Warum taz.de flattr nutzt – ein Interview mit Matthias Urbach

In dieser Woche gab es hier im Blog eine interessante Diskussion über das Social-Mikropayment-System Flattr und was passieren würde, wenn Spiegel Online das System integrieren würde. Zugegen, eine hypothetische Diskussion, aber interessanterweise hat taz.de jetzt den Button integriert. In der aktuellen Was mit Medien-Sendung haben wir deswegen mit Matthias Urbach gesprochen. Der taz.de-Leiter hat uns über die Beweggründung der Flattr-Integration berichtet. Da das sicherlich auch für die Diskussion hier im Bloginteressant ist, habe ich das Interview aus der letzten Sendung transkribiert.

Matthias Urbach, warum soll ich Ihnen denn noch zusätzlich Geld zahlen?

Zusätzlich ist gut – erst einmal ist es so, dass wir bei taz.de draufzahlen. Es geht erst einmal darum, dass wir die Aufwendungen von taz.de tragen können. Es ist ja nicht so, dass man online mit journalistischen Produkten reich wird. Das wissen Sie ja selbst wahrscheinlich auch.

Flattr ist zurzeit noch im Beta-Test. Es ist überhaupt noch nichts darüber bekannt, ob das System überhaupt rund läuft und ob das wie erwartet funktioniert. Warum glauben Sie, Flattr funktioniert für Sie?

Beim Beta-Test geht es ja darum, ob das System technisch funktioniert – ob das aber von den Lesern angenommen wird, das ist eine ganz andere Frage. Wir können keinen Einfluss auf die Technik nehmen, aber schon darauf, ob Flattr angenommen wird – ob es sich verbreitet oder gar abheben wird. Ich glaube dass die taz in diesen Bereichen einen großen Resonanzboden hat. Wir können eine Menge Leute erreichen, die wir motivieren können an Flattr teilzunehmen. Ich glaube, das ist eine sehr schöne Sache. Nicht nur für die taz, sondern vor allem auch für Blogger oder freie Kulturschaffende, die damit ihren Content irgendwie finanziert bekommen können.

War die Einführung bei Ihnen in der Redaktion unstrittig?

Ja. Das ging überraschend glatt. Wir haben ja schon Erfahrung mit Modellen, die auf freiwilliger Zahlung basieren. Bis 2006, zu Zeiten als wir unsere Printausgabe 1-zu-1 online gestellt haben, haben wir unter jede Seite geschrieben „Was ist Ihnen der Internetauftritt der taz wert?“. Damit haben wir die Leute aufgefordert, mit einer Geldüberweisung Geld zu spenden. Da haben eine Menge Leser etwas überwiesen. Das hat funktioniert. Jetzt hatten wir vor kurzem ein kleines Projekt innerhalb der taz, bei dem die jungen Leute die taz übernommen haben. Die haben noch mal für eine Woche Spenden gesammelt. Da kamen dann 1.800 Euro zusammen. Das war ja kurzfristig und ohne Werbedruck, deswegen fanden wir das Ergebnis ganz beachtlich.

Die Frage, was passiert wenn ein großes Portal oder eine große journalistische Seite auf Flattr setzt, haben wir im privaten Blog diskutieren lassen. Da haben viele Leute teilgenommen. Bei der Diskussion ging es aber beispielhaft um Spiegel Online. Der Tenor war: „Da würde ich nicht auf die Buttons drücken, weil der Autor nicht profitiert.“ Wie ist das denn bei Ihnen? Profitieren die Autoren oder geht das Geld komplett an die taz?

Wir sind ja auch in der Beta-Phase, wenn man so will. Wir müssen mal gucken wie das läuft. Erst einmal wird das Geld an die Zeitung gehen. Wir, als Autoren oder Redakteure, sind ja auch zumeist fest angestellt oder arbeiten nach fest vereinbarten Honoraren – und die fließen unabhängig davon, ob und wie oft der Text geklickt wird, oder ob und wie oft er geflattrt wird. Ich glaube da hätte zurzeit niemand ein Interesse daran, seine Bezahlung an den Flattr-Klicks bemessen zu lassen. Eine andere Sache ist das bei den Bloggern, die im Taz-Blog unterwegs sind. Da haben wir schon die Vorstellung, dass wir es den Bloggern bei uns ermöglichen, ihre Beiträge über ihren Account flattrn zu lassen.

Bleiben wir doch einmal kurz dabei, was passiert, wenn große Seiten bei Flattr mitmachen. Können Sie sich vorstellen, dass das eine Inflation der Klick-Währung zur Folge haben könnte, oder wird dann eher eine große Aufmerksamkeit auf das Projekt gelenkt, damit dann auch noch mehr Teilnehmer sich anmelden. Welcher Effekt ist da größer?

Die Klick-Inflation ist eine der großen Fragen. Ich bin auch gespannt, was ein Klick auf taz.de wert sein wird. Es ist möglich, dass die am Ende relativ wertlos sein werden. Ich denke andersherum, dass unsere Integration erst einmal eine Menge Publicity ist und dass wir Flattr helfen, das System zum Leben zu erwecken. Das ist aber auch schon etwas sehr taz-spezifisches. Ich kann mir nicht vorstellen, dass große Verlagshäuser so gerne auf diese Art von Bezahlung umsteigen. Denen wir es a) wichtig sein, den Vertrieb stärker selbst zu kontrollieren und b) glaube ich schon, dass die in der Regel einen bestimmten Preis erzielen wollen. Der Spiegel, der ja auch als App auf dem iPhone zu haben ist, hat einen Verkaufspreis, der sich am Printpreis orientiert. Es gibt, glaube ich, nur einen Nachlass von 5 bis 10 Prozent. Das ist ja eigentlich lächerlich, wenn man sich überlegt, wie unterschiedlich die Vertriebskosten auf der Online-Schiene sind. Das hat also etwas damit zu tun, dass sie eine feste Vorstellung haben, was sie erlösen wollen.  Ich glaube, die taz hat eine andere Kultur. Wir wollen vor allem publizieren. Wir wollen unseren Blick auf die Welt unter die Leute bringen und mehr Informationen geben. Dann ist die Frage zweitrangig, wie wir das finanzieren. Da haben wir schon immer andere Wege gewählt als die Konkurrenz. Wir haben immer mehr auf die Solidarität des Publikums gesetzt als auf eine harte Vertriebswährung.

Sie haben 2006, nach über 10 Jahren taz.de, überhaupt erst Werbung auf ihrer Webseite eingeführt  – offenbar also recht widerwillig. Wenn Sie das Geld mit den Flattr-Buttons verdienen – fahren Sie die Online-Werbung dann wieder zurück?

Auch das ist total Zukunftsmusik. Wenn Flattr irgendwann mal auf einem Niveau ankommen würde, dass man damit den Online-Auftritt tragen könnte, dann würde man auch darüber nachdenken, ob man vielleicht das mit der Werbung etwas ruhiger angeht. Momenten muß man da aber eher auf verschiedenen Wegen rangehen und verschiedene Ansätze wählen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ein Erlösmodell das ganze nicht trägt. Natürlich sind wir daran interessiert nicht zu abhängig von Werbung zu werden. Wir sehen ja bei der aktuellen Zeitungskrise, worauf das hinausläuft, wenn man überwiegend von Werbung abhängig ist. Wir sind überwiegend von unseren Lesern abhängig und das ist eine Abhängigkeit, die mir viel besser gefällt. Und natürlich will ich auch online gerne von meinen Lesern abhängig sein – und nicht von Werbungtreibenden.

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