies gelockt. In epischer Breite wird erklärt, dass wir uns vor personalisierter Werbung im Web fürchten müssen.

Mir fällt viel zu dieser Titelgeschichte ein. Dass der Spiegel nicht zum ersten Mal das Feindbild Internet aufbaut, dass er doch selbst viele Cookies auf seinen Webseiten anbietet, dass die Verlagsbranche auch sehr viel über die eigenen Leser wissen will und dass die Abobranche viele Daten hortet. Darüber brauche ich aber nichts schreiben. Das hat der Kollege Richard Gutjahr in einem spannenden Blogbeitrag geschrieben. Gutjahrs treffender Titel: Eure Doppelmoral kotzt mich an!

Die “böse” personalisierte Werbung

Ich kenne in meinem Umfeld niemanden, der an personalisierter Werbung gestorben ist. Okay, das ist hoffnungslos übertrieben. Was ich aber sagen will: Was ist schlimm an personalisierter Werbung? Der Spiegel versucht dies so zu erklären: Die Technik dahinter ist das Problem. Technik, die so genaue Nutzerprofile erstellen kann, könnte irgendwann zum Missbrauch eingesetzt werden.

Willkommen im Hätte-Wenn-Und-Aber-Journalismus. Mit diesem Argumentation ließe sich auch eine Hass-Titelgeschichte rund um Feuerzeuge rechtfertigen. Schließlich kann ich damit nicht nur meine Ikea-Teelichter, sondern auch Bomben anzünden.

Das “böse” Gedächtnis

Ach ja. Das Internet vergisst nichts und nie. Überhaupt stehen nur die schlechten Dinge im Internet. Eine Studie soll den Beweis liefern – das Ergebnis: “Das Gerücht, jemand habe einen Preis errungen, verflüchtigt sich schnell. Wird dagegen gemunkelt, er sei betrunken am Steuer erwischt worden, bleibt das hartnäckig in Umlauf.”

Entschuldigung. Aber was hat das mit dem Internet zu tun‽ In jeder Kollegschaft, Klasse oder in jedem Freundeskreis ist dieses Verhalten zu beobachten. Diese sozialen Phänomene gibt es, seit es Menschen gibt – und nicht seit dem es das Internet gibt.

Internetnutzer = Selbstentäußert und blöd!

Wem ist eigentlich als Leser noch der Gedanke gekommen, dass der Spiegel sogar alle seine Leser beleidigt? Spätestens bei diesem Satz war es bei mir so weit: “Weitaus stärker noch treibt sozialer Druck das Publikum in die Selbstentäußerung – auch der Nachbar ist neugierig. Wer sich nicht in einem sozialen Netzwerk präsentiert, ist fast schon der Eigenbrötelei verdächtig.”

Die wahren Probleme werden nicht benannt

Mit diesem Kommentar zur Spiegel-Titelgeschichte fordere ich nicht die bedingungslose Vergötterung des Internets. Das Internet ist keine heile Welt. Das Internet ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Der Spiegel hat mit seiner Geschichte das gleiche Problem, wie die RTL-2-Sendung “Tatort: Internet” – das Internet wird als Ursache des Schlechten hingestellt, die gesellschaftlichen Ursachen werden vernachlässigt.

Ich hätte mir bei der Titelstory einen Schwerpunkt auf ganz andere Probleme gewünscht. Deswegen noch mal zurück zu der Bedrohung, dass Staaten Interesse an Unternehmensdaten haben. So habe ich im Sommer mit Deutschlands obersten Datenschützer Peter Schaar gesprochen. Ich wollte mir das mit der personalisierten Werbung und dem möglichen Missbrauch genauer erklären lassen. Er meinte, dass Google & Co. alles dafür tun, dass mit meinen Daten kein Missbrauch betrieben wird. Das ganze Geschäftsmodell steht und fällt mit dem Vertrauen der Nutzer! Was aber, wenn sich Dritte Zugang verschaffen oder staatliche Behörden die Unternehmen zur Herausgabe der Daten zwingen? Wie real dieses Szenario ist, sehen wir am Beispiel von Twitter. Die US-Behörden verlangten in dieser Woche die Nutzerdaten von Wikileaks-Unterstützern.

Auch bei den Handy-Adressbüchern sehe ich ein Problem. Als Journalist darf ich sensible Telefonnummern nicht mehr in meinem Smartphone speichern. Gewähre ich irgendeiner App Zugriff auf mein Telefonbuch, dann hat die Firma hinter dieser App eine Verbindung gespeichert. Unter Umständen kann eine dritte Person, die in meinem Adressbuch gespeichert wurde, eine böse Überraschung erleben, wenn diese sich für einen Dienst anmeldet, und dieser Dienst dann schon viel weiß.

Gleiches gilt für das ungefragte Taggen von Personen auf Bildern. Hier hat der Spiegel wenigstens darauf hingewiesen, dass es sich herumspricht, dass sich so etwas nicht gehört.

Diese Probleme sind aber zu bewältigen. Allerdings muss dies den Internetnutzern ordentlich erklärt werden. Hier sehe ich auch die Aufgabe des Journalismus: Aufklären, Transparenz schaffen und Zusammenhänge erklären. Das hat der Spiegel bei seiner aktuellen Titelgeschichte in beeindruckender Weise nicht geschafft.

Und in einem bin ich mir auch sicher: Es ist nicht die Aufgabe von Journalisten Angst zu schüren!

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