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Wie der “Bundesverband der im Haushalt helfenden Männer” die faule Presse narrte!



Das ist nicht nur für den Nachwuchs ein Lehrstück – sondern auch für die alten Hasen, die schon seit 30 Jahren im Geschäft sind! Mit der Forderung nach der vollen steuerlichen Absetzbarkeit von Männerarbeit im Haushalt und der Studie, dass Männer die im Haushalt helfen den besseren Sex haben, hat es der “Bundesverband der im Haushalt helfenden Männer” kreuz und quer in die Presselandschaft geschafft. Das Problem: Diesen Verband gibt es gar nicht. Zwei Journalisten haben eine Webseite veröffentlicht um zu sehen, ob wilde Thesen von den Kollegen hinterfragt werden. Die Antwort fällt ernüchternd aus.

Wir haben in unserem Podcast 230 mit Dirk Emig gesprochen. Er ist Nachrichtenredakteur bei HR Info vom Hessischen Rundfunk und einer der Erfinder des Bundesverbandes der im Haushalt helfenden Männer. Hier eine Abschrift des Interviews.

Dennis Horn: Wie weit hat es Ihre Geschichte denn in die Medien geschafft?

Dirk Emig: Wir waren überrascht – wir kamen für unsere Verhältnisse sehr weit und ganz oben an. Wenn Sie weit definieren, haben wir es bis zu Bärbel Schäfer oder es zu 25 Beiträgen in Zeitungen geschafft. Und wenn Sie es ganz weit definieren, dann gibt es bis zum heutigen Tag noch Interviewanfragen zum Vatertag, Muttertag, Weihnachten oder Ostern. Wir sind also ganz schön weit gekommen.

Daniel Fiene: Ich glaube die Geschichte geht auch fast schon zehn Jahre zurück. Mit welchen Mitteln und Wegen haben Sie versucht die Geschichte in der Presse unterzubringen?

Dirk Emig: Wir haben uns im Frühdienst gelangweilt. Ich war damals CvD in den Nachrichten und da haben wir gedacht, dass doch jeder, der etwas skurriles, schräges tut, ohne Probleme in die Nachrichten zu kommen. Mein Kollege Frank Borrmann war damals mit mir im Frühdienst und sagte “Top, die Wette gilt! Lass es uns auch versuchen!” Da haben wir überlegt: Wie kommt man weit in diesem Land? Konflikt Männer – Frauen, dazu ein bisschen Sex und dazu etwas skurriles. Der Kollege kennt und kannte sich sehr gut mit dem Internet aus. Er hat gleich die Domain www.bdhm.de.vu sich registrieren lassen und die Seite war im Frühdienst innerhalb von einer Stunde fertig. Unsere erste Grundforderung, revolutionär für dieses Land, war: Hausarbeit von Männern sollte voll steuerlich absetzbar sein – finden Sie das nicht gut?

Daniel Fiene: Das ist super. Mir gefällt auch “Haushaltsputz statt Muckibude”…

Dirk Emig: Wir haben Thesen aufgestellt, zu denen ich sagen muß: Es war alles gelogen. Wir haben die These aufgestellt, dass Männer, die im Haushalt helfen, besseren Sex haben. Dazu hatten wir eine italienische Studie. Dann haben wir gesagt, dass Männer filigraner sind und so besser bügeln können. Sie werden es nicht glauben: Innerhalb von vier Wochen gab es eine kleine Notiz im SAT.1 Videotext. Das Ding war ein kompletter Selbstläufer. Niemals wurde die Frage gestellt: Lügt ihr eigentlich? Stimmt das eigentlich? Wir wurden wirklich durchgereicht. Ich erinnere mich an eine Szene, als ich CvD war. Ich wurde in der Redaktion angerufen, wir hatten unsere Telefonnummer angegeben, ich habe gesagt, ich verbinde mit unserem Vize-Präsidenten, dass war gerade der Nachrichtensprecher, der in zehn Minuten Nachrichten sprechen mußte. Ich habe ins Studio verbunden und er sagte dem Gesprächspartner, er habe großen Termindruck aber er habe jetzt die Möglichkeit fünf Minuten zu sprechen. Dann hat er das Interview gegeben, aufgelegt und die Nachrichten gesprochen. Das war unsere Realität. Es ging wirklich rund.

Dennis Horn: Herr Emig, heute hat man aber keine Langeweile im Frühdienst mehr. Oder?

Dirk Emig: Ich muß sagen, es ist heute etwas schärfer geworden. Das liegt ja auch schon ein paar Tage zurück und wir haben das ja auch nicht jeden Tag gemacht, aber was wir eigentlich beweisen wollten, war, dass man mit einer skurrilen Geschichte, angereichert mit dem Konflikt Mann-Frau, ein bisschen Sex dazu, ein paar krude Thesen, wirklich einen Selbstläufer produzieren kann. Wir haben das dann ein halbes Jahr durchgespielt. Wir sind wirklich bei Bärbel Schäfer in der Nachmittagstalkshow geendet. Wir haben den Internet-Raab-der-Woche gewonnen. Wir waren bei wirklich vielen Gelegenheiten dabei. Ich war bei RTL in der Frühsendung und konnte meine Thesen eine nach der anderen vortragen. Die Moderatorin ist nie auf die Idee gekommen, ob ich überhaupt Quatsch erzähle.

Dennis Horn: Wo sind denn da die öffentlich-rechtlichen Sender?

Dirk Emig: Ich würde jetzt ganz viele Namen nennen können, aber ich sage mal so: Es gab eine große Gemeinsamkeit zwischen den Öffentlich-Rechtlichen und den Privaten. Erstens bei der Frage nach der Recherchequalität und zweitens bei der Frage, was man vielleicht als gesunden Menschenverstand bezeichnet. Leute, fragt doch mal nach und glaubt nicht jeden Quatsch, den man euch aufs Auge drückt. Die Kuriosität war wirklich, dass wir nie gefragt wurden. Ich stand da morgens bei dem Sender mit den großen Buchstaben, der mit R am Anfang, da dachte ich nur, dass ich jeden Quatsch erzählen kann. Die Moderatorin nickte nur.

Daniel Fiene: Als Sie dann bei dem Sender standen, der mit TL endete, haben Sie dann in dem Moment gedacht – “Meine Güte, jetzt ist mein Glauben in die Medien total erschüttert”?

Dirk Emig: Nein, ich dachte es macht mir Spaß! Dann habe ich aber gedacht, dass wir jetzt aufhören müssen. Es gab dann den Punkt nach einem halben Jahr, dass die Leute unsere Seite sehr ernst genommen hatten. Die wollten Bügelkurse belegen und haben ernsthaft im Forum diskutiert, wie man Hausarbeit von Männern steuerlich absetzen kann. Frauen haben gesagt, dass es ja nicht sein kann, dass dies Männer fordern. Es entbrannten Diskussionen, die auf die Spitze getrieben wurden. Bei 4.000 Diskussionsbeiträgen haben wir uns überlegt, einen Rückzieher zu machen. Wir haben bis zum heutigen Tag nicht gesagt , dass wir einen Fake in die Welt gesetzt haben. Wir haben nur gesagt, dass wir aufgrund des hohen Andrangs die Seite vom Netz nehmen müssen. Man kann aber heute noch gucken, was aus dem Relikt geworden ist. Schön ist nur: Vor vier Wochen rief ein bekannter Talkshowmoderator an und sagte, er hätte zufällig unsere Seite gesehen und ob wir nicht in seine Talkshow kommen könnten. Klammer auf, Klammer zu: Öffentlich-Rechtlich.

Dennis Horn: Sie müßten doch jetzt ein gefragter Mann unter PR-Leuten sein – klingeln da nicht die Dollarzeichen in Ihren Augen?

Dirk Emig: Oh wie schön wäre es gewesen, wenn wir mit dieser wunderbaren Sache ein Geschäft gemacht hätten. WIr hätten sagen können, Leute so gehts und wir geben euch Tipps, wie so was funktioniert. Wir haben keinen Cent verdient, haben aber auch keinen Cent drauf gelegt. Eins haben wir gewonnen: Viel, viel Spaß und die Erkenntnis, liebe Leute, prüft die Dinge, die euch da erzählt werden und schaltet euer Gehirn nicht aus und fragt einfach die Fragen, die nahe liegen.

Daniel Fiene: Wir wollen aus dieser Geschichte auf jeden Fall etwas lernen – vielleicht noch mal etwas vertieft. Wie entgehe ich als Journalist so einer Falle?

Dirk Emig: Ein Paradebeispiel war für mich gewesen, als eine Moderatorin nach den Mitgliederzahlen fragte. Dann sagte ich ganz trocken: Innerhalb von kurzer Zeit haben wir uns um 100% gesteigert. Von 1 auf 2. Soviel zu einer Prozentzahl und ihrer Nachhaltigkeit. Wenn Sie als Journalist anfangen Geschichten zu recherchieren, dann gehe ich mittlerweile von dem Motto aus “glaube nichts und halte alles für möglich”. Wobei ich empfehle da vor allem bei Teil eins zu bleiben. Bei unseren italienischen Studien hat kein Mensch gefragt “Wer?” “Wo?” oder “Was?” – niemand. Alle waren tief beeindruckt. Und wir haben so viele schöne italienische Studien gehabt. Aber, wir sind ja ganz seriöse Leute. Leute, lasst die Finge davon. Irritiert nicht die Welt. Bleibt anständig. Fragt nach.

Tipp: Uns gibt es auch als RSS-Feed in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Hier gibt es unsere Texte aus dem Blog und hier gibt es unseren wöchentlichen Podcast.

Comments (14)

  1. Pingback: Folge 230 — Was mit Medien

  2. Pingback: Naive Journalisten - Beim Thema Sex wird nicht lange hinterfragt » Von Richard Schnabl » Beitrag » Redaktionsblog

  3. Ach was, diese “Enthüllung” ist doch auch völlig frei erfunden. Sowas gibt’s doch gar nicht.

  4. Pingback: Hachja | Tante Jays Café

  5. Dieser “Nachrichtenredakteur bei hr-iNFO” sagt da etwas sehr Zeitloses, was man nicht nur auf die Medien beziehen sollte: “[…] liebe Leute, prüft die Dinge, die euch da erzählt werden und schaltet euer Gehirn nicht aus und fragt einfach die Fragen, die nahe liegen.”

  6. Na, so neu ist das ja nicht: Da gab es ja mal einen Chefredakteur der Zeitschrift “Kot + Köter – Die Zeitschrift für den Deutschen Hundesfeind” und der tingelte sechs, sieben Jahre durch die Talkshows, obwohl diese Zeitschrift die ganzen Jahre (bis auf ein selbst gebasteltes Titelbild) gar nicht gab.

  7. Pingback: Glanzlichter 40 « … Kaffee bei mir?

  8. Ich glaube, dass da entweder der Verfasser selbst ein wenig genarrt wurde oder er versucht uns ein wenig zu narren.

  9. Damit wäre mal wieder eine Aussage über Sinn und Wert von Talkshows und ihrer “Moderatoren” getroffen, auch der Öffentlich-Rechtlichen.
    Aber wir zahlen ja alle brav dafür, oder nicht?

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