spiegel_2011_02

Feindbild: Internet!

Manchmal bin ich wirklich überrascht, wie sehr der deutsche Journalismus in die Stilmittel “Angst” und “Panik” verliebt ist. Ein Lehrstück liefert uns die neue Spiegel-Ausgabe. Ich wette: Dieses Abhandlung über die Internet-Datenkraken wird sich sehr gut verkaufen!Das Internet wird zum Feindbild stilisert, ohne dass dabei die wirklichen Probleme benannt werden. Lösungsansätz? Fehlanzeige! Die Titelgeschichte ist unkonstruktiv bis zum geht nicht mehr. Und am Ende jammern die Verleger, warum die Netzgemeinde ihr Geld bei der neuen Konkurrenz im Netz (Spiegel-Deutsch: Datenkraken) lässt. Sie verstehen nicht, warum die Nutzer mehr Euros bei Apple ausgeben oder Google und Facebook freiwillig mit ihren Daten füttern. Dabei ist die Erklärung simpel: Diese neuen Player bereichern das Leben der Nutzer konstruktiv. Das scheint der hiesige Journalismus an vielen Stellen verlernt zu haben. Stattdessen steigt der Spiegel lieber mit der Angst ins Bett. Heraus kommt ein neues Feindbild: Das Internet!

Dabei beginnt der Artikel  gar nicht mal so schlecht. Zu Beginn wird eine Szene geschildert, bei der die US-Behörden bei Facebook vorbeischauen und offensichtlich Interesse an dem einen oder anderen Datensatz haben. Es wird schnell klar: Wo viele Daten sind, können diese neu zusammengestellt und missbraucht werden. Die Gefahr geht aber tatsächlich kaum von den Anbietern selbst aus, sondern wenn sich Dritte ungefragt oder gar Staaten Zugang verschaffen.Aber dazu später mehr.

Doch hiervon erfährt der Leser der Spiegelgeschichte zunächst nichts (nur später am Rande), sondern wird auf den Pfad der gefährlichen Cookies gelockt. In epischer Breite wird erklärt, dass wir uns vor personalisierter Werbung im Web fürchten müssen.

Mir fällt viel zu dieser Titelgeschichte ein. Dass der Spiegel nicht zum ersten Mal das Feindbild Internet aufbaut, dass er doch selbst viele Cookies auf seinen Webseiten anbietet, dass die Verlagsbranche auch sehr viel über die eigenen Leser wissen will und dass die Abobranche viele Daten hortet. Darüber brauche ich aber nichts schreiben. Das hat der Kollege Richard Gutjahr in einem spannenden Blogbeitrag geschrieben. Gutjahrs treffender Titel: Eure Doppelmoral kotzt mich an!

Die “böse” personalisierte Werbung

Ich kenne in meinem Umfeld niemanden, der an personalisierter Werbung gestorben ist. Okay, das ist hoffnungslos übertrieben. Was ich aber sagen will: Was ist schlimm an personalisierter Werbung? Der Spiegel versucht dies so zu erklären: Die Technik dahinter ist das Problem. Technik, die so genaue Nutzerprofile erstellen kann, könnte irgendwann zum Missbrauch eingesetzt werden.

Willkommen im Hätte-Wenn-Und-Aber-Journalismus. Mit diesem Argumentation ließe sich auch eine Hass-Titelgeschichte rund um Feuerzeuge rechtfertigen. Schließlich kann ich damit nicht nur meine Ikea-Teelichter, sondern auch Bomben anzünden.

Das “böse” Gedächtnis

Ach ja. Das Internet vergisst nichts und nie. Überhaupt stehen nur die schlechten Dinge im Internet. Eine Studie soll den Beweis liefern – das Ergebnis: “Das Gerücht, jemand habe einen Preis errungen, verflüchtigt sich schnell. Wird dagegen gemunkelt, er sei betrunken am Steuer erwischt worden, bleibt das hartnäckig in Umlauf.”

Entschuldigung. Aber was hat das mit dem Internet zu tun‽ In jeder Kollegschaft, Klasse oder in jedem Freundeskreis ist dieses Verhalten zu beobachten. Diese sozialen Phänomene gibt es, seit es Menschen gibt – und nicht seit dem es das Internet gibt.

Internetnutzer = Selbstentäußert und blöd!

Wem ist eigentlich als Leser noch der Gedanke gekommen, dass der Spiegel sogar alle seine Leser beleidigt? Spätestens bei diesem Satz war es bei mir so weit: “Weitaus stärker noch treibt sozialer Druck das Publikum in die Selbstentäußerung – auch der Nachbar ist neugierig. Wer sich nicht in einem sozialen Netzwerk präsentiert, ist fast schon der Eigenbrötelei verdächtig.”

Die wahren Probleme werden nicht benannt

Mit diesem Kommentar zur Spiegel-Titelgeschichte fordere ich nicht die bedingungslose Vergötterung des Internets. Das Internet ist keine heile Welt. Das Internet ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Der Spiegel hat mit seiner Geschichte das gleiche Problem, wie die RTL-2-Sendung “Tatort: Internet” – das Internet wird als Ursache des Schlechten hingestellt, die gesellschaftlichen Ursachen werden vernachlässigt.

Ich hätte mir bei der Titelstory einen Schwerpunkt auf ganz andere Probleme gewünscht. Deswegen noch mal zurück zu der Bedrohung, dass Staaten Interesse an Unternehmensdaten haben. So habe ich im Sommer mit Deutschlands obersten Datenschützer Peter Schaar gesprochen. Ich wollte mir das mit der personalisierten Werbung und dem möglichen Missbrauch genauer erklären lassen. Er meinte, dass Google & Co. alles dafür tun, dass mit meinen Daten kein Missbrauch betrieben wird. Das ganze Geschäftsmodell steht und fällt mit dem Vertrauen der Nutzer! Was aber, wenn sich Dritte Zugang verschaffen oder staatliche Behörden die Unternehmen zur Herausgabe der Daten zwingen? Wie real dieses Szenario ist, sehen wir am Beispiel von Twitter. Die US-Behörden verlangten in dieser Woche die Nutzerdaten von Wikileaks-Unterstützern.

Auch bei den Handy-Adressbüchern sehe ich ein Problem. Als Journalist darf ich sensible Telefonnummern nicht mehr in meinem Smartphone speichern. Gewähre ich irgendeiner App Zugriff auf mein Telefonbuch, dann hat die Firma hinter dieser App eine Verbindung gespeichert. Unter Umständen kann eine dritte Person, die in meinem Adressbuch gespeichert wurde, eine böse Überraschung erleben, wenn diese sich für einen Dienst anmeldet, und dieser Dienst dann schon viel weiß.

Gleiches gilt für das ungefragte Taggen von Personen auf Bildern. Hier hat der Spiegel wenigstens darauf hingewiesen, dass es sich herumspricht, dass sich so etwas nicht gehört.

Diese Probleme sind aber zu bewältigen. Allerdings muss dies den Internetnutzern ordentlich erklärt werden. Hier sehe ich auch die Aufgabe des Journalismus: Aufklären, Transparenz schaffen und Zusammenhänge erklären. Das hat der Spiegel bei seiner aktuellen Titelgeschichte in beeindruckender Weise nicht geschafft.

Und in einem bin ich mir auch sicher: Es ist nicht die Aufgabe von Journalisten Angst zu schüren!

Tipp: Uns gibt es auch als RSS-Feed in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Hier gibt es unsere Texte aus dem Blog und hier gibt es unseren wöchentlichen Podcast.

Comments (41)

  1. Pingback: Genug jetzt – Ich bin dafür! | David Philippe – Social Media, PR und mehr.

  2. Pingback: Facebook setzt verstärkt auf Business « blog.skillnote.com

  3. Schöner Artikel. Und wenn die Verlage nichts zu berichten haben, muss immer Hitler, Sex oder das böse Internet herhalten. Panikmache im 21. Jahrhundert. Aber sicherlich wird sich auch diese Ausgabe wieder gut verkaufen unter den ohnehin schon eingeschüterten Internet-Wenig-Nutzern.

  4. Pingback: mediaclinique | ralf schwartz

  5. “…und fragt, was denn so schlimm sei an personalisierter Werbung”
    Weil Reklame (so heißt der Mist) die Welt nicht verbessert sondern uns immer belügt (sonst bräuchte man sie nicht). Reklamefuzzis sind genauso schlimm wir Immobilienhaie und Politiker.

  6. Sehr treffend formuliert, danke. In der Tat scheint das Internet nach wie vor nicht nur Politiker, sondern auch althergebrachte Medien in unsägliche Verwirrung und tiefe Sinnkrisen zu stürzen. Es ist dieselbe Doppelmoral beim Spiegel, der mit SpOn eine pseudo-intellektuelle Nutzergruppe anzulocken (und ihnen ihre Nutzerdaten zu entlocken) versucht, auf der anderen Seite aber genau dieses Verhalten anprangert.
    Das beste Beispiel hast du selbst erwähnt: RTL II. Da steht Baronin von, zu und sowieso Guttenberg mit tief betrübter Miene vor der Kamera und prangert genau das an, was sie selbst tut: Pädos (die per Defition gar keine sind!) zu triggern, und sich ihnen als Supergirl mit laufender Kamera zu offenbaren. Pädos sind sie deshalb nicht, weil jemand, der auf 13jährige steht, allenfalls per Definition an Hebephilie, nicht aber Pädophilie leidet. Egal, das würde das RTL II-Publikum nur verwirren, die große Keule des Kindesmissbrauchs unwirksam machen und ablenken vom reißerischen Thema. Also weiter: sie prangert an, dass ein Gesetz fehlt, das es per se schon seit 2004 gibt. Na gut. Fachberatungen sind für RTL II-Produktionen halt zu teuer. Oder zu unpopulär.
    Nett wird es aber, wenn RTL II im Anschluss Dokus sendet über Puffs, in denen die jüngsten Prostituierten Deutschlands arbeiten und zwar allesamt volljährig sind, aber noch aussehen wie Teenies. Ähm, ja.
    Doppelmoral? Exakt. Und nichts anderes treiben zu meinem Leidwesen auch angeblich seriöse Medien – denn die Quote ist halt alles.

  7. Ich glaube, dass der Spiegel mit diesem Artikel gar nicht objektiv informieren wollte. Vielmehr wollte er einen Artikel schreiben, den der Leser “mag”, auf einem Nivieau das er vesteht, in dem seine Vorturteile bestätigt werden. Ein Artikel, der gut runtergeht und mit dem man auch am Stammtisch mit “Argumenten” glänzen kann.
    Die Art halt, die man von Bild und anderen Gazetten kennt.
    Kein Wunder also, dass auch ich mich vermehrt im Internet informiere.

  8. “Mit diesem Argumentation ließe sich auch eine Hass-Titelgeschichte rund um Feuerzeuge rechtfertigen. Schließlich kann ich damit nicht nur meine Ikea-Teelichter, sondern auch Bomben anzünden.”

    Nun ja, wer ein Feuerzeug nicht von der Verwertung personenbezogener Daten unterscheiden kann, sollte vielleicht doch lieber wieder über Kleintierzüchter berichten.

  9. “Willkommen im Hätte-Wenn-Und-Aber-Journalismus. Mit diesem Argumentation ließe sich auch eine Hass-Titelgeschichte rund um Feuerzeuge rechtfertigen.”

    Na ja, aber mit genau der Argumentation – Kinderpornosperren könnten für Zensur benutzt werden – wurden ja auch die KiPo-Sperren (vorerst) halbwegs gestoppt. Und das zu recht. Und leider nicht von Journalisten.

    Also ganz abwegig ist diese Form des Journalismus nicht, sie sollte halt fundiert sein.

    • Der Fall mit den Kinderpornosperren war etwas anders. So gab es hier schon konkrete Beispiele aus anderen Ländern. Außerdem gab es hier noch ganz andere Problematiken. Da war zum Beispiel die Trennung zwischen Aufsicht und Ausführung bei der Polizei nicht mehr gegeben.

      • Ist schon klar, ich wollte nur darauf hinweisen, dass diese Art von Journalismus nicht ganz abwegig ist, wenn sie etwas fundierter ist als der Spiegel-Artikel.

  10. “Willkommen im Hätte-Wenn-Und-Aber-Journalismus. Mit diesem Argumentation ließe sich auch eine Hass-Titelgeschichte rund um Feuerzeuge rechtfertigen. Schließlich kann ich damit nicht nur meine Ikea-Teelichter, sondern auch Bomben anzünden.”

    Dieser Satz ist natürlich vollkommen inhaltlich absurd, denn er verkennt den tatsächlichen Mißbrauch.

    Während Millionen von Menschen allein in unserem Land tagein tagaus ihre Kerzen friedfertig mit Fuerzeugen anzünden findet alltäglich ein millionenfacher Mißbrauch von privaten Adressen und Telefonnumern statt. Trotz aller Verbote: Banken, Telekommunikationsgesellschaften und “social networks”, sie alle verschachern unsere persönlichen Kontaktdaten an jeden, der danach fragt, ob gesetzeswidrig oder nicht ist denen fast immer egal. Oder wo kommen die ganzen Anrufe und eMails her “Sie hatten ja einem Anruf/eMail/persönlichen Kontakt zugestimmt” …. ????

    Man muß durchaus das anklagen, was Quelle eines Übels ist. Deshalb ist es auch gut, daß Schußwaffen (praktisch analog zu den oben genannten Feuerzeugen) bei uns einschränkender gehandhabt werden als bei den US-Amerikanern.

    Weder Feuerzeuge noch Schußwaffen sind böse. Beide können aber für Böses mißbraucht werden. Bei Schußwaffen passiert das regelmäßig, bei Feuerzeugen eben nicht.

    Das gleiche gilt für “Facebook & Co.”, sie kümmern sich einen Dreck um unsere Privatsphäre und mißbrauchen die ihnen bekannten Daten für eigene zweckefremde Bereiche oder verhöckern sie an jeden, der dafür zahlt.

    Deshalb erfolgt hier die Kritik des Spiegels zu Recht !

    Genaus so naiv ist der Satz aus der Einführung:

    “Sie verstehen nicht, warum die Nutzer mehr Euros bei Apple ausgeben oder Google und Facebook freiwillig mit ihren Daten füttern. Dabei ist die Erklärung simpel: Diese neuen Player bereichern das Leben der Nutzer konstruktiv.”

    Bei den Römern nannte man das “Brot und Spiele fürs Volk”.

    Mehr braucht man dazu eigentlich nicht zu sagen.

    Doch angemerkt werden sollte, daß Demokratie nur bestehen kann, wenn sich der Bürger seiner Rechte und Pflichten bewusst ist.

    Im Internet scheint er diese Rechte gerade bezüglich Apple & Co nur zu gerne aufgeben zu wollen.

    Bedenklich ist das mal mindestens.

    Das Hauptproblem des Artikels (im Spiegel wie hier) ist wohl, daß unterschiedliche Aspekte nicht klar erläutert werden.

    Da wird hier zu Recht bemängelt, daß sich der Spiegel über “Cookies” beschwert, die er vermutlich selbst genau so benutzt (vermutlich benutzen muß, sonst würde er sich nirgendwo merken können, was der User eigentlich online anfragt).

    Auf der anderen Seite beschreibt der Artikel hier selbst relativ mild:

    “So habe ich im Sommer mit Deutschlands obersten Datenschützer Peter Schaar gesprochen. Ich wollte mir das mit der personalisierten Werbung und dem möglichen Missbrauch genauer erklären lassen. Er meinte, dass Google & Co. alles dafür tun, dass mit meinen Daten kein Missbrauch betrieben wird. Das ganze Geschäftsmodell steht und fällt mit dem Vertrauen der Nutzer!”

    Ja, wer’s glaubt …..

    Letztendlich beschreibt der Artikel hier auf dieser Seite das ganze Problem erst zum Schluß:

    “Diese Probleme sind aber zu bewältigen. Allerdings muss dies den Internetnutzern ordentlich erklärt werden. Hier sehe ich auch die Aufgabe des Journalismus: Aufklären, Transparenz schaffen und Zusammenhänge erklären. Das hat der Spiegel bei seiner aktuellen Titelgeschichte in beeindruckender Weise nicht geschafft.”

    Ich glaube, die meisten Menschen wollen einfach nicht erkennen, was das Problem ist. Sie sind schlicht zu naiv (ich hoffe nicht: zu dumm !). Deshalb muß Journalismus manchmal auch plakativ aufrütteln (wenn auch bitte nicht auf BILD-Niveau).

    • Tomtom, gerade was du zuletzt angemerkt hast, ist wichtig: Ja, der Spiegel hat bestimmt aufrütteln wollen – aber es ging nicht darum das Internet zu verbessern. Dann hätte er stärker aufgeklärt und weniger Angst gemacht.

    • Was bitte macht ihr alle mit euren Daten? Sorry: ich bin Social Network-Heini und arbeite nicht nur tagtäglich 8, 10 oder 12 Stunden vorwiegend in Social Networks und Blogs, sondern bin auch in zahlreichen registriert. Auch mit Realdaten. Und ich werde weder ständig unerwünscht angerufen, noch kann ich seit Beginn dieser Tätigkeit über einen signifikaten Anstieg meiner Spammails klagen. Als Evidenz reicht Hörensagen einfach nicht aus. Und wer sich bei jedem Gewinnspiel registriert und beim Einkauf freudestrahlend Payback, Shell Clubsmart, Deutschland Card und sonstiges zückt, um sich einen Cent Vergünstigung zu verschaffen, hat in meinen Augen die Datenschutz-Debatte nicht begriffen.
      Datenschutz: unbedingt! Das ist substanziell, und ich bin ein erbitterter Verfechter von Privatsphäre.
      Panikmache und Desinformation à la Spiegel: nein danke. Das ist irreführend und der faktenbasierten Diskussion um mehr Transparenz bei gleichzeitiger Datensicherheit und Privatsphäre abträglich. Das dient nicht der Debatte, sondern der Auflage. Und solche Methoden sollte Spiegel doch getrost dem Pabst der Qualitätsjournalismusmedien, Herrn Döpfner, und seinen Schmierblättern überlassen.

  11. Ich mag den SPIEGEL ja auch nicht so besonders, aber ihm “Hätte-Wenn-und-Aber-Journalismus” vorzuwerfen, finde ich reichlich abstrus. Man muss das mal zu Ende denken. Wenn hätte, wenn und aber im Journalismus verboten wären, dürfte es nicht einmal einen Wetterbericht geben, sondern nur nachträgliche Wetterberichterstattung.

    Anders gesagt: Ich kann nichts Falsches daran finden, wenn Medien auf mögliche Entwicklungen hinweisen, die sich von der Realität ableiten lassen.

    Die Gefahren, die in personalisierter Werbung stecken, schätze ich übrigens so niedrig nicht ein. Personalisierte Propaganda wird nämlich auch personalisierte Abwehrmechanismen erfodern.

    Und wer denkt, das sei keine Gefahr, wird mit einem schlimmen Kater aufwachen.

  12. Pingback: Anonymous

  13. Eigentlich haben die beim Spiegel doch alles richtig gemacht. Bei einem Titel gegen das Internet hat man zum einen die Nicht-Internet-Kenner bedient, indem man die Themen “Angst” und “dieses Internet-Dings” vereint und zum einen dafür gesorgt, dass die Blogger brav Artikel darüber schreiben was denn dieses Mal im Spiegel zu sehen ist und wie das Cover der Aussage aussieht, dass sich die Leute kaufen sollen/müssen, um sich über den Spiegel aufzuregen.
    Im Endeffekt könnte man ja auch mutmaßen, ob eigentlich kritische Blogtexte nicht auch Einfluss an den guten Verkaufszahlen haben, was dann zwar ungewollt sein mag, aber andererseits kommen dadurch dann wieder neue schlechte Hefte, über die dann weitere Blogtexte verfasst werden können usw. Man füttert sich also quasi gegenseitig.
    Diese Vermutung wird schon dadurch häufig unterstützt, dass die Blogger immer mehr die Verleger direkt ansprechen (“Eure Doppelmoral”) und nicht den Leser. Beim scheinbaren Kreuzfeuer zwischen Verlagen und Bloggern und bleiben die Leser dann oft auf beiden Seiten außen vor.
    Und dass die Verlage nichts an ihrer Strategie ändern, nur weil ein paar Blogger ihre Strategie kritisieren, dürfte ja nun wirklich jedem klar sein. Daher ist es verwunderlich, dass solche Texte dennoch so oft die Verleger ansprechen (auch wenn dies natürlich nur vordergründig so ist).

    In dem die kleinen Blogs die großen Verlage indirekt füttern, tragen sie z.T. auch dazu bei, dass sich an der Situation nichts ändert. Ich frage mich daher, ob es nicht bessere Wege gebe, etwas an der Situation zu ändern.

    So wird z.B. auch immer wieder kritisiert wie schlecht recherchiert wird oder wie viel Raum Boulevard einnimmt oder eben – wie hier – Angst. Aber ich sehe da ehrlich gesagt bei Blogs i.A. keinen Unterschied. Diskussionen über Leistungsschutzrecht etc. werden in Blogs auch häufig auf der Angst-Schiene gefahren (Leistungsschutzrecht –> alles Zitieren verboten, Google Street View zensieren—>allgemeine Zensur etc.). Das ist ärgerlich, weil man bei solchen Themen natürlich ein schweres Gegengewicht braucht, um so einen Blödsinn wie das Leistungsschutzrecht zu verhindern. Aber dadurch, dass sich zu viele Blogs an die selbsternannten Qualitätsmedien angleichen (Oberflächlich, mit billigen Effekten, viele Boulevard-Themen und v.a. nie mehr als 2-3 Themen pro Monat, dafür aber jeden Tag etliche Texte dazu raushauen etc.) ist die Situation aktuell wie folgt:

    Wir haben Qualitätsmedien, die keine sind und wir haben Blogger, die das zwar glücklicherweise mal laut aussprechen, die aber selber nicht versuchen eine Lösung zu sein.

    Der Vergleich mit dem Feuerzeug ist auch nur halb-richtig. Denn wenn man die gleiche Argumentation mit einem anderen Beispiel ausführt, ließe sich auch sagen:
    “Mit dieser Argumentation ließe sich auch eine Hass-Titelgeschichte rund um Sprengstoff rechtfertigen. Schließlich kann ich damit nicht nur meine wertvolle Ressourcen freilegen, sondern auch Menschen in die Luft jagen.””

    Natürlich wurde hier das Feuerzeug-Beispiel absichtlich gewählt, um personalisierte Werbung möglichst harmlos erstellen zu lassen und damit ein möglichst starkes Gegengewicht zum Spiegel aufzubauen. Das Beispiel mit dem Sprengstoff finde ich allerdings passender, denn natürlich ist Sprengstoff nichts grundsätzlich schlimmes, aber das heißt ja nicht, dass die Produktion und Benutzung gänzlich unbedenklich ist.

    Zudem wird hier natürlich ein anderer Punkt (absichtlich?) unter den Tisch fallen gelassen: Das viele Daten heimlich gesammelt werden oder dass das Informationen darüber was gesammelt wird, verschwiegen werden oder möglichst schwammig ausgedrückt irgendwo versteckt werden und das diese Daten verkauft werden ohne das dazu eine Zustimmung eingeholt oder eine Auskunft erteilt wird.
    Auch der Versuch hier das Thema “Daten sammeln” zu verstecken und sich auf “personalisierte Werbung” zu konzentrieren, ist ein geschickter Schachzug die Unbedenklichkeit der harmlosen personalisierten Werbung darzustellen, indem so getan wird, als wäre das irgendwie personalisiert. Was für Daten da alles gesammelt werden und was da alles so in personalisierte Werbung einfließt, wird ebenfalls lieber nicht weitere beleuchtet. Der Begriff “personalisierte Werbung” muss schließlich möglichst abstrakt und schmutzfrei bleiben, um ihn hier als absolut unbedenklich etablieren zu können.

    Meiner Meinung nach ist dieser Text kein bisschen ausgewogener oder vollständiger als dass was angeblich so im Spiegel steht.

    • Hey Kerstin, danke für deine lange Antwort. Da scheine ich ja was richtig gemacht zu haben, wenn du dich so intensiv mit meinem Artikel auseinandersetzt. Ich komme allerdings nicht mit, wenn du “von den Blogs” sprichst. Ich finde: Das ist zu stark verallgemeinert.

      Was ich aber hauptsächlich kritisiere: Der Spiegeltitel ist unkonstruktiv. Es wird mehr Angst gemacht, als das Lösungsansätze oder Hilfen geboten werden. Ich denke, das darf ich sehr wohl kritisieren. Ich mache jede Woche eine Radiosendung über das Internet. Dort erklären wir sehr viel – wir zeigen die nützlichen Dinge, warnen aber auch vor den Risiken.

  14. Sehr guter Artikel, vielen Dank! Der Spiegel sollte lieber zeigen, wie man mit Privatspähre-Funktionen diverser Netzwerke umzugehen hat, anstatt mal wieder Panik zu machen.

    PS: Schade, dass ihr keine Druckfunktion auf eurer Seite eingebaut habt. :(

  15. “Gleiches gilt für das ungefragte Taggen von Personen auf Bildern. Hier hat der Spiegel wenigstens darauf hingewiesen, dass es sich herumspricht, dass sich so etwas nicht gehört.”
    Schöner Artikel, nur in obigem Punkt möchte ich anmerken: alle großen Netzwerke bieten Einstellungen an, die dies kontrollieren. Möchte ich als Nutzer nicht getaggt werden, kann ich es automatisch unterbinden bzw. eine Freigabe einfordern. Ist “alles automatisch zulassen” eingestellt, impliziert das für mich als Taggender, dass derjenige sein Einverständnis gibt.

  16. Pingback: Der

  17. Pingback: Lynyus|blog » Die Doppelmoral des Spiegels wenns um Datenschutz geht.

  18. Auch in der Welt vor c. 2 Monaten gab es auf der prominenten Seite 2 einen Artikel zum Thema Internet. Grundtenor: Das Internet
    – verletzt Urheberrechte
    – verbreitet unsittliche Inhalte
    – verletzt Datenschutz
    – und überhaupt ist krminell und böse.

    Diese verkürzenden Thesen sind aber natürlich nie hilfreich. Bedenken sollte man bei der ganzen Debatte um das Thema Datenschutz und den amerikanische Datenkraken Facebook und Google, das wir hier in Deutschland eine besondere Sitaution haben und hatten, die uns scheinbar bis heute prägt.
    Da ist zum einen die Heroldsche Rasterfahndung in den Zeiten der RAF, die Datenschutz überhaupt erst zum Thema gemacht hat. So hatten wir in Deutschland bereits 1978 mit Hans Peter Bull unseren ersten Datenschutzbeauftragten und natürlich die jahrelange Debatte um die Volkszählung, die 1983 zum Volkszählungsurteil geführt hatte.

    Inzwischen ist aber das große Feindbild nicht mehr die der Staat, sondern die amerikanischen Netzgiganten. Der Politik ist dieser Schulterschluss mit den Verlegern sicher sehr recht, sind Sie doch zumindest aus der Schusslinie zum Thema Datenschutz und sonnen sich im Licht als Verteidiger vor den bösen Mächten des Internet

    Woher kommt aber diese ideologisch aufgeheizte Debatte um das Internet. Warum ist für die einen das Internet ein Hort der kollektiven Verdummung und krminineller Machenschaften und für andere der Heilsbringer einer schönen neuen Welt?

    Auch hier mein Wunsch an die vierte Macht im Staat mehr Wissen statt Panik verbreiten.

    Danke für euren Beitrag
    Alexander

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  22. Wo wir gerade von Doppelmoral reden: Website-Betreiber sollten sich mal fragen, inwiefern sie die Privatsphäre ihrer Besucher mit Füßen treten, beim einbinden von Google-Analytics oder social media button Dritter.
    Um noch einmal auf das eigentliche Thema zurück zu kommen: Internet ist doch nur ein Multiplikator, eine Technologie. Und wie bei jeder neuen Technologie, brauch es eben Zeit für Sozialisierung und Einsicht.

    • Simon, zum ersten Teil: Was wäre denn für dich ein gangbarer Weg? Ein Hinweisbutton über die Verwendung und ein Link zu einem Tool, welches diese Einbindungen ausblendet?

      Zum zweiten Teil: Ja, sehr gut! Müßte man markieren und fett unterstreichen.

  23. Zitat Daniel Fiene: “Hey Kerstin, danke für deine lange Antwort. Da scheine ich ja was richtig gemacht zu haben, wenn du dich so intensiv mit meinem Artikel auseinandersetzt.”

    “Hey Daniel, danke für deine lange Antwort. Da scheinen wir ja was richtig gemacht zu haben, wenn du dich so intensiv mit unserem Artikel auseinandersetzt.”
    Liebe Grüße, Dein SPIEGEL.

    Keine Frage, der SPIEGEL hat viel Schwachsinn geschrieben. Dass Du aber in einigen Punkten, hier bereits treffend kritisiert, ungenau bleibst und in den Kommentaren nur unzulänglich auf die Kritik eingehst, ist ebenso ärgerlich.

    • Kalle, ich muß nicht auf jeden Argumentationsstrang oder Nebensatz hier in den Kommentaren eingehen. Ich denke die Leser können sich schon selbst ein Bild machen, ob die Kritik einzelner Kommentatoren berechtigt ist oder auch nicht.

  24. Ich habe was an Ihrem Beitrag auszusetzen:
    1. Natürlich habe ich etwas gegen personalisierte Werbung. Zum einen, weil sie wie jede Werbung mich belästigt und eine Unmenge Zeit und (sofern sie auf nicht-digitalem Wege zu mir gelangt) Platz in der Papiertonne raubt. Zum anderen, weil sie personalisiert ist und uns zu Käufen verlockt. Meiner Ansicht nach verliert man in der digitalen Welt jedes Gespür für die Beträge der getätigten Ausgaben, weil die Stofflichkeit der Geld- oder Scheckkartenübergabe fehlt. Die Verschuldungsquote pro Nase und Bundesland findest du hier: http://www.brandeins.de/online-extras/hintergrund/pro-kopf-verschuldung-der-bundeslaender.html
    2. Sie kritisieren, dass der Spiegel “hätte wäre wenn”-Journalismus betreibe. Ihr Artikel für sich vollends ad absurdum, wenn Sie gegen Mitte des Textes selbst mit “hätte wäre wenn” anfangen.

    • Hallo Martin,

      1.) Wir können natürlich hier auch über personalisierte Werbung diskutieren. Aber da muß jeder seine individuelle Entscheidung treffen, ob er die haben möchte oder nicht. Ob jemand auf Werbung reagiert oder nicht: Das muß jeder für sich selbst entscheiden. Am Ende des Tages ist jeder für seinen Einkäufe selbst verantwortlich. Da kann man der Werbung nichts vorwerfen. Aber darüber sollte man an anderer Stelle diskutieren.

      2.) Das sehe ich nicht so. Ich glaube mein Punkt kommt gut raus: Der Spiegel malt den Teufel an die Wand, ohne dem Leser einen wirklichen Nutzen mit auf dem Weg zu geben. Ich habe versucht einen Lösungsansatz mit auf den Weg zu geben (dass das Internet den Lesern besser erklärt werden muß etc.).

  25. Was ist denn so verwerflich an “Hätte-, Wenn- und Aber-Journalismus”? Schließlich nützt uns die Beschreibung von Ist-Zuständen nur wenig, wenn man daraus keine Konsequenzen zieht; und da ist es nicht nur legitim, sondern unabdinglich, mögliche Entwicklungen aufzuzeigen. Ich halte die Aussage von Herrn Schaar, es sei schon alles ok, weil das Geschäftsmodell von Goggle, Facebook & Co auf dem Vertrauen der Nutzer basiert, für gefährlich naiv – die Weltgeschichte lehrt uns doch, wie oft das Vertrauen desinformierter Massen ausgenutzt wurde und welch bittere Konsequenzen das meist hatte.

    • Sikki, aber der Spiegel hat genau diese Lösungsansätze nicht geboten. Das ist ja das Problem. Wer kaum Ahnung vom Netz hat, dem wird ein völlig falsches Bild vermittelt.

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